{"id":8210,"date":"2012-07-30T09:54:48","date_gmt":"2012-07-30T07:54:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8210"},"modified":"2012-07-30T09:54:48","modified_gmt":"2012-07-30T07:54:48","slug":"lebensformenwandel-feuilleton-phantasien-versus-nackte-empirie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8210","title":{"rendered":"Lebensformenwandel: Feuilleton-Phantasien versus nackte Empirie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lebensformenwandel: Feuilleton-Phantasien versus nackte Empirie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Ritualen postmoderner Feuilleton-Diskurse geh\u00f6rt es, \u201eMythen&#8220; zu \u201edekonstruieren&#8220;, die das Bewusstsein vermeintlich unaufgekl\u00e4rter Zeitgenossen vernebelten. Eine besonders beliebte Zielscheibe ihrer Kritik ist die \u201esoziale Konstruktion&#8220; der Familie als Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern. Dieses \u201eidealisierte&#8220; Bild der b\u00fcrgerlichen Kernfamilie sei ein Relikt der Nachkriegszeit, das den Blick auf die \u201eDynamik&#8220; familialer Lebensformen verstelle. Der R\u00fcckzug der Kernfamilie seit den 1960er Jahren bedeute keinen Verlust, sondern einen Gewinn an \u201eVielfalt&#8220;. Es gebe daher keine Krise, sondern einen \u201eWandel&#8220; der Familie. Sie werde heute mehr mit \u201ePartnerschaft&#8220; assoziiert, w\u00e4hrend Kinder eine geringere Rolle spielten (1). Neue Lebensformen wie das \u201eLiving apart together&#8220; (LAT) st\u00fcnden f\u00fcr ein \u201ever\u00e4ndertes Partnerschaftsideal, das st\u00e4rker auf Autonomie setzt&#8220;. Familie wandele so ihre Gestalt: Sie sei \u201enicht mehr so stark auf den Haushalt beschr\u00e4nkt&#8220; und habe \u201ezunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken&#8220; (2).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFamilie&#8220; ist also alles und nichts. In Fernsehtalkshows ist solcher Beliebigkeit Beifall sicher, Erkenntniswert fehlt ihr jedoch ebenso wie praktischer Nutzen. Aufschlussreicher ist da die amtliche Bev\u00f6lkerungsstatistik. Sie geht zun\u00e4chst von den Haushalten als kleinster Zelle der Gesellschaft aus. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendete sie daf\u00fcr oft synonym den Begriff Familie. In der gro\u00dfen Mehrzahl der Haushalte lebten bis dato Eltern mit ihren Kindern; Single-Haushalte waren noch \u00e4u\u00dferst selten. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich diese Verh\u00e4ltnisse in ihr Gegenteil verkehrt: Ein-Personenhaushalte sind zur (relativen) Mehrheit und Familienhaushalte zur Minderheit geworden (3). Leben wir also in einer Single-Gesellschaft? Das w\u00e4re ein Fehlschluss, der einen trivialen Sachverhalt \u00fcbersieht: In Familienhaushalten leben immer mehrere Personen &#8211; ihr Anteil an der Bev\u00f6lkerung ist deshalb wesentlich gr\u00f6\u00dfer als der an der Zahl der Haushalte. Die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung in Privathaushalten bilden noch immer Eltern mit ihren Kindern. Familien mit au\u00dferhalb des Haushalts lebenden Kindern sind dabei noch gar nicht ber\u00fccksichtigt. Gemeinsam mit kinderlosen Paaren fallen sie unter die Kategorie \u201ePaare ohne Kinder&#8220;. Zusammen bilden diese Paare etwa 30 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung, w\u00e4hrend etwa ein F\u00fcnftel als \u201eSingle&#8220; ohne Partner im Haushalt lebt (4). Bleiben die Minderj\u00e4hrigen au\u00dfen vor, dann ist etwa jeder vierte Erwachsene Single.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele dieser \u201eSingles&#8220; haben aber einen Partner, der au\u00dferhalb ihres Haushalts wohnt (5). Solche \u201eLAT&#8220;-Beziehungen dienten fr\u00fcher jungen Paaren als \u201eProbezeit&#8220; vor Heirat und Familiengr\u00fcndung. Diese Konstellation gibt es nat\u00fcrlich noch immer; vielen \u201eLAT&#8220;-Partnerschaften fehlt heute aber eine Familienperspektive: Junge Frauen in diesen Beziehungen wollen genauso oft kinderlos bleiben wie Single-Frauen. Im Vergleich zu den Singles (mit und ohne Partner) w\u00fcnschen sich Frauen in einer Lebensgemeinschaft wesentlich h\u00e4ufiger Kinder; besonders ausgepr\u00e4gt ist der Kinderwunsch bei den Verheirateten (6). Auch wenn ihr Ruf in Feuilleton und Talkshow eher schlecht ist, f\u00fcr die Entscheidung zur Elternschaft ist die Institution der Ehe wichtig. Zu heiraten ist aber immer weniger selbstverst\u00e4ndlich: Etwa vierzig Prozent der 30-39-J\u00e4hrigen sind heute noch unverheiratet &#8211; seit 1980 hat sich die \u201eLedigenquote&#8220; damit mehr als vervierfacht (7). Die Ehe verliert also an Verbindlichkeit &#8211; aber f\u00fchrt diese \u201eDynamik&#8220; zu mehr \u201eVielfalt&#8220;, mehr \u201eAutonomie&#8220; und mehr Freiheit im Zusammenleben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die nackte Empirie m\u00fcsste eigentlich nachdenklich stimmen: Nach j\u00fcngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat sich der Anteil der ohne einen Partner lebenden 30-40-j\u00e4hrigen Frauen fast verdoppelt. In diesem klassischen Familienalter lebt inzwischen jede f\u00fcnfte Frau und sogar jeder vierte Mann allein &#8211; Tendenz weiter steigend (8). Nicht wenige von ihnen d\u00fcrften dieses Alleinleben weniger als selbstbestimmte Wahl, denn als ungl\u00fcckliches Schicksal erleben. Ihre Chancen eine eigene Familie zu gr\u00fcnden verbessert es sicher nicht. Aber das ist f\u00fcr Feuilletonisten ja auch nicht wichtig. Nebul\u00f6s bleibt indes, welche Bindungen die von ihnen gepriesenen \u201eNetzwerke&#8220; zusammen halten sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0IDAF, Newsletter 29-31.12.2012<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Exemplarisch f\u00fcr diese Sicht: Bernhard G\u00fcckel: Gibt es eine Krise der Familie? Eine Lebensform im Spannungsfeld zwischen Wandel und Konstanz. Prof. Dr. Norbert F. Schneider zur Situation der Institution Familie bei der Dritten Tendenzwendekonferenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 17. November 2011 in Berlin, im Interview in der Sendung \u201eKulturgespr\u00e4che&#8220; des S\u00fcdwestdeutschen Rundfunks (SWR 2) am 23. Dezember 2011 und im Beitrag \u201eGeld allein ist keine L\u00f6sung&#8220; der Publikation \u201eThe European&#8220; vom 10. Januar 2012, S. 10-11, in: Bev\u00f6lkerungsforschung Aktuell 01\/2012, S. 10-11.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Jahel Mielke: \u201eAllein wohnen hei\u00dft nicht allein sein&#8220;, Interview mit Norbert Schneider, in: DER TAGESSPIEGEL vom 25.4.2010, http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/allein-wohnen-heisst-nicht-allein-zu-sein\/1807966.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Siehe hierzu: http:\/\/www.i-daf.org\/196-0-Woche-30-2009.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe hierzu: \u201eLebensformen der Deutschen 2011&#8243; (Abbildung unten). Zur Definition der Lebensformen in der amtlichen Statistik: Statistisches Bundesamt: Alleinlebende in Deutschland &#8211; Ergebnisse des Mikrozensus 2011, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 11. Juli 2012 in Berlin, Wiesbaden 2012, S. 7.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Empirisch fundiert zum Ph\u00e4nomen der \u201eLAT-Partnerschaften&#8220;. Grundlegend zu Jens B. Asendorpf: Living Apart Together: Alters- und Kohortenabh\u00e4ngigkeit einer heterogenen Lebensform, in: K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie, 60. Jahrgang, 4\/2008, S. 749-764. Siehe hierzu: http:\/\/www.i-daf.org\/201-0-Woche-33-2009.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Eingehender dazu: http:\/\/www.i-daf.org\/394-0-Wochen-23-24-2011.html..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Siehe Abbildung: \u201eLedig bleiben &#8211; postmoderne Lebensformenrevolution&#8220;, in: http:\/\/www.i-daf.org\/297-0-Wochen-15-16-2010.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Siehe: \u201eAlleinleben nimmt bei jungen Frauen sprunghaft zu&#8220; und \u201eM\u00e4nner leben immer h\u00e4ufiger allein&#8220; (Abbildungen unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-8212\" title=\"29-31a_lebensformen_der_deutschen_2011\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/29-31a_lebensformen_der_deutschen_2011.jpg\" alt=\"\" width=\"534\" height=\"418\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-8213\" title=\"29-31b_alleinleben_frauen\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/29-31b_alleinleben_frauen.jpg\" alt=\"\" width=\"535\" height=\"439\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-8214\" title=\"29-31c_alleinleben_maenner\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/29-31c_alleinleben_maenner.jpg\" alt=\"\" width=\"541\" height=\"458\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lebensformenwandel: Feuilleton-Phantasien versus nackte Empirie Zu den Ritualen postmoderner Feuilleton-Diskurse geh\u00f6rt es, \u201eMythen&#8220; zu \u201edekonstruieren&#8220;, die das Bewusstsein vermeintlich unaufgekl\u00e4rter Zeitgenossen vernebelten. 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