{"id":8192,"date":"2012-07-18T09:55:29","date_gmt":"2012-07-18T07:55:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8192"},"modified":"2012-07-18T16:45:01","modified_gmt":"2012-07-18T14:45:01","slug":"zum-schriftverstandnis-in-der-evang-luth-kirche-sachsens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8192","title":{"rendered":"Zum Schriftverst\u00e4ndnis in der Evang.-Luth. Kirche Sachsens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zum Schriftverst\u00e4ndnis in der Evang.-Luth. Kirche Sachsens<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fliegende Hei\u00dfluft-Ballons lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: A) solche, die z. B. durch ein Seil mit der Erde verbunden sind, und B) solche, bei denen diese Verbindung gel\u00f6st ist. Die von A) werden vom Wind hin und her bewegt, doch ihre Reichweite ist begrenzt &#8211; eben durch das Seil, an dem sie befestigt sind. Die Reichweite von B) dagegen ist unbegrenzt; das Seil ist durchgetrennt und so k\u00f6nnen sie fliegen, wohin der Wind sie weht. So weit sie wollen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich ist es mit dem Schriftverst\u00e4ndnis. Es gibt eines, A), das ist an den Wortlaut der Bibel gebunden. Und es gibt ein anderes, B), dort ist diese Verbindung gel\u00f6st. Bei dem von A) gibt es viele Fragen, Meinungsverschiedenheiten usw.; dennoch h\u00e4ngt es fest am konkreten Text: an den Worten in der heiligen Schrift. Das Seil, das ihre Reichweite begrenzt, hei\u00dft: &#8222;Es steht geschrieben!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei B) hat man dieses Seil zerschnitten. Die Scheren, die daf\u00fcr verwendet werden, sind zahlreich und tragen klangvolle Namen. Es gibt welche, die sind f\u00fcr die Wissenschaft an den Universit\u00e4ten bestimmt. Man h\u00f6rt von Fachausdr\u00fccken wie &#8222;Rezeptions-\u00c4sthetik&#8220;, &#8222;Text-Pragmatismus&#8220;, &#8222;kontextuelle Theologie&#8220; &#8230; Sie alle geh\u00f6ren wohl in den Besteck-Kasten &#8222;historisch-kritische Methode&#8220;. F\u00fcr den allt\u00e4glichen Gebrauch in den Gemeinden hat man einen anderen Kasten; einen mit eher schlichten, aber frommen Scheren: &#8222;was Christum treibet&#8220;, &#8222;die Mitte der Schrift&#8220;, &#8222;der Buchstabe t\u00f6tet, aber der Geist macht lebendig&#8220;, &#8222;Gottes Wort ist Mensch geworden nicht Buch&#8220;, &#8222;die Bibel ist kein papierner Papst&#8220; &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All diese Scheren haben bei B) nur eine Funktion: Sie relativieren konkrete Aussagen der Heiligen Schrift. Oder bezeichnen sie gleich als ung\u00fcltig. An die Stelle von &#8222;Es steht geschrieben!&#8220; setzen sie &#8222;Sollte Gott gesagt haben?&#8220;. Diese Frage wirkt dann wie ein Windsto\u00df, der den hermeneutischen Ballon weit \u00fcber die Bibel dahin tr\u00e4gt &#8211; weg von den Aussagen, die dem Theologen unangenehm sind, und hin zu anderen, die ihm besser gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">*\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirchenleitung der\u00a0 Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens hat im Oktober 2010 eine Arbeitsgruppe eingesetzt: &#8222;Homosexualit\u00e4t in biblischem Verst\u00e4ndnis&#8220;. Diese hat Ende 2011\u00a0einen Abschlussbericht vorgelegt. Darin &#8222;wird festgehalten, dass die im Alten Testament beschriebenen homosexuellen Handlungen durchweg negativ als gottwidriges und sch\u00f6pfungswidriges Verhalten von M\u00e4nnern beurteilt werden. (\u2026) Bei den in 3. Mose 20 aufgelisteten Tabus handelt es sich f\u00fcr die in der Thora angesprochenen Israeliten nicht nur um ein soziales oder nat\u00fcrliches Regelwerk, sondern um von Gott gesetzte Sch\u00f6pfungsordnungen.&#8220;<sup>(1)<\/sup> Weiter hei\u00dft es: &#8222;Im Neuen Testament gibt es ebenfalls keine positiven Aussagen zur Homosexualit\u00e4t&#8220;.<sup>(1)<\/sup> Dazu werden R\u00f6. 1, 18 \u2013 3, 20, 1. Kor. 6, 9 und 1. Tim. 1, 10 erl\u00e4utert, wo dieses Thema zumindest ber\u00fchrt und entsprechende Praktiken sehr kritisch bewertet werden. Folglich kamen die Vertreter von A) &#8222;zu dem Ergebnis, dass gelebte Homosexualit\u00e4t mit dem Willen Gottes nicht \u00fcbereinstimmt.&#8220;<sup>(1)<\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von B) aber nahmen ihre frommen Scheren und schnippelten drauf los: &#8222;Reformatorischer Erkenntnis zufolge, ist Christus die \u201aMitte der Schrift\u2019.\u2019&#8220; \u2026 &#8222;Was Christum treibet&#8220; \u2026 &#8222;Wir aber sind Diener des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe t\u00f6tet, aber der Geist macht lebendig&#8220; (2. Kor. 3,6) \u2026 &#8222;christuszentrierter Ma\u00dfstab&#8220; \u2026 &#8222;in der heiligen Schrift ist es das beste, den Geist vom Buchstaben zu unterscheiden&#8220; \u2026 &#8222;von der Mitte, was Christus lehrt und predigt&#8220; \u2026 &#8222;in Christus gr\u00fcndende Freiheit&#8220; \u2026<sup>(1)\u00a0 <\/sup>Solcherart losgel\u00f6st vom &#8222;Es steht geschrieben!&#8220; flogen sie \u00fcber dem &#8222;Gesamtzeugnis der Schrift&#8220; dahin und gaben &#8222;zu bedenken, dass der Geist Gottes verletzt wird und die notwendige Unterscheidung von Geist und Buchstabe missachtet wird, wenn grunds\u00e4tzlich die verantwortlich in Liebe, Treue und F\u00fcrsorge gelebte Homosexualit\u00e4t als S\u00fcnde bezeichnet wird \u2026 Auch die gelebte Homosexualit\u00e4t untersteht dem Liebesgebot und somit dem Anspruch und Zuspruch Gottes.&#8220;<sup>(1)\u00a0 <\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">*\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Woran du dein Herz h\u00e4ngst, das ist dein Gott.&#8220; Doch um sich an etwas h\u00e4ngen zu k\u00f6nnen, braucht das Herz einen Aufh\u00e4nger. Der Mensch braucht etwas, an das er sich klammern kann im Leben und im Sterben; einen festen Punkt, der Halt bietet auch in schweren Zeiten. Glaube braucht ein Fundament, auf dem er gegr\u00fcndet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen ist &#8222;Sinngewinnung aus Zeichen&#8220;. Deshalb lese ich die Bibel. Die Zeichen darin sind es, aus denen ich &#8222;Sinn&#8220; und Ziel und Trost und Hoffnung gewinne. Die Buchstaben in der Heiligen Schrift sind Gottes Zeichen f\u00fcr mich. Sie sind das &#8222;Wort Gottes&#8220;. Durch sie hindurch spricht Gott zu mir. &#8222;Es steht geschrieben!&#8220; ist der feste Punkt, der mir Halt bietet im Leben. Auf die von Gott gegebenen Zeichen st\u00fctze ich mich, wenn der Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen wankt. Sie sind es auch, woran ich mich klammern will, wenn es ans Sterben geht. Die Buchstaben in der Bibel sind das Fundament meines Glaubens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das B)-Schriftverst\u00e4ndnis verwirft dieses Fundament. Es distanziert sich vom Buchstaben. Es l\u00f6st den Sinn vom Zeichen und fliegt mit ihm frei dahin an einen anderen Ort. Den nennt man &#8222;Geist&#8220; oder &#8222;die Mitte der Schrift&#8220; oder &#8222;was Christum treibet&#8220; oder wie auch immer. Doch dieser Ort ist nirgends eindeutig bestimmt. Er bleibt schwammig, nebul\u00f6s und unverbindlich. Letztlich ist &#8222;Sinn&#8220; hier ins Ermessen des Theologen gestellt. Deshalb d\u00fcrfte der wirkliche Name dieses Ortes lauten: &#8222;Der Theologe meint!&#8220;. In der Folge ist auch der Glaube, den B) mir anbietet, nicht eindeutig bestimmt. Ich empfinde ihn als schwammig, nebul\u00f6s und unverbindlich. Mein Herz findet dort keinen Halt. Da ist nichts, woran es sich h\u00e4ngen k\u00f6nnte; kein fester Punkt, an den ich mich klammern k\u00f6nnte im Leben und im Sterben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist Homosexualit\u00e4t nur ein Randthema. Als Laie kann ich es weder sachlich noch theologisch beurteilen. Doch es gibt Dinge, da kann ich mir ein begr\u00fcndetes Urteil bilden. Zum Beispiel: In unserer Kirche erheben sich allen Ortes Stimmen, die bestreiten, &#8222;dass Christus gestorben ist f\u00fcr unsere S\u00fcnden nach der Schrift&#8220;. Das ist schon traurig genug. Noch schlimmer allerdings ist, dass kein Bischof oder Kirchenleitung oder Synode aufsteht und eindeutig klarstellt: &#8222;Wir Christen glauben an das Lamm Gottes, das der Welt S\u00fcnde getragen hat! Die Strafe liegt auf ihm, auf da\u00df wir Frieden h\u00e4tten und durch seine Wunden sind wir geheilt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich ergeht es allen Grundfragen unseres Glaubens. Nicht nur &#8222;geboren von der Jungfrau Maria&#8220; sondern das ganze Glaubensbekenntnis wird uminterpretiert. Von &#8222;Gott den Vater, den Allm\u00e4chtigen&#8220; bis hin zu &#8222;Auferstehung der Toten und das ewige Leben&#8220; &#8211; die einstmals klaren, eindeutigen Worte wurden aufgeweicht zu schwammigen, unverbindlichen Allgemeinpl\u00e4tzen. Verbindliche, belastbare Aussagen sind in unserer Kirche Mangelware. Es scheint, als k\u00f6nne jeder das Bekenntnis genau so deuten, wie er oder sie es gerade braucht. Selbst &#8222;Christus, der Sohn des lebendigen Gottes&#8220;, wurde so zu einem schwammigen, unverbindlichen Etwas. Er gilt weithin als eine &#8222;kerygmatische&#8220; Gestalt: Sehr vieles, was wir \u00fcber ihn wissen, h\u00e4tten sich die ersten Christen nur ausgedacht; d. h. es sei frei erfunden (z. B. das leere Grab am Ostermorgen). Folglich fliegt auch dieser kerygmatische &#8222;Christus\u201c frei dahin; richtiger: er kann immer genau dorthin getrieben werden, wo der jeweilige Theologe ihn haben will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die evangelisch-lutherische Kirche war immer meine Kirche. Sie ist es noch immer. Ich werde wohl auch so schnell nicht austreten. Doch mit deren B)-Theologie verbindet mich praktisch nichts mehr. Sie steht f\u00fcr einen Glauben, der nicht der meine ist. Auch schwindet mein Vertrauen in &#8222;die Amtskirche&#8220; immer mehr. Die Gemeinden brauchen dringend geistliche Orientierung, geistliche Autorit\u00e4ten &#8211; eben &#8222;geistliche Leitung&#8220;. Doch wo ist die zu finden? Stattdessen bietet unsere Kirche &#8222;Pluralit\u00e4t&#8220;. Auf deutsch hei\u00dft das wohl: Sie gleicht geistlich einer Herde ohne Hirten &#8211; schwammig, nebul\u00f6s und unverbindlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(In Klammer noch eine sehr pers\u00f6nliche Anmerkung: Der Streit um die Homosexualit\u00e4t wurde aus Politik und Gesellschaft in die Kirche hereingetragen. Also k\u00f6nnte man ehrlicherweise argumentieren, dass man den Entwicklungen dort folgen wolle. Doch stattdessen werden theologische Begr\u00fcndungen aufgeboten und der Sinneswandel fromm verbr\u00e4mt. So manche der ach so tiefgl\u00e4ubigen Rechtfertigungen riechen deshalb nach Heuchelei und Zynismus. Und dieser Geruch macht alles noch viel, viel schlimmer. Klammer zu.)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">*\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bleibt die Frage: &#8222;Worauf soll der Glaube ruhn?&#8220; Theologie ist eine hohe Wissenschaft an hohen Universit\u00e4ten. Kirchenpolitik ist eine hohe Kunst im Schatten hoher Dome. Dort mag man Verwendung haben f\u00fcr einen frei und hoch fliegenden Glauben auf der Basis &#8222;Der Theologe meint&#8220;! In den Niederungen des Alltagslebens sieht das anders aus. Hier brauche ich einen Glauben, der konkret und belastbar ist. Ich brauche einen Gott, den ich beim Wort nehmen kann. Doch das kann ich nur, wenn er mir sein Wort gibt. Und dieses konkrete, verbindliche Wort Gottes finde ich in den Buchstaben der Heiligen Schrift \u2013 oder ich finde es nirgendwo. Wenn unsere Kirche Bestand haben will, dann nur auf dem Fundament, das sich seit fast 2000 Jahren bew\u00e4hrt hat, das uns heute tragen kann und in Ewigkeit bestehen wird: &#8222;Es steht geschrieben!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\"><em>A. Rau; Juli 2012, rau@DerLaie.com, <a href=\"http:\/\/www.derlaie.com\">www.DerLaie.com<\/a><\/em><\/p>\n<p><sup>(1)<\/sup> Abschlussbericht der Arbeitsgruppe der Kirchenleitung &#8222;Homosexualit\u00e4t in biblischem Verst\u00e4ndnis&#8220;, nachzulesen unter <a href=\"http:\/\/www.evlks.de\/doc\/Abschlussbericht_komplett.pdf\">http:\/\/www.evlks.de\/doc\/Abschlussbericht_komplett.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schriftverst\u00e4ndnis in der Evang.-Luth. Kirche Sachsens Fliegende Hei\u00dfluft-Ballons lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: A) solche, die z. B. durch ein Seil mit der Erde verbunden sind, und B) solche, bei denen diese Verbindung gel\u00f6st ist. 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