{"id":7711,"date":"2012-03-09T17:10:59","date_gmt":"2012-03-09T15:10:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7711"},"modified":"2012-03-09T17:10:59","modified_gmt":"2012-03-09T15:10:59","slug":"lubecker-leuchtfeuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7711","title":{"rendered":"L\u00fcbecker Leuchtfeuer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>L\u00fcbecker Leuchtfeuer &#8211; <\/strong><strong>Vier M\u00e4rtyrer in NS-Regime und der \u00f6kumenische Ernstfall<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 10. November 1943 wurden vier L\u00fcbecker Geistliche im Hamburger Gef\u00e4ngnis am Holstenglacis mit dem Fallbeil hingerichtet: die drei katholischen Kapl\u00e4ne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard M\u00fcller sowie der evangelisch-lutherische Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Der nationalsozialistische Volksgerichtshof hatte sie wegen \u201eWehrkraftzersetzung, Heimt\u00fccke, Feindbeg\u00fcn\u00adstigung und Abh\u00f6ren von Feindsendern\u201c zum Tode verurteilt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vier M\u00e4nner waren keine bekannten Gr\u00f6\u00dfen der Stadt, hatten auch keine politischen oder \u00adkirchenpolitischen Ambitionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie \u00fcbten ihren Beruf in der katholischen Herz-Jesu Gemeinde und an der Lutherkirche mit Engagement und innerer Leidenschaft aus und genossen das Vertrauen ihrer Gemeinden. Was hatten die \u201eL\u00fcbecker M\u00e4rtyrer\u201c verbrochen, dass sie zum Schweigen gebracht werden mussten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Geistverwandte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pastor Stellbrink und Kaplan Prassek lernen sich im Sommer 1941 auf einer Beerdigung kennen. Aus dem spontanen Kontakt ergeben sich offene Gespr\u00e4che, bald auch mit den Priesterkollegen Lange und M\u00fcller. Stellbrink besucht den Gottesdienst seiner Amtskollegen, sie f\u00fchren Glaubensgespr\u00e4che, tauschen Informationen und geistliche Texte aus. So lernen die drei Katholiken den widerst\u00e4ndigen evangelischen Landesbischof Theophil Wurm kennen und der Lutheraner die klarsichtigen Predigten des katholischen Bischofs von M\u00fcnster, Clemens August Graf von Galen. Diese Kirchenm\u00e4nner hatten unabh\u00e4ngig voneinander gewagt, \u00f6ffentlich gegen das Euthanasieprogramm der \u00adNazis zu protestieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein menschlicher oder seelsorgerlicher Austausch von evangelischen und katholischen Amtstr\u00e4gern ist zu dieser Zeit h\u00f6chst ungew\u00f6hnlich. Es herrscht Funkstille zwischen den Konfessionen. Doch die vier Geistlichen werden durch einen anderen, einen konfessions\u00fcbergreifenden Funkenflug verbunden. Sie erkennen einander schnell als Geschwister eines Geistes. Immer klarer wagen sie, den un\u00fcberwindbaren Wider\u00adspruch zwischen ihrem christlichen Glauben und der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten zu benennen und sind sich einig darin, sich \u00adderen Allmachtsanspruch nicht zu beugen. Das Gebot, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, wird f\u00fcr sie zum Ernstfall. Gemeinsam vervielf\u00e4ltigen und verbreiten sie die NS-kritischen Predigten des Bischofs von Galen. Von der Kanzel, in ihren Jugendgruppen und in Flugschriften bringen sie die staatlich verordnete Todeskultur zur Sprache: Krieg, Euthanasieprogramm, \u00adJudenverfolgung, und beziehen eindeutig Stellung \u00adgegen Unrecht und Willk\u00fcr. Stellbrink verkehrt offen mit Juden. Der charismatische Prassek betreut heimlich Zwangsarbeiter aus \u00adPolen, nimmt ihnen die Beichte ab und lernt \u00adeigens daf\u00fcr Polnisch. In all dem gehen sie weit \u00fcber die offizielle Haltung ihrer Kirchen hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie praktizieren \u00d6kumene, ohne das Wort zu \u00adbenutzen. Ihre Freundschaft und ihr an Jesus Christus gebundenes Gewissen \u00fcberwinden das Trennende zwischen ihnen und f\u00fchren sie zu einem gemeinsamen Handeln, das die Wahrheit \u00fcber die L\u00fcge und die Menschenw\u00fcrde \u00fcber die Menschenverachtung stellt. Ein lebensgef\u00e4hr\u00adliches Unternehmen zu dieser Zeit!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vom Nazi zum Widerstandsk\u00e4mpfer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei ist Karl Friedrich Stellbrink, Jahrgang 1894, noch \u00fcberzeugter Nationalsozialist als er 1934 an die Lutherkirche berufen wird. Doch dann erlebt er, wie seine Kirche immer st\u00e4rker bevormundet und ihre Freiheit, besonders in der Jugendarbeit, immer weiter beschnitten wird. Sp\u00e4ter darf der ehemalige Auslandspfarrer in Brasilien au\u00dferhalb seiner Gemeinde nicht mehr auftreten und keine Krankenhausseelsorge mehr aus\u00fcben, auch seine Gemeindezeitung wird verboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schl\u00fcsselerlebnis wird f\u00fcr ihn, dass er eines Tages in der Friedhofskapelle, in der kurz zuvor eine lokale Nazi-Gr\u00f6\u00dfe beerdigt worden war, das gro\u00dfe Kruzifix mit einem schwarzen Mantel verh\u00e4ngt sieht. Stellbrink ist au\u00dfer sich, dass \u201eChristus mundtot gemacht wird\u201c und die selbst ernannten Heilsbringer des Tausendj\u00e4hrigen Reiches ihren Christushass unverh\u00fcllt zur Schau stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ende M\u00e4rz 1942 erlebt L\u00fcbeck als erste deutsche Stadt einen verheerenden Bombenangriff der \u00adAlliierten. In seiner Predigt am Palmsonntag sagt der \u00fcbern\u00e4chtigte und aufgew\u00fchlte Pfarrer, Gott habe in dieser Nacht mit m\u00e4chtiger Stimme geredet! Das Wort vom Gottesgericht macht in der Stadt die Runde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 7. April wird er von der Geheimen Staatspolizei in \u201eSchutzhaft\u201c genommen. Nicht lange danach folgen die drei Kapl\u00e4ne und mit ihnen 17 Gemeindeglieder. Ein Mann der Gestapo hatte sich als \u201eKonvertit\u201c in die Gemeinde einge\u00adschlichen und ein Jahr lang Material gegen ihre Hirten gesammelt. Auf diesem Weg war man auf die enge Verbindung zum evangelischen Stellbrink gesto\u00dfen, in den Augen der Staatssicherheit eine alarmierende Verb\u00fcndung. Nun war die Gelegenheit gekommen, die Kirchenm\u00e4nner aus dem Verkehr zu ziehen. Alle vier werden \u201eder Vorbereitung des Hochverrats\u201c angeklagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr als ein Jahr zerm\u00fcrbenden Wartens vergeht, bis die Angeklagten ihren \u201eProzess\u201c bekommen. W\u00e4hrend Stellbrink zeitweise mit seinem geistlichen Mitbruder Hermann Lange eine Zelle teilt und mehrmals seine Familie empfangen darf, \u00adleidet Johannes Prassek in der Untersuchungshaft unter qu\u00e4lendem Hunger, K\u00e4lte und Isolation. Von \u00c4ngsten und Gewissenszweifeln sind alle geplagt. Von Anfang an werden sie vom Gericht als \u00adKriminelle behandelt. In der Anklageschrift wird alles gestrichen, was geistlichen Inhalt hat oder auf geistliche Motive schlie\u00dfen l\u00e4sst. Hitler pers\u00f6nlich hatte angeordnet, Hinweise zu entfernen, die sie mit dem \u201eL\u00f6wen von M\u00fcnster\u201c, dem aufm\u00fcpfigen Bischof von Galen, in Verbindung bringen k\u00f6nnten. Man wollte um jeden Preis vermeiden, dass die Angeklagten als Glaubenszeugen wahrgenommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abschiedsschmerz und Glaubensfreude<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 23. Juni 1943 ergeht an alle vier Angeklagten das Todesurteil. Im Abstand von drei Minuten werden sie hingerichtet. Ihr Blut flie\u00dft im \u00adwahrsten Sinne des Wortes ineinander. So wird ein Exempel statuiert, das vor allem die beiden Kirchen abschrecken soll. Die linientreue evang. Landeskirche hatte Stellbrink sowieso umgehend als \u201eVolksverr\u00e4ter\u201c fallen gelassen. Die katholischen Kapl\u00e4ne hatten zwar ihre Gemeinde hinter sich und geistlichen Beistand durch ihre Vorgesetzten, ihr Verhalten allerdings mochten auch diese nicht billigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor ihrer Hinrichtung schreiben die Verurteilten Abschiedsbriefe an ihre Angeh\u00f6rigen, von denen einige erst j\u00fcngst wiederentdeckt wurden. Aus ihnen geht hervor, wie tief sie sich von Jesus gehalten wussten. Den Brief des 31-j\u00e4hrigen Hermann Lange an seine Eltern bezeichnete Thomas Mann als \u201edas sch\u00f6nste Zeugnis f\u00fcr die Gabe christkatholischen Glaubens\u201d: Wenn Ihr diesen Brief in den H\u00e4nden haltet, weile ich nicht mehr unter den Lebenden! \u2026 Welcher Trost, welch wunderbare Kraft geht doch aus vom Glauben an Christus, der uns im Tode voraufgegangen ist. \u2026Heute ist die gro\u00dfe Heimkehr ins Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller Spannung sein? Ich umfange Euch alle noch einmal mit einem innigen Kuss der Liebe. Auf Wiedersehen oben beim Vater des Lichtes! Euer gl\u00fccklicher Hermann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ehrendes Gedenken und Seligsprechung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eL\u00fcbecker M\u00e4rtyrer\u201c sind au\u00dferhalb ihrer \u00adRegion wenig bekannte Widerstandsk\u00e4mpfer, doch durch ihr gemeinsames Lebenszeugnis wurden Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard M\u00fcller und Karl Friedrich Stellbrink zu \u201eleuch\u00adtenden Wegmarken der \u00d6kumene\u201c, wie Papst \u00adBenedikt XVI. sie nennt. An ihnen werde deutlich, \u201ewie Menschen aus ihrer christlichen \u00dcberzeugung heraus f\u00fcr den Glauben, f\u00fcr das Recht der ungehinderten Religionsaus\u00fcbung und der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung und f\u00fcr die Menschenw\u00fcrde ihr Leben hinzugeben bereit sind. Man mag sich fragen, ob es auch heute noch Christen gibt, die mit einer solchen Kompromisslosigkeit f\u00fcr ihren Glauben eintreten?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 25. Juni 2011 wurden die drei Kapl\u00e4ne in \u00adL\u00fcbeck im Beisein des evangelischen Bischofs der Nordelbischen Kirche in einer feierlichen \u00adZeremonie seliggesprochen. In einem Gottesdienst mit 700 Christen beider Konfessionen fand am Vorabend des Pontifikalamtes ein \u00adehrendes Gedenken an Pastor Stellbrink in \u201eseiner\u201c Luther\u00adkirche statt. Denn auf keinen Fall wollte man die Vier auseinanderrei\u00dfen. Der langj\u00e4hrige \u00d6kumene\u00adbeauftragte Kardinal Kasper betonte, es sei ihr Verdienst, dass \u00d6kumene heute so selbstverst\u00e4ndlich praktiziert werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn Evangelische die liturgische Seligsprechung nicht kennen, gilt die Seligpreisung Jesu in der Bergpredigt ganz gewiss allen vier Geist\u00adlichen, die f\u00fcr ihn und seine Wahrheit ihr Leben lie\u00dfen: Selig seid ihr, wenn sie euch schm\u00e4hen und verfolgen und allerlei B\u00f6ses gegen euch sagen um meinetwillen: Freut euch und jubelt, denn euer Lohn im Himmel wird gro\u00df sein! (Mt 5, 11-12)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Historiker Peter Voswinckel bekannte in \u00adeinem Interview, dass ihm die Besch\u00e4ftigung mit den L\u00fcbecker M\u00e4rtyrern neu zu Bewusstsein \u00adgebracht habe, wie leichtfertig die evangelische Kirche Grund\u00fcberzeugungen des Christentums \u00fcber Bord geworfen habe, wie schnell man etwa das Alte Testament fallengelassen habe. Dann stellte er die Frage: \u201eWie stehen wir heute zu den Grundwahrheiten?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rtyrer sind Ermutiger des Glaubens. Sie rufen uns aus Bequemlichkeit und Unverbindlichkeit zu einer entschiedenen und beharrlichen Nachfolge Jesu, die die Kraft f\u00fcr ihren Freimut und ihr Stehverm\u00f6gen von Ihm her bezieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Angela Ludwig, <a href=\"http:\/\/www.ojc.de\/\">Offensive Junger Christen<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Erschienen in: <\/em><em><a href=\"http:\/\/www.ojc.de\/salzkorn\/oekumene-einheit-der-christen\/luebecker-maertyrer-ernstfall-ns-regime.html\">Salzkorn<\/a> 1\/2012, Es ist eingelassen. Luther, Eck und ihre Erben. Themenheft: \u00d6kumene, S. 30-33.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00fcbecker Leuchtfeuer &#8211; Vier M\u00e4rtyrer in NS-Regime und der \u00f6kumenische Ernstfall Am 10. 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