{"id":8443,"date":"2012-09-30T21:08:13","date_gmt":"2012-09-30T19:08:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8443"},"modified":"2012-09-30T21:14:03","modified_gmt":"2012-09-30T19:14:03","slug":"rezension-zu-stefanie-huesmann-mut-zum-bekenntnis-peter-brunners-widerstand-im-aufkommenden-nationalsozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8443","title":{"rendered":"Rezension zu Stefanie Huesmann, Mut zum Bekenntnis. Peter Brunners Widerstand im aufkommenden Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Heidelberger Dogmatikprofessor Peter Brunner war zweifellos einer der bedeutendsten lutherischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er hat nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur eine Generation von Theologiestudenten und Pfarrern im Sinne einer biblisch-heilsgeschichtlichen lutherischen Theologie gepr\u00e4gt, sondern wurde weit \u00fcber die Kirchen- und L\u00e4ndergrenzen hinweg auch international gesch\u00e4tzt. Sein wohl bedeutendstes Werk ist das 1954 erschienene Buch \u201eZur Lehre vom Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde\u201c, welches das evangelisch-lutherische Verst\u00e4ndnis des Gottesdienstes in einer seither unerreicht gebliebenen biblischen Tiefe und zugleich dogmatischen und \u00f6kumenischen Breite entfaltete. (In: Leiturgia. Hb. des evangelischen Gottesdienstes, Bd.1, Kassel 1954, 83\u2013364; 2.Auflage Hannover 1993, hg. v. J. Stalmann).In den letzten Jahrzehnten geriet Brunner leider immer mehr in Vergessenheit. Dies ist umso bedauerlicher, als Peter Brunner \u2013 was kaum bekannt ist \u2013 im Dritten Reich zu den tapfersten Pfarrern der Bekennenden Kirche geh\u00f6rte und schon im M\u00e4rz 1935 als einer der ersten evangelischen Pastoren Deutschlands im Konzentrationslager Dachau inhaftiert wurde.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brunners bemerkenswerter Widerstand gegen den Nationalsozialismus wird nun erstmals in einer gut lesbaren und preiswerten kirchengeschichtlichen Studie der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt. Diesem Buch kann man aus drei Gr\u00fcnden nur einen gro\u00dfen Leserkreis w\u00fcnschen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch ist ein packendes und emotional anr\u00fchrendes Glaubenszeugnis, das Mut macht, sich auch in schwierigsten Situationen zu Jesus Christus und zu seiner Kirche zu bekennen. Was die Autorin zutage gef\u00f6rdert hat, sind Ereignisse von kaum zu \u00fcberbietender Dramatik, die schlie\u00dflich in der Inhaftierung Brunners und seiner Einweisung in das KZ Dachau ihren H\u00f6hepunkt finden. Brunner hat den jahrelangen und sich zuspitzenden Schikanen und Erpressungsversuchen der Nationalsozialisten und der \u201eDeutschen Christen\u201c als Pfarrer von Ranstadt zusammen mit seiner Dorfgemeinde einen geradezu heroischen Widerstand entgegengesetzt, der jedem Leser Hochachtung abn\u00f6tigt, zumal er in jenen Jahren jungverheirateter Ehemann und Vater zweier kleiner T\u00f6chter war. Peter Brunner hatte schon vor Hitlers Machtergreifung den antichristlichen Charakter des Nationalsozialismus erkannt und sogar in einem Vortrag bereits 1931 \u00f6ffentlich davor gewarnt. Durch seine biblische Verk\u00fcndigung und die ihm geschenkte (damals auch in der Bekennenden Kirche eher seltene!) politische und ideologische Klarheit gelang es ihm, seine Gemeinde zu einer\u00a0 Bekenntnisgemeinde zu formen,\u00a0 die ihre geistliche Mitte im Gottesdienst hatte und ihren Pfarrer in ihrer gro\u00dfen Mehrheit auf eindrucksvolle Weise unterst\u00fctzte: So sorgte sie f\u00fcr den Lebensunterhalt der Pfarrfamilie, als Brunner von der \u201edeutsch-christlichen\u201c Kirchenleitung das Gehalt gestrichen wurde, und wagte es sogar, monatelang das Predigtverbot Brunners \u00f6ffentlich zu unterlaufen, indem sie sich zun\u00e4chst zur Feier des Gottesdienstes in der Dorfkirche verbarrikadierte und dann (nach Besetzung der Kirche durch die nationalsozialistischen Gegner) die Gottesdienste im Freien abhielt! Selbst den Abtransport ihres Pfarrers (zun\u00e4chst ins Gef\u00e4ngnis und dann ins KZ) versuchte die Gemeinde zu verhindern, indem sie den Polizeiwagen umstellte und ein Gemeindeglied unter Lebensgefahr vor das Auto sprang. Nachdem Brunner nach ausl\u00e4ndischen Protesten (z.B. von Bonhoeffers Freund Bischof Bell aus Chichester) am 3. Juni 1935 aus dem Konzentrationslager entlassen wurde, nahm er die Amtsgesch\u00e4fte wieder auf, obwohl er von der Kirchenleitung beurlaubt war, da er sein Pfarramt \u201everwirkt\u201c habe. Trotz des Versuches, f\u00fcr Brunner und seine Gottesdienstgemeinde den Zutritt zur Kirche zu sperren, konnten sie ihre Gottesdienste bis zur Aufhebung der Beurlaubung im Dezember 1935 durchf\u00fchren, weil die \u00fcberw\u00e4ltigend gro\u00dfe Mehrheit der aktiven Gemeindeglieder sich in einer schriftlichen Erkl\u00e4rung hinter Brunner stellte. Die geschilderten Ereignisse machen deutlich, dass selbst in einer so skrupellosen Diktatur wie dem NS-Staat der Mut zum Bekenntnis des Glaubens erstaunliche Spielr\u00e4ume des Handelns er\u00f6ffnen kann, die zwar das \u201e\u00e4u\u00dfere Unterliegen\u201c nicht unbedingt verhindern (wie Brunners Abtransport nach Dachau zeigt), wohl aber jener \u201eFreiheit im Geist\u201c Ausdruck verleihen, die vor einer inneren Kapitulation bewahrt. In geistlicher und ethischer Hinsicht jedenfalls gingen Brunner und seine Gemeinde aus dem Konflikt als \u201eSieger\u201c hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch schildert \u00fcbrigens nicht nur Brunners Kirchenkampf als Dorfpfarrer, sondern skizziert dann auch noch seinen weiteren Weg nach Beendigung des Pfarrdienstes in Ranstadt bis zum Ende des Krieges und danach. Zun\u00e4chst setzte sich Brunners Leidensweg fort: Er folgte 1936 einer Berufung als Dozent an die Hochschule der Bekennenden Kirche in Elberfeld und setzte diese T\u00e4tigkeit noch weitere neun Jahre in der Illegalit\u00e4t fort, nachdem die Hochschule Ende des Jahres vom Staat geschlossen worden war. Dar\u00fcber hinaus diente er ohne festes Einkommen auf Spendenbasis als Hilfsprediger einer lutherischen Gemeinde. Erst nach Kriegsende war die Zeit der \u00e4u\u00dferen Bedrohung f\u00fcr Brunner vorbei, und er konnte dann von 1947 bis1968 inHeidelberg eine Lehrt\u00e4tigkeit als Professor f\u00fcr Dogmatik wahrnehmen, die nicht nur von seiner profunden Gelehrsamkeit, sondern auch von seiner Erfahrung des Kirchenkampfes und von der \u00dcberzeugung gepr\u00e4gt war, dass lebendiger Glaube und Kirchesein die stete Bereitschaft zum Martyrium einschlie\u00dfen: \u201eDie Zeiten sind vorbei, wo man in aller Behaglichkeit Christ sein konnte\u201c (S.70).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch schlie\u00dft in kirchengeschichtlicher Hinsicht eine L\u00fccke: Die Erlebnisse Brunners als Ortspfarrer des hessischen Dorfes Ranstadt und als f\u00fchrender Theologe der hessen-nassauischen Bekennenden Kirche waren bislang im Detail weitgehend unbekannt. Dank der sorgf\u00e4ltigen Quellenforschungen der Ranstadter (!) Autorin und Religionslehrerin Stefanie Huesmann ist der Ranstadter Kirchenkampf erstmals detailgetreu rekonstruiert. Zwar hatte der in die Schweiz emigrierte judenchristliche Schriftsteller Otto Salomon \u2013 ein pers\u00f6nlicher Freund Brunners \u2013 schon vor dem Zweiten Weltkrieg Brunners Kirchenkampferlebnisse unter dem Pseudonym Otto Bruder als literarische Erz\u00e4hlung (unter dem Titel \u201eDas Dorf auf dem Berge\u201c mit ver\u00e4nderten Orts- und Personennamen, aber historisch im wesentlichen zutreffend) ver\u00f6ffentlicht. Aber die Ereignisse waren noch nicht aufgrund aller zur Verf\u00fcgung stehenden Dokumente und Quellen kritisch aufgearbeitet worden. Dies ist nun in einer plausiblen und f\u00fcr den Leser erfreulich durchsichtigen Weise (mit Bildern und Originaldokumenten, z.T. in Faksimile) geschehen. Der Autorin geb\u00fchrt Dank, dass sie sich dieser m\u00fchevollen Arbeit mit Erfolg unterzogen hat!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch eignet sich auch in doppelter Weise als Einf\u00fchrung: Einerseits als Einf\u00fchrung in den Kirchenkampf des Dritten Reiches, weil die Autorin \u00fcber die biographischen und lokalhistorischen Einzelheiten hinaus doch auch den geschichtlichen Gesamthorizont plastisch nachzuzeichnen versteht. Andererseits aber bietet sie auch eine erste (freilich nur sehr skizzenhafte) Einf\u00fchrung in das theologische Denken Brunners, die (so bleibt jedenfalls zu hoffen) manchen Leser auch dazu motiviert, sich in Brunners ungemein reiche und tiefe Theologie einzuarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stefanie Huesmann: \u201eMut zum Bekenntnis. Peter Brunners Widerstand im aufkommenden Nationalsozialismus\u201c. Mit einem Vorwort von Friedrich Bei\u00dfer,\u00a0 Freimund-Verlag Neuendettelsau\u00a0 2012, 213 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-86540-102-1, 21,80 Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mit freundlicher Genehmigung des Rezensenten und der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Heidelberger Dogmatikprofessor Peter Brunner war zweifellos einer der bedeutendsten lutherischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er hat nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur eine Generation von Theologiestudenten und Pfarrern im Sinne einer biblisch-heilsgeschichtlichen lutherischen Theologie gepr\u00e4gt, sondern wurde weit \u00fcber die Kirchen- und L\u00e4ndergrenzen hinweg auch international gesch\u00e4tzt. 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