{"id":6398,"date":"2011-05-05T13:32:06","date_gmt":"2011-05-05T11:32:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6398"},"modified":"2011-05-05T13:34:36","modified_gmt":"2011-05-05T11:34:36","slug":"malthus-2011-menschenverachtung-im-gewand-der-okologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6398","title":{"rendered":"Menschenverachtung im Gewand der \u00d6kologie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Malthus 2011: Menschenverachtung im Gewand der \u00d6kologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKein Brot f\u00fcr die Welt\u201c: Diese Botschaft illustriert eine aktuelle Publikation zur \u201eZukunft der Weltern\u00e4hrung\u201c mit einer Weltkarte aus verbranntem Brot. An s\u00e4ttigendem Brot mangelt es mehr als einer Milliarde Menschen. Auf dieses Elend verweist das apokalyptische Titelbild (1). In einer Zeit teurer Rohstoffe, steigender Lebensmittelpreise und politischer Krisen durch Hungerrevolten findet das Problem des Hungers in der Welt auch in den Medien wieder mehr Aufmerksamkeit (2). Es weckt \u00c4ngste vor der Zukunft: Wenn schon heute von sieben Milliarden Menschen jeder siebte hungert, wie sollen im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen satt werden?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Angst vor dem Bev\u00f6lkerungswachstum ist alt: Schon vor \u00fcber zweihundert Jahren hielt der britische Pastor Thomas R. Malthus die Erde f\u00fcr \u201e\u00fcberbev\u00f6lkert\u201c Knapp eine Milliarde Menschen z\u00e4hlte damals die Weltbev\u00f6lkerung. Er hielt es f\u00fcr ein \u201eGesetz\u201c, dass sich die Menschen stets st\u00e4rker als die Unterhaltsmittel vermehrten und deshalb notwendigerweise verelenden m\u00fcssten (3). Die Geschichte widerlegte Malthus: Dank der \u201egr\u00fcnen Revolution\u201c der Landwirtschaft und des industriellen Fortschritts gelang es den Europ\u00e4ern im 19. Jahrhundert, die Gei\u00dfel des Hungers zu besiegen, w\u00e4hrend sich gleichzeitig die Bev\u00f6lkerung Europas mehr als verdoppelte. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten \u00d6konomen fest: \u201eDie Bev\u00f6lkerung hat nicht die Tendenz, \u00fcber die Unterhaltsmittel hinauszuwachsen, vielmehr haben die Unterhaltsmittel die Tendenz, \u00fcber die Bev\u00f6lkerung hinauszuwachsen\u201c (4). Diese Erkenntnis hat sich best\u00e4tigt: Auch in den letzten Jahrzehnten ist die landwirtschaftliche Produktion schneller gestiegen als die Bev\u00f6lkerung, so dass sich &#8211; im Durchschnitt betrachtet &#8211; die Pro-Kopf-Versorgung mit Lebensmitteln verbessert hat (5). An diesem Fortschritt partizipieren aber nicht alle: In manchen Regionen Afrikas hat sich die Ern\u00e4hrungslage sogar verschlechtert: Die Konkurrenz importierter Billigwaren hat ihre Landwirtschaft ruiniert; statt ihren Bedarf aus Eigenproduktion zu decken sind sie von internationalen Nahrungsmittelhilfen abh\u00e4ngig (6). Diese \u201eAlmosen\u201c stammen aus der \u00dcberschussproduktion der Industriel\u00e4nder, die gleichzeitig Lebensmittel in gigantischen Mengen vernichten. Berechnungen der Vereinten Nationen zeigen: Es ist genug Nahrung vorhanden, um jeden Erdenb\u00fcrger angemessen zu ern\u00e4hren (7). Der Hunger so vieler Menschen ist kein durch die Endlichkeit nat\u00fcrlicher Ressourcen determiniertes Schicksal, sondern Ausdruck des Versagens der Politik (8).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Symptomatisch f\u00fcr die globalen Ungleichgewichte ist der Ressourcenverbrauch: In den Industriel\u00e4ndern lebt nur etwa ein F\u00fcnftel der Weltbev\u00f6lkerung, das aber etwa zwei Drittel der Energie verbraucht (9). Das belastet die Umwelt: Pro Kopf emittieren die Industriel\u00e4nder im Vergleich zur sog. \u201edritten Welt&#8220; etwa die zehnfache Menge des Treibhausgases (10). Die Erde vergiften nicht die vielen Armen, sondern vor allem die (relativ) Reichen (11). F\u00fcr Emissionen, Abfall und Landschaftszerst\u00f6rung sind weniger gestiegene Bev\u00f6lkerungszahlen als Wirtschafts- und Wohlstandswachstum verantwortlich. Neben dem Wohlstandskonsum der Reichen zerst\u00f6rt andererseits aber auch der Kampf der Armen ums nackte \u00dcberleben die Natur: Beispielhaft ist das Roden von Urw\u00e4ldern, um Brennholz und Anbaufl\u00e4chen zu gewinnen. F\u00fcr den industrialisierten Norden wie den vermeintlich \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen\u201c S\u00fcden gilt: Gef\u00e4hrlich f\u00fcr die \u00d6kosysteme ist weniger die Zahl der Menschen als ihre Lebensweise (12). Deshalb tr\u00fcgt auch die Hoffnung mancher \u00d6kologen, dass weniger Menschen quasi-automatisch die Umwelt weniger belasten: In individualistischen Wohlstandsgesellschaften steigen die Anspr\u00fcche an Komfort, Wohnraum und vor allem Mobilit\u00e4t. Dieser Wohlstandslebensstil erkl\u00e4rt, warum sich trotz schrumpfender Bev\u00f6lkerung in Deutschland der Umwelt- und Landschaftsverbrauch fortsetzt. Ohne ressourcenschonende neue Lebensweisen, das hei\u00dft konkret auch: ohne ein Mindestma\u00df an (Konsum)-Verzicht l\u00e4sst sich die viel beschworene \u201eNachhaltigkeit\u201c nicht verwirklichen. Vermeintlich einfachere L\u00f6sungen verspricht der Neo-Malthusianismus: Er (miss)versteht \u201eden Planeten Erde als Raumschiff mit streng begrenzter Tragf\u00e4higkeit\u201c und fordert, die St\u00e4rke der \u201eBesatzung\u201c zu \u201eregulieren\u201c (13). Menschen als Ballast der Erde? Menschenverachtung kann auch im Gewand der Entwicklungspolitik und der \u00d6kologie daherkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Siehe: Wilfried Bommert: Kein Brot f\u00fcr die Welt. Zur Zukunft der Weltern\u00e4hrung, M\u00fcnchen 2009.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Beispielhaft f\u00fcr eine n\u00fcchtern-sachliche Berichterstattung zur Ern\u00e4hrungsproblematik: Jan Grossarth: Die Zukunft der Weltern\u00e4hrung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.04.2011 Seite 11.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Vgl.: Herwig Birg: Die Weltbev\u00f6lkerung &#8211; Dynamik und Gefahren, M\u00fcnchen 1996, S. 28-31.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe ebenda, S. 52. Birg zitiert hier Julius Wolf (Der Geburtenr\u00fcckgang. Die Rationalisierung des Sexuallebens in unserer Zeit, Jena 1912).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Vgl.: Reiner Schulz: Bev\u00f6lkerung und Umwelt, S. 109-128, in: Zeitschrift f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaft, Jg. 30, 1\/2006, S. 109, S. 115.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Lesenswert hierzu ist die Analyse des de p\u00e4pstlichen Rates \u201eCor unum\u201c, in der es u. a. hei\u00dft: \u201eDie politisch Verantwortlichen senken unter dem Druck der armen Stadtbev\u00f6lkerung k\u00fcnstlich die Preise f\u00fcr landwirtschaftliche G\u00fcter, da die unzufriedene Stadtbev\u00f6lkerung als Gefahr f\u00fcr die politische Stabilit\u00e4t des Landes angesehen wird. [\u2026] Sie schaden damit aber den Nahrungsmittelproduzenten vor Ort. In Afrika hat sich dieses Szenario 1975-80 sehr h\u00e4ufig abgespielt und dazu gef\u00fchrt, dass die Produktion des Landes zur\u00fcckgegangen ist. Zahlreiche L\u00e4nder, die gro\u00dfe landwirtschaftliche Reicht\u00fcmer besitzen wie Zaire und Sambia, wurden pl\u00f6tzlich zu Nettoimporteuren.\u201c P\u00e4pstlicher Rat \u201eCor unum\u201c: Der Hunger in der Welt. Eine Herausforderung f\u00fcr alle: solidarische Entwicklung, Vatikanstadt 1996, abgedruckt in: Amtsblatt des Erzbistums K\u00f6ln, 136. Jahrgang, St\u00fcck 26 November 1996, S. 303.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Dies betonen auch die Vereinten Nationen: \u201ethere is enough food being producted for everyone on the planet to be adequately nourished\u201d. Siehe: United Nations: World Population Monitoring 2001: Population, Environment and Development, New York 2001, S. 19.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) \u201eDas Recht auf Ern\u00e4hrung ist eines der Prinzipien, die in der allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte im Jahre 1948 verk\u00fcndet worden sind. [&#8230;] Und doch leiden noch immer Millionen Menschen an Hunger, Mangelern\u00e4hrung oder unter den Folgen ihrer prek\u00e4ren Ern\u00e4hrungssituation. Es ist allgemein bekannt, dass die Ressourcen der Erde &#8211; als eine Gr\u00f6\u00dfe betrachtet &#8211; alle Menschen ern\u00e4hren k\u00f6nnten. [\u2026] Die Hungersn\u00f6te unserer Zeit sind regional begrenzt und in den meisten F\u00e4llen vom Menschen verursacht. [\u2026] Hunger entsteht zun\u00e4chst einmal aus Armut. Ern\u00e4hrungssicherheit h\u00e4ngt haupts\u00e4chlich von der Kaufkraft der Menschen ab und nicht von der physischen Verf\u00fcgbarkeit der Nahrung. Dennoch zeigt die Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass wirtschaftliche Armut kein unabwendbares Schicksal ist. Zahlreiche L\u00e4nder haben einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und machen hierbei weiter Fortschritte; andere hingegen schlittern immer tiefer in die Armut. Sie sind Opfer einer nationalen und internationalen Politik, die von falschen Pr\u00e4missen ausgeht.\u201c P\u00e4pstlicher Rat \u201eCor unum\u201c: Der Hunger in der Welt, op. citato, S. 298-299.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Reiner Schulz: Bev\u00f6lkerung und Umwelt, op. cito, S. 119.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10) Vgl.: Herwig Birg: Die Weltbev\u00f6lkerung &#8211; Dynamik und Gefahren, S. 121.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(11) \u201eWirklich bedrohlich ist dagegen der ernsthafte, wachsende und m\u00f6glicherweise irreparable Schaden, den wir unserer Umwelt zuf\u00fcgen. Diese Bedrohung h\u00e4ngt unmittelbar mit der \u00f6konomischen Entwicklung zusammen, denn Abfall, Verunreinigung und Umweltsch\u00e4digung nehmen mit Wohlstand und Produktivit\u00e4t zu. Unter ansonsten gleichen Bedingungen sind es die reichen L\u00e4nder, die die Erde vergiften.\u201c Siehe: David S. Landes: Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind, Berlin 2002, S. 503.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(12) Zusammenfassend l\u00e4sst sich feststellen, dass bei Ber\u00fccksichtigung des vorhandenen Wissens und entsprechend umweltbewussten Wirtschaftens die Bev\u00f6lkerungsentwicklung nicht zwingend durch eine erh\u00f6hte Nahrungsmittelnachfrage zu Umweltsch\u00e4digungen f\u00fchrt. Sch\u00e4digend sind vielmehr Faktoren wie Nachfrage\u00e4nderungen (verst\u00e4rkter Fleischkonsum der Stadtbev\u00f6lkerung) oder eine armutsbedingte, als kurzfristige Maximierung konzipierte Ausbeutung der Umwelt. [\u2026] Entscheidend ist aber die H\u00f6he und Struktur der Nachfrage, nicht die Gr\u00f6\u00dfe der Bev\u00f6lkerung, denn weder die Produktion von G\u00fctern und Dienstleistungen, noch Energieverbrauch stehen in einem konstanten Verh\u00e4ltnis zueinander oder zur Bev\u00f6lkerung. [\u2026] Die Behauptung \u201eviele Menschen = viel Umweltzerst\u00f6rung\u201c ist somit zu simpel, da sie die vielfachen weiteren Einflussfaktoren ausblendet. Vgl.: Reiner Schulz: Bev\u00f6lkerung und Umwelt, op. cit. S. 118-119.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(13) Siehe: Paul Ehrlich: Das Raumschiff ist \u00fcberf\u00fcllt: DER SPIEGEL 10\/1968 vom 04.03.1968, http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-46135813.html. Explizit auf Paul Ehrlich beruft sich: Alard von Kittlitz: \u00dcberbev\u00f6lkerung. Viele Kinder, viele Sorgen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Oktober 2010 (abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.faz.net\">www.faz.net<\/a>).<\/p>\n<p><em>IDAF, im April 2011 (<a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\">www.i-daf.org<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malthus 2011: Menschenverachtung im Gewand der \u00d6kologie \u201eKein Brot f\u00fcr die Welt\u201c: Diese Botschaft illustriert eine aktuelle Publikation zur \u201eZukunft der Weltern\u00e4hrung\u201c mit einer Weltkarte aus verbranntem Brot. An s\u00e4ttigendem Brot mangelt es mehr als einer Milliarde Menschen. Auf dieses Elend verweist das apokalyptische Titelbild (1). 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