{"id":6780,"date":"2011-07-18T16:40:12","date_gmt":"2011-07-18T14:40:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6780"},"modified":"2011-07-18T16:40:12","modified_gmt":"2011-07-18T14:40:12","slug":"im-bann-der-monokultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6780","title":{"rendered":"Im Bann der Monokultur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Bann der Monokultur<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Begriffe, die klingen rundum positiv und scheinen unanfechtbar gegen\u00fcber jeder Kritik. Biomasse ist ein solches Wort. Bio ist gut f\u00fcr den Verbraucher, und Masse verspricht doppelten Gewinn. Als redlicher Beitrag gegen die Klimaerw\u00e4rmung und gute Erwerbsquelle f\u00fcr den modernen Agrarunternehmer. Ein Gro\u00dfteil der Gesellschaft und vor allem die Politik sieht in der Bioenergie ein innovatives \u00f6kologisch\u00f6konomisches Win-win-Prinzip. Die \u00f6kologische Grundlogik: Das beim Verbrennen von Biomasse freigesetzte Kohlenstoffdioxid entspricht genau der Menge, die zuvor im Pflanzenwachstum aus der Atmosph\u00e4re heraus gebunden wurde. Um das zu garantieren, soll \u00fcber Zertifikate belegt werden, da\u00df durch die Verwendung der Biokraftstoffe im Vergleich zu fossilen Energietr\u00e4gern eine Treibhausgasminderung von 35 Prozent, ab 2018 sogar von 60 Prozent erreicht wird.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dramatische Preissteigerung bei den Tortillas<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter dieser Energiewende stehen politische Vorgaben. Nach EU-Richtlinie m\u00fcssen Anteile aus Sonne, Wasserkraft, Wind, Geothermie und eben Biomasse am Gesamtenergiebedarf der EU bis 2020 auf 20 Prozent erh\u00f6ht werden. Allein im Bereich Kraftstoff will die EU-Kommission zehn Prozent \u00fcber Biosprit absichern. Daf\u00fcr w\u00fcrden EUweit aber 17 Prozent der Ackerfl\u00e4che ben\u00f6tigt, und ab 2020 reichte f\u00fcr den Bedarf der eigene Anbau gar nicht mehr aus, sondern m\u00fc\u00dfte durch zus\u00e4tzliche Importe gedeckt werden. Also w\u00e4ren Transporte n\u00f6tig, die wiederum Emissionen bedingen. Mit dem Biospritaufkommen der Bundesrepublik sollen national bis acht Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) im Jahr eingespart werden, bis 2020 gilt dann gestaffelt eine Biokraftstoffquote von zehn Prozent. Hochgerechnet wird die Umsetzung eine Fl\u00e4che von rund drei Millionen Hektar beanspruchen, was etwa 25 Prozent der deutschen Ackerfl\u00e4chen entspricht! Seit \u00fcber einem Jahrzehnt boomt die landwirtschaftliche Erzeugung der Energiepflanzen dank Subventionen und fester Abnahmepreise, vor allem f\u00fcr Raps, Energieweizen und -roggen sowie Mais. Aus dem alten Landwirt soll nun der moderne Energiewirt werden, als solcher bessergestellt, weil er nicht mehr ausschlie\u00dflich unsicheren Lebensmittelm\u00e4rkten und dem Preisdiktat der Discounter ausgesetzt ist. Was Kritiker schon als Monokulturen wahrnehmen, das sieht die Landwirtschaft als rettendes Ufer: Raps-, Sonnenblumen- und Maisfelder, die zu Sprit (E10, BtL-Kraftstoff, Biodiesel) und Strom werden. Der hessische Landwirt Bernd Winter aus Butzbach, angesprochen auf das sich problematisch verschiebende Anbauverh\u00e4ltnis von Ern\u00e4hrungs- und Energiepflanzen: \u201eOb Tank oder Teller \u2013 das ist grunds\u00e4tzlich schon ein Thema, aber solange wir allein f\u00fcr Teller nicht genug Geld bekommen, m\u00fcssen wir auch Tank machen.\u201c Der Rapsanbau k\u00f6nnte laut hessischem Bauernverband glatt noch verdoppelt werden. Doch was \u00f6korechnerisch so eing\u00e4ngig klingt, erweist sich nicht nur im Detail als Problem. Die ethisch erhobene Nachfrage, ob man aus Ackerfr\u00fcchten, die immer der Ern\u00e4hrung dienten, nun einfach Sprit herstellen d\u00fcrfe, wird von der Biomassen-Lobby dadurch entkr\u00e4ftet, da\u00df es eine Konkurrenz von Teller und Tank nicht gebe. Selbst wenn der Zentralverband des Deutschen B\u00e4ckerhandwerks vorrechnet, in einer Tankf\u00fcllung steckten 18 Kilogramm Brot, stimme das zwar, aber die Bundesministerin f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner, wendet ein, die Landwirtschaft steuere im Bereich der erneuerbaren Energie schon jetzt 70 Prozent mit Biomasse bei, ben\u00f6tige daf\u00fcr aber \u2013 bislang \u2013 nur 5,4 Prozent der Ackerfl\u00e4che. Weltweit fl\u00f6ssen lediglich 6,4 Prozent der Getreideernte in die Produktion von Treibstoffen. Aber in der Tendenz offenbart sich ein exorbitantes Ausma\u00df: 23 Prozent der US-Getreideproduktion sowie weltweit 14 Prozent des Weltgetreideverbrauchs, 54 Prozent des brasilianischen Zuckerrohrs und 47 Prozent der EU-Pflanzen\u00f6lproduktion werden schon zu Kraftstoff. Von 2004 bis 2007 hat sich die Biodieselproduktion in den USA um 1.200 Prozent erh\u00f6ht. F\u00fcr Bioethanol brauchten die USA 2007 mehr als 80 Millionen Tonnen Mais, rund elf Prozent der Weltproduktion. Die Maispreise stiegen daher von 2006 auf 2007 abrupt um 54,3 Prozent und f\u00fchrten in Mexiko zu dramatischen Preiserh\u00f6hungen bei Tortillas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Investoren sichern sich Ackerland in Afrika<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joachim von Braun, Direktor des International Food Policy Institute in Washington, sch\u00e4tzt, da\u00df 30 Prozent der Preissteigerung von Lebensmitteln durch die Nachfrage nach Biokraftstoff verursacht werden. Stefan Tangermann, OECD-Direktor f\u00fcr Handel und Landwirtschaft, meint sogar, da\u00df 60 Prozent des Preisauftriebs bei Getreide und Pflanzen\u00f6l darauf zur\u00fcckgehen. Zu den direkten Folgen der Biomassenproduktion geh\u00f6rt, da\u00df wieder mehr Land in Kultur genommen werden mu\u00df. Dabei sollen zwar keine \u00f6kologisch wertvollen oder kohlenstoffreichen Fl\u00e4chen wie Wald, Gr\u00fcnland, Torf- und Feuchtgebiete einbezogen werden, aber die f\u00fcr die Natur so wertvollen Brachen, bis 2008 noch als Stillegungsfl\u00e4chen von der EU hoch subventioniert, werden allesamt wieder in den Reproduktionsproze\u00df der Agrarunternehmen einbezogen. Das zerst\u00f6rt gerade in Agrarregionen mit Gro\u00dffl\u00e4chenwirtschaft wichtige Refugien von Flora und Fauna, die sich in den 1990er Jahren bereits stabilisiert hatten. Au\u00dferdem: Wenn der Anbau der bisherigen Agrarprodukte Raps, Weizen oder Mais zur Biokraftstoff-Produktion umgenutzt wird, bleibt die Nachfrage nach den urspr\u00fcnglichen Nahrungs- und Futtermitteln trotzdem bestehen. Also weicht die Produktion f\u00fcr den durch das Bev\u00f6lkerungswachstum noch vergr\u00f6\u00dferten Bedarf auf andere Fl\u00e4chen aus. Gerade der erh\u00f6hte Fleischkonsum in Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern versch\u00e4rft die Fl\u00e4chenkonkurrenz. Seit 1970 gingen \u00fcberdies weltweit 30 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4che durch Urbanisierung, W\u00fcstenausbreitung, Versalzung und Bodenerosion verloren. Hinzu kommen Extremwetterlagen, die beispielsweise die weltweiten Getreidevorr\u00e4te im Jahr 2007 auf einen Tiefstand schrumpfen lie\u00dfen. Investoren sicherten sich in Afrika und Asien bereits die Nutzung von 20 Millionen Hektar Ackerland f\u00fcr \u00d6lpalmenanbau, Jatropha, Reis und Mais zur Spritherstellung, wodurch die dortige Bev\u00f6lkerung h\u00e4ufig den Zugang zu Boden und Wasser verliert. Die Verdr\u00e4ngungseffekte zugunsten der Biomasse k\u00f6nnen auch au\u00dferhalb des eigenen Landes stattfinden und bedingen oft signifikante Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Laut Modellrechnungen der Bioglobal- Studie fallen Treibhausgaseffekte aus solchen indirekten Landnutzungs\u00e4nderungen sehr hoch aus. Insofern verfehlen Biokraftstoffe die geforderte Treibhausgasminimierung von 35 Prozent erheblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tierische Nebenprodukte werden benachteiligt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gepriesene Effizienz der gr\u00fcnen Treibstoffe steht \u2013 etwa durch die Empa- Studie 2007 \u2013 generell in Zweifel. Selbst die OECD bewertet die Biokraftstoffpolitik als extrem teuer. Ihr zufolge verursacht \u00fcber Biosprit eingespartes CO2 je Tonne Kosten zwischen 600 und 1.070 Euro. Auch werden nur 30 bis 60 Prozent der CO2-Emissionen gegen\u00fcber Benzin und Diesel eingespart. Statt auf neuen Fl\u00e4chen gesondert massenhaft Energiepflanzen anzubauen und klassische Landwirtschaft abzudr\u00e4ngen, empfiehlt sich, Energie aus Abfall- und Reststoffen (Altspeisefett, organische Abf\u00e4lle) zu gewinnen. Dabei entstehen im Gegensatz zu den Biomasse-Monokulturen kaum Risiken. Doch die junge Branche hat mit Problemen zu k\u00e4mpfen. So kritisiert der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB), da\u00df in Deutschland verkaufter Biodiesel \u201eimmer seltener\u201c aus Abfall- und Reststoffen produziert wird. Der Anteil sei von f\u00fcnf Prozent im Jahr 2009 auf rund ein Prozent gesunken. Der Grund hierf\u00fcr sei, so der VDB, \u201eda\u00df der deutsche Gesetzgeber hinsichtlich des Verkaufs von Biodiesel aus Abfall- oder Reststoffen nur schwer zu \u00fcberwindende H\u00fcrden geschaffen\u201c habe. So werden unter anderem tierische Nebenprodukte der EU-Kategorie 1 (von Tierseuchen betroffene Tiere) entgegen EU-Richtlinien nicht als f\u00f6rderf\u00e4hige Biomasse anerkannt. Entsprechend sieht der Verband der Verarbeitungsbetriebe Tierische Nebenprodukte (VVTN) tierischer Nebenprodukte als Bestandteil des Biodiesels gegen\u00fcber pflanzlichen Rohstoffen benachteiligt. \u00dcberhaupt drohe mit dem vollst\u00e4ndigen Ausschlu\u00df tierischer Fette von der Biodieselproduktion ab 1. Januar 2012 das Ende eines \u201enachhaltigen\u201c Verfahrens fernab von Monokulturen. Doch selbst wenn die gesamte Getreide- und Zuckerernte der Welt zu Bioethanol verarbeitet w\u00fcrde, deckte dies den derzeitigen Benzinbedarf nicht einmal zur H\u00e4lfte. Ebenso k\u00f6nnte die Weltpflanzen\u00f6lproduktion nur 20 Prozent des j\u00e4hrlichen Dieselverbrauchs ersetzen, und dies bei nur geringen positiven Klimawirkungen, hohen CO2- Vermeidungskosten und erh\u00f6htem Fl\u00e4chenbedarf. Gerade der Fl\u00e4chenfra\u00df durch neue Strom- und Erdgastrassen sowie durch den forcierten Biomasseanbau ist dem Deutschen Bauernverband (DBV) ein Dorn im Auge. Zwar m\u00f6chte sich der DBV der Energiewende nicht verschlie\u00dfen, machte aber dennoch in einer Entschlie\u00dfung zum Deutschen Bauerntag am 1. Juli darauf aufmerksam, da\u00df der Spagat zwischen der Sicherung der Nahrungsmittelversorgung und dem Anbau \u201evon mehr Biomasse\u201c nur dann gemeistert werden kann, wenn die Landwirtschaft \u201emit Hilfe der Wissenschaft und Beratung eine nachhaltige Effizienzsteigerung verwirklichen kann\u201c. Parallel mahnte der Pr\u00e4sident des Deutschen Raiffeisenverbandes, Manfred N\u00fcssel, in seinem Gru\u00dfwort zum Bauerntag an, \u201eden Ausbau der energetischen Nutzung von Biomasse mit Augenma\u00df\u201c zu betreiben: \u201eAnsonsten w\u00fcrden wir unwiederbringlich die Wettbewerbsf\u00e4higkeit insbesondere der deutschen Milch- und Veredelungswirtschaft schw\u00e4chen.\u201c<\/p>\n<p><em>Heino Bosselmann, Junge Freiheit, Nr. 29\/11 vom 15.07.2011 (<a href=\"http:\/\/www.junge-freiheit.de\">www.junge-freiheit.de<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bann der Monokultur Es gibt Begriffe, die klingen rundum positiv und scheinen unanfechtbar gegen\u00fcber jeder Kritik. Biomasse ist ein solches Wort. Bio ist gut f\u00fcr den Verbraucher, und Masse verspricht doppelten Gewinn. Als redlicher Beitrag gegen die Klimaerw\u00e4rmung und gute Erwerbsquelle f\u00fcr den modernen Agrarunternehmer. 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