{"id":7771,"date":"2012-03-21T07:39:07","date_gmt":"2012-03-21T05:39:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7771"},"modified":"2012-03-21T10:16:01","modified_gmt":"2012-03-21T08:16:01","slug":"die-bibel-ein-christusbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7771","title":{"rendered":"Die Bibel &#8211; ein Christusbuch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Bibel \u2013 ein Christusbuch. Reformatorische Schriftauslegung heute<\/strong><\/p>\n<p><strong>1.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Eine Renaissance der Heiligen Schriften im Islam und Judentum<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Gelegenheit hat, einmal ins \u00e4gyptische oder jordanische Fernsehprogramm zu sehen, wird erstaunt feststellen, welche Rolle dort der Koran spielt. Was bei uns die Ratespiele mit hohen Geldpreisen sind, das sind dort die Wettbewerbe um das Auswendiglernen von Koransuren. Mit gro\u00dfer Leidenschaft sind da alle Altersgruppen engagiert. Schon 10-j\u00e4hrige Sch\u00fcler bringen es zur Meisterschaft. Von einem Besuch in Durban\/S\u00fcdafrika ist mir ein riesiger Schriftzug an einem Hochhaus in Erinnerung geblieben: Read the Qoran, the last Testament.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer in Jerusalem eine Jeshiwa, eine Talmudschule besucht, findet sich pl\u00f6tzlich in einem gro\u00dfen Saal mit vielen schwarz gekleideten M\u00e4nnern wieder, die mit wippenden Bewegungen sich Talmudaussagen einpr\u00e4gen. Und wer dann noch an einem Bar Mizwa-Fest teilnimmt, wo der 13 j\u00e4hrige j\u00fcdische Junge (bzw. das 12 j\u00e4hrige M\u00e4dchen) in die j\u00fcdische religi\u00f6se Gemeinschaft aufgenommen wird, und die Begeisterung miterlebt, mit der die Jugendlichen aus der Thora vorlesen, und vielleicht auch noch an einem Einschulungsfest, wo die Schulanf\u00e4nger eine in einen goldenen Umschlag geh\u00fcllte j\u00fcdische Bibel feierlich \u00fcberreicht bekommen, der ahnt etwas von der zunehmenden Wertsch\u00e4tzung, die hier den Heiligen Schriften des Judentums entgegengebracht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo gibt es bei uns einen vergleichbaren Eifer um das Buch der B\u00fccher, die Bibel? Ist nicht eher Bibelfrust, Bibelm\u00fcdigkeit und Bibelvergessenheit festzustellen? Bei einem \u00c4rztekongre\u00df in Hannover erlebte ich, wie ein Kirchenvertreter ein Gru\u00dfwort sprach und nichts weiter zu sagen wu\u00dfte als eine j\u00fcdische Anekdote.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Unsere Bibelvergessenheit hat Tradition<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die deutschsprachige geistige Tradition wird wesentlich von Lessing, Kant und Goethe gepr\u00e4gt. Bibelchristen waren sie nicht. Lessing bestritt die Einzigartigkeit Jesu Christi und stellte den christlichen Glauben auf eine Stufe mit dem Judentum und Islam. Alle drei Religionen stiften zur Wahrheitssuche an, aber selber verk\u00f6rpern sie die Wahrheit nicht. Kant suchte im Menschen die Wurzeln der Moral und des Pflichtbewu\u00dftseins. Im Christentum sah er eine moralische Instanz und in Jesus einen moralisch hochwertigen Menschen. Aber da\u00df jemand freiwillig f\u00fcr die Schuld anderer litt und starb, damit konnte er nichts anfangen. Goethe glaubte an das Gute und Edle im Menschen und suchte das G\u00f6ttliche \u00fcberall in der Sch\u00f6pfung. In Christus den menschgewordenen Gott zu suchen, wozu die Heilige Schrift uns auffordert, das wollte er nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn alle Religionen nach der Wahrheit streben, braucht es keine christliche Mission mehr. Wenn die Moralit\u00e4t im Menschen zu finden ist, braucht es keine Bibel mehr. Wenn der Mensch aus sich heraus gut sein kann, braucht es keine Bekehrung. So entstand ein Christentum ohne Mission, ohne Bibel, ohne Bekehrung. In den Tornistern der deutschen Soldaten des 1. Weltkriegs sollen mehr Also sprach Zarathustra-Ausgaben als Bibeln gewesen sein. So wenig Pr\u00e4gekraft hatte dieses bibellose Christentum bereits in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Protestantismus hat als eine Bibelbewegung begonnen. Wenn er die Bibel nicht mehr ernst nimmt, schneidet er sich von seiner Wurzel ab und macht sich bedeutungslos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das Schicksal des Protestantismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor ein paar Tagen ist der anglikanische Erzbischof Rowan Williams vorzeitig zur\u00fcckgetreten, immerhin geistlicher Leiter von 80 Millionen Anglikanern weltweit. Den meisten englischen Zeitungen war das keine Titelschlagzeile wert. Mein Doktorvater war in den 80er Jahren Bischof einer evangelisch-lutherischen Landeskirche. Einmal sagte er mir, da\u00df die evangelischen Bisch\u00f6fe fr\u00fcher von der Bundesregierung gefragt wurden, wenn gr\u00f6\u00dfere Gesetzesvorhaben anstanden, seit einiger Zeit jedoch nicht mehr. Bedeutungsverlust. Die R\u00f6m.-kath. Kirche hat in ihrer Tradition und kirchlichen \u00dcberlieferung neben der Bibel ein zweites Standbein. Das hat der Protestantismus nicht. Wenn er die Bibel verliert, hat er alles verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann er wieder zu einer Bibelbewegung werden, so wie am Anfang? Wenn er einen Zugang zur Bibel findet, bei dem sie sich selber als Wort des lebendiges Gottes erschlie\u00dft. Einen Zugang, bei dem sich das Wort Gottes als Hammer erweist, der Felsen zerschmei\u00dft (Jer 23,29), als sch\u00f6pferisches Wort, das dem, was nicht ist, ruft, da\u00df es sei (R\u00f6m 4,17). Das ist nichts weniger als eine \u00dcberlebensfrage. Wo finden wir einen solchen Zugang? Wenn \u00fcberhaupt, dann in der reformatorischen Schriftauslegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Welche Autorit\u00e4t legt die Bibel letztverbindlich aus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorreformatorische Bibelexegese war extrem willk\u00fcrlich. Als Auslegungsprinzip hatte sich die sog. Quadriga durchgesetzt, ein vierfacher Schl\u00fcssel, wonach der Exeget den Bibeltext entweder w\u00f6rtlich, allegorisch, moralisch oder eschatologisch auslegte. Die allegorische Methode hatte jedoch alles \u00fcberwuchert. Papst Bonifaz VIII hat in seiner Bulle <em>Unam sanctam<\/em> von 1302 mit Hilfe der Allegorie den p\u00e4pstlichen Anspruch auf die Weltherrschaft begr\u00fcndet. In dieser Bulle wurde eine Stelle aus der Passionsgeschichte Jesu, wo die J\u00fcnger zwei Schwerter zu Jesus bringen (Luk 22,38), so umgedeutet, da\u00df das eine Schwert <em>von<\/em> der Kirche und das andere <em>f\u00fcr<\/em> die Kirche gebraucht werden sollte. Diese Willk\u00fcr wurde vom Lehramt der R\u00f6m.-kath. Kirche abgedeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zuge der beginnenden reformatorischen Bewegung kam es ab 1520 noch zu einer ganz anderen Bibelauslegung. Theologen wie Thomas M\u00fcntzer propagierten eine subjektive, auf \u00fcbernat\u00fcrlichen Erleuchtungen beruhende Bibelauslegung, die schlie\u00dflich den offenen Aufruhr gegen die F\u00fcrsten als n\u00f6tig verk\u00fcndete, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen diesen beiden Autorit\u00e4ten mu\u00dfte sich die Reformation ihren Zugang zur Bibel suchen. Beiden Autorit\u00e4ten gegen\u00fcber, dem kirchlichen Lehramt und der subjektiven Erleuchtung, blieb sie zutiefst mi\u00dftrauisch. Zu offensichtlich waren die negativen Folgen dieses Umgangs mit der Bibel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurzer Exkurs in die Gegenwart. Welche Autorit\u00e4ten bestimmen heute die offizielle kirchliche Bibelauslegung in der evangelischen Kirche? Der Gemeindehilfsbund hat im Oktober verg. Jahres an den Rat der EKD, an das Pr\u00e4sidium der Synode der EKD und an die Kirchenleitungen aller 22 Landeskirchen in Deutschland eine Resolution geschickt, die von den Teilnehmern eines bundesweiten Glaubens- und Besinnungstages am 24.9.11 verabschiedet worden war. Darin wurde erkl\u00e4rt, da\u00df die \u00d6ffnung der evangelischen Pfarrh\u00e4user f\u00fcr gleichgeschlechtliche Partnerschaften gegen Geist und Buchstaben der Heiligen Schrift verst\u00f6\u00dft. In der Antwort des Kirchenamts der EKD hei\u00dft es w\u00f6rtlich: \u201eDie EKD nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, mit dem Pfarrdienstgesetz nicht eine blo\u00dfe Anpassung an den Zeitgeist vorgenommen zu haben, sondern Grunds\u00e4tze christlichen Wirklichkeitsverst\u00e4ndnisses und Glaubens verantwortlich auf die gegenw\u00e4rtige Situation und heutige Erkenntnisse zu beziehen\u201c. Wir sind also wieder beim kirchlichen Lehramt als letzter Auslegungsinstanz angekommen. Noch einmal: Wie haben die Reformatoren die Heilige Schrift ausgelegt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Suche nach einem gn\u00e4digen Gott<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hatte nicht Luther alles getan, um den Frieden mit Gott zu finden. Die Entscheidung, M\u00f6nch zu werden, strenges Fasten, intensive Beichtgespr\u00e4che, strikter Gehorsam gegen\u00fcber den Vorgesetzten, die Reise nach Rom. Die bange Frage, ob das ausreicht, um vor den strengen Augen Gottes zu bestehen, konnte er nicht beantworten. Wie finde ich die Gewi\u00dfheit, da\u00df Gott mir gn\u00e4dig ist? Bei der Vorbereitung auf eine R\u00f6merbriefvorlesung wird er unruhig bei R\u00f6m 1,17: \u201eIm Evangelium wird Gottes Gerechtigkeit offenbart\u201c. Ein gerechter Gott mu\u00df mich strafen, b\u00f6se wie ich bin. Das ist kein Evangelium f\u00fcr mich. Da wird ihm ein neues Verst\u00e4ndnis von R\u00f6m 1,17 geschenkt. Gottes Gerechtigkeit, das ist nicht seine richterliche Gerechtigkeit, mit der er die Guten belohnt und die B\u00f6sen bestraft, sondern seine errettende Gerechtigkeit, mit der er allen Menschen Heil und Vergebung gibt, die an Christus glauben. Christus als Inbegriff des gn\u00e4digen Gottes, das wird zum Lebensthema der Reformation. Und damit ist ein neuer Zugang zur Bibel ge\u00f6ffnet. Die Bibel wird zum Christusbuch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht so, da\u00df nun \u00fcberall Spuren zu Christus gesucht werden, so wichtig sie sind, sondern so, da\u00df die Bibel als Heilsbuch verstanden wird, das nur <em>ein <\/em>Ziel hat, Christus zu offenbaren. In diesem Horizont erkennt Luther \u00fcberall den Christusbezug. \u201eDas ist unbezweifelt, da\u00df die ganze Schrift auf Christus allein gerichtet ist\u201c (Von Menschenlehre zu meiden, 1522). \u201eChristus ist der Mittelpunkt des Zirkels, und alle Historien in der Heiligen Schrift, insofern sie recht angesehen werden, gehen auf Christus\u201c (Predigt \u00fcber Joh 3,13f, 1538).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gottes Reden durch die Heilige Schrift<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die ganze Bibel ein Christusbuch ist, k\u00f6nnte man denken, sie sei durch und durch Evangelium. Doch das w\u00e4re ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Es liegt ja auch auf der Hand, da\u00df die Bibel keineswegs \u00fcberall Gottes Gnade zuspricht, sondern voller Gebote und Ermahnungen ist, im Alten und Neuen Testament. Sie ist, so das reformatorische Schriftverst\u00e4ndnis, Gesetz und Evangelium, Anspruch und Zuspruch Gottes zugleich, und zwar sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Beides, Gesetz und Evangelium, mu\u00df in gleicher Weise gepredigt und geh\u00f6rt werden. Das gepredigte Gesetz zeigt uns unser ganzes Unverm\u00f6gen, unsere ganze Bed\u00fcrftigkeit und macht uns zu S\u00fcndern vor Gott. Das gepredigte Evangelium zeigt uns Christus als unseren Herrn und Heiland und lockt uns, mit unserer S\u00fcnde zu ihm zu kommen und bei ihm Vergebung und neues Leben zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gemeinde oder eine Kirche, die nur das Evangelium predigt, verfehlt den geistlichen Zweck der Bibel genauso wie eine Verk\u00fcndigung, die nur ermahnt und anklagt. Die \u00f6ffentliche Verk\u00fcndigung in den evangelischen Kirchen leidet heute massiv unter einem Mangel an vollm\u00e4chtiger Gesetzespredigt. Die S\u00fcnde wird namenlos gemacht, um ein Wort von Pastor Heinrich Kemner aufzugreifen. S\u00fcnde gibt es nur noch in ungerechten Verh\u00e4ltnissen und gesellschaftlichen Strukturen, aber die Schuld des Einzelnen wird nicht mehr beim Namen genannt. Ehebruch, Abtreibung, Unzucht, Habgier, L\u00fcge, Unbu\u00dfwilligkeit. Dem Anspruch Gottes an den Menschen wird die Spitze abgebrochen. Die Liebe Gottes deckt ja alles zu. Genauso gravierend ist aber auch der Mangel an vollm\u00e4chtiger Evangeliumspredigt. Der Ruf zu Christus, der Ruf zur Beichte, der Ruf zur Bekehrung ist leise geworden. Der Mensch bleibt allein gelassen mit seiner unvergebenen Schuld. Das ist ein geistliches Drama ohnegleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann die Predigt des Gesetzes und Evangeliums konkret aussehen? Zwei Beispiele. In Hiob 1,1 wird Hiob geschildert als fromm, rechtschaffend, gottesf\u00fcrchtig und das B\u00f6se meidend. Das ist zun\u00e4chst Gesetz, denn Gott hat diesen Anspruch an uns alle. Aber es ist auch Evangelium, denn in Christus kann Gott und will Gott uns umgestalten. In Spr 6,6 wird der Flei\u00df der Ameise als Vorbild hervorgehoben. Das Gesetz fragt: Wie steht es mit unserem Flei\u00df? Das Evangelium verhei\u00dft: Jesus hilft mir meine Priorit\u00e4ten zu ordnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Klarheit der Schrift<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Infolge der Dominanz der historisch-kritischen Bibelauslegung hat sich bei vielen Christen die \u00dcberzeugung gebildet, da\u00df zwischen den biblischen Texten und uns heute eine tiefe Kluft besteht, die nur durch kritische und geschichtliche Erforschung \u00fcberwunden werden kann. So erkl\u00e4rte eine evangelische Synode 1998 \u201eWir halten es f\u00fcr grundlegend, da\u00df jede sachgem\u00e4\u00dfe Bibelauslegung die Distanz zwischen der konkreten Situation damals und der heutigen Situation auf vern\u00fcnftige, dem heutigen Leben dienliche Weise zu ber\u00fccksichtigen hat\u201c. Da\u00df die Heilige Schrift selber die Kraft hat, den geschichtlichen Abstand zu uns heutigen Menschen zu \u00fcberwinden, kommt in solchen Stellungnahmen nicht mehr vor. Hier kann die reformatorische Lehre von der Klarheit bzw. Verst\u00e4ndlichkeit der Schrift helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Lehre ergibt sich folgerichtig aus der Erkenntnis der Gnade Gottes. Wenn Gottes Liebe zur verlorenen Menschheit so stark ist, da\u00df er seinen Sohn in die Welt sandte und dahingab, dann hat Gott auch daf\u00fcr Sorge getragen, da\u00df die Botschaft von diesem Ereignis klar und verst\u00e4ndlich niedergeschrieben wurde und der Menschheit bekanntgemacht wird. Wenn Gott das h\u00f6chste Geheimnis \u00fcberhaupt, n\u00e4mlich seine Menschwerdung, so deutlich und vor so vielen Zeugen vor aller Welt offenbart hat, wie er es getan hat, dann gibt es im Grunde keine Unklarheiten mehr, die nicht im Lichte dieses Geschehens erhellt werden k\u00f6nnen. So argumentiert Luther in seiner Schrift \u201eVom verknechteten Willen\u201c gegen Erasmus von Rotterdam (1525). Gleichzeitig betont er, da\u00df diese \u201e\u00e4u\u00dfere Klarheit\u201c der Schrift, also ihre Verst\u00e4ndlichkeit, nicht unmittelbar zum Glauben, zur \u201einneren Klarheit\u201c f\u00fchrt, sondern da\u00df es dazu der Erleuchtung durch den Heiligen Geist bedarf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df historische, linguistische, arch\u00e4ologische, geographische oder sozialgeschichtliche Untersuchungen zum Umfeld der Bibel n\u00fctzliche Erkenntnisse vermitteln, steht au\u00dfer Frage. Aber klar und verst\u00e4ndlich ist die Bibel auch ohne sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Selbstauslegung der Schrift<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eng mit der Lehre von der doppelten Klarheit der Schrift h\u00e4ngt die Lehre von der Selbstauslegung der Schrift zusammen. Auch dieser Grundsatz ist theologisch, als Aussage \u00fcber Gott, zu verstehen. Wer in pers\u00f6nlicher Existenznot nach Gottes Gnade in Christus greift, verl\u00e4\u00dft sich darauf, da\u00df Gott selbst ihn zu einem richtigen Schriftverst\u00e4ndnis f\u00fchrt und er nicht die eigenen frommen W\u00fcnsche in die Schrift hineinlegt. Der Glaube vertraut sich Gott auch im Umgang mit der Schrift vorbehaltlos an. Mit dem Grundsatz der Selbstauslegung der Schrift hat Luther den unmittelbaren Zugang zur Bibel er\u00f6ffnet und die Freiheit des Christen von aller Bevormundung durch kirchliche oder theologische Instanzen gew\u00e4hrleistet. Auch die Selbstauslegung der Schrift ist christozentrisch gemeint. Die Schrift, oder besser gesagt der Heilige Geist, legt alles auf Christus hin aus. Jede Schriftstelle sagt mir dann, wer ich vor Gott bin und was ich in Christus habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die reformatorische Lehre von der Selbstauslegung der Schrift ist heute von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Kirchliche Bl\u00e4tter verbreiten ungehindert Exegesen, welche die Fundamente des christlichen Glaubens verr\u00fccken. In der \u201eEvangelischen Zeitung\u201c vom 19.2.2012 war zu lesen, da\u00df die \u201eS\u00fchnopfertheorie\u201c zuerst von Paulus formuliert und dann von Anselm v. Canterbury auf den \u201edogmatischen Punkt\u201c gebracht worden sei, da\u00df ihr aber schon immer widersprochen worden sei. Diese Theorie sei f\u00fcr Paulus \u201eexistentiell ganz wichtig\u201c gewesen, \u201eum seine eigenen Schuldgef\u00fchle bei der Verfolgung der jungen Gemeinde verarbeiten zu k\u00f6nnen\u201c. Der Verfasser schl\u00e4gt statt dessen die folgende Deutung des Todes Jesu vor: \u201eIn Jesus hat Gott die unbeugsame Liebe zum irdischen Leben und zu allen Menschen in innerer und \u00e4u\u00dferer Not unbeirrt durchgehalten\u201c. Mit wenigen Strichen wird hier das Vers\u00f6hnungswerk Gottes auf Golgatha durchgestrichen. Wie gut, da\u00df sich die Schrift selber auslegt, auf Christus hin!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>9.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die reformatorische Schriftauslegung wird durch Paulus best\u00e4tigt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00e4hle eine Kernaussage aus dem 2. Brief des Paulus an Timotheus aus. Paulus ermahnt Timotheus, bei den Heiligen Schriften zu bleiben, in die er schon von Kind auf unterwiesen worden ist. Dann sagt er als Grund: \u201eSie k\u00f6nnen dich unterweisen zur Errettung durch den Glauben an Christus Jesus\u201c (2 Tim 3,15). Die Aussage des Apostels ist erstaunlich. Wenn er \u201eHeilige Schriften\u201c sagt, meint er selbstverst\u00e4ndlich die B\u00fccher des Alten Testaments. Den neutestamentlichen Kanon gab es zu seiner Zeit noch nicht. Das Alte Testament vermag also im Glauben an Christus Jesus zu unterweisen. Wie kann er so etwas sagen? Weil die B\u00fccher des Alten Testaments Christusb\u00fccher sind. Weil Gott im Alten Testament durch Anspruch und Zuspruch redet. Weil es klar und verst\u00e4ndlich vom Heil Gottes spricht. Und weil es sich selber zu Christus hin auslegt. Wir sehen, da\u00df die reformatorische Schriftauslegung durch das Zeugnis der Apostel gest\u00fctzt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>10.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Heilige Geist ist der Verfasser der Bibel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bleiben bei 2 Tim 3, weil wir hier noch weitere Entdeckungen zur Schriftauslegung machen k\u00f6nnen. Paulus sagt in V. 16a, da\u00df die Schriften von Gott gehaucht sind. Hauch \u2013 Atem \u2013Geist, das ist ein und dasselbe. Die Schriften des Alten Testaments, und wir k\u00f6nnen getrost hinzuf\u00fcgen auch die Schriften des Neuen Testaments haben auf geheimnisvolle Weise den Heiligen Geist zum Verfasser. Aber wir wissen aus R\u00f6m 8,16, da\u00df der Heilige Geist mit dem menschlichen Geist korrespondiert. Er entm\u00fcndigt ihn nicht, er bevollm\u00e4chtigt ihn. Es war der vom Heiligen Geist inspirierte Geist der biblischen Verfasser, der ihre Schriften zu Christusb\u00fcchern gemacht hat. Wenn wir das verstehen, werden wir dem\u00fctig vor diesem Wunder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luthers letzte Aufzeichnung kurz vor seinem Tod lautet: Den Vergil in seinen Bucolicis (Hirtenliedern) kann niemand verstehen, er sei denn f\u00fcnf Jahre Hirte gewesen. Den Vergil in seinen Georgicis (Bauernliedern) kann niemand verstehen, er sei denn f\u00fcnf Jahre Ackermann gewesen. Den Cicero in seinen Episteln kann niemand ganz verstehen, er habe denn f\u00fcnfundzwanzig Jahre sich in einem gro\u00dfen Gemeinwesen bewegt. Die Heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten wie Elia und Elisa, Johannes dem T\u00e4ufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert. Lege nicht Hand an diese g\u00f6ttliche \u00c4neis, sondern gehe anbetend ihren Fu\u00dfstapfen nach. Wir sind Bettler. Das ist wahr. 16. Februar, anno 1546<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>11.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Bibel als Lehrer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2 Tim 3,16b nennt Paulus die von Gottes Geist inspirierten Schriften \u201en\u00fctzlich zur Lehre\u201c. Lehre im biblischen Sinn, das ist etwas anderes als unsere schulische und akademische Wissensvermittlung, das ist Ein\u00fcbung in die Bew\u00e4ltigung des Lebens. In diesem Sinn war Jesus Lehrer. Die J\u00fcnger nannten ihn Rabbi, w\u00f6rtlich \u201emein Lehrer\u201c, \u201emein Meister\u201c. Er \u00fcbte sie ein in ein Leben unter Gottes Herrschaft. Und die Bergpredigt ist die Verfassung dieses Lebens. So und nicht anders lehrt die Bibel: Es geht ihr um Lebensbew\u00e4ltigung, es geht um Todesbew\u00e4ltigung, es geht um Zukunftsbew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>12.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Leben lernen und sterben lernen durch die Bibel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paulus schildert in 2 Tim 3,16b einen dreifachen geistlichen Nutzen der Bibel. Was kein Mensch vermag, das kann das Buch der B\u00fccher. 12.1: Die Bibel deckt Schuld auf. Wenn Menschen versuchen, unsere Schuld aufzudecken, reagieren wir gereizt und \u201eent-schuldigen\u201c uns. Die Bibel schafft das Wunder: sie macht uns zu S\u00fcndern und wir sagen Ja dazu. 12.2: Die Bibel bringt uns auf den richtigen Weg. Niemand sonst kennt den richtigen Weg. Nur Christus, der es von sich selber so sagt. 12.3: Die Bibel erzieht uns zu einem Leben nach Gottes Willen. Gottes Willen ist, da\u00df wir ihn \u00fcber alles lieben und unseren N\u00e4chsten so wie uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bibel \u2013 ein Christusbuch. Reformatorische Schriftauslegung heute 1.)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Eine Renaissance der Heiligen Schriften im Islam und Judentum Wer Gelegenheit hat, einmal ins \u00e4gyptische oder jordanische Fernsehprogramm zu sehen, wird erstaunt feststellen, welche Rolle dort der Koran spielt. 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