{"id":8095,"date":"2012-06-21T12:57:52","date_gmt":"2012-06-21T10:57:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8095"},"modified":"2012-06-21T12:57:52","modified_gmt":"2012-06-21T10:57:52","slug":"die-dunkle-seite-der-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=8095","title":{"rendered":"Die dunkle Seite der Kindheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die dunkle Seite der Kindheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verst\u00f6\u00dft gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Dieses Wissen hindert die Bundesregierung und Wirtschaftsverb\u00e4nde nicht daran, die Erh\u00f6hung der Zahl der au\u00dferfamili\u00e4ren Betreuungspl\u00e4tze zum Ausweis moderner Familienpolitik zu stilisieren. Eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen der deutschen Krippenoffensive.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geht es nach der Bundesministerin Kristina Schr\u00f6der (CDU), dann wird es im kommenden Jahr in Deutschland 750 000 Betreuungspl\u00e4tze f\u00fcr Kinder unter drei Jahren geben, die meisten davon in Krippen. Dieses Ziel der Familienpolitik ist ehrgeizig: Bezogen auf drei Geburtsjahrg\u00e4nge, entspr\u00e4che die Vorgabe der Bundesregierung einer au\u00dferfamili\u00e4ren Betreuungsquote von 47 Prozent. Verteilte man Pl\u00e4tze auf nur auf Ein- und Zweij\u00e4hrige, dann betr\u00fcge die Quote ann\u00e4hernd 70 Prozent.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soll das Lebensumfeld der Kleinstkinder derart einschneidend ver\u00e4ndert werden, ist eine hohe Sensibilit\u00e4t bei der Planung und der Einf\u00fchrung des nahezu fl\u00e4chendeckenden Angebots an Betreuungsm\u00f6glichkeiten unabdingbar. Doch auch damit ist es noch nicht getan. Ebenso unabdingbar ist es, die gesetzlichen Vorgaben an dem jeweils aktuellen Stand der psychologischen, medizinischen und anthropologischen Forschung auszurichten. In dieser Hinsicht sind den politischen Entscheidungstr\u00e4gern schwerwiegende Vers\u00e4umnisse vorzuwerfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kreis der Industrienationen ist Deutschland, zumindest in den Grenzen der alten Bundesrepublik, in Bezug auf au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung eher ein Nachz\u00fcgler. Diese Position bietet aber auch die Chance, Fehler zu vermeiden, die andere gemacht haben. Es lohnt sich also, einen Blick ins Ausland zu werfen, etwa in die Vereinigten Staaten und damit in ein Land, das einer der Vorreiter auf dem Feld der au\u00dferfamili\u00e4ren Kinderbetreuung ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort haben die Globalisierung und eine staatlich tolerierte, zunehmende Ungleichheit der Erwerbseinkommen dazu gef\u00fchrt, dass aufgrund \u00f6konomischer Zw\u00e4nge der Doppelverdienerhaushalt seit den achtziger Jahren zur Regel geworden ist. Parallel dazu die Nachfrage nach einem System umfassender Kinderbetreuung bis herab zum S\u00e4uglingsalter. Inzwischen ist \u201edaycare\u201c, die Tagesbetreuung f\u00fcr S\u00e4uglinge und Kinder von null bis vier Jahren, zusammen mit \u201epreschool\u201c und \u201ekindergarten\u201c der Regelfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indes entbrannte in den Vereinigten Staaten gleichfalls in den achtziger Jahren eine Debatte \u00fcber die Frage, ob kleine Kinder in diesem grundlegend ver\u00e4nderten Umfeld nicht wom\u00f6glich Schaden n\u00e4hmen. Wissenschaftliche Untersuchungen erbrachten zun\u00e4chst uneinheitliche Ergebnisse. F\u00fcr Unruhe sorgte die L\u00e4ngsschnittstudie des Entwicklungs\u00adpsychologen Thomas Achenbach (Universit\u00e4t Vermont), der an mehr als 3000 Sch\u00fclern einen deutlichen R\u00fcckgang sozioemotionaler Kompetenzen feststellte. Im Vergleich zu den Siebziger Jahren waren amerikanische Kinder 15 Jahre sp\u00e4ter verschlossener, m\u00fcrrischer, ungl\u00fccklicher, \u00e4ngstlicher, depressiver, aufbrausender, unkonzentrierter, fahriger, aggressiver und h\u00e4ufiger straff\u00e4llig. Sie zeigten bei 42 Verhaltensindikatoren schlechtere Ergebnisse, bei keinem Kriterium schnitten sie besser ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diese auch als \u201echild care wars\u201c bezeichneten Auseinandersetzungen zu befrieden, wurde eine Gro\u00dfstudie ins Auge gefasst. Unter der Regie des renommierten National Institute of Child Health and Development (NICHD) entwickelte eine Gruppe weltweit f\u00fchrender Spezialisten f\u00fcr fr\u00fchkindliche Entwicklung Anfang der neunziger Jahre ein ausgefeiltes Untersuchungsdesign, in dem nahezu alle Faktoren ber\u00fccksichtigt wurden, die f\u00fcr die kindliche Entwicklung relevant sind. Daraufhin wurden mehr als 1300 Kinder, \u00fcberwiegend aus wei\u00dfen Mittelschichtfamilien, im Alter von einem Monat in die Studie aufgenommen. \u00dcber einen Zeitraum von f\u00fcnfzehn Jahren wurden sodann die kognitive Entwicklung und das Verhalten der Kinder detailliert gemessen. Ebenso wurden \u00fcberdies der Bildungsstand, der sozio\u00f6konomische Status und der Familienstand der Eltern, dazu verschiedene Dimensionen der Eltern-Kind-Interaktion sowie eine Vielzahl an Daten zur au\u00dferfamili\u00e4ren Betreuung wie Art der Einrichtung, Besuchsdauer und Betreuungsqualit\u00e4t. Dieser weltweit einzigartige Datensatz wurde bis heute in \u00fcber 300 wissenschaftlichen Publikationen ausgewertet und steht auch externen Forschern f\u00fcr eigene Analysen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Deutschland wurden die Ergebnisse der Studie im vergangenen Jahr wurden w\u00e4hrend des Kinder\u00e4rztekongresses in Bielefeld vorgestellt. Wie Jay Belsky, ein Psychologe aus San Francisco, berichtete, konnte nachgewiesen werden, dass die Eltern-Kind-Bindung durch au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung nicht grunds\u00e4tzlich negativ beeinflusst wird. Unzweifelhaft ist aber auch, dass sehr fr\u00fche und umfangreiche Betreuung von zweifelhafter Qualit\u00e4t mit erheblichen Risiken f\u00fcr das Bindungsmuster zwischen Mutter und Kind einhergeht. Damit erh\u00f6ht sich auch das Risiko, sp\u00e4ter an einer psychischen St\u00f6rung zu erkranken. Hohe Betreuungsqualit\u00e4t f\u00fchrte, im Vergleich zu geringerer Qualit\u00e4t, zu etwas besseren kognitiven Leistungen im Vorschulalter. Dieser Unterschied war auch noch in der Sekundarstufe nachweisbar. Die Dauer au\u00dferfamili\u00e4rer Betreuung hatte hingegen keinen signifikanten Einfluss auf die schulischen Leistungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am beunruhigendsten war indes der Befund, dass Krippenbetreuung sich unabh\u00e4ngig von s\u00e4mtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionalen Kompetenzen der Kinder auswirkt. Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto st\u00e4rker zeigten sie sp\u00e4ter dissoziales Verhalten wie Streiten, K\u00e4mpfen, Sachbesch\u00e4digungen, Prahlen, L\u00fcgen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder h\u00e4ufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Sp\u00e4ter konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auff\u00e4lligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus. Noch ein weiteres, ebenfalls unerwartetes Ergebnis kristallisierte sich heraus: Die Verhaltensauff\u00e4lligkeiten waren weitgehend unabh\u00e4ngig von der Qualit\u00e4t der Betreuung. Kinder, die sehr gute Einrichtungen besuchten, verhielten sich fast ebenso auff\u00e4llig wie Kinder, die in Einrichtungen minderer Qualit\u00e4t betreut wurden. Grunds\u00e4tzlich zeigte sich aber, dass das Erziehungsverhalten der Eltern einen deutlich st\u00e4rkeren Einfluss auf die Entwicklung aus\u00fcbt als die Betreuungseinrichtungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren der NICHD-Studie leiteten aus diesen Ergebnissen zahlreiche Empfehlungen ab. Kurz gefasst lauten diese: Die Qualit\u00e4t der Betreuung m\u00fcsse gesteigert werden, die Dauer der Betreuung sei zu reduzieren, w\u00e4hrend die Eltern in ihrem Erziehungsauftrag gest\u00e4rkt werden m\u00fcssten. In den Vereinigten Staaten hat sich allenfalls des ersten Punktes angenommen. In Deutschland wiederum sind die Politiker auf dem besten Weg, die erste und dritte Empfehlung nicht ernst zu nehmen und die zweite Empfehlung \u2013 die Verringerung der Betreuungsdauer \u2013 in ihr Gegenteil zu verkehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum dieses Vorgehen mehr als bedenklich ist, zeigen wissenschaftliche Daten, die in den letzten zehn Jahren erhoben wurden. Sie belegen, dass es sich bei den Verhaltensauff\u00e4lligkeiten, die die NICHD-Studie registriert wurden, nur um die sprichw\u00f6rtliche Spitze des Eisbergs handelt. Dank einer neuen Technik konnten Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten Ende der neunziger bei Kleinkindern in ganzt\u00e4giger Betreuung in zwei Daycare Centers erstmals das Tagesprofil des wichtigsten Stresshormons Cortisol bestimmten. Entgegen dem normalen Verlauf im Kreis der Familie &#8211; hoher Wert am Morgen und kontinuierlicher Abfall zum Abend hin &#8211; stieg die Aussch\u00fcttung des Stresshormons w\u00e4hrend der ganzt\u00e4gigen Betreuung im Verlauf des Tages an \u2013 ein untr\u00fcgliches Zeichen einer erheblichen chronischen Stressbelastung. In der ersten Einrichtung, deren Betreuungsqualit\u00e4t als gehoben gelten konnte, zeigten fast alle Kinder diesen auff\u00e4lligen Verlauf. In der zweiten Einrichtung mit sehr hoher Betreuungsqualit\u00e4t standen am Abend immerhin noch fast drei Viertel der Kinder unter abnormem Stress. Eine Metaanalyse einer niederl\u00e4ndischen Wissenschaftlerin, die neun \u00e4hnliche Folgestudien auswertete, hat diese Ergebnisse best\u00e4tigt. Somit muss als gesichert gelten, dass besorgniserregende Ver\u00e4nderungen des Cortisolprofils vor allem bei au\u00dferfamili\u00e4rer Betreuung von Kleinkindern auftreten, und das selbst bei qualitativ sehr guter Betreuung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jene Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen, die im Beruf extremen Anforderungen ausgesetzt sind. Bei Kindern liegen die Hormonwerte weit jenseits der milden und punktuellen Aktivierungen des Stresssystems, die als entwicklungsf\u00f6rderlich anzusehen sind. Vielmehr muss in der chronischen Stressbelastung eine Ursache daf\u00fcr gesehen werden, dass Krippenkinder h\u00e4ufiger erkranken. Sie leiden nicht \u00f6fter an Infektionen, sondern auch an Kopfschmerzen oder immunologischen St\u00f6rungen wie Neurodermitis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der psychobiologischen Forschung ist bekannt, dass chronische Stressbelastung ein Kernph\u00e4nomen bei misshandelten und vernachl\u00e4ssigten Kindern darstellt. Die amerikanische Anthropologin Meredith Small bezeichnete Stress, sexuelle \u00dcbergriffe und Gewalt daher auch als \u201edunkle Seite der Kindheit\u201c: Die dauerhafte Aktivierung des Stresssystems m\u00fcndet oft in einer Ersch\u00f6pfungsreaktion: Das Stressregulationssystem geht sozusagen unter dem Stress-Trommelfeuer in die Knie. Genau dieser Effekt wurde jetzt auch in Wien in einer Studie \u00fcber Kinderkrippen nachgewiesen. Vor allem Kinder im Alter unter zwei Jahren zeigten nach f\u00fcnf Monaten qualitativ durchschnittlicher Krippenbetreuung stark abgeflachte Cortisol-Tagesprofile &#8211; vergleichbar mit den Werten, die in den neunziger Jahren bei zweij\u00e4hrigen Kindern in rum\u00e4nischen Waisenh\u00e4usern gemessen wurden. Diese Befunde lassen keinen anderen Schluss zu als den, dass eine gro\u00dfe Zahl von Krippenkindern durch die fr\u00fche und langdauernde Trennung von ihren Eltern und die ungen\u00fcgende Bew\u00e4ltigung der Gruppensituation emotional massiv \u00fcberfordert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sich diese \u00dcberforderung im sp\u00e4teren Leben auswirken kann, l\u00e4sst sich mittlerweile der NICHD-Studie entnehmen. K\u00fcrzlich wurden die morgendlichen Cortisol-Werte der inzwischen 15 Jahre alten Studienteilnehmer gemessen. Bei den Probanden, die schon fr\u00fch ganztags betreut worden waren, zeigten sich die gleichen Ver\u00e4nderungen wie Kindern, die in der Familie emotional vernachl\u00e4ssigt oder misshandelt worden waren. Besonders f\u00e4llt auf, dass die Effekte in beiden Gruppen gleich stark waren, dass die Ver\u00e4nderungen unabh\u00e4ngig von der Qualit\u00e4t der Betreuung auftraten und dass sich die Stresseffekte von Tagesbetreuung und famili\u00e4rer Vernachl\u00e4ssigung addierten. Mit anderen Worten: Die Krippenbetreuung wirkte sich weder kompensatorisch noch sch\u00fctzend aus. Alles in allem steht damit fest, dass Krippenbetreuung die Stressregulation auch langfristig negativ beeinflusst. Und: Das in der \u00d6ffentlichkeit verbreitete Mantra ist falsch, alle Probleme der Krippenbetreuung lie\u00dfen sich alleine mit Qualit\u00e4t l\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den vergangenen Jahren ist in einer F\u00fclle von Publikationen dargelegt worden, dass und wie chronische Stressbelastungen die Entwicklung des Gehirns beeintr\u00e4chtigt, speziell die Zentren zur Stressregulation und sozioemotionale Kompetenz. Nun z\u00e4hlen die beiden ersten Lebensjahre zu den besonders heiklen Phasen der Entwicklung des Gehirns. In dieser sensiblen Periode gr\u00e4bt sich chronischer Stress sogar in die Gene ein und f\u00fchrt auf dem Weg sogenannter epigenetischer Mechanismen zu dauerhaften Regulationsst\u00f6rungen, die sogar an die folgenden Generationen vererbt werden k\u00f6nnen. Die Wissenschaft wei\u00df mittlerweile, dass chronische Stressbelastung durch kindliche Vernachl\u00e4ssigung und Misshandlung mit einem langfristig deutlich erh\u00f6hten Risiko verbunden ist, an schwer behandelbarer Depression zu erkranken oder aber Suizid zu begehen. Neben psychischen St\u00f6rungen geht mit chronischem Stress auch ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr k\u00f6rperliche Krankheiten einher wie Herz-Kreislauf\u00aderkrankungen und Fettsucht, ja sogar f\u00fcr Krebs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S\u00e4uglinge und Kleinkinder k\u00f6nnen Stressbelastungen noch nicht in Worte fassen. Auch in ihrem Verhalten sind Anzeichen f\u00fcr chronischen Stress oft diskret, wenn nicht fast unmerklich. Jetzt haben die neuen Techniken zur Messung von Stress ein weiteres Fenster zur Seele des Kleinkinds ge\u00f6ffnet. Derzeit f\u00e4llt es vielen noch schwer, das Bild anzunehmen, das diese neuen, objektiven Messdaten zu erkennen geben. Aber es f\u00fchrt kein Weg um die Einsicht herum, dass die Mehrheit ganztagsbetreuter Krippenkinder, selbst wenn sie bestenfalls in sch\u00f6nen R\u00e4umen mit anregendem Spielzeug von engagierten Erziehern oder Erzieherinnen betreut wird, den Tag in \u00e4ngstlicher Anspannung verbringt, dass sich dies bei einem Teil der Kinder in anhaltenden Verhaltensauff\u00e4lligkeiten niederschl\u00e4gt, und dass mit dieser Form der Betreuung Risiken f\u00fcr die langfristige seelische und k\u00f6rperliche Gesundheit einhergehen. Die Gesellschaft muss sich also der Tatsache stellen, dass sich emotionale Misshandlung nicht nur unter famili\u00e4ren oder institutionellen Deprivations\u00adbedingungen, sondern \u2013 unbeabsichtigt &#8211; h\u00e4ufig auch im kognitiv stimulierenden Umfeld einer Krippe ereignet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indes hat sich selbst die Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland diesem Thema bislang nicht eingehend gestellt. Noch im Jahr 2008 hie\u00df es in der Monatsschrift \u201eKinderheilkunde\u201c, dass es \u201ekeinen einzigen Artikel gebe, in dem Daten zum Thema Krippen und Gesundheit in Deutschland in einer peer-reviewed-Zeitschrift publiziert wurde und der somit eine daten-gest\u00fctzte Antwort auf die Frage geben k\u00f6nnte, inwieweit mit der Kinderbetreuung in einer Krippe erh\u00f6hte (oder auch verminderte) gesundheitliche Risiken verbunden sind. Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, als die damalige Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU) das Ziel ausgab, binnen weniger Jahre 750 000 Kinder in U3-Betreuung zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Situation erfordert das \u201eprimum nil nocere\u201c &#8211; das erste Gebot \u00e4rztlichen Handelns, keinen Schaden zuzuf\u00fcgen \u2013 gr\u00f6\u00dfere Anstrengungen. Niemand kann exakt vorhersehen, wie ein einzelnes Kind in Betreuung entwickeln wird. Zu vielf\u00e4ltig sind die Faktoren, die Einfluss auf die kindliche Entwicklung nehmen. Wichtig neben den famili\u00e4ren Lebensumst\u00e4nden ist vor allem die genetische Ausstattung eines Kindes, denn sie ist miturs\u00e4chlich f\u00fcr die Resilienz gegen\u00fcber Belastungssituationen. Fachleute m\u00fcssen Eltern und Politikern jedoch angemessene Informationen \u00fcber statistisch erfassbare Risiken der U3-Betreuung geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Risiko liegt f\u00fcr Verhaltensauff\u00e4lligkeiten in einem moderaten Bereich. Hinsichtlich einer chronischen Beeintr\u00e4chtigung des emotionalen Wohlbefindens ist das Risiko jedoch stark erh\u00f6ht. Nicht zu verschweigen ist ferner ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr sp\u00e4te seelische Erkrankungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erh\u00f6hte Stressbelastung und vermehrte Verhaltensauff\u00e4lligkeiten wurden mittlerweile auch bei ersten systematischen Untersuchungen zur U3-Betreuung in Tagespflege gefunden. Durch nichts zu belegen ist dagegen die Hoffnung auf F\u00f6rderung des Sozialverhaltens, die viele Eltern derzeit einen fr\u00fchen Krippenbesuch in Betracht ziehen l\u00e4sst. Eine signifikante, moderate F\u00f6rderung der Lernleistungen kann nur bei hoher Betreuungsqualit\u00e4t erwartet werden. Diese ist in deutschen Krippen derzeit nur in Ausnahmef\u00e4llen anzutreffen. Die von der Bertelsmann-Stiftung mit gro\u00dfem publizistischen Aufwand plakatierte hohe Rate an Gymnasialanmeldungen nach Krippenbetreuung ist daher eher auf h\u00f6here Anspr\u00fcche der Eltern zur\u00fcckzuf\u00fchren und nicht auf einen tats\u00e4chlichen Gewinn kognitiver F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anstatt dass die Erziehungsleistung der Eltern von politischer oder gesellschaftlicher Seite schleichend entwertet wird, muss M\u00fcttern und V\u00e4tern die Bedeutung bewusst gemacht werden, die ihre liebevolle und kontinuierliche Pr\u00e4senz f\u00fcr die gesunde seelische Entwicklung ihrer Kinder gerade in deren ersten Lebensjahren hat. Die herk\u00f6mmliche Aufteilung von famili\u00e4ren Aufgaben kann durchaus \u00fcberdacht werden. W\u00e4hrend M\u00fctter durch Geburt und Stillzeit die Hauptbeziehungsperson der ersten Lebensphase sind, sollten V\u00e4ter darin best\u00e4rkt und gef\u00f6rdert werden, diese Rolle h\u00e4ufiger im fortgeschrittenen Kleinkindalter ihrer Kinder zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgrund der dargelegten Risiken ist es unumg\u00e4nglich, dass alle Eltern die Entscheidung \u00fcber eine m\u00f6gliche fr\u00fche au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung frei von \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen treffen k\u00f6nnen. Hierf\u00fcr muss der Grundsatz \u201ethe money goes with the child\u201c (das Geld geht mit dem Kind) wegweisend werden. Die Wahlfreiheit f\u00fcr Eltern k\u00f6nnte \u00fcber ein Kinder-Grundeinkommen oder ein Betreuungsgeld sichergestellt werden, wie es mittlerweile in allen skandinavischen L\u00e4ndern gezahlt wird und deutlich h\u00f6her ist, als die eher symbolische Summe, die in Deutschland zur Debatte steht. Es w\u00e4re dann in das Ermessen der Eltern gestellt, ob sie sich ganz der Erziehungsaufgabe der Kinder widmen oder Kind und Geld einer au\u00dferfamili\u00e4ren Betreuungsinstanz anvertrauen m\u00f6chten, um selbst einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissenschaftlich fundierte und evidenzbasierte Vorbehalte gegen\u00fcber fr\u00fcher Krippenbetreuung d\u00fcrfen freilich nicht dazu f\u00fchren, dass auf die fr\u00fche F\u00f6rderung jener Gruppen von Kindern verzichtet wird, die besonderen sozialen oder biologischen Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind. Allerdings zeigen uns alle Studien, dass auch diese Kinder in ihren ersten Lebensjahren im Rahmen ihrer Familie und in Anwesenheit ihrer prim\u00e4ren Bindungspersonen gef\u00f6rdert werden sollten, etwa durch Familienhebammen, Elterntrainings, heilp\u00e4dagogische Fr\u00fchf\u00f6rderung, sozialp\u00e4dagogische Familienhilfe oder auch in gemeinde- oder stadtteilzentrierten Kleinkind-Spielgruppen. F\u00fcr alle diese Ma\u00dfnahmen liegen Wirksamkeitsnachweise vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die deutsche \u201eKrippenoffensive\u201c geht wesentlich auf die massive politische und publizistische Lobbyarbeit von Wirtschaftsverb\u00e4nden zur\u00fcck, die angesichts der demographischen Entwicklung versuchen, Arbeitskraftreserven auch unter jungen Eltern zu mobilisieren. So wird etwa in Publikationen wirtschaftsnaher Institute versucht, den Begriff \u201eFamilienfreundlichkeit\u201c wesentlich \u00fcber das Angebot an Krippenbetreuungspl\u00e4tzen zu definieren. Die Bertelsmann-Stiftung, der operative Arm des gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Medienkonzerns, bereitet seit Jahren systematisch den Boden f\u00fcr eine langfristig geplante Expansion der Konzernaktivit\u00e4ten ins lukrative und konjunkturunabh\u00e4ngige Bildungsgesch\u00e4ft. Dabei wird auch die Meinungsf\u00fchrerschaft im Sektor fr\u00fchkindliche Bildung angestrebt. Kritische Stimmen werden marginalisiert, andere dagegen in eigene \u201eStudien\u201c eingebunden, die die Konzernziele unterst\u00fctzen. Auch die Betreuungsbranche macht sich f\u00fcr die Ausweitung des Krippenangebots stark, dass sie sich von diesem Schritt Wachstumschancen erwartet, die durch staatliche Subventionierung abgesichert sind. Marktchancen winken auch Fachverlagen, die sich einen neuen Publikationssektor erschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Universit\u00e4ten und Fachschulen schlie\u00dflich hoffen auf Steuergelder f\u00fcr neue Ausbildungsg\u00e4nge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Eigendynamik all dieser Entwicklungen muss mit besonderer Wachsamkeit begegnet werden. Auf der Basis der NICHD-Studie und der neuen Ergebnisse der Stressforschung wurde w\u00e4hrend des Kinder\u00e4rztekongresses in Bielefeld ein Vorschlag zu einer entwicklungsmedizinisch evidenzbasierten Empfehlung unterbreitet. Erstens: Keine Gruppentagesbetreuung von Kindern unter zwei Jahren. Zweitens. Zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag maximal halbt\u00e4gige Betreuung von bis zu zwanzig Stunden in der Woche. Drittens: Ab dem dritten Geburtstag je nach individueller Bereitschaft ganzt\u00e4gige Betreuung m\u00f6glich. Viertens: Konsequente Orientierung an hohen Qualit\u00e4tsstandards in jeglicher au\u00dferfamili\u00e4rer Betreuung. Notwendig sind au\u00dferdem wissenschaftliche Begleitstudien sowie eine laufende Anpassung von Empfehlungen an den aktuellen Stand der Forschung. Dabei muss auch die bisher v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigte Stressbelastung von berufst\u00e4tigen Eltern kleiner Kinder und von Krippenerzieherinnen in den Blick genommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Chronische Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der Misshandlung. Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verst\u00f6\u00dft gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Ein freiheitlicher Staat, der fr\u00fchkindliche Betreuung in gro\u00dfem Umfang f\u00f6rdert, ist verpflichtet nachzuweisen, dass die betroffenen Kleinkinder keine chronische Stressbelastung erleiden. Der Gesetzgeber sollte daher von seinen derzeitigen Planungen Abstand nehmen, ein Recht auf au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung ab dem ersten Geburtstag einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. med. Rainer B\u00f6hm<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kinder- und Jugendarzt mit Schwerpunkt Neurop\u00e4diatrie<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Leitender Arzt des Sozialp\u00e4diatrischen Zentrums Bielefeld-Bethel<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kongresspr\u00e4sident der 63. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSPJ (Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Sozialp\u00e4diatrie und Jugendmedizin) 2011 in Bielefeld<\/em><\/p>\n<p><em>Ver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers<\/em><\/p>\n<p><em>Mehr Informationen auf <a href=\"http:\/\/www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=1&amp;Itemid=101\">www.fachportal-bildung-und-seelische-Gesundheit.de<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag erschien in der <a href=\"http:\/\/www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=9:faz-artikel-4-april-2012&amp;catid=2:uncategorised&amp;Itemid=176\">FAZ Nr. 81 vom 4. April 2012.<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die dunkle Seite der Kindheit Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verst\u00f6\u00dft gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Dieses Wissen hindert die Bundesregierung und Wirtschaftsverb\u00e4nde nicht daran, die Erh\u00f6hung der Zahl der au\u00dferfamili\u00e4ren Betreuungspl\u00e4tze zum Ausweis moderner Familienpolitik zu stilisieren. Eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen der deutschen Krippenoffensive. Geht es nach der Bundesministerin [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":342,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8095"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/342"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8095"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8095\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8098,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8095\/revisions\/8098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}