{"id":6260,"date":"2011-03-30T16:47:37","date_gmt":"2011-03-30T14:47:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6260"},"modified":"2011-04-12T15:29:46","modified_gmt":"2011-04-12T13:29:46","slug":"immer-mehr-deutsche-sind-psychisch-krank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6260","title":{"rendered":"Immer mehr Deutsche sind psychisch krank"},"content":{"rendered":"<p><strong>Immer mehr Deutsche sind psychisch krank<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 2006 meldete das Robert Koch Institut, das viele umfangreiche und repr\u00e4sentative Untersuchungen des Gesundheitszustands der Deutschen f\u00fcr das Statistische Bundesamt durchf\u00fchrt, dass die Bedeutung psychischer Erkrankungen mangelnder verl\u00e4sslicher Daten wegen lange Zeit untersch\u00e4tzt worden sei. Das Robert Koch Institut und die wissenschaftlichen Institute der gro\u00dfen Krankenkassen stellen zudem fest, dass schon seit einigen Jahren die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen immer weiter ansteigen. Im Gegensatz dazu ist der Trend bei anderen Krankheiten insgesamt r\u00fcckl\u00e4ufig. In der Rangfolge der Fehlzeiten durch Krankheit stehen die psychischen Erkrankungen nach den Muskel-Skelett-Erkrankungen, den Verletzungen und den Atemwegserkrankungen an vierter Stelle.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Rahmen fallend ist bei den psychischen Erkrankungen vor allem die L\u00e4nge der durchschnittlichen Krankheitsdauer. W\u00e4hrend sie bei Atemwegserkrankungen zum Beispiel nur 6,4 Tag betr\u00e4gt, fehlen der AOK zufolge psychisch kranke Arbeitnehmer im Schnitt 22,5 Tage pro Jahr. Fast drei Viertel der Betroffenen werden au\u00dferdem ihrer psychischen St\u00f6rungen wegen mehrmals j\u00e4hrlich krank geschrieben. Besonders h\u00e4ufig sind Frauen betroffen und besonders lang dauern die Krankheitszeiten bei \u00e4lteren Arbeitnehmern. Mit dem Alter nimmt auch die H\u00e4ufigkeit der psychischen Erkrankungen zu. Da die Bev\u00f6lkerung insgesamt immer \u00e4lter wird, ist schon allein aus diesem Grund in den kommenden Jahren ein weiteres Anwachsen der Epidemie psychischer St\u00f6rungen zu erwarten. Dem Anfang M\u00e4rz erschienenen Barmer Gesundheitsreport nach kommt dadurch derzeit eine Summe von insgesamt 44,1 Millionen Ausfalltagen zusammen. Der wirtschaftliche Schaden wird auf vier Milliarden Euro gesch\u00e4tzt. Der Aufwand f\u00fcr die Behandlung dieser St\u00f6rungen lag 2008 dem Statistischen Bundesamt zufolge bei 26,7 Milliarden Euro. Psychische St\u00f6rungen sind mittlerweile der Hauptgrund f\u00fcr gesundheitsbedingte Fr\u00fchpensionierungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im Zusammenhang des Ende der 90er Jahre fertiggestellten gro\u00df angelegten \u201eBundesgesundheitssurveys\u201c wurde gesch\u00e4tzt, dass ungef\u00e4hr 32 Prozent der Deutschen im \u201eerwerbsf\u00e4higen\u201c Alter zwischen 18 und 64 Jahren im Lauf eines Jahres unter mindestens einer ernst zu nehmenden psychischen St\u00f6rung litten. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte davon h\u00e4tte sofortige therapeutische Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigt. Dass jedenfalls ein Drittel der erwachsenen Deutschen innerhalb eines Jahres seelische St\u00f6rungen mit Krankheitswert erleiden, darf heute als gesichert angesehen werden. F\u00fcr die gesamte EU wird von 27 Prozent gesprochen; f\u00fcr ganz Europa werden Zahlen bis zu 20 Prozent genannt. Im Jahr 2007 wurde die Zahl der erwachsenen Deutschen, die j\u00e4hrlich wenigstens eine psychische St\u00f6rung entwickeln, auf 37 Prozent der Frauen und 25 Prozent der M\u00e4nner beziffert. Dass die M\u00e4nner so \u201egut\u201c abschneiden, liegt nach Meinung der Experten nicht an ihrer gr\u00f6\u00dferen psychischen Stabilit\u00e4t, sondern an ihrer geringeren Bereitschaft und F\u00e4higkeit, Schw\u00e4chen zuzugeben. M\u00e4nner kompensieren ihre Probleme darum auch eher durch \u201egesellschaftsf\u00e4hige\u201c Verhaltensweisen wie Arbeitssucht und Alkohol.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die st\u00e4rkste Zunahme ist bei den Depressionen zu verzeichnen. Sie nehmen heute vor den \u201eReaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsst\u00f6rungen\u201c den ersten Platz der H\u00e4ufigkeit psychischer St\u00f6rungen ein. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass 2020 die depressiven St\u00f6rungen nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen an zweiter Stelle der Krankheitsh\u00e4ufigkeit weltweit stehen werden und dass dann sowohl die meisten fr\u00fchzeitigen Todesf\u00e4lle als auch die meisten psychischen Behinderungen darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sein werden. Im Jahr 2006 erlitten 15 Prozent der Frauen und acht Prozent der M\u00e4nner in Deutschland mindestens eine depressive Phase. Einer von sieben schwer depressiven Deutschen stirbt durch Suizid. Der gesamtwirtschaftliche durch Depressionen entstehende Schaden in den EU-Mitgliedsstaaten wurde f\u00fcr 2004 auf 118 Milliarden Euro beziffert. Stark zugenommen haben auch Angstst\u00f6rungen und S\u00fcchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Hauptgrund f\u00fcr die Epidemie psychischer St\u00f6rungen sehen Experten in \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Stress am Arbeitsplatz. Es wird davon ausgegangen, dass diese Probleme in Zukunft noch weiter ansteigen werden. Folgende Faktoren werden genannt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Termindruck<br \/>\n&#8211; Zu hohe Erwartungen an das Arbeitstempo<br \/>\n&#8211; Gesteigerte Komplexit\u00e4t der Arbeitsprozesse<br \/>\n&#8211; St\u00f6rungen der Arbeitsabl\u00e4ufe<br \/>\n&#8211; Umstrukturierungen<br \/>\n&#8211; Missverst\u00e4ndnisse<br \/>\n&#8211; Ungekl\u00e4rte Kompetenzen<br \/>\n&#8211; Probleme mit der Technik<br \/>\n&#8211; Wirtschaftlicher Druck, der auf den Unternehmen lastet<br \/>\n&#8211; Angst um den eigenen Arbeitsplatz<br \/>\n&#8211; Mangelnde Anerkennung am Arbeitsplatz<br \/>\n&#8211; Mobbing<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Barmer Gesundheitsreport stellt fest, dass psychische Belastungen auffallend h\u00e4ufig in Berufen vorkommen, die mit gro\u00dfen psychosozialen Herausforderungen verbunden sind: Vor allem betroffen seien Krankenpflege und Sozialarbeit. Sehr gef\u00e4hrdet seien aber auch Berufe, die durch \u00fcberdurchschnittliche Monotonie gepr\u00e4gt sind: hier seien vor allem Verk\u00e4uferinnen betroffen. Auch das Bildungsniveau spielt anscheinend eine deutlich beg\u00fcnstigende Rolle f\u00fcr die Entstehung seelischer St\u00f6rungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie zuverl\u00e4ssig sind die statistischen Daten? Einerseits hat die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr psychische St\u00f6-rungen bei der Bev\u00f6lkerung wie auch bei den Medizinern zugenommen. Daraus darf vorsichtig gefolgert werden, dass eine gewisse Anzahl der Diagnosen \u00fcbertrieben sein m\u00f6gen. Andererseits muss aber auch mit einer gro\u00dfen Dunkelziffer gerechnet werden. Zum Beispiel weist die Erkenntnis, dass wohl nur etwa f\u00fcnf Prozent der Muskel-Skelett-Erkrankungen eindeutig auf organische Ursachen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, auf den oft nur schwer wahrnehmbaren hohen Anteil psychosomatischer Hintergr\u00fcnde bei k\u00f6rperlichen Erkrankungen hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Psychologieprofessor Hans-Ulrich Wittchen, Leiter der Untersuchungen \u00fcber die Verbreitung der psychischen St\u00f6rungen und ihre Behandlung im Rahmen des Gesundheitssurveys Ende der 90er Jahre, bilanzierte eine \u201egravierende Unterversorgung\u201c von Menschen mit seelischen Erkrankungen. Der Barmer Gesundheitsreport 2009 konstatiert, dass psychische St\u00f6rungen nach wie vor \u201eselten fr\u00fchzeitig diagnostiziert und noch seltener ad\u00e4quat behandelt\u201c werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verfasser des Barmer Gesundheitsreports 2009, der Arbeitspsychologe Professor Rainer Wieland, kommt zu dem Schluss, dass die psychische Gesundheit \u201edie Herausforderung der Gesellschaft von morgen\u201c sein werde. Die Gesundheit w\u00fcrde \u201eals Humanressource der Unternehmen im 21. Jahrhundert eine zunehmend wichtige Rolle spielen.\u201c Dabei gelte es, sich statt wie bisher auf die Pathogenese, also auf die Entstehungsfaktoren von Krankheit, zu konzentrieren, sondern mehr noch auf die Salutogenese, also auf die Bedingungen nachhaltiger Gesundheit. Seelische Gesundheit und Wohlbefinden seien eine Unternehmensressource, \u201edie f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit steigende Bedeutung\u201c erlangen werde. \u201eDie Gesundheitskompetenz eines Unternehmens wird dadurch zuk\u00fcnftig auch eine wesentliche Schl\u00fcsselkompetenz eines Unternehmens darstellen\u201c, sagte Wieland auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Gesundheitsreports. Damit best\u00e4tigt sich wieder einmal mehr die These des christlichen Wirtschaftstheoretikers Leo Nefiodow, dass wir an der Schwelle zu einem neuen \u00f6konomischen Zeitalter stehen, das die gegenw\u00e4rtige Epoche der Informationstechnologie abl\u00f6st und ma\u00dfgeblich durch die Faktoren \u201eGesundheit\u201c und \u201eSozialkompetenz\u201c gepr\u00e4gt sein wird.<\/p>\n<p><em>Hans-Arved Willberg, Karlsruhe (Quelle: &#8222;Bonner Querschnitte&#8220;)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Autor, Hans-Arved Willberg, steht f\u00fcr Interviews gern zur Verf\u00fcgung und kann kontaktiert werden \u00fcber: Institut f\u00fcr Seelsorgeausbildung (ISA) Hermann-Weick-Weg 1 76229 Karlsruhe , Tel.: (0721) 6655-149; Fax: (0721) 6655-398; E-Mail: (<a href=\"mailto:willberg@life-consult.org\">willberg@life-consult.org<\/a>) <\/em><em><span style=\"color: #000000;\">(<a href=\"http:\/\/www.life-consult.org\">www.life-consult.org<\/a>)<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr Deutsche sind psychisch krank Im Jahr 2006 meldete das Robert Koch Institut, das viele umfangreiche und repr\u00e4sentative Untersuchungen des Gesundheitszustands der Deutschen f\u00fcr das Statistische Bundesamt durchf\u00fchrt, dass die Bedeutung psychischer Erkrankungen mangelnder verl\u00e4sslicher Daten wegen lange Zeit untersch\u00e4tzt worden sei. 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