{"id":6837,"date":"2011-08-01T20:55:29","date_gmt":"2011-08-01T18:55:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6837"},"modified":"2011-08-01T20:58:16","modified_gmt":"2011-08-01T18:58:16","slug":"nur-verlierer-worauf-die-politik-fur-alleinerziehende-hinauslauft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6837","title":{"rendered":"Nur Verlierer: Worauf die Politik f\u00fcr Alleinerziehende hinausl\u00e4uft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Lebenslage Alleinerziehend &#8211; wo ist das Problem? F\u00fcr die \u201eSpin-Doktoren&#8220; des gesellschaftspolitischen Diskurses steht die Antwort fest: Es sind die politisch-institutionellen Rahmenbedingungen, die Alleinerziehenden das Leben schwer machen: Unflexible Arbeitszeiten, fehlende Betreuungspl\u00e4tze und eine falsche Sozialpolitik, die im Steuer- und Sozialversicherungsrecht noch immer die Ehe f\u00f6rdere. Leidtragende seien die Kinder Alleinerziehender, die aufgrund dieser Missst\u00e4nde \u00fcberproportional von Armut betroffen seien (1). Aber was ist \u201eArmut&#8220;?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher bedeutete Armut den Mangel an \u00dcberlebensnotwendigem &#8211; Nahrung, Kleidung und Wohnung. Bis heute evoziert der Begriff Armut vor allem bei \u00c4lteren Bilder existentieller Not. Im heutigen \u00f6ffentlichen Sprachgebrauch steht \u201eArmut&#8220; dagegen f\u00fcr soziale Ungleichheit: \u201eArm&#8220; sind &#8211; so die Definition der Europ\u00e4ischen Union &#8211; Personen, \u201edie \u00fcber so geringe Ressourcen verf\u00fcgen, dass sie den in ihrer Gesellschaft als annehmbar geltenden Lebensstandard nicht erreichen&#8220; (2). Der derzeit gebr\u00e4uchlichste Indikator, um diese relative materielle Deprivation zu messen ist die sog. \u201eArmutsrisikoquote&#8220;: Als armutsgef\u00e4hrdet gilt demnach, wer nur \u00fcber maximal 60% des durchschnittlichen \u00c4quivalenzeinkommens (Medianeinkommens) verf\u00fcgt. Die Lebenslage Alleinerziehend ist aus dieser Sicht fast schon per se ein Armutsrisiko: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Haushalten von Alleinerziehenden liegt nur wenig \u00fcber diesem Schwellenwert; fast die H\u00e4lfte dieser Haushalte hat ein niedrigeres Einkommen und gilt demnach als armutsgef\u00e4hrdet. Ihr Armutsrisiko ist damit um ein Mehrfaches h\u00f6her als das von Paarfamilien (3).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch wesentlich h\u00f6her w\u00e4re dieses Armutsrisiko, wenn der Staat nicht durch Transferleistungen helfen w\u00fcrde: Mehr als 40% der Alleinerziehenden beziehen Hartz-IV-Leistungen (4). Insgesamt sind fast ein Drittel aller Alleinerziehenden f\u00fcr ihren Lebensunterhalt \u00fcberwiegend auf staatliche Transfers angewiesen, das Risiko vom Sozialsystem abh\u00e4ngig zu sein ist damit f\u00fcr Alleinerziehende mindestens f\u00fcnf Mal h\u00f6her als f\u00fcr M\u00fctter in Paarhaushalten. Seit den 1990er Jahren hat sich diese Schere sogar noch ge\u00f6ffnet: Die Transferabh\u00e4ngigkeit der Alleinerziehenden hat zugenommen, w\u00e4hrend gleichzeitig der Anteil der Alleinerziehenden an den Familienhaushalten weiter gestiegen ist (5). Damit w\u00e4chst das Gewicht des Staats als Familienern\u00e4hrer: Von den etwa 2,4 Millionen Kindern Alleinerziehender erh\u00e4lt rund eine Million Hartz-IV-Leistungen, die damit fast die H\u00e4lfte der \u00fcber zwei Millionen Kinder in \u201eBedarfsgemeinschaften&#8220; ausmachen (6). Dass mehr Kinder als fr\u00fcher in Abh\u00e4ngigkeit vom staatlichen Sozialsystem aufwachsen, ist also auch eine Folge der seit den 1970er Jahren drastisch gestiegenen Alleinerziehendenanteile und damit mittelbar der gesunkenen Stabilit\u00e4t von Ehen (7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gegenw\u00e4rtige Sozialpolitik glaubt die L\u00f6sung f\u00fcr diese Problematik gefunden zu haben: M\u00fctter sollen ihren Lebensunterhalt unabh\u00e4ngig vom Einkommen eines Partners allein durch Erwerbsarbeit bestreiten (8). Dieses Leitbild erfordert einen Umbau des Gesellschaftssystems: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch \u00f6ffentliche Ganztagskinderbetreuung ist da nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Schlie\u00dflich m\u00fcssen die Frauen hinreichend hohe L\u00f6hne erzielen, die sie und ihre Kinder vor Armut sch\u00fctzen. Auch daf\u00fcr soll der Staat &#8211; z. b. durch Mindestl\u00f6hne sorgen, (Voll-)Besch\u00e4ftigung wird ohnehin vorausgesetzt (9). Selbst wenn dieser etatistisch anmutende Wunschkatalog (Vereinbarkeit, Besch\u00e4ftigung, existenzsicherndes Einkommen) erf\u00fcllt w\u00e4re, bliebe aber dennoch das Problem der relativen Armut: Denn in dem Ma\u00dfe wie sich die Doppel-Verdiener-Familie als Norm verbreitet, wird es f\u00fcr Alleinerziehende immer schwieriger, den Durchschnitt des Haushaltseinkommens zu erreichen, weil sie eben nur \u00fcber ein Einkommen verf\u00fcgen. Ein Einzelner kann eben weniger leisten als ein dauerhaft solidarisch verbundenes Paar &#8211; darin liegt das Kernproblem der Lebenslage Alleinerziehend. Um die sozialen Folgen dieser Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit auszuhebeln, m\u00fcssten Ehepaare faktisch diskriminiert werden. Genau darauf laufen die Forderungen hinaus vermeintliche \u201ePrivilegien&#8220; der Ehe nun doch endlich abzuschaffen (10). Dies w\u00fcrde Alleinerziehenden zwar nicht nutzen, Ehepaare mit Kindern aber schaden. Wer kann das wollen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0(1) Prototypisch f\u00fcr diese Sichtweise: Hans Bertram: Editorial, in: Lebenslage Alleinerziehend &#8211; wo ist das Problem? Archiv f\u00fcr Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit Nr. 2\/2011.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Armut und Lebensbedingungen: Ergebnisse aus LEBEN IN EUROPA f\u00fcr Deutschland 2005, Wiesbaden 2006, S. 17.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Vgl.: Tilmann Knittel\/Hanna Steidle: Lebenssituation und soziale Lage von Alleinerziehenden, S. 4-20, in: Lebenslage Alleinerziehend &#8211; wo ist das Problem? op. cit., S. 11.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Vgl. ebd., S. 12-13.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Der Anteil der Alleinerziehenden an allen Familienhaushalten ist in Deutschland zwischen 1996 und 2009 von 13 auf 19% gestiegen. Vgl.: Statistisches Bundesamt: Alleinerziehende in Deutschland, Ergebnisse des Mikrozensus 2009, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 29. Juli 2010, Wiesbaden 2010, S. 9. Zum Anstieg der Transferabh\u00e4ngigkeit siehe Abbildung unten: \u201eLebensunterhalt von M\u00fcttern in Deutschland&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Zur Zahl der Kinder in Ein-Eltern-Familien: Statistisches Bundesamt: Alleinerziehende in Deutschland, op. cito, S. 16. Zur Zahl der Kinder in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Dossier Vereinbarkeit von Familie und Beruf f\u00fcr Alleinerziehende, Basel-Berlin M\u00e4rz 2009, S. 25.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) In den 1970er Jahren lagen die Anteile der Alleinerziehenden noch unter 10%, haben sich seitdem also etwa verdoppelt. Vgl.: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in Deutschland &#8211; Potenziale, Lebenssituationen und Unterst\u00fctzungsbedarfe, Monitor Familienforschung Ausgabe 15, Dezember 2008, S. 7. Treffen zu den Folgen dieser Entwicklung: Meinhard Miegel: Epochenwende &#8211; gewinnt der Westen die Zukunft? Berlin 2007, S. 190.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Siehe hierzu auch: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/194-0-Woche-2829-2009.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/194-0-Woche-2829-2009.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Derzeit erhalten viele erwerbst\u00e4tige Alleinerziehende erg\u00e4nzende SGB-II-Leistungen, weil ihr Einkommen nicht unterhaltssichernd ist. Es ist daher nur folgerichtig, neben einer aktiven Besch\u00e4ftigungspolitik zugunsten Alleinerziehender auch Mindestl\u00f6hne in typischen Frauenberufen zu fordern. So z. B.: Kirsten Scheiwe: Sozialleistungen f\u00fcr Alleinerziehende und ihre Kinder &#8211; ein Problemaufriss, S. 43-55, in: Lebenslage Alleinerziehend &#8211; wo ist das Problem? op. cito, S. 47.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10) Siehe hierzu: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/361-0-Wochen-3-4-2011.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/361-0-Wochen-3-4-2011.html<\/a>.<\/p>\n<p><em>IDAF Nachricht der Wochen 29-30 \/ 2011<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lebenslage Alleinerziehend &#8211; wo ist das Problem? F\u00fcr die \u201eSpin-Doktoren&#8220; des gesellschaftspolitischen Diskurses steht die Antwort fest: Es sind die politisch-institutionellen Rahmenbedingungen, die Alleinerziehenden das Leben schwer machen: Unflexible Arbeitszeiten, fehlende Betreuungspl\u00e4tze und eine falsche Sozialpolitik, die im Steuer- und Sozialversicherungsrecht noch immer die Ehe f\u00f6rdere. 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