{"id":8826,"date":"2012-12-17T13:55:12","date_gmt":"2012-12-17T11:55:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8826"},"modified":"2012-12-17T13:57:44","modified_gmt":"2012-12-17T11:57:44","slug":"scharia-gerichte-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8826","title":{"rendered":"Scharia-Gerichte in Deutschland?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Antrittsvorlesung von Christine Schirrmacher an der Universit\u00e4t Bonn<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Bonn, 17.12.2012) Kommt die islamische Rechtsordnung Scharia auch in Deutschland zur Anwendung? Im Einzelfall ja, erkl\u00e4rte die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher bei ihrer \u00f6ffentlichen Antrittsvorlesung an der Universit\u00e4t Bonn. Schirrmacher nannte als Beispiel den Fall einer Witwe aus M\u00fcnchen, die hinnehmen musste, dass die im Iran lebende Familie ihres verstorbenen Mannes drei Viertel seines Erbes zugesprochen wurde, obwohl in seinem Testament die Ehefrau als Alleinerbin bestimmt worden war. \u201eEs w\u00e4re eine grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegung, ob es der Schaffung eines einheitlichen Rechtsbewusstseins dienlich ist, wenn auch nach 20-, 30-j\u00e4hrigem oder l\u00e4ngerem Aufenthalt in Deutschland ausl\u00e4ndisches Zivilrecht zum Tragen kommt oder ob hier nicht die Anwendung inl\u00e4ndischen Rechts integrationsf\u00f6rdernder w\u00e4re\u201c, erkl\u00e4rte die Islamwissenschaftlerin. Anders als beispielsweise in Gro\u00dfbritannien seien Scharia-Gerichtsh\u00f6fe in Deutschland jedoch nicht existent.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Gro\u00dfbritannien h\u00e4tten 1996 Scharia-Gerichte mit staatlicher Erlaubnis den Betrieb aufgenommen. Sie w\u00fcrden unter anderem \u00fcber Scheidungen und F\u00e4lle von h\u00e4uslicher Gewalt entscheiden. \u201eDas sind inoffizielle, gerichtlich nicht anerkannte Tribunale, denen sich die Beteiligten freiwillig stellen\u201c, so Schirrmacher. Je nach Sch\u00e4tzung w\u00fcrden mehrere Hundert bis mehrere Tausend F\u00e4lle auf diese Weise entschieden. Vor allem beim Scheidungsrecht s\u00e4hen Frauen durch die Scharia-Gerichte eine M\u00f6glichkeit, Druck auf ihre Ehem\u00e4nner auszu\u00fcben: \u201eWilligt der Mann nicht in die Scheidung ein, kann ihn der Schariarichter dazu auffordern, seine Frau nach islamischer Tradition zu versto\u00dfen.\u201c Das bedeute aber nicht, dass die Scharia-Gerichte f\u00fcr Frauen generell von Vorteil w\u00e4ren: \u201eK\u00f6rperliche \u201aZ\u00fcchtigung\u2018 der Ehefrau durch den Ehemann ist kein Grund f\u00fcr eine Scheidung, daher wird das Gericht dem Scheidungswunsch der Frau meist nur entsprechen, wenn es wirklich um Misshandlung geht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rechtsauffassung der inoffiziell t\u00e4tigen Friedensrichter gehe oftmals nicht nur an der des deutschen Staates vorbei, sondern stehe auch in direktem Gegensatz zu dessen Rechtsauffassung. \u201eDie Anzeige einer Straftat bei der Polizei gilt in manchen Migrantenkreisen als Zeichen der Schw\u00e4che\u201c, sagte Schirrmacher, \u201eein Opfer, das eine Tat nicht s\u00fchnt, gilt nicht als friedfertig, sondern als Schw\u00e4chling und wird verachtet\u201c. Einige der Friedensrichter w\u00fcrden sich weniger auf die islamische Rechtsordnung, als vielmehr \u201enah\u00f6stliches Gewohnheitsrecht\u201c berufen. \u201eIn jedem Fall wird das Gewaltmonopol des Staates unterlaufen, noch dazu von Friedensrichtern, die zuweilen ganz eigene Interessen im Drogen- oder Rotlichtmilieu haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher f\u00fchrte aus, warum diese \u201eextra-legale Rechtsprechung\u201c von den Beh\u00f6rden geduldet wird: \u201eViele Richter und Staatsanw\u00e4lte haben eine sehr hohe Arbeitsbelastung. Wenn Zeugen ganz pl\u00f6tzlich ihre Aussagen \u00e4ndern oder ihr Ged\u00e4chtnis verlieren, dann gehen sie dem nicht immer nach.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Grund f\u00fcr den Erfolg von Friedensrichtern in Deutschland sei mangelnde Integration und ein geringes Vertrauen in die deutsche Justiz. Allerdings d\u00fcrfe nicht vergessen werden, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland aus der T\u00fcrkei stamme \u2013 und damit aus einem Land, das die Scharia abgeschafft hat. Verl\u00e4ssliche Zahlen \u00fcber Scharia-Verfahren in Deutschland seien kaum zu bekommen. Der Integrationsbeauftragte von Berlin-Neuk\u00f6lln geht aber davon aus, dass in seinem Stadtteil 10 bis 15 Prozent der Muslime Streitigkeiten durch Friedensrichter beilegen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Islamwissenschaftlerin w\u00fcnscht sich weitere Forschungsarbeiten zu diesem Thema. Dazu will Schirrmacher selbst beitragen: Der Vortrag \u00fcber Scharia-Gerichte in Deutschland war ihre \u00f6ffentliche Antrittsvorlesung zum Abschluss ihres Habilitationsverfahrens an der Philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bonn. Schirrmacher lehrt seit 2012 am Institut f\u00fcr Orient- und Asienwissenschaften der Universit\u00e4t und ist dar\u00fcber hinaus wissenschaftliche Leiterin des Instituts f\u00fcr Islamfragen der Evangelischen Allianz in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz. Sie ist Sprecherin und Beraterin der Weltweiten Evangelischen Allianz f\u00fcr Islamfragen und Professorin f\u00fcr Islamische Studien an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t in Leuven (Belgien). Sie ist mit dem Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher verheiratet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bonner Querschnitte Nr. 234; 40\/2012<br \/>\nQuelle: pro \u2013 Christliches Medienmagazin<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antrittsvorlesung von Christine Schirrmacher an der Universit\u00e4t Bonn (Bonn, 17.12.2012) Kommt die islamische Rechtsordnung Scharia auch in Deutschland zur Anwendung? 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