{"id":8608,"date":"2012-11-07T11:56:44","date_gmt":"2012-11-07T09:56:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8608"},"modified":"2012-11-07T12:21:19","modified_gmt":"2012-11-07T10:21:19","slug":"einsamkeit-preis-der-postmodernen-vielfalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8608","title":{"rendered":"Einsamkeit &#8211; Preis der postmodernen Vielfalt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAutonomie&#8220;, \u201eDynamik&#8220;, und \u201eVielfalt&#8220; lauten die Zauberw\u00f6rter, wenn im \u00f6ffentlichen Diskurs von Partnerschaft und Familie die Rede ist. Neue Formen des Zusammenlebens seien Ausdruck eines ver\u00e4nderten Partnerschaftsideals, das st\u00e4rker auf Autonomie setze. Daraus folge aber keine Abkehr von der Familie: In \u201emodernisierten&#8220; Formen bleibe sie erhalten und verliere nichts von ihrer Bedeutung. Diese \u201eErz\u00e4hlung&#8220; ist besonders in Feuilletons popul\u00e4r, h\u00e4lt aber einer empirischen Pr\u00fcfung nicht stand. Ern\u00fcchternd deutlich zeigen neue Mikrozensus-Zahlen eine steigende \u201eFamilienlosigkeit&#8220;: Auf dem R\u00fcckzug sind nicht nur die Ehe und die \u201etraditionelle&#8220; Kernfamilie, sondern das Zusammenleben mit Partnern und Kindern generell (1). Der Singularisierungstrend betrifft vor allem die M\u00e4nner: Etwa 45% der M\u00e4nner im Alter von 40-45 Jahren lebten 2011 ohne Kinder im Haushalt; bei den gleichaltrigen Frauen lag dieser Anteil \u201enur&#8220; bei 28%. Vor f\u00fcnfzehn Jahren (1996) war es unter den Frauen dieses Alters ca. ein F\u00fcnftel und bei den M\u00e4nnern knapp ein Drittel, die ohne Kinder im Haushalt lebten (2). Schon in den 1990er Jahren war also die \u201eKinderlosigkeit&#8220; unter M\u00e4nnern h\u00f6her als unter Frauen, seitdem hat sich diese Differenz aber noch wesentlich vergr\u00f6\u00dfert.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie l\u00e4sst sich dieses wachsende \u201eGender Gap&#8220; erkl\u00e4ren? Eine wesentliche Ursache daf\u00fcr ist der M\u00e4nner\u00fcberschuss auf dem Partnerschaftsmarkt: Da mehr Jungen als M\u00e4dchen zur Welt kommen, gibt es bis zur Altersgruppe der 50-J\u00e4hrigen immer mehr M\u00e4nner als Frauen. Gleichzeitig verbinden sich Frauen meist mit etwas \u00e4lteren M\u00e4nnern &#8211; im Durchschnitt sind sie in Partnerschaften etwa drei Jahre j\u00fcnger. Der Geburtenr\u00fcckgang seit den 1960er Jahren f\u00fchrt nun dazu, dass jeder M\u00e4nnerjahrgang auf eine zahlenm\u00e4\u00dfig kleinere Kohorte partnerschaftlich noch nicht gebundener Frauen trifft. Von diesem \u201ebirth-squeeze-Effekt&#8220; waren die\u00a0 40-45-j\u00e4hrigen M\u00e4nner im Jahr 1996 noch nicht betroffen: In den 1950er Jahren geboren, stie\u00dfen sie dank des Baby-Booms Ende der 1950er Jahre auf eine wachsende Zahl (potentieller) Partnerinnen. F\u00fcr die nach dem \u201ePillenknick&#8220; geborenen M\u00e4nner haben sich dagegen die Heiratschancen verschlechtert (3). Dieser \u201emarriage squeeze&#8220; ist ein Grund f\u00fcr den sprunghaft gestiegenen Anteil der M\u00e4nner, die nicht nur ohne Kinder, sondern auch ohne Partnerin leben: Zwischen 1996 und 2011 ist er unter den 40-45-J\u00e4hrigen von unter 19% auf 31% gestiegen. Eine Tendenz zum Singledasein gibt es zwar auch bei den Frauen; im Vergleich zu den M\u00e4nnern leben sie aber wesentlich seltener ganz allein (14%). Daf\u00fcr lebt aber fast jede achte Frau als Alleinerziehende, w\u00e4hrend nur etwa jeder 50. Mann ohne Partnerin aber mit Kind(ern) lebt (4). Neben dem Frauenmangel erkl\u00e4rt also die Zunahme alleinerziehender M\u00fctter, warum immer mehr M\u00e4nner ohne Frau und Kind(er) leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entspricht das Leben als Single den W\u00fcnschen dieser M\u00e4nner? Viele dieser M\u00e4nner d\u00fcrften ihr Alleinleben nicht als Ausdruck von Autonomie und Selbstentfaltung, sondern als ungl\u00fcckliches Schicksal erfahren. Vergleichbares gilt f\u00fcr Single-Frauen und auch f\u00fcr Alleinerziehende: Ein-Eltern-Familien sind h\u00f6chst selten geplant, sondern entstehen fast immer aus dem Zerbrechen von Beziehungen (5). Trennungen beruhen zun\u00e4chst auf individuellen Entscheidungen, f\u00fcr die bestimmte Personen verantwortlich sind. Anh\u00e4nger der lebenslangen Ehe verurteilen Scheidungen deshalb nicht selten als moralisches Versagen, w\u00e4hrend F\u00fcrsprecher einer \u201eseriellen Monogamie&#8220; dazu neigen, Trennungen als Ausdruck des Selbstentfaltungsstrebens zu besch\u00f6nigen (6). Beide Sichtweisen untersch\u00e4tzen den Einfluss des sozialen Rahmens (\u201eFramings&#8220;) auf die Partnerschaftsstabilit\u00e4t: Die \u00dcbereinstimmung in Fragen des Lebensstils, der Religion und der Politik spielen eine wesentliche Rolle, ob Paare sich finden und zusammen bleiben (7). Je heterogener die Gesellschaft ist, desto schwieriger wird es f\u00fcr den Einzelnen einen passenden Partner zu finden. Die postmoderne \u201eVielfalt&#8220; der Lebensentw\u00fcrfe hat deshalb einen hohen Preis, den besonders die unfreiwillig allein Lebenden und die alleinerziehenden M\u00fctter bezahlen. Eben dies blenden die g\u00e4ngigen Feuilleton-Diskurse gerne aus. Denn wie schon Bert Brecht wusste: \u201eDie im Dunkeln sieht man nicht&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Exemplarisch f\u00fcr diese Sichtweise: Bernhard G\u00fcckel: Gibt es eine Krise der Familie? Eine Lebensform im Spannungsfeld zwischen Wandel und Konstanz. Prof. Dr. Norbert F. Schneider zur Situation der Institution Familie bei der Dritten Tendenzwendekonferenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 17. November2011 inBerlin, im Interview in der Sendung \u201eKulturgespr\u00e4che&#8220; des S\u00fcdwestdeutschen Rundfunks (SWR 2) am 23. Dezember 2011 und im Beitrag \u201eGeld allein ist keine L\u00f6sung&#8220; der Publikation \u201eThe European&#8220; vom 10. Januar 2012, S. 10-11, in: Bev\u00f6lkerungsforschung Aktuell 01\/2012, S. 10-11.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Vgl.: Abbildungen \u201eFrauen: R\u00fcckgang von Ehe und Kernfamilie&#8220;; \u201eM\u00e4nner: Abkehr von Ehe und Familie?&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Vgl.: Kerstin Ruckdeschel\/Robert Naderi: Fertilit\u00e4t von M\u00e4nnern, S. 2-9, in: Bev\u00f6lkerungsforschung aktuell, Mitteilungen aus dem Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung, 30. Jahrgang, November 2009, S. 4.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Vgl.: Abbildungen \u201eFrauen: R\u00fcckgang von Ehe und Kernfamilie&#8220;; \u201eM\u00e4nner: Abkehr von Ehe und Familie?&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Vgl.: Walter Bien\/Alois Weidacher: Familien in prek\u00e4ren Lebenslagen &#8211; zur politischen Relevanz der Untersuchungsergebnisse. Zusammenfassung und Ausblick, in: S. 229-242, in: Walter Bien\/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prek\u00e4ren Lebenslagen, S. 239.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Beispielhaft f\u00fcr letzteres sei auf den 7. Familienbericht verwiesen:\u00a0 Nach seiner Auskunft ist die serielle Monogamie Ausdruck einer wachsenden individuellen Freiheit und des Wunsches, \u201eunbefriedigende Verbindungen aufzugeben und nach besseren Perspektiven zu suchen&#8220;. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit. Perspektiven f\u00fcr eine lebenslaufbezogene Familienpolitik &#8211; Siebter Familienbericht, Berlin 2006, S. 126.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Vgl.: Hartmut Esser: In guten wie in schlechten Tagen, Ehekrisen, Untreue und der Anstieg der Scheidungsraten &#8211; Eine Ursachenanalyse, <a href=\"http:\/\/ehe-familie.de\/Seite333.htm\">http:\/\/ehe-familie.de\/Seite333.htm<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?attachment_id=8615\" rel=\"attachment wp-att-8615\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8615\" title=\"Maenner Schaubild IDAF 7.11.12\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Maenner-Schaubild-IDAF-7.11.122-300x227.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Maenner-Schaubild-IDAF-7.11.122-300x227.jpg 300w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Maenner-Schaubild-IDAF-7.11.122.jpg 840w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?attachment_id=8616\" rel=\"attachment wp-att-8616\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8616\" title=\"Frauen Schaubild IDAF 7.11.12\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Frauen-Schaubild-IDAF-7.11.12-300x230.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Frauen-Schaubild-IDAF-7.11.12-300x230.jpg 300w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/Frauen-Schaubild-IDAF-7.11.12.jpg 829w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: IDAF Nachricht der Wochen 44-45 \/ 2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAutonomie&#8220;, \u201eDynamik&#8220;, und \u201eVielfalt&#8220; lauten die Zauberw\u00f6rter, wenn im \u00f6ffentlichen Diskurs von Partnerschaft und Familie die Rede ist. Neue Formen des Zusammenlebens seien Ausdruck eines ver\u00e4nderten Partnerschaftsideals, das st\u00e4rker auf Autonomie setze. Daraus folge aber keine Abkehr von der Familie: In \u201emodernisierten&#8220; Formen bleibe sie erhalten und verliere nichts von ihrer Bedeutung. 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