{"id":6857,"date":"2011-08-08T08:00:23","date_gmt":"2011-08-08T06:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6857"},"modified":"2011-08-06T22:30:58","modified_gmt":"2011-08-06T20:30:58","slug":"der-mut-zur-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6857","title":{"rendered":"Der Mut zur Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Mut zur Wahrheit<br \/>\n<\/strong><br \/>\nWie jede Diktatur so lebte auch das Dritte Reich von der Verblendung, der L\u00fcge und der Desinformation. Deshalb ist die Wahrheit, die \u201eEnth\u00fcllung der Wirklichkeit\u201c, wie sie der M\u00fcnsteraner Philosoph Josef Pieper nannte, auch mit die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr Diktaturen. Und es war eine Enth\u00fcllung, als der Bischof von M\u00fcnster, Clemens August Graf von Galen (1878\u20131946), am 3. August 1941 eine Predigt hielt \u00fcber den Massenmord an Geisteskranken (Euthanasie) durch die Nationalsozialisten. \u201eIn finsterer Zeit hat er das Licht der Wahrheit aufgerichtet und den Mut des Widerstands gegen die Macht der Tyrannei gezeigt\u201c, sagte Papst Benedikt XVI. anl\u00e4\u00dflich der Seligsprechung des sp\u00e4teren Kardinals am 9. Oktober 2005.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Mut zur Wahrheit hatten nicht alle Bisch\u00f6fe damals. Es gelang von Galen nicht, die Bischofskonferenz zu einem gemeinsamen Wort f\u00fcr das Leben, f\u00fcr das Naturrecht zu bewegen. Deshalb entschlo\u00df er sich, allein auf die Kanzel zu gehen. Er wu\u00dfte, da\u00df er viel, vielleicht sein Leben risikierte. diese Predigt zu halten. Aber es gebe, sagte er von der Kanzel, \u201eheilige Gewissensverpflichtungen, von denen niemand uns befreien kann, die wir erf\u00fcllen m\u00fcssen, koste es, was es wolle, koste es uns selbst das Leben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Predigt wurde mit den anderen beiden Brandpredigten unz\u00e4hlige Male vervielf\u00e4ltigt und sogar von den Alliierten als Flugbl\u00e4tter abgeworfen. Die anderen beiden Predigten wandten sich gegen den Terror der Gestapo und die Enteignung von Ordensh\u00e4usern. Auf diese Weise erfuhren viele Deutsche erst von dem bereits laufenden Massenmord an Behinderten und Geisteskranken und man darf annehmen, da\u00df das Regime daraufhin das Morden vorsichtiger anging und dadurch viele Menschen gerettet wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Von Galen erstattete sogar Anzeige wegen Mordes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Euthanasiegesetz war zwar schon knapp zwei Jahre zuvor, am Tag des Kriegsbeginns, dem 1. September 1939 erlassen worden. Aber seine Anwendung geschah im stillen und abseits der ohnehin geg\u00e4ngelten \u00d6ffentlichkeit. Dennoch wandte sich der Berliner Kardinal Bertram schon im August 1940 in einem scharfen Schreiben an die Reichskanzlei. Darin wies er auf die \u201eAnerkennung des unersetzlichen Wertes der menschlichen Person\u201c hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Galen ging dar\u00fcber hinaus. Er enth\u00fcllte die Wirklichkeit im nationalsozialistischen Deutschland, als er anprangerte, \u201eda\u00df man (bei der Anwendung der Euthanasie-Gesetze) jener Lehre folgt, die behauptet, man d\u00fcrfe so genannt lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen t\u00f6ten, wenn man meint, ihr Leben sei f\u00fcr Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame T\u00f6tung der nicht mehr arbeitsf\u00e4higen Invaliden, unheilbar Kranken, Altersschwachen grunds\u00e4tzlich freigibt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er nannte Beispiele: \u201eDer erste Transport der schuldlos zum Tode Verurteilten ist von Marienthal abgegangen. Und aus der Heil- und Pflegeanstalt Warstein sind, wie ich h\u00f6re, bereits 800 Kranke abtransportiert worden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er ging noch einen Schritt weiter, indem er Anzeige wegen Mordes erstattete: \u201eAls ich von dem Vorhaben erfuhr, Kranke aus Marienthal abzutransportieren, um sie zu t\u00f6ten, habe ich am 28. Juli bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht M\u00fcnster und bei dem Herrn Polizeipr\u00e4sidenten in M\u00fcnster Anzeige erstattet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eDer L\u00f6we von M\u00fcnster\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er habe dies schriftlich und mit den Worten getan: \u201eDa ein derartiges Vorgehen nicht nur dem g\u00f6ttlichen und nat\u00fcrlichen Sittengesetz widerstreitet, sondern auch als Mord nach Paragraph 211 des Reichsstrafgesetzbuches mit dem Tode zu bestrafen ist, erstatte ich gem\u00e4\u00df Paragraph 139 des Reichsstrafgesetzbuches pflichtgem\u00e4\u00df Anzeige und bitte, die bedrohten Volksgenossen unverz\u00fcglich durch Vorgehen gegen die den Abtransport und die Ermordung beabsichtigenden Stellen zu sch\u00fctzen und mir von dem Veranla\u00dften Nachricht zu geben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Predigt Galens steigerte die Wut der Nationalsozialisten ins Ma\u00dflose. Hohe Parteifunktion\u00e4re forderten, dem Bischof einen Schauproze\u00df zu machen und ihn auf dem Domplatz von M\u00fcnster \u00f6ffentlich zu h\u00e4ngen. Doch Goebbels und Hitler erkannten, da\u00df ein solches Vorgehen ihnen in diesen Kriegszeiten mehr schaden als nutzen w\u00fcrde. Der Bischof war zu diesem Zeitpunkt schon zu bekannt \u2013 \u00fcber seine Di\u00f6zese hinaus wurde er wegen seines Muts \u201eder L\u00f6we von M\u00fcnster\u201c genannt \u2013, so da\u00df das Regime sich nicht traute, gegen ihn pers\u00f6nlich vorzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber mindestens zehn Priester wurden festgenommen und in Konzentrationslager verbracht, viele Laien wurden wegen der Verbreitung der Predigt verhaftet. Die Abrechnung mit dem Bischof und \u00fcberhaupt dem Klerus sollte nach dem \u201eEndsieg\u201c erfolgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Galens S\u00e4tze haben nicht an Bedeutung verloren<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu sollst nicht t\u00f6ten! Dieses Gebot Gottes, des einzigen Herrn, der das Recht hat, \u00fcber Leben und Tod zu bestimmen, war von Anfang an in die Herzen der Menschen geschrieben, l\u00e4ngst bevor Gott den Kindern Israels am Berge Sinai sein Sittengesetz mit jenen lapidaren, in Stein gehauenen, kurzen S\u00e4tzen verk\u00fcndet hat.\u201c Man kann von Galens Worte auch als prophetisch bezeichnen. Und es bedarf keiner politisch-milit\u00e4rischen Gewaltdiktatur, es reicht schon die Meinungsdiktatur, die Verh\u00fcllung der Wirklichkeit durch politische Korrektheit und durch Schweigen, um die Bedeutung solcher S\u00e4tze von Galens auch f\u00fcr unsere Zeit zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn einmal zugegeben wird, da\u00df Menschen das Recht haben, unproduktive Mitmenschen zu t\u00f6ten, (\u2026) dann ist grunds\u00e4tzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunf\u00e4higen Kr\u00fcppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.\u201c Ist das nicht auch die Problematik bei der aktiven Sterbehilfe und bei PID? Und ist nicht beim permanenten Skandal der Abtreibung, dem Supergau von heute (Kardinal Meisner), l\u00e4ngst die Grenze \u00fcberschritten, wo man mit von Galen fragen kann: \u201eHast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt auch heute nur einige Bisch\u00f6fe und nur wenige \u201eC-Politiker\u201c, die den Skandal und die Verfemung in der ver\u00f6ffentlichten Meinung nicht f\u00fcrchten. Schon in seinem ersten Hirtenbrief vom Tag seiner Bischofsweihe, dem 28. Oktober 1933, machte von Galen deutlich, da\u00df die Pflicht zur Entscheidung \u00fcber erforderliche Weisungen und Warnungen f\u00fcr seine Di\u00f6zese allein auf ihm und seinem Gewissen laste. Niemand k\u00f6nne sie ihm abnehmen: \u201eNicht Menschenlob, nicht Menschenfurcht soll mich jemals hindern, diese Pflicht zu erf\u00fcllen.\u201c Die Enth\u00fcllung der Wirklichkeit verlangt Mut. Der Mut aber ist das Geheimnis der Freiheit, wie schon Perikles in seiner ber\u00fchmten Begr\u00e4bnisrede sagte. Das gilt f\u00fcr alle Zeiten.<\/p>\n<p><em>J\u00fcrgen Liminski, Junge Freiheit, Nr.\u00a031-32 \/ 29. Juli und\u00a05. August 2011 (<\/em><a href=\"http:\/\/www.junge-freiheit.de\"><em>www.junge-freiheit.de<\/em><\/a><em>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mut zur Wahrheit Wie jede Diktatur so lebte auch das Dritte Reich von der Verblendung, der L\u00fcge und der Desinformation. Deshalb ist die Wahrheit, die \u201eEnth\u00fcllung der Wirklichkeit\u201c, wie sie der M\u00fcnsteraner Philosoph Josef Pieper nannte, auch mit die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr Diktaturen. 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