{"id":7618,"date":"2012-02-10T17:49:47","date_gmt":"2012-02-10T15:49:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7618"},"modified":"2012-02-10T17:49:47","modified_gmt":"2012-02-10T15:49:47","slug":"biblische-sexualethik-eine-evangelikale-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7618","title":{"rendered":"Biblische Sexualethik: Eine evangelikale Perspektive"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Biblische Sexualethik: Eine evangelikale Perspektive<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach klassischer christlicher \u00dcberzeugung ist die Heilige Schrift die ausschlaggebende Grundlage und Norm alles christlichen und kirchlichen Lehrens und Lebens. Allerdings kann man eine christliche Ethik nicht einfach mit dem Argument begr\u00fcnden, dass etwas &#8222;in der Bibel steht&#8220;. Denn der biblische Kanon aus Altem und Neuem Testament mit seinen zahlreichen ganz unterschiedlichen Prinzipien, Gesetzen und Anweisungen weist eine innere Logik auf, die unbedingt beachtet werden muss. Nicht alle biblischen Imperative sind f\u00fcr den christlichen Bibelleser g\u00fcltig.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mose ist tot<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weite Teile der B\u00fccher Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium bestehen aus Gesetzestexten. In der rabbinischen Literatur hei\u00dft es, das Gesetz des Mose enthalte insgesamt 613 Gebote. Neben den sogenannten Zehn Geboten, die das Zentrum des gesamten Gesetzes darstellen (Ex 31,18; Dtn 9,10), stehen Opfergesetze, Speisegesetze, Strafgesetze und vieles mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All diese Gesetze waren f\u00fcr das biblische Volk Israel verbindlich, haben aber aus christlicher Sicht mit dem Kommen des Messias Jesus ihre unmittelbare G\u00fcltigkeit verloren. Dem einstimmigen Zeugnis der Evangelien zufolge hat Jesus sich \u00fcber die Sabbatgebote hinweggesetzt (Mt 12,1-14 par). Er tat dies in dem Bewusstsein, in einer h\u00f6heren Autorit\u00e4t zu wirken als Mose und eine neue Phase der Heilsgeschichte zu er\u00f6ffnen, in der das alttestamentliche Gesetz durch das Evangelium \u00fcberboten wird (Lk 16,16).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Apostel Paulus hat das mosaische Gesetz ebenfalls als eine notwendige aber durch das Kommen des Messias abgeschlossene Phase der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk und der Menschheit angesehen (Gal 3,19-20.23-26; 4,4-5; 5,1 u. \u00f6.). &#8222;Christus ist das Ende des Gesetzes&#8220; (R\u00f6m 10,4). Der alte Bund, zu dem das Gesetz des Mose geh\u00f6rte, wurde mit dem Kommen Christi beendet (Hebr 8,13).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders markant hat Martin Luther sich in seiner im August 1525 gehaltenen Predigt &#8222;Eine Unterrichtung wie sich die Christen in Mose sollen schicken&#8220; zur Freiheit des Christen vom alttestamentlichen Gesetz ge\u00e4u\u00dfert: &#8222;Das Gesetz Moses geht die Juden an, es bindet uns somit von vornherein nicht mehr&#8220;. Au\u00dferdem: &#8222;Mose ist tot, sein Regiment ist aus gewesen, als Christus kam; seither gilt er nicht&#8220;. Diese Aussagen bezog Luther auch auf den Dekalog. Die Zehn Gebote seien nur dem Volk gegeben worden, das Gott aus \u00c4gypten herausgef\u00fchrt hat (Ex 20,2).[1]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem Grund spricht theologisch nichts dagegen, dass Christen am Sabbat Holz sammeln (vgl. Num 15,32-36) und ein Feuer anz\u00fcnden (vgl. Ex 35,3), um ein St\u00fcck Schweinfleisch zu braten und zu essen (vgl. Lev 11,7), und ein Glas Milch dazu trinken (vgl. Ex 23,19).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Liebe und tu was du willst<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer im Neuen Testament nach einem ethischen Ma\u00dfstab sucht, der an die Stelle des mosaischen Gesetzes tritt, st\u00f6\u00dft auf das Liebesgebot. Die zahlreichen alttestamentlichen Gesetze, die das zwischenmenschliche Verhalten regeln sollten, werden von Jesus in der Bergpredigt in einem Gebot zusammengefasst: &#8222;Alles, was euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten&#8220; (Mt 7,12; vgl. 22,40).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Paulus gilt f\u00fcr die christliche Ethik die Regel: &#8222;Seid niemandem irgendetwas schuldig, als nur einander zu lieben; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erf\u00fcllt&#8220;. Die zwischenmenschlichen Gebote der sogenannten zweiten Tafel des Dekalogs lassen sich durch eine einzige ethische Zentralanweisung zusammenfassen, die unter den zahlreichen alttestamentlichen Einzelgeboten nur eine relativ untergeordnete Rolle gespielt hat: &#8222;Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst&#8220; (Lev 19,18). Anders gesagt: &#8222;Die Liebe tut dem N\u00e4chsten nichts B\u00f6ses&#8220; (R\u00f6m 13,8-13). Dieses Liebesgebot bezeichnet Paulus als das &#8222;Gesetz Christi&#8220; (Gal 6,2; vgl. 5,14). Wer sich konsequent an dieses eine christliche Zentralgebot h\u00e4lt, braucht sich um die vielen Einzelgesetze des Pentateuch nicht mehr zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist der biblische Hintergrund der ber\u00fchmten Aussage Augustins, der im Jahr 415 n. Chr. in seiner Auslegung von 1 Joh 4 betont hat, die menschlichen Taten m\u00fcssten danach beurteilt werden, ob sie aus Liebe geschehen. Daraus folgerte er: &#8222;Liebe und tu was du willst&#8220;. Denn der Wurzel der Liebe k\u00f6nne nur Gutes entspringen.[2]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Er schuf sie als Mann und Frau<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings ist das Liebesgebot nicht die einzige Grundregel, die Jesus und Paulus bei der Begr\u00fcndung ihrer ethischen Anweisungen angewandt haben. Im Liebesgebot sahen sie zwar die Zusammenfassung des alttestamentlichen Gesetzes \u2013 aber nicht des gesamten Alten Testaments, an dessen Anfang die Sch\u00f6pfungsgeschichte steht. Das, was in Genesis 1-2 \u00fcber die Erschaffung des Menschen ausgesagt wird, ist weder von Jesus noch von Paulus jemals in Frage gestellt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf das Verh\u00e4ltnis der Geschlechter und die Sexualethik finden sich in der Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung zwei Grundaussagen: &#8222;Gott schuf den Menschen nach seinem Bild \u2026 Er schuf sie als Mann und Frau&#8220; (Gen 1,27). Und: &#8222;Darum wird ein Mann \u2026 seiner Frau anh\u00e4ngen, und sie werden zu einem Fleisch werden&#8220; (Gen 2,24). Anhand dieser Stellen hat Jesus die Frage nach der Ehe, der Ehescheidung und dem Ehebruch beantwortet (Mt 19,1-12 par). Aufgrund dieser beiden Kapitel hat auch Paulus seine sexualethischen Aussagen entwickelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der neutestamentlichen Ethik geh\u00f6ren das Liebesgebot und die Sch\u00f6pfungsordnung zusammen. F\u00fcr die christliche Geschlechterethik ist daher auch die schlichte Beobachtung ma\u00dfgebend, dass Gott im Paradies nicht einen Adam und zwei Evas oder eine Eva und zwei Adams geschaffen hat. W\u00e4re die Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung ethisch nicht relevant, k\u00f6nnte man argumentieren: Eine Mehrehe ist zul\u00e4ssig, wenn sie gem\u00e4\u00df dem Liebesgebot in allseitigem Einverst\u00e4ndnis geschlossen wird und von gegenseitigem Respekt und Treue getragen wird. In der Heiligen Schrift gilt aber ein durch Gottes Sch\u00f6pferwillen markierter Rahmen, den die Gesch\u00f6pfe auch nicht unter Berufung auf das Liebesgebot \u00fcbertreten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem Grund kam es weder f\u00fcr Augustin noch f\u00fcr Luther in Frage, die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau f\u00fcr theologisch \u00fcberholt zu erkl\u00e4ren. Das, was Gott &#8222;sehr gut&#8220; gemacht und geordnet hat, wird weder von der Erkenntnis, dass Christus das Ende des Gesetz ist, noch von der \u00dcberzeugung, dass die vielen Einzelgesetze im Gebot der N\u00e4chstenliebe eine legitime Zusammenfassung haben, \u00fcberholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Unnat\u00fcrlicher Geschlechtsverkehr<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser biblischen Logik folgen auch die Aussagen, mit denen Paulus im R\u00f6merbrief einen homosexuellen Lebensstil kritisiert: &#8222;Ihre Frauen haben den nat\u00fcrlichen Geschlechtsverkehr in den unnat\u00fcrlichen verwandelt. Ebenso haben auch die M\u00e4nner den nat\u00fcrlichen Geschlechtsverkehr mit Frauen verlassen, sind in ihrer Begierde zueinander entbrannt, indem sie M\u00e4nner mit M\u00e4nnern Schande trieben, und empfingen den geb\u00fchrenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst&#8220; (R\u00f6m 1,26-27).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paulus war der \u00dcberzeugung, dass homosexuelles Verhalten nicht &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; ist, sondern von &#8222;der Natur&#8220; abweicht. Den Ma\u00dfstab f\u00fcr das, was &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; und &#8222;unnat\u00fcrlich&#8220; ist, entnahm Paulus als frommer Jude der biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichte, der zufolge Gott im Paradies nicht Adam durch einen zweiten Adam oder Eva durch eine zweite Eva, sondern Adam durch Eva erg\u00e4nzt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen diese klassische christliche Deutung von R\u00f6m 1 wird eingewandt, Paulus habe sich nur gegen homosexuelle Handlungen heterosexuell veranlagter Personen ausgesprochen. Den homosexuellen Lebensstil homosexuell Veranlagter habe er dagegen implizit akzeptiert. Dieses Argument scheitert daran, dass Paulus seine Position sch\u00f6pfungstheologisch begr\u00fcndet hat. Nach Paulus hat jeder Mensch unabh\u00e4ngig von seiner sexuellen Veranlagung zu akzeptieren, dass der Sch\u00f6pfer nur Frau und Mann f\u00fcr einander bestimmt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer Einwand lautet, Paulus habe sich nur gegen ausbeuterische Formen der Homosexualit\u00e4t gewandt. Den einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zwischen zwei Erwachsenen gleichen Geschlechts habe der Apostel gar nicht gekannt. Wenn er ihn gekannt h\u00e4tte, h\u00e4tte er nichts dagegen gehabt. Allerdings hat es in der r\u00f6mischen Antike durchaus exklusive, dauerhafte und ehe\u00e4hnliche homosexuelle Beziehungen zwischen M\u00e4nnern gegeben.[3] Vor allem aber setzt dieser Einwand voraus, dass Paulus sich bei seinen sexualethischen Entscheidungen ausschlie\u00dflich am Liebesgebot orientiert hat. Diese Einsch\u00e4tzung wird der paulinischen Ethik nicht gerecht. Paulus hat die anthropologischen Grundaussagen in Gen 1,27 und 2,24 nie in Frage gestellt, auch nicht im Namen des Liebesgebots.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Homosexuelle Paare im Pfarrhaus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was folgt aus diesen exegetischen und hermeneutischen \u00dcberlegungen f\u00fcr homosexuell veranlagte Christen?[4] Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen sie Mitglied einer christlichen Kirche bzw. Gemeinde sein. Allerdings sind sie herausgefordert, auf homosexuelle Beziehungen zu verzichten \u2013 genauso wie unverheirateten heterosexuellen Christen verwehrt ist, ihre Sexualit\u00e4t au\u00dferhalb einer Ehe auszuleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnen Christen mit homosexueller Orientierung Pastoren oder Pfarrer sein? Selbst wenn eine Gemeinde sich nach reichlichem Pr\u00fcfen und Abw\u00e4gen zu einem solchen Schritt entschlie\u00dft, bleibt die unerl\u00e4ssliche Voraussetzung auch in diesem speziellen Fall, dass die Vorgabe des Sch\u00f6pfers gewahrt wird, die keine homosexuellen Beziehungen vorsieht \u2013 schon gar nicht im Leben eines Geistlichen, der ein besonders exponiertes Vorbild f\u00fcr andere ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anmerkungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[1] WA XVI 363-393 (hier 371 und 373).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[2] Augustinus, Tractatus in epistolam Ioannis ad Parthos 7,8 (PL 35, 2033).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[3] Vgl. John Boswell, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality. Gay People in Western Europe from the Beginning of the Christian Era to the Fourteenth Century. Chicago 1980, 82-87.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[4] Siehe dazu ausf\u00fchrlicher Richard B. Hays, The Moral Vision of the New Testament. A Contemporary Introduction to New Testament Ethics. San Francisco 1996, 379-406.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. Armin Baum, Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.evangelisch.de\/themen\/religion\/biblische-sexualethik-eine-evangelikale-perspektive34119\">www.evangelisch.de<\/a>\u00a0(10.03.2011)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biblische Sexualethik: Eine evangelikale Perspektive Nach klassischer christlicher \u00dcberzeugung ist die Heilige Schrift die ausschlaggebende Grundlage und Norm alles christlichen und kirchlichen Lehrens und Lebens. Allerdings kann man eine christliche Ethik nicht einfach mit dem Argument begr\u00fcnden, dass etwas &#8222;in der Bibel steht&#8220;. 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