{"id":873,"date":"2007-11-15T15:27:28","date_gmt":"2007-11-15T13:27:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=873"},"modified":"2009-09-04T09:29:11","modified_gmt":"2009-09-04T07:29:11","slug":"873","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=873","title":{"rendered":"Predigt zum Reformationsgedenken am 31. Oktober 2007"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Predigt zum Reformationsgedenken am 31. Oktober 2007<br \/>\nin der Petruskirche Kiel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>R\u00f6mer 1,16: \u201eIch sch\u00e4me mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil f\u00fcr jeden, der (an ihn) glaubt.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer wahre Schatz der Kirche ist das hochheilige Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes\u201c \u2013 das ist die 62. jener 95 Thesen, die Martin Luther heute vor 490 Jahren an die T\u00fcr der Schlo\u00dfkirche zu Wittenberg angeschlagen hat. Er wollte damit zu einer Diskussion mit Kollegen und Studenten seiner Universit\u00e4t aufforderten. Aber daraus wurde nichts, weil einfach niemand kam. Statt dessen aber liefen Drucke dieser Thesen in Windeseile durch ganz Deutschland, und daraus wurde der Anfang der Reformation, das hei\u00dft der Erneuerung der Kirche von Grund auf, und zwar durch eben die Kraft Gottes im Evangelium von Jesus Christus, mit dem der Apostel Paulus ebenso thesenartig seinen Brief an die Christen in Rom beginnt. \u201eIch sch\u00e4me mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil f\u00fcr jeden, der an Jesus Christus glaubt\u201c.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist eine Erneuerung unserer Kirche an Haupt und Gliedern wieder einmal dringend notwendig \u2013 und zwar eine Erneuerung, die noch tiefer greifende Probleme anzugreifen und zu l\u00f6sen hat als die, mit denen Luther zu ringen hatte. Es geht, kurz gesagt, darum, da\u00df das Denken und Wollen unserer modernen Welt seit langem gott-los geworden ist; und da\u00df auch die Zahl derjenigen Christen mehr und mehr anw\u00e4chst, die sich dieser Gott-losigkeit anzupassen f\u00fcr notwendig oder sogar f\u00fcr chic halten \u2013 eine Tendenz, die wie ein Gift den ganzen Glauben durchdringt und seine Kraft l\u00e4hmt. Ich meine nicht einen k\u00e4mpferischen Atheismus, der sich mit dem Glauben der Kirche anlegt, sondern ein lautloses Hinschwinden der Wichtigkeit Gottes f\u00fcr das Leben der Menschen. Und das geschieht, indem gleichzeitig ein Bed\u00fcrfnis nach religi\u00f6sem Erleben durchaus zunimmt. Aber die Rede der Kirche von Gott als dem Herrn \u00fcber alle Menschen verbla\u00dft \u2013 ein moderner Mensch will keinen Herrn \u00fcber sich, er will selbst \u00fcber sich bestimmen. Eine Religiosit\u00e4t dagegen, die bei meditativer Einkehr in die Tiefe der eigenen Seele mein Ich &#8222;g\u00f6ttlich erw\u00e4rmt&#8220; und mich mit mir selbst einig werden l\u00e4\u00dft, steht jedem Menschen frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum lassen sich aber immer mehr Christen auf diesen Zeitgeist ein und deuten den Glauben so um, da\u00df er mit dem H\u00f6ren auf Gott, mit pers\u00f6nlichem Vertrauen auf ihn und mit Gehorsam zu ihm, &#8211; mit dem also, was Paulus mit Gottes Wort im Evangelium und mit dem Glauben an Jesus Christus meint, &#8211; nichts mehr zu tun hat? Statt dessen geht es ihnen um je meine eigene Gl\u00e4ubigkeit, was den Sinn meines Lebens angeht, und um ein Selbstvertrauen zu mir, mein Leben schon irgendwie meistern zu k\u00f6nnen. Dieser Trend tritt in der neuen \u201eBibel in gerechter Sprache\u201c besonders deutlich hervor. Da darf von Gott als dem Herrn und von Gott dem Vater nicht mehr die Rede sein, um so mehr daf\u00fcr von einer g\u00f6ttlichen \u201eGeistkraft\u201c in mir. Vor allem darf hier von Jesus nicht als dem Sohn Gottes zu lesen sein, sondern von einem j\u00fcdischen Propheten und messianischen Lehrer als einem vorbildlichen Menschen, der alle Menschen liebt und vor allem mich bejaht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum dieser Trend zu einem &#8222;soft&#8220;-Evangelium? Gewi\u00df, manche sagen, man k\u00f6nne doch zu Menschen unserer Zeit nicht so markig-autorit\u00e4r von Gott reden, wie die &#8222;Sprache Kanaans&#8220; es tut; diese Sprache befremde unsere Zeitgenossen nur unn\u00f6tig. Das, was ihnen am ehesten vertraut sei und ihre Zustimmung erm\u00f6gliche, das m\u00fcsse der Ton sein, in dem in einer zeit-&#8222;gerechten&#8220; Bibel von Gott und G\u00f6ttlichem zu lesen sein m\u00fcsse. In Wirklichkeit jedoch ist es nicht R\u00fccksicht auf die anderen, sondern die eigene Scheu, in der Sprache der Bibel von Gott zu reden; das eigene Empfinden, selbst so nicht mehr reden und glauben zu k\u00f6nnen, die eigene Abwehr gegen alles &#8222;Autorit\u00e4re&#8220; zwischen Gott und mir, der Wunsch nach einem Christentum, das keinerlei Ansto\u00df erregt, weder bei anderen, noch eben auch bei mir selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was liegt dem zugrunde? Nichts anderes als eine moderne Form der Entscheidung Adams und Evas, die Frucht der Erkenntnis dessen, was gut und b\u00f6se ist, selbst vom Baum des Paradieses zu brechen, und das eigene Ich an die Stelle des Ich Gottes zu setzen, wenn es darum geht, wie ich selbst leben will. Das ist seit \u00fcber 200 Jahren der O-Ton der modernen Welt: Jeder soll nach seiner Facon selig werden \u2013 ein Gott als Herr \u00fcber mir darf da nichts zu sagen haben \u00fcber das hinaus, was ich zu sagen habe. Nicht der Mensch ist das Ebenbild Gottes, sondern Gott soll zum Ebenbild des Menschen werden. Ich Adam, Ich Eva, wir sind der Nabel der Welt. Und von dem, was nach Gottes Geboten gut und b\u00f6se ist, bleibt nur eines als allgemein-g\u00fcltig \u00fcbrig: das Gebot der Toleranz, der Toleranz, die ich von anderen f\u00fcr mich erwarten darf, zu leben, wie ich leben will, und entsprechend auch meine Toleranz, andere zu akzeptieren, wie sie eben sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adam und Eva im Paradies f\u00fcrchteten sich noch vor Gott, als er sie bei Namen rief. Die heutige Eva und der heutige Adam haben solche Furcht l\u00e4ngst abgeschafft. An ihre Stelle tritt jedoch statt dessen unweigerlich eine geheime unbenennbare und tief unheimliche Angst \u2013 die Angst, mutterseelenallein zu sein, allein nur mit mir selbst; die Angst davor, da\u00df, wenn es ernst wird, das Band wechselseitiger Toleranz zerrei\u00dfen k\u00f6nnte und ich dann v\u00f6llig hilflos dastehe; die Angst, einmal zu sterben, ohne je wirklich und erf\u00fcllt gelebt zu haben \u2013 biblisch ausgedr\u00fcckt: die Angst, \u201everloren\u201c zu sein. Solche Verlorenheit, die Menschen sich selbst geschaffen haben und aus der sie sich nicht selbst befreien k\u00f6nnen, nennt die Bibel die Wirklichkeit der S\u00fcnde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist aber dies die eigentliche Botschaft des Evangeliums, da\u00df Gott selbst dieses Gef\u00e4ngnis der S\u00fcnde aufgesprengt hat, weil es der Wille seiner Liebe ist, auch die B\u00f6sesten unter den S\u00fcndern aus ihrer Verlorenheit herauszuretten. Nicht da\u00df Gott so schw\u00e4chlich w\u00e4re, S\u00fcnder lieber nicht mit dem t\u00f6dlichen Verderben zu bestrafen, das sie verdienen. Nein, Gott vollstreckt seinen Zorn sehr wohl! Aber das Wunder Gottes ist: Dieses Gericht \u00fcber die S\u00fcnde vollstreckt er &#8211; statt an uns S\u00fcndern \u2013 an seinem Sohn: Christus hat am Kreuz von Golgata den Tod auf sich genommen, den die S\u00fcnde den S\u00fcndern als ihren Sold auszahlt, wie Paulus es im R\u00f6merbrief pointiert-plastisch sagt. Am Kreuz hat Gott nicht etwa seinen Sohn geopfert, um seinem Zorn Gen\u00fcge zu leisten, wie das Karfreitagsgeschehen immer wieder in der Pose geradezu moralischer Entr\u00fcstung boshaft kritisiert wird. Sondern das Wunder besteht darin: Gott selbst ist mit dem Gekreuzigten ganz eines. Indem Christus sich selbst hingegeben hat, sein Leben f\u00fcr das unsrige, hat Gott sich selbst f\u00fcr uns hingegeben und hat so seine Liebe zu uns in unausdenkbarer Radikalit\u00e4t verwirklicht. Aber wiederum nicht so, da\u00df seine Liebe zu uns am Kreuz Christi gescheitert w\u00e4re, sondern sie hat ihren allergr\u00f6\u00dften und allerletzten Sieg errungen, indem Gott seinen geliebten Sohn von dem Tod auferweckt hat, den Christus f\u00fcr uns gestorben ist. Das ist das Wunder aller Wunder Gottes, das im Evangelium verk\u00fcndigt wird: Gottes Liebe gibt sich selbst f\u00fcr uns hin \u2013 und hat eben darin ihren Sieg errungen. Karfreitag und Ostern geh\u00f6ren aufs engste zusammen, die totale Nacht des grauenhaftesten Todes in der grauenschaffenden Menschenwelt und der aufstrahlende Morgen neuen Auferstehungslebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war einst die Kunde, mit der die Apostel die Welt gewonnen, den tief resignierten Pessimismus vieler Menschen, der auch damals den Zeitgeist beherrschte, \u00fcberwunden und ihnen einen v\u00f6llig neuen Lebenssinn gegeben hat: ein Leben, das in Liebe gr\u00fcndet und zur Liebe ermutigt. Dieses Evangelium war auch der einzigartige Schatz, den wiederzugewinnen Luther seiner Kirche zugemutet hat: \u201eNun freut euch, lieben Christen g\u2019mein und la\u00dft uns fr\u00f6hlich springen!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum legt sich heute so vielfach ein klebriger Mehltau \u00fcber dieses herrliche Evangelium, das wir doch unserer Welt mit ihrer ganzen Widerspr\u00fcchlichkeit von &#8222;viel Spa\u00df&#8220; und unendlich viel Resignation wahrhaftig nicht weniger schulden als Paulus und Luther? Warum diese verbreitete Scheu unter uns selbst, diese Botschaft der Bibel beim Wort zu nehmen, und die eigenartige Bereitschaft, sich mit lauter Surrogaten zu begn\u00fcgen, ja all diese billigen Ersatzmotive sogar noch als \u201emoderne Theologie\u201c zu verkaufen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn das mu\u00df mit allem Ernst gesagt werden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erstens<\/strong>: Wer die Bibel meint unseren W\u00fcnschen anpassen zu sollen, wer sich gar reformatorisch d\u00fcnkt, wenn er sie f\u00fcr die heutige Zeit willk\u00fcrlich ver\u00e4ndert, der zerbricht das Fundament der ganzen Reformation. \u201eAllein die Schrift\u201c sollte in ihrer Lehre als bestimmendes Prinzip gelten \u2013 und so steht es auch in der Bekenntnisgrundlage aller lutherischen Kirchen, einschlie\u00dflich unserer Nordelbischen. Es ist schlicht bekenntniswidrig, wenn uns eine Bibel empfohlen wird, die der Heiligen Schrift st\u00e4ndig ins Wort f\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zweitens<\/strong>: Wer nicht mehr von Gott als dem Herrn \u00fcber uns reden und nichts mehr davon wissen will, Gottes Willen in seinen Zehn Geboten zu gehorchen \u2013 vom ersten: \u201eIch bin der Herr, dein Gott \u2013 du sollst keine anderen G\u00f6tter neben Mir haben\u201c, bis zum 5. und 6. einschlie\u00dflich des absoluten Verbots, werdendes Leben zu t\u00f6ten, und der Anstrengung, Ehekrisen gemeinsam durchzustehen, statt Ehen nach Belieben zu wechseln oder mit andersartigen &#8222;Partnerschaften&#8220; zu vertauschen, und schlie\u00dflich bis hin zum 9. und 10. Gebot, das meinen Begierden nach immer mehr und nach immer mal etwas Neuem Grenzen setzt, &#8211; wer es also zum Prinzip modernen Christentums macht, \u201efrei\u201c leben zu d\u00fcrfen, wie man es eben selbst will oder auch wie es sich mir gerade bietet, der bricht Gott die Treue und darf sich nicht dar\u00fcber wundern, da\u00df dann sein ganzes Verh\u00e4ltnis zu Gott verbla\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Drittens<\/strong>: Wer in Jesus nur einen Menschen sieht mit einem vorbildlichen Verh\u00e4ltnis zu Gott, nicht aber Gottes Sohn, in dem mir Gott selbst begegnet, der wird weder vom Weihnachtswunder der Menschwerdung Gottes etwas verstehen noch vor allem von Karfreitag und Ostern als wirklichem Handeln Gottes im Geschick Jesu Christi. Und er wird sich nicht dar\u00fcber wundern d\u00fcrfen, da\u00df Jesus als Person ihm v\u00f6llig entschwindet und Jesu Geschichte zu einem Haufen gleich-g\u00fcltiger Glaubensdeutungen wird. Das innere Leben wird dann heillos-leer. Die begl\u00fcckende Gewi\u00dfheit: Du bist von Gott errettet, wird dann versiegen; und die herrliche Hoffnung auf meine Teilhabe am Auferstehungsleben Christi durch den Tod hindurch \u2013 wird nicht mehr mein letzter, untr\u00fcglicher Trost sein k\u00f6nnen. Die Kraft Gottes, von der der Apostel im R\u00f6merbrief spricht, wird nichts mehr sein, womit ich unersch\u00fctterlich- fest &#8222;rechnen&#8220; kann, nicht mehr die Quelle, aus der mein Glaube an Gott seine Kraft ziehen kann und darf, gerade in Zeiten, wo er in mir selbst ganz schwach und unverl\u00e4\u00dflich wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Br\u00fcder und Schwestern: Dies alles ist nicht etwa eine theologische Meinung eines Altbischofs, von der man denken kann, was man will, die man sich aber besser nicht zu eigen machen sollte, weil es heute doch viel bessere, modernere, menschenfreundlichere Theologien gibt. Nein, es handelt sich um das Fundament der Lehre unserer Kirche, die in der Mitte der Heiligen Schrift zu finden ist, so und nicht anders. Wer den Glauben anders auffa\u00dft und verk\u00fcndigt, vertritt Irrlehre. Paulus sagt im Brief an die Galater: Es gibt nur ein Evangelium und keinerlei andere, die man anstelle des einen auch vertreten und anderen vermitteln k\u00f6nnte und d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es denn so ist, liebe Schwestern und Br\u00fcder, dann la\u00dft uns am heutigen Gedenktag der Reformation zusammentreten zu einer Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig dazu helfen und ermutigen, dieses eine herrliche Evangelium von Gott und von Jesus Christus so klar und eindeutig \u00f6ffentlich zu vertreten, da\u00df einerseits die vielen Nichtmehrchristen, mit denen wir in einer Welt zusammenleben, es als Alternative ernstnehmen und daran Interesse finden k\u00f6nnen; und da\u00df andererseits die vielen Mitchristen, deren Glaube bla\u00df geworden ist unter dem Einflu\u00df grassierender Irrlehre, neues Vertrauen zu Gott und zu Jesus Christus fassen und dieses Glaubens so richtig froh werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Reformationsgedenken am 31. 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