{"id":6985,"date":"2011-09-07T15:44:15","date_gmt":"2011-09-07T13:44:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6985"},"modified":"2011-09-07T15:47:00","modified_gmt":"2011-09-07T13:47:00","slug":"jenseits-der-klischees-die-kirchen-im-spiegel-der-statistik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6985","title":{"rendered":"Jenseits der Klischees: Die Kirchen im Spiegel der Statistik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Jenseits der Klischees: Die Kirchen im Spiegel der Statistik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Statistik l\u00fcgt nicht: 182.000 Kirchenaustritte &#8211; mehr gab es nur 1992 &#8211; dokumentieren, wie verheerend das Jahr 2010 f\u00fcr die katholische Kirche in Deutschland war. F\u00fcr viele Ex-Katholiken waren die medial aufbereiteten Missbrauchsskandale wohl der letzte Ausl\u00f6ser, nach einem l\u00e4ngeren Prozess der Entfremdung ihre Mitgliedschaft auch formal zu \u201ek\u00fcndigen&#8220; &#8211; wie es seit 1970 schon Millionen vor ihnen getan haben (1). Aber auch bleibende Katholiken praktizieren ihren Glauben immer weniger: Der Anteil der sonnt\u00e4glichen Gottesdienstbesucher ist seit den 1960er Jahren von 45% auf nunmehr knapp 13% zur\u00fcckgegangen &#8211; Tendenz weiter sinkend (2). Und selbst unter den Kirchg\u00e4ngern finden die lebenspraktischen Gebote der Kirche (z. B. zur \u201eBu\u00dfe&#8220; oder Sexualmoral) wenig nachweisbare Gefolgschaft.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich: Soziale Verh\u00e4ltnisse und empirische Trends sind nicht deckungsgleich mit theologischen Wahrheiten. Aber sie \u00fcben Einfluss aus. Das zeigt sich auch in der Lebenspraxis. Ein symptomatischer Aspekt des Bedeutungsverlusts katholisch-christlicher Lebenspraxis ist, dass Konfession und Glaube f\u00fcr die Partnerwahl in breiten Bev\u00f6lkerungskreisen eigentlich keine Rolle mehr spielen. Augenf\u00e4llig zeigt dies der R\u00fcckgang kirchlicher Heiraten: Der Anteil der katholischen Trauungen an 100 zivilen Eheschlie\u00dfungen ist seit 1990 von 48% auf 30% zur\u00fcckgegangen. Da gleichzeitig auch die Zahl der zivilen Eheschlie\u00dfungen gesunken ist; f\u00e4llt der R\u00fcckgang in absoluten Zahlen noch drastischer aus: Seit 1990 ist die Anzahl der katholischen Trauungen um mehr als die H\u00e4lfte eingebrochen. Wo die christlichen Ehepaare fehlen, mangelt es auch an T\u00e4uflingen: In den letzen beiden Jahrzehnten ist ihre Zahl um etwa ein Drittel zur\u00fcckgegangen, im Vergleich zu 1970 haben sich die Taufen sogar mehr als halbiert (3). Der Kirche mangelt es daher chronisch an Nachwuchs: Bereits seit den 1970er Jahren sterben j\u00e4hrlich mehr Katholiken als neue getauft werden; k\u00fcnftig wird sich diese \u201enat\u00fcrliche&#8220; Schrumpfung noch beschleunigen (4).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weniger Mitglieder bzw. Kirchensteuerzahler bedeuten weniger Ressourcen; seit Jahren bem\u00fchen sich deshalb deutsche Di\u00f6zesen, den gewaltigen Immobilienbestand der Kirche zu verkleinern. Besonders schmerzhaft ist die Aufgabe von Gottesh\u00e4usern &#8211; mit dem Abriss oder der \u201eUmnutzung&#8220; von Kirchen manifestiert sich die S\u00e4kularisierung nun auch in den Orts-und Stadtbildern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwund an Gl\u00e4ubigen, Abkehr von den Sakramenten, politische Ohnmacht &#8211; nicht nur in Deutschland, sondern in praktisch allen westlichen Industriel\u00e4ndern hat die katholische Kirche unter einem rasanten gesellschaftlichen Bedeutungsverlust zu leiden. Dies gilt in besonderer Weise f\u00fcr die historisch betrachtet \u201ekatholischen&#8220; L\u00e4nder; aufsehenerregende Skandale wie derzeit in Irland sind dabei weniger die Ursache als ein Symptom der Krise (5). Exemplarisch f\u00fcr die rasante Entkirchlichung einer einstmals \u201eerzkatholischen&#8220; Region ist das franz\u00f6sischsprachige Kanada (Qu\u00e9bec): In den 1960er Jahren ging hier der Anteil der Gottesdienstbesucher von 80% auf 20% zur\u00fcck, innerhalb weniger Jahre brach das Ordensleben zusammen und die Kirche verlor ihre beherrschende Stellung im Bildungswesen (6). Mit der L\u00f6sung von der Kirche einher ging eine Lebensformenrevolution: Kleinere Familien, weniger Heiraten und stattdessen immer mehr nichteheliches Zusammenleben, mehr Trennungen und Patchworkfamilien &#8211; Qu\u00e9bec ist mit dieser \u201estillen Revolution&#8220; exemplarisch f\u00fcr die im sp\u00e4ten 20. Jahrhundert aufgerissene tiefe Kluft zwischen den Lebensregeln und Idealen der katholischen Kirche und den (post)modernen Verhaltensweisen und Lebensstilen (7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist dieser Graben zwischen der Lebenswirklichkeit des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts und der altmodisch-hierarchischen Kirche die Ursache der Krise? Falls ja, l\u00e4sst sich der Graben durch ein entschlosseneres \u201eAggiornamento&#8220; \u00fcberbr\u00fccken? Die protestantischen Kirchen in Deutschland bieten hier einen gro\u00dfen Erfahrungsschatz: Sie sind demokratisch (synodal) organisiert, weniger \u201edoktrin\u00e4r&#8220; und in ihren ethischen Lehren \u201eflexibler&#8220; &#8211; nicht zuletzt im Blick auf Sexualit\u00e4t, Ehe und Familie. Krisenresistenz erw\u00e4chst ihnen daraus jedoch nicht: Seit Ende der 1960er Jahre hat die evangelische Kirche mehr als 5 Millionen Mitglieder durch Austritt verloren &#8211; ein Aderlass der den der katholischen Kirche (3,7 Mio.) sogar noch \u00fcbertrifft (8). Engagierter in ihrer Kirche sind die verbliebenen Protestanten auch nicht: An Gottesdiensten nehmen sie deutlich noch seltener teil als Katholiken (9). Auch hier l\u00fcgt die Statistik nicht: Wer die Gr\u00fcnde f\u00fcr die postmoderne Kirchenkrise sucht, muss offensichtlich tiefer forschen als es die Schablonen der \u00f6ffentlichen Diskurse hergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Zur exakten Zahl der Austritte: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholische Kirche in Deutschland &#8211; Statistische Daten, Bonn 2011, S. 2. Zur Entwicklung der Nettoaustritte (Austritte-\u00dcber- und Wiedereintritte) siehe Abbildung unten: \u201eKirchenflucht als Signum der Postmoderne&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Zur Entwicklung des Gottesdienstbesuchs seit den 1950er Jahren: Thomas Sternberg: Ver\u00e4nderungen der religi\u00f6sen Landkarte Deutschlands, in: Soziales Seminar &#8211; Informationen 1\/2004, S. 2. Zu den aktuellen Zahlen: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholische Kirche in Deutschland: Zahlen und Fakten 2010\/11, Bonn 2011, S. 20.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholische Kirche in Deutschland: Zahlen und Fakten 2010\/11, Bonn 2011, S. 14-15.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Zur \u201enat\u00fcrlichen&#8220; Bev\u00f6lkerungsentwicklung der Kirchen in Deutschland siehe Abbildungen unten: \u201eChristensterben: Mehr Beerdigungen als Taufen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Zur Krise der katholischen Kirche seit den 1960er Jahren schreibt der britische Historiker Eric Hobsbawm: \u201eDer Zement, der die r\u00f6misch-katholischen Gemeinden zusammengehalten hatte, zerbr\u00f6ckelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit. [&#8230;] Berufungen zum Priester oder zu anderen religi\u00f6sen Lebensformen gingen j\u00e4h zur\u00fcck, ebenso wie die Bereitschaft, tats\u00e4chlich oder zumindest f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit ein z\u00f6libat\u00e4res Leben zu f\u00fchren. Kurzum: Die Moral der Kirche und ihre gewaltige Macht \u00fcber die Gl\u00e4ubigen verschwand in dem schwarzen Loch, das sich zwischen ihren Lebensregeln und Moralvorstellungen und den Verhaltensregeln des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts aufgetan hatte [&#8230;].&#8220; Siehe: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme &#8211; Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, M\u00fcnchen 1995, S. 434-424.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Zum R\u00fcckgang des Kirchenbesuches in Qu\u00e9bec: Vgl. ebd. Zur Schicksal der Orden in Qu\u00e9bec: Vgl.: Joseph Ratzinger: Zur Lage des Glaubens. Ein Gespr\u00e4ch mit Vittorio Messori, Freiburg im Breisgau 2007 (Neuauflage), S. 101-102.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Zum Wandel der Lebensformen in Qu\u00e9bec: Val\u00e9rie Martin\/C\u00e9line Le Bourdais: Stepfamilies in Canada and Germany, a Comparison, S. 241-278, in: Walter Bien\/Jan Marbach (Hrsg.): Familiale Beziehungen, Familienalltag und soziale Netzwerke. Ergebnisse der drei Wellen des Familiensurvey, Wiesbaden 2008, S. 245-247.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Eigene Berechnungen; Datenquelle: Joachim Eicken\/Ansgar Schmitz-Veltin: Die Entwicklung der Kirchenmitglieder in Deutschland, S. 576-590, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik 6\/2010, S. 589. Auch in anderen westlichen L\u00e4ndern verzeichneten protestantische Glaubensgemeinschaften z. T. noch st\u00e4rkere R\u00fcckg\u00e4nge als die katholische Kirche. Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, op. cito, S. 424.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Weniger als 4 Prozent der Mitglieder der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) nehmen am Sonntag an Gottesdiensten teil. Vgl.: Kirchenamt der EKD (Hrsg.): Evangelische Kirche in Deutschland: Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben, Hannover 2011, S. 15.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-6987\" title=\"36-37_kirchenflucht\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/36-37_kirchenflucht.jpg\" alt=\"\" width=\"548\" height=\"445\" \/><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><\/em>\u00a0<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-6993\" title=\"36-37_christensterben\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/36-37_christensterben2.jpg\" alt=\"\" width=\"549\" height=\"456\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: IDAF, Wochen 36-37 \/ 2011 (<a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\">www.i-daf.org<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenseits der Klischees: Die Kirchen im Spiegel der Statistik Die Statistik l\u00fcgt nicht: 182.000 Kirchenaustritte &#8211; mehr gab es nur 1992 &#8211; dokumentieren, wie verheerend das Jahr 2010 f\u00fcr die katholische Kirche in Deutschland war. 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