{"id":5732,"date":"2011-01-10T16:21:56","date_gmt":"2011-01-10T14:21:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5732"},"modified":"2011-01-10T16:22:48","modified_gmt":"2011-01-10T14:22:48","slug":"ich-bin-missionar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5732","title":{"rendered":"&#8222;Ich bin Missionar.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich bin Missionar. Richtet die Verbreitung der christlichen Botschaft Unheil an?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugegeben, ich bin Missionar. Missionar sein war einmal eine respektable Berufung im 19. Jahrhundert. Die nach \u00dcbersee entsandten Missionare erfuhren allgemeines Wohlwollen in der deutschen Bev\u00f6lkerung. Wer heute hingegen als christlicher Missionar t\u00e4tig ist, sieht sich kritischen Anfragen ausgesetzt. Andere V\u00f6lker f\u00fcr den christlichen Glauben zu gewinnen wird oft als kulturzerst\u00f6risch angesehen. Das deutsche Spenderherz l\u00e4sst sich f\u00fcr Katastrophenhilfe bewegen; in Sachen Seelenheil scheint jedoch niemandem zu helfen zu sein.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Missionar in Hongkong ist man heutzutage nicht an vorderster Front. Das pers\u00f6nliche Bekehrungszeugnis von jungen Chinesen im Freundeskreis ist viel gewinnender als Erkl\u00e4rungsversuche unsereins, denen das Christsein in die Wiege gelegt wurde. So besteht meine T\u00e4tigkeit an einer Kirchlichen Hochschule vor allem darin, Theologiestudierende aus S\u00fcdostasien in der Grammatik der christlichen Lehre zu unterrichten. Als Missionar missioniert man nicht mehr; man dient einer einheimischen Partnerkirche in deren Bem\u00fchungen um den christlichen Glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konfrontiert man Christen in Hongkong mit deutscher Missionskritik, st\u00f6\u00dft man auf Unverst\u00e4ndnis: Warum nicht die Botschaft propagieren, die man selbst als heilvoll erfahren hat? So verwundert es nicht, dass unter Christen in Hongkong ein starker missionarischer Impetus vorhanden ist: Gemeindeglieder nehmen in ihrer Urlaubszeit an Missionstrips nach China teil; verschiedene Kirchen entsenden Missionare in andere L\u00e4nder. Damit folgen sie einem allgemeinen Trend. W\u00e4hrend die Mission vormals das Werk von Europ\u00e4ern und Nordamerikanern war, haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts die missionarischen Aktivit\u00e4ten hin zu den Kirchen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas verlagert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sich kirchenentw\u00f6hnte Deutsche kaum vorstellen k\u00f6nnen, ist, dass das Christentum auf anderen Kontinenten &#8222;hei\u00df&#8220; ist. Es wird dort als etwas angenommen, womit man das eigene Leben nicht nur bew\u00e4ltigen, sondern verbessern kann. Die Grundlage ist eine Wirklichkeitsdimension, die f\u00fcr au\u00dfereurop\u00e4ische Kulturen grundlegend ist: Au\u00dferhalb einer sichtbaren Welt, die wissenschaftlich beschrieben werden kann, existiert eine Sph\u00e4re von unsichtbaren, einflussreichen M\u00e4chten. Sie wirken sich in einem organischen Zusammenhang auf das Leben entweder positiv oder negativ aus. Man muss sich daher durch richtiges Tun und Verhalten in eine wohlgef\u00e4llige Beziehung zu ihnen bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist dieser organische Lebenszusammenhang, der den N\u00e4hrboden f\u00fcr Bekehrungen bildet. Die christliche Lehre erweist sich als effektive religi\u00f6se Wohlergehenslehre, als Di\u00e4tetik: Sie wird als Erl\u00f6sung von einem selbstempfundenen Schuldverh\u00e4ngnis erfahren, als Zugang zu der \u00dcber-Macht des einen Gottes, zu Schutz, Heilung, Wohlstand. Schlie\u00dflich empfinden Christen eine bisweilen ekstatische Erm\u00e4chtigung durch den Heiligen Geist und g\u00f6ttliche &#8222;callings&#8220; als Impuls zu einer selbstgewissen Lebensf\u00fchrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Leben, \u00dcbersetzung, Bildung<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All dies bewirkt mehr als Sinnstiftung oder Kontingenzbew\u00e4ltigung. Der Glaube erscheint als Lebensressource, nicht als aufoktroyierte Vorschrift. Menschen nehmen Christus an, weil das ihrer Lebensweise zusagt. Die biblische Lebensform ist der Lebenssituation in Afrika oder Asien weit n\u00e4her als im postindustriellen Europa. So gen\u00fcgt eine sprachliche \u00dcbersetzung ohne hermeneutische Allegoresen. Wenn dann noch Lebenszeugnisse von Bekannten das Heil bewahrheiten, liegt die eigene Bekehrung von selbst nahe. Umgekehrt best\u00e4tigt die Bekehrung eines Mitmenschen das eigene Christsein. So sind die Christen selbst daran interessiert, ihre Erfahrungen in gewinnender Weise &#8222;Nichtgl\u00e4ubigen&#8220; gegen\u00fcber zu bezeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auff\u00e4lligerweise war die christliche Mission in S\u00fcdostasien gerade unter Minorit\u00e4ten erfolgreich, wie zum Beispiel den Chins in Birma oder den Montagnards in Vietnam. Teilweise wurde Mission gegen den Willen einer europ\u00e4ischen Kolonialverwaltung betrieben, wie im Falle der Nagas in Nordostindien, wo gegenw\u00e4rtig mehr als 90 Prozent der Bev\u00f6lkerung Baptisten sind. Als Ex-Monty Python Michael Palin in seiner BBC-Fernsehserie \u00fcber den Himalaja seinen einheimischen \u00dcbersetzer fragte, warum die Konyaks, ein Naga-Stamm von ehemaligen Kopfj\u00e4gern, die christliche Lehre angenommen haben, erhielt er die knappe Antwort: wegen der Bildung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat ist die christliche Lehre ein wesentlicher Bildungstr\u00e4ger, basiert doch in vielen L\u00e4ndern das Schulsystem auf vormaligen Missionsschulen. Im Unterschied zum Koran ist die Bibel von Anfang an in einheimische Sprachen \u00fcbersetzt worden. Vor allem die protestantische Mission hat auf die Wirkung der gedruckten Bibel gesetzt und dazu die meisten Schriftsprachen durch \u00dcbersetzungen geschaffen. Gott spricht die eigene Muttersprache. Um sein Wort f\u00fcr das eigene Leben zu erfahren, muss man die Bibel lesen k\u00f6nnen. F\u00fcr Stammeskulturen entsteht ein Anreiz zum Erlernen der eigens geschaffenen Schriftsprache. Diese wird wiederum dazu verwendet, die eigene Kultur zu verschriftlichen. Der Einfluss von Bibel\u00fcbersetzungen f\u00fcr die Bewahrung des tribalen kulturellen Erbes kann daher nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Neuheidnischer Paternalismus<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tribale Gesellschaften stehen durch Kolonialisierung, nationalstaatlichen Territorialismus sowie \u00f6konomische Globalisierung unter Assimilierungsdruck. Wo eine \u00fcberkommene G\u00f6tter- oder Geisterwelt als Schutzmacht solchem Ver\u00e4nderungsdruck nicht gewachsen ist, entsteht ein Machtvakuum, das zu einem kulturzerst\u00f6rerischen Fatalismus f\u00fchren kann. Der muttersprachlich assimilierte christliche Glaube hingegen versichert sich des Beistandes des einen \u00fcberm\u00e4chtigen Gottes. Mit derartigem R\u00fcckhalt k\u00f6nnen Modernisierungseinfl\u00fcsse von au\u00dfen unter Beibehaltung der eigenen kulturellen Identit\u00e4t aufgenommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entgegen dem g\u00e4ngigen Vorurteil ist die christliche Mission durch ihre \u00dcbersetzungsleistung nicht kulturzerst\u00f6rerisch. Es ist gerade die indigenisierte christliche Lehre, die die Identit\u00e4t von tribalen Minorit\u00e4ten gegen Assimilierungsversuche seitens dominanter &#8222;Staatsv\u00f6lker&#8220; wie beispielsweise die Birmanen in Burma bewahrt. Ohne Eigenstaatlichkeit sind Stammesgesellschaften von der internationalen V\u00f6lkergemeinschaft ausgeschlossen &#8211; nicht jedoch von der christlichen \u00d6kumene. Das weltweite Netzwerk der Partnerkirchen verschafft ihnen Protektion und Bildungsressourcen, die ihnen im eigenen Land verwehrt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Europ\u00e4er die Mission ablehnen, ignorieren sie die eigene tribale Vergangenheit. Die europ\u00e4ische Zivilisation verdankt sich dem Umstand, dass die christliche Mission unter germanischen Stammesgesellschaften vor mehr als tausend Jahren erfolgreich gewesen ist. Ohne die Kirche sind Schriftlichkeit und die Aneignung des klassischen Bildungsguts kaum vorstellbar. Warum sollte man dies anderen Kulturen nicht zugestehen? Wenn heute Mission das Werk einheimischer Christen ist, l\u00e4sst sich der Paternalismusverdacht umkehren: Europ\u00e4er, die die Mission verteufeln, projizieren ihre neuheidnischen Vorbehalte in andere Kulturen: &#8222;Was f\u00fcr uns nicht (mehr) von Bedeutung ist, kann f\u00fcr euch auch nicht gut sein.&#8220; Nicht die Mission, sondern deren Ablehnung ist ein eurozentristischer Versuch, andere V\u00f6lker zu paternalisieren. Der Anspruch, eine &#8222;authentische&#8220; Kultur sch\u00fctzen zu wollen, spiegelt einen GEO-Naturalismus wieder, der Menschen mit ihren eigenen Aspirationen nicht erst genug nimmt. Die propagierte Kulturauthentizit\u00e4t reduziert sie zu exotischen &#8222;Naturv\u00f6lkern&#8220;, die als ethnologische Studienobjekte oder Tourismusattraktionen wahrgenommen werden. Diese Haltung kann leicht eine rassistische Schieflage annehmen, wenn es darum geht, &#8222;Naturv\u00f6lker&#8220; zusammen mit Wildtieren in ihrer vermeintlichen Urspr\u00fcnglichkeit zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christliche Mission hingegen enth\u00e4lt eine Absage an jede Form von Rassismus, werden doch Menschen unabh\u00e4ngig von Rasse oder Geschlecht auf einen gleichen Status hin angesprochen, entweder als todbestimmte S\u00fcnder, die nicht rettungslos verloren sind, oder als Schwestern und Br\u00fcder im Herrn. Missionare agieren nicht aus einem \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl heraus, sondern teilen das mit anderen, was sie selbst als heilvoll erfahren haben. Wo andere Menschen die christliche Botschaft f\u00fcr sich annehmen, entsteht eine Gemeinschaft mit Verpflichtungen, die nicht immer spannungsfrei ist. Exotische &#8222;Naturv\u00f6lker&#8220; kann man sich auf Distanz halten, nicht aber Menschen, von denen Jesus im Gleichnis vom Weltgericht sagt: &#8222;Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Br\u00fcder getan habt, habt ihr mir getan.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jochen Teuffel ist evangelischer Gemeindepfarrer in V\u00f6hringen\/Iller. Im vergangenen Jahr ver\u00f6ffent\u00adlichte er das Buch \u201eMission als Namenszeugnis \u2013 Eine Ideologiekritik in Sachen Religion\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: S\u00fcddeutsche Zeitung, Nr. 239, Mittwoch, 17. Oktober 2007, Seite 15.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin Missionar. Richtet die Verbreitung der christlichen Botschaft Unheil an? Zugegeben, ich bin Missionar. Missionar sein war einmal eine respektable Berufung im 19. Jahrhundert. 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