{"id":8485,"date":"2012-10-11T16:46:09","date_gmt":"2012-10-11T14:46:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8485"},"modified":"2012-10-11T18:51:06","modified_gmt":"2012-10-11T16:51:06","slug":"die-ruckkehr-der-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8485","title":{"rendered":"Die R\u00fcckkehr der Familie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die R\u00fcckkehr der Familie<br \/>\nRichard Sch\u00fctze<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Familienwerte erleben in Deutschland eine Renaissance. Statt aber nur Nachwuchs f\u00fcrs Wirtschaftswachstum zu produzieren, verlangen Eltern heute zunehmend soziale Gerechtigkeit \u2013 und schon ist die Politik ratlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keinen Tag zu fr\u00fch, aber Jahrzehnte zu sp\u00e4t: Endlich ist das Thema da angekommen, wo es hingeh\u00f6rt. Dachte man. Denn bei dem von der Bundesregierung mit einigem Aufwand veranstalteten \u201eDemografiegipfel\u201c in Berlin erkl\u00e4rte Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema Bev\u00f6lkerungsschwund und alternde Gesellschaft zur Chefsache.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch das Echo war zum Teil verheerend. Neben den Oppositionsparteien, die der Bundesregierung reflexartig eine Verschleppung der Probleme vorwarfen, war es ausgerechnet die liberal-konservativ gepr\u00e4gte \u201eFAZ\u201c vom 5. Oktober, die das Ergebnis der Veranstaltung schlicht &#8222;blablabla&#8220; nannte und der Regierung vorhielt, sie stelle nur \u201eabstrakte \u00dcberlegungen zum Wohle der Alten\u201c an und ignoriere die Interessen der Jugend.<!--more--> Und der international hoch angesehene Demografieexperte Herwig Birg konstatierte gar den Verlust von Rechtsstaatlichkeit und hielt der Regierungskoalition eine \u201everfassungswidrige Benachteiligung der Familien\u201c vor (\u201eFAZ\u201c, 4.10.). Diese weigere sich immer noch, die Urteile des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2001 zur Verfassungswidrigkeit der derzeitigen gesetzlichen Ausgestaltung der Pflege-, Renten- und Krankenversicherung mit einer strukturellen Benachteiligung der Familien endlich durch eine von dem Gericht geforderte Anrechnung von Erziehungszeiten zu korrigieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Unionsparteien entwickelt sich das Thema Familie mehr und mehr zu einem Desaster. Dabei hatten die Familienministerinnen Ursula von der Leyen und ihre Nachfolgerin in diesem Amt, Kristina Schr\u00f6der, mit Merkels R\u00fcckendeckung manches angesto\u00dfen und auch versucht, eine Wende beim Geburtenr\u00fcckgang zu bewerkstelligen. Vergeblich: Die Geburtenrate in Deutschland sank gegen\u00fcber dem Jahr 2009 mit 1,39 Kindern erneut auf 1,36 Kinder je Frau. Viel zu wenig, um den rasanten Bev\u00f6lkerungsschwund auch nur abzubremsen. Von der Leyen, inzwischen Arbeits- und Sozialministerin, k\u00e4mpft nun in der eigenen Partei und mit dem Koalitionspartner FDP statt f\u00fcr die in der \u201eRushhour des Lebens\u201c mit Familiengr\u00fcndung, Kindererziehung und Karriereplanung extrem ge- und \u00fcberforderten Leistungstr\u00e4ger um eine Mindest- und Zuschussrente, die abermals die nachwachsenden Generationen finanziell nachhaltig belasten w\u00fcrde. Familienministerin Schr\u00f6der versucht derweil wacker, das fast einzig noch von der CSU entsprechend dem Koalitionsvertrag vorbehaltlos eingeforderte Betreuungsgeld mit einer als Kompromiss erdachten Rentenkomponente f\u00fcr erziehende V\u00e4ter und M\u00fctter doch noch irgendwie ins Bundesgesetzblatt zu bringen. Und die Sozialdemokraten satteln mit ihrem Modell einer Solidarit\u00e4tsrente auf das Konzept der Arbeitsministerin noch drauf. Die postjuvenilen Gr\u00fcnen sorgen sich, ebenso wie Ministerin Schr\u00f6der und eine Gruppe von 13 CDU\/CSU-Abgeordneten, vor- und vernehmlich um die\u00a0Gleichstellung der sogenannten Homo- mit der Original-Ehe von einem Mann und einer Frau mit der Konsequenz einer vollkommenen steuer- und versorgungsrechtlichen Gleichstellung sowie auch einer entsprechenden Ausweitung des Adoptionsrechts; als w\u00fcrde das Land darunter leiden, zu viele Kinder und diese auch noch ohne eigene Eltern zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da aber genau liegt der Hase im Pfeffer. Wie der Bonner Politikwissenschaftler Stefan Fuchs vom Institut f\u00fcr Demografie, Allgemeinwohl und Familie (i-DAF) feststellt, gibt es wie bereits im Zeitraum von 1890 bis 1930 seit 1970 zum zweiten Mal einen stetigen und nunmehr scheinbar auch unumkehrbar unaufhaltsamen Geburtenr\u00fcckgang. Die Bev\u00f6lkerung in Deutschland wird rascher schrumpfen und zugleich altern als gedacht; schon 2060 wird jeder Dritte in Deutschland ein Rentner sein und zugleich wird die Zahl der erwerbst\u00e4tigen Menschen in Deutschland um sechs Millionen sinken. Neben den Megathemen Euro-Rettung, Energiewende und Klimawandel hat die Kanzlerin nun auch das von ihren Ministerinnen bislang nicht in den Griff bekommene Krisenthema Demografie an sich gezogen. Das aber kann auch Merkel in die Tiefe ziehen, wenn es ihr nicht gelingt, ein \u00fcberzeugendes Gesamtkonzept f\u00fcr Jung und Alt zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn das Thema Familie ist nicht nur begrifflich wieder \u201ein\u201c. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland haben Kinder und noch immer haben drei von vier Kindern Eltern, die miteinander verheiratet sind. Die Shell-Jugendstudien der vergangenen Jahre best\u00e4tigen konstant, dass sich die gro\u00dfe Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland trotz einer von Stefan Fuchs konstatierten \u201ePluralisierung der Lebensformen\u201c nach einer dauerhaft verl\u00e4sslichen Partnerschaft mit Kindern sehnt. Die Familien und ihre Verb\u00e4nde werden zunehmend unruhig; es g\u00e4rt besonders in b\u00fcrgerlich-konservativen Schichten, wo die Institutionen Ehe und Familie als Kerngemeinschaften der Gesellschaft und Herzkammern des staatlichen Gemeinwesens empfunden werden. Generationen von Eltern haben mehr oder weniger klaglos und duldsam f\u00fcr die Gesamtgesellschaft Erziehungsleistungen erbracht und\u00a0&#8222;Human Resources&#8220;\u00a0f\u00fcr den Staat als neue Steuerzahler und f\u00fcr die Wirtschaft und Industrie als\u00a0 Arbeitskr\u00e4fte hervorgebracht. Als Resultat dieser Leistungen sehen sie sich als Karriereversager und m\u00fctterliche Heimchen am Herd ver\u00e4chtlich gemacht und diffamiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch k\u00f6nnen Staat und Politik weder in die Schlafzimmer oder die Lebensentw\u00fcrfe hinein regieren, noch sind sie verantwortlich f\u00fcr die weiter steigende Zahl von Ehescheidungen oder gar die signifikant hohe Kinderlosigkeit bei Berufsgruppen wie den Medienschaffenden oder auch den Informatikern; demgegen\u00fcber, so Fuchs, h\u00e4tten Mediziner und Lehrer, aber zum Beispiel auch Friseure wesentlich mehr Kinder. F\u00fcr den Wissenschaftler kristallisiert sich ein global wirkendes Zivilisationsgesetz heraus: Wo steigender Wohlstand und Massenkonsum, Mobilit\u00e4t und Zugang zur globalen Medienkommunikation Einzug halten und S\u00e4kularisierung mit demokratischen Rechten und politischen Freiheiten Platz greift, dort kommt es mit zunehmender Individualisierung auch nahezu automatisch zu steigendem Heiratsalter, weniger nichtehelichen Geburten und insgesamt stetig sinkenden Geburtenraten. In nahezu allen L\u00e4ndern der westlichen Welt sei von unterschiedlichen Ausgangsniveaus aus \u2013 beispielsweise in Frankreich mit einem staatlich gef\u00f6rderten Natalismus aus nationalen Motiven im Verh\u00e4ltnis zum Nazi-traumatisierten Deutschland \u2013 seit den 1960er-Jahren ein quotenm\u00e4\u00dfig vergleichbarer Geburtenr\u00fcckgang zu verzeichnen. Dies gelte nun auch f\u00fcr Osteuropa, Asien und Lateinamerika. Sogar in L\u00e4ndern ohne entwickelte demokratische und rechtsstaatliche Strukturen wie China oder dem islamisch gepr\u00e4gten Iran liefen vergleichbare Prozesse ab. Mit zunehmendem Wohlstand und wachsenden Freiheitsr\u00e4umen w\u00fcrden die Menschen in einer pers\u00f6nlichen und durch gesellschaftliche Vorbilder gepr\u00e4gten Kosten-Nutzen-Rechnung die Opportunit\u00e4tskosten und dann in der Konsequenz die lebenslang verpflichtenden Belastungen durch Kinder kalkulieren und den Zeitpunkt einer Elternschaft hinausschieben sowie die Zahl ihrer Nachkommen reduzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fuchs folgert aus dieser globalen Entwicklung, dass Familienpolitik sich nur der Herstellung von mehr sozialer Gerechtigkeit widmen k\u00f6nne. Mit familienpolitischen Ma\u00dfnahmen allein k\u00f6nne allenfalls die Dynamik der globalen demografischen Entwicklung abgebremst werden. Der Staat solle aber nicht mit einem \u201eDefamiliarismus\u201c, sprich dem Outsourcing s\u00e4mtlicher Opportunit\u00e4tskosten etwa allein in gigantische Kita-Programme reagieren, sondern neben einer vern\u00fcnftigen Objekt- auch die\u00a0Subjektf\u00f6rderung der Familien beispielsweise in Form von Betreuungs- und\u00a0Erziehungsgeld und der Anrechnung von Erziehungszeiten auf die Renten- und Pflegeversicherung vorantreiben. Birg sieht dar\u00fcber hinaus auch die Bildungs- und die Wirtschaftspolitik als Nutznie\u00dfer der \u201eHuman Resources\u201c in der Pflicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Union lehnt aus parteipolitischen Erw\u00e4gungen ein auch von Altbundespr\u00e4sident Roman Herzog angeregtes und durch die Eltern wahrzunehmendes Kinderwahlrecht ab; umso mehr muss sie sich nun \u00fcberzeugend f\u00fcr eine Renaissance des gesellschaftlichen Bewusstseins der Familienwerte einsetzen, wenn sie in diesem zentralen Politikbereich glaubw\u00fcrdig bleiben will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: The European. Das Debatten-Magazin, 8.10.12 (<a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\">www.theeuropean.de)<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00fcckkehr der Familie Richard Sch\u00fctze Familienwerte erleben in Deutschland eine Renaissance. 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