{"id":8881,"date":"2012-12-26T08:27:29","date_gmt":"2012-12-26T06:27:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8881"},"modified":"2012-12-26T08:38:47","modified_gmt":"2012-12-26T06:38:47","slug":"kindermangel-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8881","title":{"rendered":"Kindermangel in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kindermangel in Deutschland &#8211; warum das \u201etraditionelle&#8220; Familienbild nicht schuld ist<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entscheidung f\u00fcr Kinder sei in Deutschland \u201eso unattraktiv wie nie&#8220;, woran das noch immer viel zu \u201etraditionelle M\u00fctter- und Familienleitbild&#8220; in Westdeutschland schuld sei. Dies behaupten Print- und Onlinemedien unter Berufung auf eine Studie des Bundesinstituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung, die angeblich \u201eerstmals&#8220; die \u201eGef\u00fchlslage der Deutschen bei der Frage nach dem dauerhaften Geburtenr\u00fcckgang&#8220; ber\u00fccksichtige. Ein zentrales Hemmnis der Familiengr\u00fcndung sei die Auffassung, dass Frauen zuhause bei den Kindern bleiben sollten. Das \u201ekulturelle Leitbild der guten Mutter&#8220; sei ein zentraler Grund f\u00fcr die im \u201eglobalen Vergleich&#8220; einzigartig hohe Kinderlosigkeit und so daf\u00fcr verantwortlich, dass Deutschland zu den \u201eSchlusslichtern&#8220; bei den Geburten geh\u00f6re (1).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die politische Botschaft ist unmissverst\u00e4ndlich: Mehr Kinder gibt es nur, wenn sich die Deutschen von ihren hergebrachten Familienidealen und Lebensformen verabschieden. Daf\u00fcr gelten nicht nur Betreuungsangebote und finanzielle \u201eAnreize&#8220; als notwendig, sondern auch eine gezielte Politik der \u201ehabit formation&#8220;. Zu dieser Strategie geh\u00f6rt die Legende von der Rabenmutter: Den Begriff verwenden schon lange nur noch diejenigen, die den Deutschen einreden wollen, dass ihr Familienbild im europ\u00e4ischen Vergleich besonders \u201etraditionell&#8220; und also \u201er\u00fcckst\u00e4ndig&#8220; sei (2). Empirische Erhebungen zeigen indes ein differenzierteres Bild: Die Westdeutschen beurteilen demnach die Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern mit kleinen Kindern skeptischer als Skandinavier und vielleicht auch Franzosen, unterscheiden sich in dieser Hinsicht aber kaum von Briten oder Niederl\u00e4ndern. Besonders kritisch sind die Einsch\u00e4tzungen, wenn nach einer Vollzeiterwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern gefragt wird &#8211; selbst in D\u00e4nemark und Schweden pr\u00e4ferieren die meisten Befragten eine Teilzeiterwerbst\u00e4tigkeit. Diese Teilzeitpr\u00e4ferenz zeigen sogar die Ostdeutschen, die von allen Europ\u00e4ern &#8211; abgesehen von den D\u00e4nen &#8211; am wenigsten an der Vereinbarkeit der Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern mit der Erziehung kleiner Kinder zweifeln (3). Fast nirgendwo sonst in Europa ist die Ganztagsbetreuung von Kindern so verbreitet wie in Ostdeutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist ein Erbe der DDR, die ein umfassendes Ganztagssystem aufgebaut hatte. Nach der \u201eWende&#8220; wurde dieses System p\u00e4dagogisch neu ausgerichtet, blieb in seiner Struktur aber weitgehend erhalten. Inwiefern ein \u201emodernes&#8220; Familienleitbild die Fertilit\u00e4t f\u00f6rdert, l\u00e4sst sich damit am innerdeutschen Vergleich \u00fcberpr\u00fcfen: In Ostdeutschland bleiben Frauen deutlich seltener als in Westdeutschland kinderlos. Trotzdem sind die durchschnittlichen Kinderzahlen \u00e4hnlich niedrig wie in Westdeutschland. Der Grund daf\u00fcr ist, dass ostdeutsche Frauen nur selten drei und mehr Kinder haben (4). Solche Mehrkinderfamilien spielen f\u00fcr das Geburtenniveau eine Schl\u00fcsselrolle, wie der internationale Vergleich zeigt: Auch in Gro\u00dfbritannien, den Niederlanden und den USA liegen die Anteile kinderloser Frauen deutlich h\u00f6her als in Ostdeutschland (5). Trotzdem sind die Geburtenraten wesentlich h\u00f6her als in Ost- sowie in Westdeutschland, weil Eltern sich h\u00e4ufiger f\u00fcr dritte und weitere Kinder entscheiden (6). Der gr\u00f6\u00dfere Anteil von Mehrkinderfamilien erkl\u00e4rt auch zu einem wesentlichen Teil, mehr noch als die etwas niedrigere Kinderlosigkeit, die h\u00f6heren Geburtenraten in Frankreich und Nordeuropa (7). Und \u00fcberall gilt, dass \u201etraditionelles Familienleitbild&#8220; und Mehrkinderfamilie zusammen gehen: Mit der Kinderzahl geht die Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern &#8211; vor allem in Vollzeit &#8211; zur\u00fcck. Die lebenspraktischen Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind dem normalen Menschenverstand einsichtig &#8211; die Erziehung mehrerer Kinder ist kein Feierabendvergn\u00fcgen, sondern Arbeit. F\u00fcrsprecher des neuen Leitbilds h\u00e4lt dies indes nicht davon ab, selbst von kinderreichen M\u00fcttern Vollzeiterwerbst\u00e4tigkeit zu fordern. Eltern f\u00fcr diese im Vergleich zu Kinderlosen doppelte Belastung materiell\u00a0 zu entsch\u00e4digen ist nicht vorgesehen &#8211; Geldtransfers und Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung auszubauen gilt als obsolet (8). Eltern sollen ihrer Kinder nicht mehr selbst erziehen &#8211; das macht der Staat &#8211; aber mehr noch als bisher f\u00fcr deren Kosten aufkommen. Dass eine solche \u201eModernisierung&#8220; Elternschaft attraktiver machen soll, l\u00e4sst sich in der Tat bezweifeln. Eher sind noch weniger Kinder zu erwarten. Die Argumentation in den einschl\u00e4gigen Medien ist jedenfalls logisch nicht nachvollziehbar, ja geradezu widersinnig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1)\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/sinkende-geburtenzahlen-eltern-werden-so-unattraktiv-wie-nie-1.1552335\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/sinkende-geburtenzahlen-eltern-werden-so-unattraktiv-wie-nie-1.1552335<\/a>. Der Artikel bezieht sich auf die folgende Studie: Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung (Hrsg.): (K)eine Lust auf Kinder? Geburtenentwicklung in Deutschland, Wiesbaden 2012. In dieser Studie sind nirgends Zahlen zur Kinderlosigkeit im internationalen Vergleich zu finden. Die Autoren behaupten lediglich, dass die Kinderlosigkeit in Deutschland \u201eau\u00dferordentlich&#8220; (Ebd., S. 52) hoch sei. Was dies bedeuten soll, bleibt undefiniert. Den damit er\u00f6ffneten Spielraum f\u00fcr Spekulationen nutzte die S\u00fcddeutsche Zeitung, um die Studie als Beleg f\u00fcr ihre familienpolitische Weltsicht zu nutzen. Auf die in der Studie pr\u00e4sentierten harten Fakten kann sich diese Sicht indes nicht st\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2)\u00a0\u00a0 Siehe hierzu: <a href=\"http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/458-0-Wochen-14-15-2012.html\">http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/458-0-Wochen-14-15-2012.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3)\u00a0\u00a0 Siehe hierzu: <a href=\"http:\/\/www.erziehungstrends.de\/Familie\/Ostdeutschland\">http:\/\/www.erziehungstrends.de\/Familie\/Ostdeutschland<\/a>. Diese Darstellung bezieht sich auf eine Auswertung des Eurobarometers 2006 von Angelika Scheuer und J\u00f6rg Dittmann (Berufst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern bleibt kontrovers. Einstellungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland und Europa, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38, Juli 2007). Sie wird durch die neue Studie des BIB nicht widerlegt, sondern best\u00e4tigt. Von den dort aus dem World Survey 2008 ausgew\u00e4hlten acht europ\u00e4ischen L\u00e4ndern bewerten die Ostdeutschen die Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern mit kleinen Kindern am seltensten kritisch. Vgl.: Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung (Hrsg.): (K)eine Lust auf Kinder? a.a.O., S. 42.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4)\u00a0\u00a0 Siehe: \u201eKinderzahlen in Ost- und Westdeutschland&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5)\u00a0\u00a0 Zur Kinderlosigkeit im europ\u00e4ischen Vergleich: Bert R\u00fcrup\/Sandra Gruescu: Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bev\u00f6lkerungsentwicklung, Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2003, S. 13 (Tabelle 3). Zu den USA siehe weiter unten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6)\u00a0\u00a0 Siehe: \u201eKinderzahlen in Deutschland und den USA&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7)\u00a0\u00a0 Vgl.: Hans Bertram et al.: Zeit, Infrastruktur und Geld: Familienpolitik als Zukunftspolitik, S. 6-15, in: Aus Politik und Zeitgeschichte &#8211; 23-24\/2005, S. 7. Bertram bezieht sich hier speziell auf Frankreich und Finnland. Es ist evident, dass auch f\u00fcr das Geburtenniveau in Schweden und anderen nordischen L\u00e4nder dritte und weitere Geburten eine zentrale Rolle spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8)\u00a0\u00a0 Detaillierter hierzu: <a href=\"http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/461-0-Wochen-16-17-2012.html\">http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/461-0-Wochen-16-17-2012.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: IDAF Nachricht der Wochen 50-52 \/ 2012<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?attachment_id=8887\" rel=\"attachment wp-att-8887\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-8887\" title=\"Kindermangel in Deutschland Grafik II\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Kindermangel-in-Deutschland-Grafik-II-300x232.jpg\" alt=\"\" width=\"527\" height=\"389\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?attachment_id=8883\" rel=\"attachment wp-att-8883\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-8883\" title=\"Kindermangel in Deutschland Grafik I\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Kindermangel-in-Deutschland-Grafik-I-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"526\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Kindermangel-in-Deutschland-Grafik-I-300x226.jpg 300w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Kindermangel-in-Deutschland-Grafik-I.jpg 834w\" sizes=\"(max-width: 526px) 100vw, 526px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kindermangel in Deutschland &#8211; warum das \u201etraditionelle&#8220; Familienbild nicht schuld ist Die Entscheidung f\u00fcr Kinder sei in Deutschland \u201eso unattraktiv wie nie&#8220;, woran das noch immer viel zu \u201etraditionelle M\u00fctter- und Familienleitbild&#8220; in Westdeutschland schuld sei. Dies behaupten Print- und Onlinemedien unter Berufung auf eine Studie des Bundesinstituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung, die angeblich \u201eerstmals&#8220; die \u201eGef\u00fchlslage [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[16,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8881"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8881"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8881\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8889,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8881\/revisions\/8889"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8881"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8881"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8881"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}