{"id":6383,"date":"2011-04-29T09:10:25","date_gmt":"2011-04-29T07:10:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6383"},"modified":"2011-04-29T09:10:25","modified_gmt":"2011-04-29T07:10:25","slug":"stellungnahme-der-arbeitsgemeinschaft-christlicher-mediziner-acm-zur-praimplantationsdiagnostik-pid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6383","title":{"rendered":"Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Mediziner (ACM) zur Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Mediziner (ACM) zur Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID) bezeichnet die Untersuchung von durch k\u00fcnstliche Befruchtung erzeugten Embryonen auf (krankhafte) genetische Eigenschaften. Damit sollen betroffene Eltern die Chance auf ein gesundes Kind erhalten. Warum wird dies zun\u00e4chst gut erscheinende Anliegen so kontrovers diskutiert? Auf einige der wesentlichen Aspekte m\u00f6chten wir im Folgenden hinweisen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Die Ausgangslage<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zahlreiche Paare k\u00f6nnen auf nat\u00fcrlichem Wege keine Kinder bekommen und nehmen in ihrer Not Zuflucht zur Erzeugung von Kindern im Reagenzglas (in vitro Fertilisation, IVF). Andere Paare wissen um eine eigene Belastung mit Erbanlagen f\u00fcr genetische Erkrankungen. Sie trauen sich daher nicht, auf nat\u00fcrlichem Wege Kinder zu zeugen und so das Risiko einzugehen, ein (weiteres) schwerkrankes Kind zu bekommen. In solchen F\u00e4llen k\u00f6nnen durch die Kombination von IVF und PID aus etwa drei Dutzend daf\u00fcr erzeugter Embryonen diejenigen mit krankhaften Erbanlagen ausgesondert und einzelne, diesbez\u00fcglich gesunde Embryonen implantiert werden. Die PID erh\u00f6ht somit f\u00fcr betroffene Paare die Chance auf ein gesundes Kind. Leitmotiv ist der verst\u00e4ndliche Wunsch nach einem gesunden, eigenen Kind. Aber ergibt sich daraus auch ein Anspruch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Die Interessenlagen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgangspunkt f\u00fcr den Wunsch nach einer Zulassung der PID ist die Situation der potentiellen Eltern. Dennoch sind von der Entscheidung unterschiedliche Parteien betroffen, unter anderem:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\uf020\u00a0\u00a0 Die Eltern mit ihrem Wunsch nach gesunden, eigenen Kindern;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\uf095\u00a0\u00a0 Menschen, die mit Erkrankungen leben, zu deren Vermeidung die PID dient;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\uf095\u00a0\u00a0 Die als krank verworfenen und somit get\u00f6teten Embryonen;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\uf095\u00a0\u00a0 Die \u00fcbersch\u00fcssigen Embryonen mit ungewisser weiterer Verwendung;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\uf095 \u00a0\u00a0\u00c4rzte, Wissenschaftler, Gesundheitsindustrie und Kostentr\u00e4ger zwischen\u00a0<br \/>\nHelfenwollen, Forschungsdrang und finanziellen Interessen;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\uf095\u00a0\u00a0 Die Gesellschaft, die \u00fcber ihre eigenen Werte und deren Folgen zu entscheiden hat. Die teils kontroversen Interessen der jeweiligen Parteien sind unterschiedlich stark zu gewichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Zwischen Ethik und Recht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der momentanen Situation geht es um die Frage nach einer rechtlichen Regelung der PID vor dem Hintergrund von Grundgesetz und Gesetzeslage in Deutschland. Diese ist nicht notwendig identisch mit der ethischen Bewertung, ob die PID als solche mit den Regeln guten, moralisch richtigen Handelns vereinbar ist. Dabei pr\u00e4gt geltendes Recht auch ethische Haltungen in der Bev\u00f6lkerung, wie die \u00c4nderung des \u00a7218 StGB zeigt: Hatte der Gesetzgeber dabei die Abtreibung als im Einzelfall straffrei gestelltes Unrecht betrachtet, so ist daraus im Bewusstsein vieler ein &#8222;Recht auf Abtreibung&#8220; geworden. Diese normative Kraft des Gesetzes gilt es, bei der anstehenden Entscheidung im Blick zu behalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Vom Beginn des Menschseins<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Bewusstsein vieler ist der Embryo ein &#8222;Zellhaufen&#8220;, dem noch kein &#8222;Menschsein&#8220; zukommt. Tats\u00e4chlich aber ist die \u00e4u\u00dfere Form des Embryos die einzig m\u00f6gliche nat\u00fcrliche Form des Menschseins, die diesem Entwicklungsstadium entspricht \u2013 so wie das Neugeborene zu 100% Mensch im Neugeborenenstadium oder der Erwachsene Mensch im Erwachsenenstadium ist. Der Mensch entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch. (E. Blechschmidt) Daf\u00fcr spricht nicht nur die Kontinuit\u00e4t der genetischen Information, sondern auch \u00dcberlegungen bzgl. Identit\u00e4t und Pers\u00f6nlichkeit eines Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5. Selbstbestimmung und Menschenw\u00fcrde<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Verfassern des Grundgesetzes war es vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Dritten Reiches wichtig festzustellen, dass jedem Menschen W\u00fcrde zukommt, die von seinem Verhalten und seinen F\u00e4higkeiten unabh\u00e4ngig ist. Daher kommt ihm auch eine unbedingte und nicht verhandelbare Schutzw\u00fcrdigkeit zu, die nicht durch k\u00f6rperliche oder geistige Behinderungen oder Erkrankungen aufgehoben wird. Menschen mit solchen Behinderungen und Erkrankungen sind zu akzeptieren, nicht zu selektieren oder zu diskriminieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber entwickelt sich in unserer Gesellschaft zunehmend die Position, dass die W\u00fcrde des Menschen (und damit seine Schutzw\u00fcrdigkeit) wesentlich von anderen Kriterien abh\u00e4ngig ist. Die Definition dieser Kriterien bleibt dabei der Mehrheitsmeinung \u00fcberlassen. Somit f\u00fchrt diese Haltung fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zwangsl\u00e4ufig zu einer Diktatur der Selbstbestimmten \u00fcber die, die keine Stimme haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6. PID statt PND?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Bef\u00fcrwortern der PID wird h\u00e4ufig auf die Praxis der Pr\u00e4nataldiagnostik (PND) verwiesen mit dem Argument, die PID sei &#8222;ethisch weniger problematisch als eine &#8218;Schwangerschaft auf Probe&#8216; mit nachfolgendem Schwangerschaftsabbruch&#8220; (D\u00c4Bl Jg.108(9) B348; 04.03.2011). Dabei zeigt die Erfahrung im Ausland, dass die PID keinen R\u00fcckgang von PND oder Sp\u00e4tabtreibungen bewirkt (D\u00c4Bl Jg.108(1-2) B15; 10.01.2011), zumal auch die PID risiko- und fehlerbehaftet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. Blick ins Ausland<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bef\u00fcrworter einer Zulassung der PID in Deutschland argumentieren oft mit der Legitimit\u00e4t dieser Methode in Nachbarstaaten und einem PID-Tourismus mit daraus folgender sozialer Benachteiligung im Falle einer Ablehnung der PID in Deutschland. Der Blick auf das Ausland darf dazu dienen, Anregungen f\u00fcr eigene Regelungen zu erhalten. Aufgabe des Gesetzgebers aber ist es, Regelungen zu finden, die den f\u00fcr uns in Deutschland als richtig erkannten Wertma\u00dfst\u00e4ben entsprechen. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage nach der Verf\u00fcgbarkeit menschlichen Lebens und des Umgangs mit bzw. der Schutzw\u00fcrdigkeit von Kranken und Behinderten in unserem Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8. Sympathie, Empathie und Ethik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u00c4rzte begegnen wir tagt\u00e4glich Menschen in Not und haben dabei den Anspruch, mit den Menschen zu empfinden und uns in ihre Situation hineinzuf\u00fchlen. Gerade bei schwerwiegenden Erkrankungen w\u00fcnschten wir oftmals mit und f\u00fcr unsere Patienten, die Krankheit \u2013 nicht der Kranke! \u2013 lie\u00dfe sich beseitigen. Das Mitf\u00fchlen und Mitleiden darf nicht dazu f\u00fchren, den Blick f\u00fcr die richtige Entscheidung zu verlieren. Das gilt f\u00fcr unser \u00e4rztliches Handeln &#8211; und es muss auch in den Fragen von Ethik und Recht gelten. Man kann auch aus vermeintlich guten Motiven heraus sachlich falsch oder rechtswidrig oder moralisch verwerflich handeln. Wir hoffen, die hier beispielhaft genannten Punkte machen hinl\u00e4nglich deutlich, dass die Zulassung der PID einer Abschaffung umfassenden Lebensschutzes weiter Vorschub leistet. Aus diesem Grunde lehnen wir sie ab und rufen den Gesetzgeber auf, im Sinne des Lebensschutzes die Bedingungen f\u00fcr das Leben Kranker und Behinderter sowie ihrer Familien zu verbessern (z.B. auch das Adoptionsrecht!). Zugleich fordern wir die Gesellschaft zu klaren Zeichen der Solidarit\u00e4t mit betroffenen Familien auf. Die Humanit\u00e4t einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit den chronisch kranken, behinderten und pflegebed\u00fcrftigen Menschen umgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>21. M\u00e4rz 2011<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Mediziner (ACM)<br \/>\n<\/em>gezeichnet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. med. Inge Scharrer<br \/>\nDr. med. Andrea Lau<br \/>\nDr. med. Eckhard Piegsa<\/em><\/p>\n<p><em>Kontaktadresse: ACM-Sekretariat \u2013 Aubachstr. 5 \u2013 35647 Waldsolms<br \/>\nTel. 0 60 85. 98 76 56 &#8211; acm@smd.org \u2013 www.acm.smd.org<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Mediziner (ACM) zur Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID) Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID) bezeichnet die Untersuchung von durch k\u00fcnstliche Befruchtung erzeugten Embryonen auf (krankhafte) genetische Eigenschaften. Damit sollen betroffene Eltern die Chance auf ein gesundes Kind erhalten. Warum wird dies zun\u00e4chst gut erscheinende Anliegen so kontrovers diskutiert? Auf einige der wesentlichen Aspekte m\u00f6chten wir im Folgenden hinweisen.<\/p>\n","protected":false},"author":297,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[24],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6383"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/297"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6383"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6383\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6389,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6383\/revisions\/6389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6383"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6383"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6383"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}