{"id":5770,"date":"2011-01-17T11:53:30","date_gmt":"2011-01-17T09:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5770"},"modified":"2011-01-17T12:02:37","modified_gmt":"2011-01-17T10:02:37","slug":"offener-brief-an-den-ratsprasidenten-der-ekd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5770","title":{"rendered":"Offener Brief an den Ratspr\u00e4sidenten der EKD"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrter Herr Schneider,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich schreibe Ihnen unter dem Eindruck einer sich \u00fcber die Jahre zunehmend abzeichnenden Schrift- und bekenntniswidrigen Kurs\u00e4nderung der Evangelischen Kirche, die mich zutiefst beunruhigt und die ich als sehr alarmierend empfinde. Den Weg, den unsere Kirche durch Entscheidungen und \u00f6ffentliche Verlautbarungen leitender Organe der jeweiligen Landeskirchen wie auch der EKD insgesamt einschl\u00e4gt, kann ich daher nicht l\u00e4nger schweigend zur Kenntnis nehmen. Insbesondere die j\u00fcngsten Entscheidungen in der Bayerischen Landeskirche, zu der ich mich \u00fcber Jahrzehnte zugeh\u00f6rig wusste, und der EKD haben mich in besonderem Ma\u00df wachger\u00fcttelt, so dass ich mich zu diesem Brief gen\u00f6tigt sehe. <!--more-->Sowohl die Entscheidung von Dr. Friedrich, Inhaber des Bischofsamtes der Evang. Luth. Kirche in Bayern als auch der Beschluss der EKD-Synode zu einem einheitlichen Pfarrdienstgesetz, welches in Zukunft f\u00fcr alle Landeskirchen gelten soll (und hier speziell Teil 5, Kap. 2, \u00a739, insbesondere die Begr\u00fcndung II B zu \u00a739), zielen in die gleiche Richtung. Die Situation in der Landeskirche von Kurhessen Waldeck, der ich durch Zuzug noch nicht so lange angeh\u00f6re, ist mir bislang weniger vertraut. Die Ver\u00f6ffentlichungen auf der Website deuten jedoch auch hier eine entsprechende Weichenstellung i.o.g. Sinn an, wenngleich Entscheidungen, wie sie in Bayern und in der EKD diesbez\u00fcglich gef\u00e4llt wurden, offensichtlich noch nicht gewagt wurden. Die Entscheidung in Bayern ist allerdings lediglich eine \u201ekonsequente\u201c Weiterf\u00fchrung fr\u00fcherer ganz \u00e4hnlicher \u201eWeichenstellungen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich f\u00fcr nicht wenige Evangelische Christen die ernsthafte Frage des Kirchenaustritts oder die eines Konfessionswechsels. Viele Christen, unter ihnen auch einige unserer Freunde, haben bereits in den vergangenen Jahren den Landeskirchen den R\u00fccken gekehrt und sind in Freikirchen abgewandert bzw. ganz ausgetreten. Wirklich erschreckend ist, dass es Pfarrer gibt, die aus Furcht vor disziplinarischen Ma\u00dfnahmen seitens der Kirchenleitung mit ihrer kritischen Haltung gegen\u00fcber den o.g. Entscheidungen (dies betrifft die Situation in Bayern) lieber schweigen oder sich anonym zu Wort melden (Leserbrief). Ich frage mich, was ist das f\u00fcr eine Kirche, wenn die Furcht vor tats\u00e4chlichen oder auch nur vermeintlichen Konsequenzen eine offene Auseinandersetzung um Schrift und Bekenntnis unterbindet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin in einer Evangelisch Lutherischen Landeskirche getauft und konfirmiert worden und \u00fcber Jahrzehnte Mitglied. \u00dcber die Jahre beobachte ich nun schon eine zunehmende Entfremdung und Distanzierung unserer verfassten Kirche von grundlegenden biblischen Aussagen, vom Evangelium und von den reformatorischen Bekenntnissen. Einige Entscheidungen und Wegweisungen kirchenleitender Organe stehen sogar im krassen Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis. Es kommt zu immer neuen, bedenklichen Anpassungen an den aktuellen Zeitgeist. Diese werden oft durch Mehrheitsbeschl\u00fcsse ohne fundierte theologisch-biblische Begr\u00fcndungen durchgesetzt. Die Stimme des guten Hirten kann ich hier nicht mehr vernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Heilige Schrift, welche doch die alleinige Norm f\u00fcr Lehre und Dienst sowie die Grundlage der Sendung der Kirche in dieser Welt sein sollte, wird in zunehmendem Ma\u00df missachtet. Entweder wird sie in Teilen, die nicht der \u201ezeitgem\u00e4\u00dfen\u201c Auffassung oder den aktuellen gesellschaftlichen Forderungen entsprechen, ausgeblendet, anderslautend interpretiert, mit neuen Inhalten gef\u00fcllt, au\u00dfer Kraft gesetzt oder sogar ins Gegenteil verkehrt, zumindest aber so \u201eentsch\u00e4rft\u201c, dass es sich gut in den jeweils vorherrschenden Zeitgeist einf\u00fcgen l\u00e4sst. Notfalls muss hierf\u00fcr auch eine neue \u00dcbersetzung in \u201egerechter\u201c Sprache herhalten. Selbst in der Liturgie des Gottesdienstes f\u00e4llt neben einer zunehmenden Verarmung und Verflachung ein schleichender Wandel im Wortgebrauch auf. Als Evang.-Luth. gepr\u00e4gter Christ stelle ich mit Erstaunen fest, dass die Achtung und der Respekt vor dem \u201eWort des lebendigen Gottes\u201c bei unseren Katholischen Geschwistern bisweilen gr\u00f6\u00dfer zu sein scheint als vielfach bei uns \u2013 zumindest im gottesdienstlichen Gebrauch. Luthers Aufruf \u201eDas Wort sie sollen lassen stahn\u2026\u201c (EKG 362) gilt offenbar nicht mehr. Jesus selbst nennt in Joh. 10, 34f. die Schrift \u201eGottes Wort\u201c und f\u00fcgt hinzu, dass dieselbe nicht gebrochen werden kann. Auch setzt Jesus, wie Sie wissen, das \u201eGesetz und die Propheten\u201c keinesfalls au\u00dfer Kraft &#8211; im Gegensatz zur EKD!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird hier die eindr\u00fcckliche Warnung in Offenbarung Kap. 22,18 vergessen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer oder was ist denn nun eigentlich ma\u00dfgeblich in der F\u00fchrung der Kirche: Mehrheitsentscheidungen? Anpassungen an gesellschaftliche Zw\u00e4nge? \u201ePolitical correctnes\u201c? Moderne Weltanschauungen? Wechselnde theologische Lehrmeinungen? \u2026 Sollte es nicht vielmehr Jesu Wort und Weisung sein? Warum wird dieses Wort in Frage gestellt, anstatt dass es uns in Frage stellt? Wohin f\u00fchrt denn diese Relativierung der Schrift \u2013 letztlich doch dahin, dass die Kirche ihrem HERRN und ihrem eigentlichen Auftrag gegen\u00fcber untreu und damit aber in ihren Worten unglaubw\u00fcrdig wird? Kirche droht so letztlich zu einer Art \u201eVerein\u201c zu werden und nicht mehr das zu sein, was sie eigentlich sein sollte, n\u00e4mlich Kirche Jesu Christi!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auswirkungen der o.g. Entwicklungen auf die kirchliche, diakonische und missionarische Praxis sind ersch\u00fctternd, weitreichend und folgenreich. Eklatant im Zusammenhang mit der derzeitigen Missbrauchs-Diskussion ist beispielsweise die Propagierung einer sogenannten \u201eSexualassistenz\u201c bei Menschen mit Behinderung in einer ma\u00dfgeblichen Zeitschrift des Diakonischen Werks (Orientierung, Verbandsorgan des Bundesverbandes ev. Behindertenhilfe BeB, 2 und 4\/2003 sowie 2\/2009; die Strafbarkeit dieses Handelns (StGB 174 und 179) wird von den Autoren der genannten Artikel abgetan! Entsprechende Kommentare in der Tagespresse).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stellt man biblische Aussagen und kirchliche Verlautbarungen bzw. die entsprechend gelebte Praxis nebeneinander und betrachtet sie ganz n\u00fcchtern, so braucht man kein Theologe zu sein, um die offensichtlichen Abweichungen zu erkennen. Von Au\u00dfenstehenden sind sie bereits Gegenstand des Spotts. Ich m\u00f6chte in diesem Brief nicht weiter auf Einzelheiten eingehen. Sie sind hinreichend bekannt und an anderer Stelle schon oft erw\u00e4hnt und vielfach dokumentiert worden und d\u00fcrften Ihnen bekannt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Arzt m\u00f6chte ich in diesem Zusammenhang lediglich noch den Schrift- und bekenntniswidrigen Umgang unserer Evangelischen Kirche mit der Schwangerschaftskonfliktberatung erw\u00e4hnen. Steht es der Gemeinde Jesu Christi eigentlich an, sich an der Ausstellung einer Bescheinigung zu beteiligen, welche f\u00fcr tausende ungeborener Kinder t\u00f6dliche Konsequenzen hat? G\u00e4be es nicht auch andere Wege der Beratung und Unterst\u00fctzung von Schwangeren in Notsituationen? Wie kann ich meiner 10-j\u00e4hrigen Tochter im Hinblick auf mein Patenkind mit Trisomie-21 (Down Syndrom) die zehn Gebote lehren und ihr gleichzeitig erkl\u00e4ren, dass beispielsweise gerade jene Kinder heute in unserem Land geringe \u00dcberlebenschancen haben, da mittlerweile viele von ihnen bereits im Mutterleib get\u00f6tet werden d\u00fcrften \u2013 und dies mit Billigung und Unterst\u00fctzung der EKD? Der \u201eBeratungsschein\u201c ist ohne Zweifel eine wesentliche Voraussetzung, um den Weg f\u00fcr eine gezielte T\u00f6tung unschuldigen Lebens freizumachen! In meinem Bekanntenkreis gibt es Christen, die u.a. auch deshalb aus der Kirche ausgetreten sind, weil sie es f\u00fcr unverantwortbar halten, Kirchensteuer zu zahlen, die im o.g. Sinne zweckentfremdet werden. Dem kann ich nichts entgegensetzen. Sie haben Recht damit!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dr\u00e4ngt sich mir unweigerlich der Eindruck auf, dass der HERR selbst, Jesus Christus, als das menschgewordene Wort Gottes (Johannes 1), nicht mehr ernst genommen und von dieser Kirche mehr und mehr zu einem \u201echristlichen Liebesprinzip\u201c degradiert wird, wo ER doch der lebendige HERR ist, dessen sichtbares Erscheinen wir erwarten und mit dessen Wirken im Heiligen Geist wir rechnen. ER als \u201edas Zentrum der Schrift\u201c, und als der f\u00fcr uns Gekreuzigte und Auferstandene, steht im scharfen Widerspruch zu allen dem Zeitgeist angepassten &#8222;Gottesbildern&#8220;. Das &#8222;Solus Christus&#8220; der Reformation wird durch einen blassen Humanismus und eine &#8222;billige Gnade&#8220; (Bonhoeffer, Nachfolge, 1. Kapitel) ersetzt, die die S\u00fcnde, statt den S\u00fcnder rechtfertigt. Innerhalb der kirchlichen Leitungsstrukturen setzt sich mehr und mehr eine dem humanistischen Zeitgeist verpflichtete Gesinnungsdiktatur durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muss es nicht nachdenklich stimmen, dass andere Kirchen und christliche Gemeinschaften diese Entwicklungen in der EKD mit gro\u00dfer Sorge beobachten, mahnend ihre Stimme erheben und sogar auch schon deshalb die Kirchengemeinschaft aufgek\u00fcndigt haben? Wie stehen Sie als Ratsvorsitzender der EKD zu dem an den Lutherischen Weltbund gerichteten Wort der 7 Bisch\u00f6fe aus dem Baltikum vom November 2009, oder das der Evangelisch Lutherischen Kirche in Kenia von Erzbischof Dr. Walter Obare vom 12. November 2009 an die Kirche Schwedens (welches in der Sache genauso gut auch die EKD betrifft) oder das Schreiben des Moskauer Patriarchen, Erzbischof Ilarion von Volokalamsk an die EKD-Ratsvorsitzende vom 10. Dezember 2009? Weiter sei z.B. die Dodoma-Erkl\u00e4rung Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania (ELCT) vom 11.08.2010 zu nennen oder die Erkl\u00e4rung der Ethiopian Evangelical Church Mekane Yesus EECMY vom 14. April diesen Jahres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist mit der Stimme unserer j\u00fcdischen Geschwister aus den messianischen Gemeinden, die sich mit Recht \u00fcbergangen und ausgegrenzt f\u00fchlen und deren Zeugnis von Jesus Christus als dem Messias ihrem Volk gegen\u00fcber von einigen unserer Landeskirchen als verwerflich verurteilt wird? Der Auftrag Jesu lautet dem gegen\u00fcber doch ganz anders!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Artikel 28 der Augsburgischen Konfession (CA, die ja auch auf der Website der EKD \u00f6ffentlich zur Geltung gebracht wird!) hei\u00dft es: \u201e\u2026Wo das geistliche Regiment etwas gegen das Evangelium lehrt oder tut, haben wir den Befehl, das wir ihm nicht gehorchen (Matth. 7,15; Gal. 1,8; 2. Kor. 13,8). Wo es Kirchenordnungen und Zeremonien einf\u00fchrt, d\u00fcrfen sie nicht wider das Evangelium sein\u2026\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinn und im Hinblick auf CA Artikel 7 muss auch die Kirchensteuer dem Evangelium gem\u00e4\u00df verwendet werden. Ich habe mittlerweile ernstlich Zweifel daran, dass es sich in der EKD so verh\u00e4lt. Ich bitte Sie daher, mir und anderen Christen, die \u00e4hnlich in ihrem Gewissen getroffen sind, die M\u00f6glichkeit einzur\u00e4umen, die Kirchensteuer zweckgebunden und klar nachvollziehbar (z.B. im Rahmen eines erh\u00f6hten Kirchgeldes f\u00fcr die Ortsgemeinde oder gezielt f\u00fcr bestimmte Projekte \u2013 hier g\u00e4be es sicher viele M\u00f6glichkeiten!) entrichten zu d\u00fcrfen. Die bisherige pauschale Zwangsabgabe kann ich in dieser Form aus o.g. Gr\u00fcnden nicht mehr guten Gewissens mittragen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schreibe diesen Brief als Mitglied der evangelischen Kirche, weil mich Gottes Wort und Gebot und meine pers\u00f6nliche Betroffenheit dazu dr\u00e4ngen. Auch haben wir eine gro\u00dfe Verantwortung gegen\u00fcber der nachfolgenden Generation. Wir sollten das Wort gerade ihr gegen\u00fcber halten und bewahren! Wir sind zweifellos alle fehlbare S\u00fcnder! Aber wehe uns, wenn wir anfangen die S\u00fcnde gut und das Gute b\u00f6se zu nennen, wenn L\u00fcge und Wahrheit vertauscht oder wenn auch nur die Grenzen verwischt werden! Was ist mit unserem \u201ereformatorischem Erbe\u201c? Ich jedenfalls kann es in unserer \u201eEvangelischen\u201c Volkskirche immer weniger ausmachen! K\u00f6nnte es sein, dass nicht viel mehr das Wort aus dem Sendschreiben an die Gemeinde zu Sardes (Offb. 3,1 ff.) zutrifft?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sind Theologe. Ich bitte Sie daher, meine Bedenken im Licht der Heiligen Schrift zu pr\u00fcfen! Ich w\u00e4re Ihnen um eine Erwiderung sehr dankbar, insbesondere auch im Hinblick auf meine dringende Anfrage im Hinblick auf die weitere Verwendung meiner Kirchensteuern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Brief ist als offener Brief konzipiert, da ich wei\u00df, dass viele Christen in der EKD sich ganz \u00e4hnliche Gedanken machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gr\u00fc\u00dft Sie sehr freundlich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andreas Desing<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. med. Andreas Desing, Facharzt f\u00fcr Radiologie, Petersberg, 06.01.2011<br \/>\n<\/em><br \/>\n<em>Diesen Offenen Brief erhielten au\u00dferdem der Landesbischof\u00a0der Evangelisch-Lutherischen Kirche in\u00a0Bayern, Dr. Johannes Friedrich, sowie der Landesbischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr.\u00a0Martin Hein.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Schneider, ich schreibe Ihnen unter dem Eindruck einer sich \u00fcber die Jahre zunehmend abzeichnenden Schrift- und bekenntniswidrigen Kurs\u00e4nderung der Evangelischen Kirche, die mich zutiefst beunruhigt und die ich als sehr alarmierend empfinde. 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