{"id":8260,"date":"2012-08-09T10:33:15","date_gmt":"2012-08-09T08:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8260"},"modified":"2012-08-09T10:33:15","modified_gmt":"2012-08-09T08:33:15","slug":"tabu-abtreibung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8260","title":{"rendered":"Tabu Abtreibung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Schwangerschaftsabbr\u00fcche sind zwar m\u00f6glich, aber l\u00e4ngst nicht unproblematisch. Denn viele Frauen lassen der Trauer keinen Raum. Sie f\u00fchlen sich schuldig und allein. Vor sechs Jahren stand Susanne M. am Fenster ihres Schlafzimmers und wollte hinunter springen. Sie hatte eine Panikattacke. Nur wenige Stunden zuvor hatte sie, auf Dr\u00e4ngen ihrer Eltern und dem Vater des Kindes, ihre Schwangerschaft abgebrochen. Sie selbst wollte ihr Kind behalten, obwohl sie alleinerziehend war und bereits vier Kinder gro\u00df zog. &#8222;Ich hatte nur zwei, drei Wochen Zeit bis zur Entscheidung&#8220;, sagt die \u00c4rztin. &#8222;Aber nur mit Abstand und Zeit findet man andere L\u00f6sungen.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sozialp\u00e4dagogin Petra Herrmann erlebt diesen enormen Druck bei allen Frauen, die zu ihr in die Schwangerschaftskonfliktberatung des Diakonischen Werks Leipzig kommen. Manchmal \u00fcben andere Druck aus, Partner oder Eltern wie bei Susanne M. Viele Frauen glauben auch, dass sie sich ganz schnell entscheiden m\u00fcssten, einerseits um wieder arbeiten zu k\u00f6nnen, andererseits um die Entscheidung hinter sich haben. &#8222;Es braucht aber Zeit, eine so wichtige Entscheidung zu treffen und sie sollte nicht unter Druck getroffen werden. Auch der Partner ist entscheidend&#8220;, sagt Herrmann. &#8222;Wenn sich Frauen f\u00fcr einen Abbruch entscheiden, brauchen sie f\u00fcr die Verarbeitung auch im Nachgang Zeit, da kann eine Krankschreibung hilfreich sein. Auch da erleben wir Druck.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Susanne M. erz\u00e4hlt: &#8222;Es ist ein kleiner Eingriff mit gro\u00dfen Folgen. Ich habe mich nach dem Abbruch sehr ver\u00e4ndert. Ich hatte \u00fcber Jahre Schlafst\u00f6rungen, weinte aus heiterem Himmel, lebte wie ein Roboter.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Problem ist, dass nach dem Abbruch die Frauen und M\u00e4nner meist allein mit ihrer Entscheidung sind. Abtreibungen sind legal, und doch spricht fast niemand \u00f6ffentlich dar\u00fcber. \u00dcber Todesf\u00e4lle in der Familie k\u00f6nnen Hinterbliebene reden. F\u00fcr Eltern, die eine Fehl- oder Totgeburt erlebt haben, gibt es Hilfsgruppen. Gruppen f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/themen\/abtreibung\/index\">Abtreibungen<\/a> gibt es so gut wie nicht. Und die, die existieren, werden kaum angenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1996 gab es knapp zwei Millionen Schwangerschaftsabbr\u00fcche, beinahe jede sechste Frau hat in Deutschland abgetrieben. Doch viele Frauen sprechen nicht einmal mit ihrer Familie oder mit ihren engsten Freunden dar\u00fcber. In ihrem Umfeld sto\u00dfen sie auch h\u00e4ufig auf Unverst\u00e4ndnis, erkl\u00e4rt Professor Anette Kersting, Leiterin der <a href=\"http:\/\/psychsom.uniklinikum-leipzig.de\/\" target=\"_blank\">Klinik und Poliklinik f\u00fcr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie<\/a>. &#8222;Viele Menschen verstehen nicht, dass Frauen zu ungeborenen Kindern eine intensive Beziehung aufbauen k\u00f6nnen, auch wenn sie sich entscheiden, die Schwangerschaft abzubrechen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freunde und Familienmitglieder sind h\u00e4ufig \u00fcberfordert, schweigen lieber, vor allem wenn sie selbst eine Abtreibung hinter sich haben. Susanne M. hat auch diese Erfahrung gemacht. &#8222;Eine Freundin blieb hartn\u00e4ckig und hakte nach. Ich erz\u00e4hlte und erfuhr, dass sie mit 18 auch abgetrieben hatte. Ihre Erinnerungen kamen wieder hoch. Wir sprachen aber nur dieses eine Mal dar\u00fcber.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Meine Kinder haben mich danach immer wieder gefragt: Mama warum weinst Du? Ich konnte es ihnen nicht sagen&#8220;, sagt sie. Erst der Kontakt zu anderen betroffenen Frauen in einem <a href=\"http:\/\/www.rahel-ev.de\/\">Verein<\/a>, der Menschen zusammenbringt, die abgetrieben haben, bot ihr den Austausch, den sie brauchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissenschaftliche Studien zu Schwangerschaftsabbr\u00fcchen gibt es kaum. Eine der wenigen ist eine Studie der Uniklinik Leipzig. Demnach leiden 17 Prozent aller Frauen, die aus medizinischen Gr\u00fcnden abgetrieben haben, 14 Monate sp\u00e4ter an schweren psychischen Erkrankungen wie <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/themen\/depression\/index\">Depression<\/a>, Angst- oder Zwangsst\u00f6rungen. Doch &#8222;diese Situation ist nur bedingt mit den Frauen vergleichbar, die aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden die Schwangerschaft beendet haben. Denn in medizinischen F\u00e4llen handelt es sich um ein Wunschkind&#8220;, erkl\u00e4rt Professor Anette Kersting. &#8222;Die Eltern stehen vor der schrecklichen Entscheidung, ihr ersehntes Kind abzutreiben oder es Stunden oder Tage nach der Geburt sterben zu lassen. Eine gute L\u00f6sung gibt es da nicht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht jede Frau, die ihre Schwangerschaft aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden abgebrochen hat, leidet also unter dieser Entscheidung. Petra Herrmann von der Diakonie Leipzig sagt: &#8222;Wie es ihr nach dem Abbruch geht, h\u00e4ngt von der Klarheit und Eigenst\u00e4ndigkeit der Entscheidung ab, von dem Erleben des Abbruchs \u00fcberhaupt und von dem sozialen Umfeld, in dem sie lebt. Nicht jede Frau trauert, manche sind auch erleichtert und manche trauern intensiv.&#8220; Wie Susanne M. Auch die Folgen sind unterschiedlich: Manche werden k\u00f6rperlich oder seelisch krank, andere bleiben gesund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansprechpartner f\u00fcr die, denen es schlecht geht, sind zwar die Beratungsstellen f\u00fcr die Schwangerschaftskonfliktberatung. &#8222;Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen die Frauen und M\u00e4nner auch nach dem Abbruch zu uns kommen&#8220;, sagt Petra Herrmann. &#8222;Wir weisen die Frauen im Konfliktgespr\u00e4ch auch darauf hin. Unmittelbar nach dem Abbruch kommen aber nur wenige Frauen zu uns. Eher ist das ein Thema in sp\u00e4teren Beratungen in einem anderen Kontext, wie Probleme in der Partnerschaft oder unerf\u00fcllter Kinderwunsch.&#8220; Das Diakonische Werk bietet in Leipzig auch eine Gespr\u00e4chsgruppe an, doch nur wenige nehmen das Angebot an. Susanne M. erkl\u00e4rt: &#8222;Es ist etwas anderes als eine Fehlgeburt, ich habe die Entscheidung getroffen, ich habe Schuld am Tod meines Kindes&#8220;. Auch andere Frauen f\u00fchlen sich so nach der Abtreibung schuldig, viele schweigen deshalb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Susanne M. redet heute \u00f6ffentlich \u00fcber ihren Abbruch und engagiert sich daf\u00fcr, dass auch in Schulen \u00fcber das Thema gesprochen wird. &#8222;Abtreibungen gibt es \u00fcberall, in jeder Schicht, in jeder Altersgruppe, in jeder Religion. Sie hinterl\u00e4sst immer Spuren.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>ZEIT ONLINE 3.8.12<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwangerschaftsabbr\u00fcche sind zwar m\u00f6glich, aber l\u00e4ngst nicht unproblematisch. Denn viele Frauen lassen der Trauer keinen Raum. Sie f\u00fchlen sich schuldig und allein. Vor sechs Jahren stand Susanne M. am Fenster ihres Schlafzimmers und wollte hinunter springen. Sie hatte eine Panikattacke. 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