{"id":7523,"date":"2012-01-20T22:08:23","date_gmt":"2012-01-20T20:08:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7523"},"modified":"2012-01-20T22:08:23","modified_gmt":"2012-01-20T20:08:23","slug":"jugendarbeitslosigkeit-%e2%80%9ehotel-mama-und-kindermangel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7523","title":{"rendered":"Jugendarbeitslosigkeit, \u201eHotel Mama&#8220; und Kindermangel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jugendarbeitslosigkeit, \u201eHotel Mama&#8220; und Kindermangel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist der Grund f\u00fcr die Baby-Baisse in Deutschland? \u00dcber viele Jahre transportierten die Medien unerm\u00fcdlich die immer gleiche Botschaft: Der Hauptgrund f\u00fcr die niedrigen Geburtenraten sei die fehlende \u201eVereinbarkeit&#8220; von Beruf und Familie. Das Problem l\u00f6sen k\u00f6nnten nur mehr Kinderbetreuungspl\u00e4tze, die M\u00fcttern eine kontinuierliche (Vollzeit)Erwerbst\u00e4tigkeit erm\u00f6glichten. Mit dieser Sichtweise hat auch die Bundesregierung den Ausbau der Kindertagesbetreuung begr\u00fcndet, der allerdings bisher keinen \u201eBaby-Boom&#8220; ausl\u00f6ste (1). <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Vordenker dieser Politik r\u00e4umen ein, dass Betreuungspl\u00e4tze allein f\u00fcr die Familienplanung nicht ausreichen: Sie verweisen auf die \u201eextremen Unsicherheiten in der Lebensplanung&#8220;, die das Wirtschaftsleben heute der jungen Generation \u201ein praktisch allen Berufssparten&#8220; zumute (2). Und in der Tat: J\u00fcngere Arbeitnehmer geh\u00f6ren nachweislich zu den Verlierern der \u201eDeregulierung&#8220; der Arbeitsm\u00e4rkte: Sie sind h\u00e4ufiger befristet besch\u00e4ftigt und erhalten wesentlich h\u00e4ufiger Niedrigl\u00f6hne (3). Trotz ihres im Durchschnitt h\u00f6heren Qualifikationsniveaus verf\u00fcgen sie seltener als ihre Eltern oder Gro\u00dfeltern Mitte Zwanzig \u00fcber ein \u201eNormalarbeitsverh\u00e4ltnis&#8220; als Grundlage einer verl\u00e4sslichen Lebens- und Familienplanung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verl\u00e4ngerte Ausbildungszeiten, unsichere Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, flexibilisierte Arbeitsm\u00e4rkte erschweren jungen Menschen allerdings nicht nur in Deutschland, sondern \u00fcberall in Europa die Familiengr\u00fcndung. Besonders prek\u00e4r ist ihre Arbeitsmarktlage im S\u00fcden und Osten der Europ\u00e4ischen Union: In Spanien sind gegenw\u00e4rtig fast die H\u00e4lfte, in Griechenland mehr als 45%, in der Slowakei mehr als ein Drittel und in Italien, Portugal sowie in Polen etwa 30% der Jugendlichen (15-24 Jahre) ohne Erwerbsarbeit (4). Angesichts ihrer prek\u00e4ren wirtschaftlichen Lage verwundert es nicht, dass die jungen Menschen lange bei ihren Eltern wohnen: Junge Frauen gr\u00fcnden erst mit 26-28 Jahren und junge M\u00e4nner sogar erst mit 27-31 Jahren einen eigenen Haushalt. Damit verbunden gehen junge Menschen sp\u00e4t \u201efeste&#8220; Partnerschaften ein &#8211; und z\u00f6gern mit der Familiengr\u00fcndung (5).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im Vorzeigewohlfahrtsstaat Schweden und in Frankreich ist die wirtschaftliche Lage junger Menschen schwierig: Mehr als ein F\u00fcnftel der Jugendlichen sind arbeitslos (6). Trotzdem verlassen dort junge Menschen oft schon fr\u00fch (durchschnittlich mit 20-23 Jahren) das Elternhaus. \u00d6ffentliche Transfers wie Wohngeld oder Ausbildungsbeihilfen erleichtern es hier jungen Menschen einen eigenen Haushalt zu gr\u00fcnden &#8211; auch wenn es am selbst verdienten Geld noch mangelt. Auf diese fr\u00fche Abl\u00f6sung vom Elternhaus f\u00fchren manche Sozialforscher zur\u00fcck, dass junge Menschen in Frankreich und Skandinavien h\u00e4ufiger feste Partnerschaften mit einem gemeinsamen Haushalt eingehen und sp\u00e4ter dann auch Familien gr\u00fcnden (7). Die fr\u00fchzeitige Selbst\u00e4ndigkeit junger Menschen, so meinen sie, f\u00f6rdere die Geburtenfreudigkeit, w\u00e4hrend eine l\u00e4ngere Bindung an das \u201eHotel Mama&#8220; zur Nachwuchsbaisse f\u00fchre (8). Letzteres trifft durchaus zu: Ein hohes Auszugsalter aus dem Elternhaus ist in Europa immer mit niedrigen Geburtenraten verbunden &#8211; beispielhaft daf\u00fcr sind die Slowakei, Italien, Griechenland und die iberische Halbinsel. Umgekehrt f\u00f6rdert aber eine fr\u00fche Haushaltsgr\u00fcndung nicht per se die Neigung, Familien zu gr\u00fcnden. Exemplarisch daf\u00fcr ist Deutschland: Die Jugendlichen hierzulande geh\u00f6ren im europ\u00e4ischen Vergleich eher zu den \u201eNestfl\u00fcchtern&#8220; (9). Ihren Lebensunterhalt k\u00f6nnen sie dabei h\u00e4ufiger als junge Franzosen oder Schweden durch eigene Erwerbst\u00e4tigkeit erwirtschaften &#8211; schlie\u00dflich ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig wie sonst nur noch in \u00d6sterreich und den Niederlanden (10). Es besteht kein Zweifel: Auch f\u00fcr junge Deutsche sind die Arbeitsmarktverh\u00e4ltnisse rauer geworden; in der grassierenden Finanzkrise trifft es aber junge Italiener, Spanier und Griechen wesentlich h\u00e4rter. Es bedarf keiner besonderen K\u00fchnheit, um S\u00fcdeuropa weiteren Babyschwund zu prognostizieren. Woher die Geburtenm\u00fcdigkeit in Deutschland kommt bleibt dagegen ein R\u00e4tsel &#8211; zumindest solange die Ursachenforschung im Tunnelblick nur auf die Arbeitswelt verharrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Siehe: http:\/\/www.i-daf.org\/306-0-2-2010.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) So Hans Bertram im Gespr\u00e4ch mit Marie Amrhein und Michael Naumann, in: Keine Zeit f\u00fcr Kindergl\u00fcck, Cicero vom 12\/2011, S. 46.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Siehe: http:\/\/www.i-daf.org\/226-0-Woche-39-2008.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe: \u201eJugendarbeitslosigkeit in Europa&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Siehe: \u201eWann verlassen junge Europ\u00e4er das Elternhaus?&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Siehe: \u201eJugendarbeitslosigkeit in Europa&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Beispielhaft f\u00fcr diese Argumentation: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familien zwischen Flexibilit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit &#8211; Perspektiven f\u00fcr eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16\/1360, S. 23.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Auf diese Weise erkl\u00e4rt zum Beispiel der belgische Demograph Ron Lesthaeghe die Unterschiede im Geburtenniveau zwischen S\u00fcd- und Nordwesteuropa. Vgl.: Ron Lesthaeghe: The &#8222;Second Demographic Transition&#8220;: A conceptual Map for the Understanding of Late Modern Demographic Developments in Fertility and Family Formation, S. 179-218, in: Historical Social Research, Vol. 36, 2\/2011, S. 191-193.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Siehe: \u201eWann verlassen junge Europ\u00e4er das Elternhaus?&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10) Siehe: \u201eJugendarbeitslosigkeit in Europa&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>IDAF, Nachricht der Wochen 1-3\/2012 (<a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\">www.i-daf.org<\/a>)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-7527\" title=\"3-4_jugendarbeitslosigkeit_in_eu\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/3-4_jugendarbeitslosigkeit_in_eu.jpg\" alt=\"\" width=\"562\" height=\"434\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-7528\" title=\"3-4_wann_elternhaus_verlassen\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/3-4_wann_elternhaus_verlassen.jpg\" alt=\"\" width=\"563\" height=\"453\" \/>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jugendarbeitslosigkeit, \u201eHotel Mama&#8220; und Kindermangel Was ist der Grund f\u00fcr die Baby-Baisse in Deutschland? \u00dcber viele Jahre transportierten die Medien unerm\u00fcdlich die immer gleiche Botschaft: Der Hauptgrund f\u00fcr die niedrigen Geburtenraten sei die fehlende \u201eVereinbarkeit&#8220; von Beruf und Familie. 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