{"id":7144,"date":"2011-10-10T10:24:38","date_gmt":"2011-10-10T08:24:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7144"},"modified":"2011-10-10T10:25:48","modified_gmt":"2011-10-10T08:25:48","slug":"krise-der-ehe-in-west-und-ost-der-wohlstand-frisst-seine-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=7144","title":{"rendered":"Krise der Ehe in West und Ost: Der Wohlstand frisst seine Kinder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Krise der Ehe in West und Ost: Der Wohlstand frisst seine Kinder <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: small;\">Konfuzianisch-asiatische Gemeinschaftswerte widersetzen sich \u201ewestlichem&#8220; Individualismus: Diese Botschaft verk\u00fcnden asiatische Vordenker wie Lee Kuan Yew, der langj\u00e4hrige Premierminister Singapurs. Den beeindruckenden wirtschaftlichen Erfolg der ostasiatischen \u201eTigerstaaten&#8220; (Singapur, Malaysia, S\u00fcdkorea etc.) erkl\u00e4ren sie mit den in asiatischen Familien tradierten Tugenden wie Flei\u00df, Sparsamkeit und einer ausgepr\u00e4gten Opferbereitschaft der Einzelnen zugunsten der Gemeinschaft (1). Und in der Tat: Der rasante Aufbau einer dynamischen Wirtschaft in Ostasien w\u00e4re ohne festen Familienzusammenhalt, verwandtschaftliche Netzwerke und Gemeinschaftssinn nicht m\u00f6glich gewesen. <!--more--><br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\nKonfuzianische Traditionen haben dies sicher beg\u00fcnstigt; die zentrale Rolle von Gemeinschaftswerten f\u00fcr die Industrialisierung ist aber keine asiatische Besonderheit: Auch die westlichen Industrienationen verdankten ihren wirtschaftlichen Aufstieg seit dem 19. Jahrhundert Tugenden wie Spar- und Opferbereitschaft, Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber Kollegen, Vorgesetzten und Firma, Pflichtbewusstsein und Verl\u00e4sslichkeit im Einhalten von Vertr\u00e4gen. Das Wirtschaftsleben setzt diese pro-sozialen Verhaltensweisen voraus, bringt sie aber selber nicht hervor, denn viel zu oft widersprechen sie den kurzfristigen Nutzenkalk\u00fclen des \u201ehomo oeconomicus&#8220;. Seinen sozialen Kitt bezog auch der alte Industriekapitalismus nicht aus dem Markt, sondern aus Gemeinschaftsbindungen, die vor allem die Familie vermittelte (2). Als Nukleus der Familie war die Ehe eine fraglose Selbstverst\u00e4ndlichkeit und die Grundinstitution der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Symbiose von Familie und Industriegesellschaft kulminierte im sog. \u201egolden age of marriage&#8220;: Gestiegene L\u00f6hne und Besch\u00e4ftigungssicherheit erm\u00f6glichten es um 1960 mehr Paaren als je zuvor, fr\u00fch zu heiraten und Familie zu gr\u00fcnden &#8211; der Nachkriegsbabyboom war die Folge. Nur wenige Jahre sp\u00e4ter setzte in allen westlichen Industriel\u00e4ndern ein tiefer Umbruch der privaten Lebensformen ein: Nichteheliche Partnerschaftsformen breiteten sich aus, das Heiratsalter begann wieder zu steigen, die Heiratsneigung sank drastisch: W\u00e4hrend in Deutschland noch in den 1960er Jahren nur f\u00fcnf Prozent der Erwachsenen nie heirateten, bleiben heute in der j\u00fcngeren Generation fast 40 Prozent der M\u00e4nner und mehr als ein Drittel der Frauen dauerhaft ledig (3). Parallel dazu stiegen die Scheidungsrisiken sprunghaft an, inzwischen trennt sich fast jedes zweite Ehepaar. Ehen sind dabei immer noch stabiler als nichteheliche Partnerschaftsformen, die oft schon nach wenigen Jahren oder gar Monaten auseinander gehen (4). Die Br\u00fcchigkeit der Beziehungen hat Folgen f\u00fcr die Kinder: Viel h\u00e4ufiger als fr\u00fcher wachsen sie in Patchworkfamilien und bei Alleinerziehenden auf. Diese \u201ePluralisierung der Lebensformen&#8220; vermarkten Zeitgeistmedien als emanzipatorischen Fortschritt, seinen Preis unterschlagen sie dabei geflissentlich: Milliardenkosten f\u00fcr den Staat durch Transfers an Alleinerziehende, \u00f6ffentliche Erziehungshilfen und den gar nicht messbaren Schaden durch das Leiden vieler Kinder in zerbrechenden Familien (5). Scharfsichtige Historiker analysieren diese Krise der Ehe als Symptom eines postmodernen Narzissmus, der langfristige Bindungen durch eine Moral des \u201ejeder f\u00fcr sich&#8220; zersetzt (6). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: small;\">Ist die asiatisch-konfuzianische Kultur nun ein Bollwerk des Widerstands gegen diesen Individualismus? Die Antwort f\u00e4llt negativ aus: Auch in Ostasien sind die Scheidungsziffern rasant gestiegen, junge Menschen heiraten sp\u00e4ter und die Anteile Lediger in den j\u00fcngeren Generationen sind gewachsen, unverheiratetes Zusammenleben breitet sich aus; traditionelle Bindungen verlieren an Kraft (7). Bereits \u00fcberholt hat Ostasien den Westen im Geburtenr\u00fcckgang: Japan, Taiwan und S\u00fcdkorea geh\u00f6ren zu den L\u00e4ndern mit den niedrigsten Geburtenraten weltweit (8). Als Reaktion auf die \u00dcberalterung ihrer Gesellschaft entwickeln die Japaner heute schon Pflegeroboter, dies l\u00e4sst weniger an Konfuzius als an Science-Fiction denken. Angesichts der Krise der Familie im Osten wie im Westen stellt sich die beklemmende Frage: Verschlei\u00dft die kapitalistische Wohlstandsgesellschaft wom\u00f6glich die menschlichen Ressourcen, die ihren Aufstieg einst erm\u00f6glichten?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Hierzu Lee Kuan Yew im Interview mit dem \u201eTime-Magazine&#8220;:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.time.com\/time\/magazine\/article\/0,9171,987978-1,00.html\">http:\/\/www.time.com\/time\/magazine\/article\/0,9171,987978-1,00.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme &#8211; Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, M\u00fcnchen 1995, S. 424 und S. 429-431.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Zum Heiratsverhalten in westlichen Industriel\u00e4ndern allgemein: Ron Lesthaeghe: The unfolding story of the Second Demographic Transition, Population Studies Center, Report 10-696, January 2011, S. 6-7. Zum Wandel der Partnerschaftsbiographien speziell in Deutschland: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/299-0-Wochen-15-16-2010.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/299-0-Wochen-15-16-2010.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe hierzu: http:\/\/www.i-daf.org\/201-0-Woche-33-2009.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Siehe hierzu: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/326-0-Wochen-33-34-2010.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/326-0-Wochen-33-34-2010.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, a. a. O., S. 419-420; Hermann W. von der Dunk: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band I, M\u00fcnchen 2004 (Erstausgabe Amsterdam 2000), S. 458-460 und S. 533-534.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Ron Lesthaeghe: The unfolding story of the Second Demographic Transition a. a. O.,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">S. 26-29. Siehe hierzu auch: Postmoderne: \u201eAsian marriage Revolution&#8220; (Abbildung unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Siehe hierzu: Absturz der Geburtenraten in Fernost (Abbildung unten); sowie ferner: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/294-0-Wochen-13-14-2010.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/294-0-Wochen-13-14-2010.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-7147\" title=\"geburtenraten_asien_1\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/geburtenraten_asien_1.jpg\" alt=\"\" width=\"557\" height=\"432\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/geburtenraten_asien_1.jpg 619w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/geburtenraten_asien_1-300x232.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 557px) 100vw, 557px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-7148\" title=\"asiatinnen_2\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/asiatinnen_2.jpg\" alt=\"\" width=\"554\" height=\"432\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/asiatinnen_2.jpg 615w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/asiatinnen_2-300x234.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krise der Ehe in West und Ost: Der Wohlstand frisst seine Kinder Konfuzianisch-asiatische Gemeinschaftswerte widersetzen sich \u201ewestlichem&#8220; Individualismus: Diese Botschaft verk\u00fcnden asiatische Vordenker wie Lee Kuan Yew, der langj\u00e4hrige Premierminister Singapurs. 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