{"id":6827,"date":"2011-07-26T21:09:08","date_gmt":"2011-07-26T19:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6827"},"modified":"2011-07-26T21:09:08","modified_gmt":"2011-07-26T19:09:08","slug":"martin-luther-trostschrift-an-seine-sterbende-mutter-1531","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6827","title":{"rendered":"Martin Luther, Trostschrift an seine sterbende Mutter (1531)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Trostschrift an seine liebe Mutter, Magaretha Lutherin, kurz vor ihrem Ende an sie geschrieben. 1531.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gnade und Friede in Christo Jesu, unserm Herrn und Heiland! Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine herzliebe Mutter! Ich habe die Schrift meines Bruders Jacobs von eurer Kranckheit empfangen, und ist mir ja herzlich leid, sonderlich, dass ich nicht kann leiblich bey euch seyn, wie ich wohl gerne w\u00e4re; aber doch erscheine ich hie mit dieser Schrift leiblich, und will ja nicht von euch seyn geistlich, samt allen den unsern. Wiewohl ich aber hoffe, dass euer Herz ohne das l\u00e4ngst und reichlich genug unterrichtet, und (Gott Lob) sein tr\u00f6stlich Wort wohl innen habt, dazu mit Predigern und Tr\u00f6stern allenthalben versorget seyd: so will ich doch das meine auch thun, und meiner Pflicht nach mich euer Kind und euch f\u00fcr meine Mutter erkennen, wie unser beyder Gott und Sch\u00f6pffer uns gemacht und gegen einander verpflichtet hat, damit ich zugleich den Haufen eurer Tr\u00f6ster vermehre.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstlich, liebe Mutter, wisset ihr von Gottes Gnaden nun wohl, dass eure Kranckheit seine v\u00e4terliche, gn\u00e4dige Ruthe ist, und gar eine geringe Ruthe gegen die, so er \u00fcber die Gottlosen, ja auch oft \u00fcber seine eigene liebe Kinder schickt, da einer gek\u00f6pft, der andere verbrannt, der dritte ertr\u00e4nckt wird und so fortan, dass wir allesamt m\u00fcssen singen: Wir werden um deinetwillen t\u00e4glich get\u00f6dtet, und sind gleich wie die Schlachtschafe, Ps. 44,23 R\u00f6m. 8,36. Darum euch solche Kranckheit nicht soll betr\u00fcben, noch bek\u00fcmmern, sondern sollet sie mit Danck annehmen, als von seiner Gnaden zugeschickt, angesehen, wie gar ein geringes Leben es ist, wenn es gleich zum Tode oder Sterben sollte gehen, gegen das Leiden seines eignen lieben Sohns, unsers Herrn Jesu Christi, welches er nicht f\u00fcr sich selbst, wie wir, leiden m\u00fcssen, sondern f\u00fcr uns und unsere S\u00fcnde erlitten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum andern wisset ihr, liebe Mutter, auch das rechte Hauptst\u00fcck und Grund eurer Seligkeit, worauf ihr euren Trost setzen sollt in dieser und allen N\u00f6then, nemlich den Eckstein, Jesum Christum, Esa. 28,16., R\u00f6m. 9,33., 1. Pet. 2,6., der uns nicht wancken noch fehlen wird, auch uns nicht sincken noch untergehen lassen kann. Denn er ist der Heiland und heisset der Heiland aller armen S\u00fcnder, 1. Tim. 1,4., und aller, die in Noth und Tod stecken, so auf ihn sich verlassen und seinen Namen anruffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es spricht: Seyd getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden. Hat er die Welt \u00fcberwunden, so hat er auch gewi\u00dflich den F\u00fcrsten der Welt mit aller seiner Macht \u00fcberwunden. Was ist aber seine Macht anders, denn der Tod, damit er uns unter sich geworfen, um unserer S\u00fcnde willen gefangen hatte? Aber nun der Tod und S\u00fcnde \u00fcberwunden ist, m\u00f6gen wir fr\u00f6hlich und tr\u00f6stlich das s\u00fcsse Wort h\u00f6ren: Seyd getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden! und sollen ja nicht zweifeln, es sey gewisslich wahr, und nicht allein das, sondern uns wird auch geboten, dass wir sollen mit Freuden uns solches Trosts annehmen und mit aller Dancksagung. Und wer sich solche Wort nicht wollte tr\u00f6sten lassen, der thut dem lieben Tr\u00f6ster unrecht und die gr\u00f6\u00dfte Unehre, gleich als w\u00e4re es nicht wahr, da\u00df er die Welt h\u00e4tte \u00fcberwunden, damit wir den \u00fcberwundenen Teufel, S\u00fcnde und Tod uns selbst wieder zum Tyrannen st\u00e4rcken wider den lieben Heiland, da uns Gott f\u00fcr beh\u00fcte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derhalben m\u00f6gen wir nun mit aller Sicherheit und Freudigkeit uns freuen, und wo uns will etwa ein Gedancken von der S\u00fcnde oder Tod erschrecken, wir dagegen unser Herz erheben und sagen: Siehe, liebe Seele, wie thust du? Lieber Tod, liebe S\u00fcnde, wie lebest du, und schreckest mich? Wei\u00dft du nicht, dass du \u00fcberwunden, und du Tod gar todt bist? Kennest du nicht einen, der vor dir sagt: Ich hab die Welt \u00fcberwunden? Mir geb\u00fchret nicht, dein Schrecken zu h\u00f6ren, noch anzunehmen, sondern die Trostworte meines Heilandes: Sey getrost, seyd getrost, ich hab die Welt \u00fcberwunden. Das ist der Siegsmann, der rechte Held, der mir hiemit seinen Sieg gibt und zueignet. Seyd getrost! Bey dem bleib ich, de\u00df Worts und Trosts halte ich mich, darauf bleibe ich hie, oder fahre dorthin, er leuget mir nicht. Dein falsches Schrecken wollte mich gerne betr\u00fcgen und mit L\u00fcgengedancken von solchem Siegsmann und Heiland reissen, und ist doch erlogen, so wahr es ist, dass er dich \u00fcberwunden und uns, getrost zu seyn, geboten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also r\u00fchmet St. Paulus auch und trotzt wider des Todes Schrecken, 1. Cor. 15,44. ff.: Der Tod ist verschlungen im Sieg, Tod, wo ist dein Sieg? H\u00f6lle, wo ist dein Stachel? Schrecken und reizen kannst du, wie ein h\u00f6lzern Todesbild, aber Gewalt hast du nicht, zu w\u00fcrgen; denn dein Sieg, Stachel und Kraft ist im Sieg Christi verschlungen. Die Z\u00e4hne magst du blecken, aber fressen kannst du nicht, denn Gott uns den Sieg wider dich gegeben durch Jesum Christum, unsern Herrn. Dem sey Lob und Danck gesagt. Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit solchen Worten und Gedancken, liebe Mutter, lasse sich euer Herz bek\u00fcmmern, und sonst mit nichts, und seyd ja danckbar, dass euch Gott zu solchem Erkenntni\u00df bracht hat, und nicht lassen stecken in dem P\u00e4bstischen Irrthum, da man uns gelehret hat, auf unser Werck und der M\u00f6nchen Heiligkeit bauen, und diesen einigen Torst, unsern Heiland, nicht f\u00fcr einen Tr\u00f6ster, sondern f\u00fcr einen grausamen Richter und Tyrannen halten, dass wir von ihm zu Maria und den Heiligen haben m\u00fcssen fliehen, und uns keiner Gnaden noch Trost zu ihm haben versehen k\u00f6nnen. Aber nun wissen wirs anders von der grundlosen G\u00fcte und Barmherzigkeit unsers himmlischen Vaters, dass Jesus Christus unser Mittler, 1. Tim. 2,5., und Gnadenstuhl ist, R\u00f6m. 3,25., und unser Bischof im Himmel vor Gott, der uns t\u00e4glich vertritt und vers\u00f6hnet, alle, die nur an ihn gl\u00e4uben und ihn anruffen. Hebr. 5,15.16.; 7,25., und nicht ein Richter ist, noch grausam, ohn allein \u00fcber die, so ihm nicht gl\u00e4uben, noch seinen Trost und Gnade annehmen wollen. Es ist nicht der Mann, der uns verklagt noch dr\u00e4uet, sondern, der uns vers\u00f6hnet und vertritt durch seinen eigenen Tod und Blut, f\u00fcr uns vergossen, dass wir uns nicht f\u00fcr ihm f\u00fcrchten, sondern mit aller Sicherheit zu ihm treten, und ihn nennen sollen: lieber Heiland, du s\u00fcsser Tr\u00f6ster, du treuer Bischof unserer Seelen ec. 1. Tim. 4,10. 1. Pet. 2,25.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu solchem Erkenntni\u00df (sage ich) hat euch Gott gn\u00e4diglich beruffen, de\u00df habt ihr sein Siegel und Briefe, nemlich das Evangelium, die Taufe und das Sacrament, so ihr h\u00f6ret predigen, also, dass keine Gefahr noch Noth mit euch haben soll. Seyd nur getrost und dencket mit Freuden solcher grossen Gnaden. Denn der es in euch angefangen hat, wird es auch gn\u00e4diglich vollenden. Denn wir k\u00f6nnen uns selbst in solchen Sachen nicht helfen, wir m\u00f6gen der S\u00fcnde, Tod und Teufel nichts abgewinnen mit unsern Wercken, darum ist da an unser Statt und f\u00fcr uns ein andrer, der es ba\u00df kann und uns seinen Sieg gibt, und befiehlet, da\u00df wirs annehmen und nicht dran zweifeln sollen, und spricht: Seyd getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden, Joh. 16,22. Joh. 14,19. Und abermal: Ich lebe und ihr sollt auch leben, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vater und Gott alles Trostes verleihe euch durch sein heiliges Wort und Geist einen vesten, fr\u00f6hlichen und danckbaren Glauben, damit ihr diese und alle Noth m\u00f6get seliglich \u00fcberwinden, und endlich schmecken und erfahren, dass es die Wahrheyt sey, da er selbst spricht: Seyd getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden! und befehle hiemit euer Leib und Seele in seine Barmherzigkeit. Amen. Es bitten f\u00fcr euch alle eure Kinder und meine Kethe. Etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Gro\u00dfmutter ist sehr kranck. Gottes Gnade sey mit uns allen. Amen. Am Sonnabend nach Ascensionis Domini 1531.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Euer lieber Sohn<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mart. Luther<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trostschrift an seine liebe Mutter, Magaretha Lutherin, kurz vor ihrem Ende an sie geschrieben. 1531. Gnade und Friede in Christo Jesu, unserm Herrn und Heiland! Amen. Meine herzliebe Mutter! 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