{"id":6011,"date":"2011-02-21T11:26:05","date_gmt":"2011-02-21T09:26:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6011"},"modified":"2011-02-21T11:26:05","modified_gmt":"2011-02-21T09:26:05","slug":"unmenschliche-gender-masstabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=6011","title":{"rendered":"Unmenschliche Gender-Ma\u00dfst\u00e4be"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unmenschliche Gender-Ma\u00dfst\u00e4be<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan hat nicht ein Geschlecht, sondern man verh\u00e4lt sich entsprechend.\u201c Dies ist die Quintessenz des neuen Menschenbildes, das seit der Jahrtausendwende amtliche Berichte der Bundesregierung propagieren. Zwar r\u00e4umen Regierungsexperten ein, dass man selbstverst\u00e4ndlich zwischen M\u00e4nnern und Frauen unterscheide. Das sei jedoch das Produkt \u201esozialisatorischer \u00dcberformungen\u201c, eines so genannten \u201edoing gender\u201c. Geschlecht gilt in diesem Weltbild nicht als eine nat\u00fcrlich-biologische Kategorie (\u201esex\u201c), sondern als \u201eeine soziale und kulturelle Konstruktion\u201c (\u201egender\u201c) (1). Diesen Bauplan umzuschreiben, das ist Ziel des \u201eGender Mainstreaming\u201c. Es verpflichtet die politischen Akteure, \u201eihre Entscheidungen so zu gestalten, dass sie zur F\u00f6rderung einer tats\u00e4chlichen Gleichstellung der Geschlechter beitragen\u201c (2). Jedwede Unterschiede in den Lebensverh\u00e4ltnissen der Geschlechter betrachten seine Advokaten \u2013 jedenfalls solange sie M\u00e4nner beg\u00fcnstigen \u2013 als Folge einer Frauen diskriminierenden \u201eGeschlechterhierarchie\u201c. <!--more-->Deren Machtverh\u00e4ltnisse manifestierten sich insbesondere im Ma\u00dfstab des Geldes: Lohndifferenzen zuungunsten von Frauen gelten daher per se als Ausdruck mangelnder Chancengerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Diese Lohndifferenzen misst der \u201eGender Pay Gap\u201c: Als solcher firmiert im amtlichen Sprachgebrauch die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes zwischen M\u00e4nnern und Frauen. Nach diesem Ma\u00df verdienen Frauen in Deutschland etwa ein F\u00fcnftel weniger als M\u00e4nner (3). Diese Differenz einzuebnen ist zentrales Anliegen der Besch\u00e4ftigungspolitik; in der amtlichen Statistik firmiert ein (m\u00f6glichst verschwindender) \u201eGender pay gap\u201c als Indikator f\u00fcr \u201esozialen Zusammenhalt\u201c und \u201eNachhaltigkeit\u201c (4).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u201eGender Pay Gap\u201c kann verschiedene Ursachen haben: Ungleichheit der betrieblichen Positionen und Aufstiegschancen ebenso wie Unterschiede in der Qualifikation und Art des Berufs. Diese Faktoren l\u00e4sst der aufgrund von EU-Beschl\u00fcssen europaweit verwendete Indikator \u201eGender Pay Gap\u201c jedoch v\u00f6llig unber\u00fccksichtigt. Er ist ein abstraktes Gleichheitsma\u00df, das die Vielfalt der Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse ausblendet. Ein differenzierteres Bild der geschlechtsspezifischen Entlohnung gibt der sog. \u201ebereinigte\u201c Gender Pay Gap: Er erfasst Lohnunterschiede zwischen m\u00e4nnlichen und weiblichen Arbeitnehmern mit vergleichbaren Eigenschaften in Bezug auf Qualifikation, berufliche Branche und Position etc. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes betr\u00e4gt dieser Verdienstunterschied rund 8 Prozent (5). Dies bedeutet einerseits: Auch bei gleicher T\u00e4tigkeit und Qualifikation, in derselben Branche und vergleichbarem Besch\u00e4ftigungsumfang werden Frauen immer noch schlechter bezahlt als M\u00e4nner. Andererseits folgt daraus: Mehr als zwei Drittel der Verdienstdifferenz sind darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Frauen h\u00e4ufiger geringf\u00fcgig und in Teilzeit besch\u00e4ftigt sind, Stellen mit geringerem Qualifikationsprofil besetzen und vor allem geringer entlohnte T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben (6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Schl\u00fcsselrolle f\u00fcr das Gender Pay Gap spielt die Berufswahl: H\u00e4ufiger als M\u00e4nner sind Frauen in Berufsfeldern t\u00e4tig, in denen schlecht bezahlt wird. Exemplarisch daf\u00fcr sind Altenund Krankenpflegerinnen. Ihre T\u00e4tigkeit erfordert neben fachlichen und sozialen Qualifikationen zus\u00e4tzlich noch eine hohe k\u00f6rperliche und seelische Belastbarkeit. Die Arbeitsbedingungen sind als hart bekannt; dennoch sind diese Berufe wenig angesehen und vergleichsweise schlecht entlohnt. Besonders unattraktiv sind die Arbeitszeiten: Es handelt sich um 24-Stunden Berufe mit Nachtschichten und \u00dcberstunden als Regelfall. Verantwortlich daf\u00fcr sind letztlich die Lebensbed\u00fcrfnisse von alten und kranken Menschen: Sie richten sich eben nicht nach festen B\u00fcro- und Maschinenlaufzeiten und dem Wunsch nach \u201eFeierabend\u201c. F\u00fcrsorge f\u00fcr alte und kranke Menschen (wie auch die f\u00fcr Kinder) sperrt sich gegen eine \u00f6konomisch-rationale Zeitstruktur, die nach dem Prinzip \u201eZeit ist Geld\u201c funktioniert: Es geht nicht prim\u00e4r darum (Arbeits-)Zeit zu \u201esparen\u201c, sondern Lebenszeit auszuf\u00fcllen, schlie\u00dflich sind nicht Maschinen zu bedienen, sondern Menschen zu pflegen (7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die daf\u00fcr erforderliche pers\u00f6nliche Zuwendung und Empathie werden durch den von chronischer Finanznot diktierten Effizienzdruck im Sozialsystem erschwert oder gar unm\u00f6glich gemacht. Dieser Rationalisierungszwang verunsichert die vom Wunsch Menschen zu helfen motivierten Pflegerinnen in ihrem Berufsethos (8). Trotz dieses Zeitdrucks, trotz schwieriger Arbeitsbedingungen und allenfalls m\u00e4\u00dfiger Bezahlung, entscheiden sich noch immer viele junge Frauen f\u00fcr Pflege- und Gesundheitsberufe. Aus der Sicht der Gender-Theorie bleiben sie damit Geschlechtsrollen verhaftet, die F\u00fcrsorglichkeit als \u201eweibliches Wesensmerkmal naturalisieren\u201c. Auch gegen solche \u201eStereotypen\u201c der Mitmenschlichkeit kann sich die Politik des Gender Mainstreaming richten (9). Ihre Erfolgsma\u00dfst\u00e4be lauten Geld (\u201eGender Pay Gap\u201c) und beruflicher Status \u2013 Stichwort \u201eQuote\u201c. Die der Humanit\u00e4t dienende F\u00fcrsorgeleistung von Frauen, von Pflegerinnen im Dienst wie von M\u00fcttern in der Familie, droht als vermeintliche quantit\u00e9 negligeable vergessen zu werden (10).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) \u201eSeit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ist zunehmend zu konstatieren, dass \u201eim Zuge des Paradigmenwechsels in der Frauen- und Geschlechterforschung die Kategorie Geschlecht selbstkritisch betrachtet und die Differenz zwischen den Geschlechtern als naturalisierte Klassifikation einer Zweigeschlechtlichkeit infrage gestellt wurde\u201c [\u2026]. Geschlecht wird zunehmend als eine soziale und kulturelle Konstruktion verstanden, als \u201edoing gender\u201c. Man \u201ehat\u201c nicht ein Geschlecht, sondern man verh\u00e4lt sich entsprechend. Damit richtet sich der Blick nicht so sehr auf biologische Differenzen, sondern zuallererst auf die Konstitution von \u201eZweigeschlechtlichkeit\u201c. Siehe: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht \u00fcber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Elfter Kinder- und Jugendbericht), Berlin 2002, S. 108.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Siehe: <a href=\"http:\/\/www.gender-mainstreaming.net\/\">http:\/\/www.gender-mainstreaming.net<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Statistisches Bundesamt: Nachhaltige Entwicklung in Deutschland. Indikatorenbericht 2010, Wiesbaden 2010, S. 56-57.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe ebenda.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Vgl.: Claudia Finke: Verdienstunterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen, S. 36-S. 48, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik Januar 2011, S. 47.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Vgl. ebd., S. 45.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) \u201eDie berufliche Pfleget\u00e4tigkeit wie auch die f\u00fcrsorgliche Praxis in der eigenen Familie haben gemeinsam, dass es sich um eine Aufgabe von tendenziell 24 Stunden am Tag handelt. Die Zeit, in der ein Mensch gepflegt wird, ist seine Lebenszeit; dabei geht es nicht um gesparte, sondern um erf\u00fcllte Zeit, nicht um instrumentelle, sondern um F\u00fcrsorgerationalit\u00e4t. [\u2026] Was braucht er oder sie? Diese T\u00e4tigkeiten stehen unter dem Gesichtspunkt einer F\u00fcrsorgerationalit\u00e4t. Sie steht durchaus sperrig gegen eine an instrumenteller Rationalit\u00e4t orientierte Zeitstruktur, die nach dem Prinzip \u201eZeit ist Geld\u201c funktioniert und in den Einrichtungen in j\u00fcngerer Zeit immer st\u00e4rker dominiert.\u201c Siehe: Eva Senghaas- Knobloch: Care- Arbeit und das Ethos f\u00fcrsorglicher Praxis unter neuen Marktbedingungen am Beispiel der Pflegepraxis, S. 231-243, in: Berliner Journal f\u00fcr Soziologie, Band 18 \u2013 2008, S. 232 und S. 239. Siehe hierzu auch: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/146-0-Woche-15-2009.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/146-0-Woche-15-2009.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Hierzu Senghaas-Knobloch: \u201eDie Zettel sterben nicht, die Patienten schon\u201c: Mit diesem provokativen Satz wird der Versuch gemacht, auf den drohenden Verfall des Ethos f\u00fcrsorglicher Praxis hinzuweisen, demzufolge Pflegekr\u00e4fte unter bestimmten Umst\u00e4nden die immer st\u00e4rker komprimierte Zeit auf die von ihnen verlangte Dokumentation von Handlungen konzentrieren und dabei unter Umst\u00e4nden die dokumentierten Handlungen selbst vers\u00e4umen.\u201c Ebenda, S. 236.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) So fordert die EU-Kommission, um der Geschlechtergleichheit entgegenstehende \u201ekulturelle Barrieren\u201c abzubauen, ein \u201eVorgehen gegen stereotype Vorstellungen von Frauen und M\u00e4nnern\u201c. Siehe: Bericht der Kommission der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften an den Rat, das Europ\u00e4ische Parlament, den Europ\u00e4ischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen zur Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern \u2013 2008, Bundesratsdrucksache 158\/08, K\u00f6ln 2008, S. 8-9 sowie S. 6.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10) Diese Gefahr sehen durchaus auch \u201efeministisch\u201c orientierte Autorinnen: \u201eDas herausragende Gewicht, das der Erwerbsarbeit als einziger, wertvollster oder wichtigster sozialer Aktivit\u00e4t zugemessen wird, birgt das Risiko, dass die Notwendigkeit und der Wert von Betreuungsarbeit, ob bezahlt oder unbezahlt, verdeckt bleibt. Care als sinnvolle und beziehungsf\u00f6rdernde, identit\u00e4tsstiftende Aktivit\u00e4t droht sowohl aus den Debatten \u00fcber die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen wie auch aus den Diskussionen \u00fcber Investitionen in die fr\u00fchkindliche Entwicklung herauszufallen.\u201c Siehe: Chiara Saraceno: \u201eCare\u201c leisten und \u201eCare\u201c erhalten zwischen Individualisierung und Refamilialisierung, S. 244-256, in: Berliner Journal f\u00fcr Soziologie, Band 18\/2008, S. 251.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>IDAF Nachricht der Wochen 7-8 \/ 2011<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unmenschliche Gender-Ma\u00dfst\u00e4be \u201eMan hat nicht ein Geschlecht, sondern man verh\u00e4lt sich entsprechend.\u201c Dies ist die Quintessenz des neuen Menschenbildes, das seit der Jahrtausendwende amtliche Berichte der Bundesregierung propagieren. 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