{"id":5633,"date":"2010-12-16T16:22:47","date_gmt":"2010-12-16T14:22:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5633"},"modified":"2010-12-16T16:54:27","modified_gmt":"2010-12-16T14:54:27","slug":"so-hat-es-luther-nicht-gemeint","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5633","title":{"rendered":"So hat es Luther nicht gemeint"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>So hat es Luther nicht gemeint<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der evangelische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Das Reformationsjubil\u00e4um kann abgesagt werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sechs Jahre noch, dann wird das f\u00fcnfhundertste Jubil\u00e4um der Reformation in Deutschland ganz gro\u00df gefei\u00adert werden. Zur Einstimmung darauf wur\u00adde bereits 2008 eine Lutherdekade mit wechselnden Jahresthemen ausgerufen. Das kennt man aus dem Vereinsleben: Wo in Sachen eigener Vergangenheit be\u00adsonders ausgiebig jubiliert wird, ist man in der Gegenwart mit den eigenen Aktivi\u00adt\u00e4ten dank \u00dcberalterung und Mitgliederschwund ziemlich am Ende.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abgesang auf die Volkskirche wird als Basso continuo die Lutherdekade be\u00adgleiten, bevor dann am 31. Oktober 2017 in Wittenberg eine Farce zur Auff\u00fchrung kommt: In einer Stadt, in der Kirche im Verschwinden begriffen ist \u2014 kaum mehr als ein Prozent der dortigen Bev\u00f6lkerung nimmt noch sonntags am Gottesdienst teil \u2014, soll in aller \u00d6ffentlichkeit einer iden\u00adtit\u00e4tsstiftenden Kirchenreform gedacht werden. Dass dieses Schauspiel inszeniert werden kann, verdankt sich dem Jahresthema der Lutherdekade f\u00fcr 2011 \u2014 \u201eRefor\u00admation und Freiheit\u201c. Was der b\u00fcrgerliche Protestantismus in Sachen Reformation zu gedenken wei\u00df, ist die Emanzipation aus kirchlicher Bevormundung, so wie dies ja schon der Philosoph Hegel zur Spra\u00adche gebracht hat: \u201eDies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Freiheit um Christi Willen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird Reformation als Freiheitsereignis verstanden, f\u00fchlt sich das sp\u00e4tmoderne B\u00fcrgertum trotz aller Kirchendistanz an\u00adgesprochen. In der Tat hat die Reformati\u00adon in Deutschland das mittelalterliche Corpus Christianum konfessionell aufge\u00adsprengt. Diese sakrale Einheit von Kir\u00adche und Gesellschaft verdankte sich ei\u00adner fragw\u00fcrdigen kollektiven Christiani\u00adsierungs\u00adpraxis. Im fr\u00fchen Mittelalter wur\u00adden Menschen in Gefolgschaft ihrer Stammesf\u00fcrsten in passiver Weise \u201ebe\u00adkehrt\u201c. \u00dcber mehr als ein Jahrtausend hinweg gab es in Europa keine gesell\u00adschaftliche Existenz au\u00dferhalb der Kir\u00adche. Durch Glaubenszwang, Pflichtbeich\u00adte, Sonntagspflicht sowie Kirchenzucht wurde eine \u00f6ffentliche Regelkonformit\u00e4t in Sachen Christentum erzwungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glau\u00adben, die menschlichen Ordnungen in der Kirche ihre vermeintliche Heilsnotwen\u00addigkeit genommen hat. Damit wurde langfristig die gesellschaftliche Ausbil\u00addung moderner Freiheitsrechte bef\u00f6r\u00addert. Und dennoch steht die \u201eFreiheit ei\u00adnes Christenmenschen\u201c, wie sie von Mar\u00adtin Luther propagiert wurde, weder f\u00fcr b\u00fcrgerliche Freiheit noch f\u00fcr religi\u00f6se Freisinnigkeit. Luther zufolge ist dem durch und durch s\u00fcndigen Menschen die wirkliche Freiheit nicht angeboren. Er hat auch kein eigenes Recht darauf, vor dem dreieinigen Gott frei zu sein. Wer aus eigenen St\u00fccken sich selbst f\u00fcr frei erkl\u00e4rt, wird in Wirklichkeit vom Teufel ge\u00adritten. Die wahre Freiheit ist eine im Evangelium zugesagte Freiheit \u201eum Christi Willen\u201c, der immer wieder aufs Neue zu glauben ist. Nur dort, wo Men\u00adschen in Wort und Sakrament an das Pa\u00adscha-Mysterium Christi gebunden sind, ereignet sich evangelische Freiheit, die von menschlichen Satzungen und Gebo\u00adten unabh\u00e4ngig macht. So spricht es ja auch der Apostel Paulus aus: \u201eSei es Welt, Leben oder Tod, sei es Gegenw\u00e4rti\u00adges oder Zuk\u00fcnftiges: Alles ist euer, ihr aber geh\u00f6rt Christus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo jedoch das kollektive Ged\u00e4chtnis einer b\u00fcrgerlichen Gesellschaft von der mittelalterlichen Zwangskollektivierung in einer hierarchischen Kirche voreinge\u00adnommen ist, kann die evangelische Dia\u00adlektik der Freiheit keine Geltung entfal\u00adten. Stattdessen sucht sich der b\u00fcrgerli\u00adche Protestantismus guten Gewissens von der kirchlichen Gemeinschaft zu sus\u00adpendieren und beruft sich dazu auf Lu\u00adther als vermeintlichen Ahnherrn religi\u00f6\u00adser Selbstbestimmung. Dabei wird an Stelle des zugesprochenen Glaubens ein subjektives Glaubensbewusstsein apo\u00adstrophiert, das keine fremde Autorit\u00e4t anerkennt: Was ich f\u00fcr mich selbst zu glauben wei\u00df, muss ich mir von nieman\u00addem gesagt sein lassen. Die christusbe\u00adstimmte Lehre von der Rechtfertigung al\u00adlein aus Glauben wird zur kultfreien Lebenszuver\u00adsicht trivialisiert, die sich an ei\u00adner vermeintlich freiheitsstiftenden Got\u00adtesidee denkerisch festmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird Rechtfertigung des S\u00fcnders al\u00adlein aus Glauben als menschenm\u00f6gliche Idee missverstanden und damit nicht l\u00e4n\u00adger als g\u00f6ttliches Geschehen zugesagt, kann man sich guten Gewissens von der kirchlichen Gemeinschaft emanzipie\u00adren. Was selbst gedacht werden kann, muss eben nicht gemeinschaftlich ge\u00adh\u00f6rt oder getan werden. Auf Liturgie l\u00e4sst sich also selbstgewiss verzichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Protestanten sind so frei, sich guten Gewissens einer \u2014 im wahrsten Sinne des Wortes \u2014 asozialen Religiosit\u00e4t zu verschreiben. Wer sich als religi\u00f6ser Au\u00adtist den Kirchgang erspart, scheint die protestantische Freiheit in besonderer Weise zu realisieren. Kein Wunder, dass Sonntagsgottesdienste im Durchschnitt von weniger als vier Prozent der Kirchen\u00admitglieder besucht und \u2014 entgegen refor\u00admatorischer Intention \u2014 \u00fcberwiegend ohne Abendmahl gefeiert werden. Und wenn Kindertaufen anstehen, werden diese als liebevolle Familienevents insze\u00adniert. Ist religi\u00f6se Eigensinnigkeit erst einmal zum kirchlichen Ma\u00dfstab erhoben, kann man nicht anders denn auf \u00c4sthetik (f\u00fcr das Bildungsb\u00fcrgertum) und Gef\u00e4lligkeit (f\u00fcr das Volk) setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allenfalls dann, wenn in Lebenskri\u00adsen die eigenreligi\u00f6se Kontingenzbew\u00e4l\u00adtigung versagt, darf es in der Kirche \u2013 oder zumindest am Grab \u2013 pastoral-tr\u00f6st\u00adlich zugehen. Wenn es jedoch ums Geld geht, h\u00f6rt die protestantische Freiheit auf. Trotz aller religi\u00f6sen Unverbindlich\u00adkeit muss auch der Protestant seiner \u201eKir\u00adche der Freiheit\u201c (Wolfgang Huber) fi\u00adnanziellen Tribut zollen. An Stelle frei\u00adwilliger Gaben wird in Form der Kirchen\u00adsteuer eine \u00f6ffentlich-rechtliche Zwangsabgabe erhoben, der man sich nur durch Kirchenaustritt vor dem Standesamt ent\u00adziehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der b\u00fcrgerliche Protestantismus steht f\u00fcr eine neuplatonisch gepr\u00e4gte Weltanschauung mit Dienstleistungsservice f\u00fcr besondere Anl\u00e4sse und hat mit der Kir\u00adche der Reformation wenig gemein. Schlie\u00dflich ging es den Reformatoren im sechzehnten Jahrhundert prim\u00e4r um eine evangeliumsgem\u00e4\u00dfe Reform der Kir\u00adche an Haupt und Gliedern und nicht etwa um eine freisinnige Emanzipation von der Kirche. So erkl\u00e4rt denn auch Lu\u00adther im Gro\u00dfen Katechismus, dass der Heilige Geist \u201euns zuerst in seine heilige Gemeinde f\u00fchrt und in den Scho\u00df der Kirche legt, durch welche er uns predigt und zu Christus bringt\u201c. Die Kirche gilt als \u201eMutter, welche einen jeden Christen zeugt und tr\u00e4gt durch das Wort Gottes\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Freisinnigkeit als Dogma<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Luther ist also Christsein nur in der Lebensgemeinschaft Kirche m\u00f6glich. Folgerichtig ist in den Verfassungen der evangelischen Landeskirchen die ge\u00admeinschaftliche Regelbindung auf Chris\u00adtus explizit ausgesprochen. Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer sind bei ihrer Ordination \u00f6ffentlich verpflichtet wor\u00adden, \u201edas anvertraute Amt in Gehorsam gegen Gott in Treue zu f\u00fchren, sowie das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Be\u00adkenntnis der evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, rein zu lehren\u201c. Doch in der Praxis wird genau diese gemein\u00adschaftliche Regelbindung der Ideologie religi\u00f6ser Freisinnigkeit geopfert. Da k\u00f6nnen dann Pfarrer in kirchlichen Publi\u00adkationen oder von der Kanzel herab mit aller Selbstgewissheit behaupten, der Kreuzestod Jesu enthalte keine Heilsbot\u00adschaft, ohne dass derartige Regelverst\u00f6\u00ad\u00dfe kirchlich beanstandet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solange man Kirche als weltanschauli\u00adches Unternehmen missversteht, das auf einer Gottesidee sowie je eigenen religi\u00f6sen Vorstellungen basiert, kann der Re\u00adformation nicht wirklich gedacht wer\u00adden. W\u00e4re man in der Evangelischen Kir\u00adche in Deutschland (EKD) ehrlich zu sich selbst, m\u00fcsste das Reformationsjubi\u00adl\u00e4um kirchenintern abgeblasen werden. Nur so bliebe eine peinliche Selbstinsze\u00adnierung religi\u00f6ser Freisinnigkeit in kleri\u00adkalem Gewande erspart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das w\u00fcrde jedoch mitnichten ein Aus f\u00fcr das Reformationsjubil\u00e4um 2017 be\u00addeuten. Schlie\u00dflich gibt es ja landeskirch\u00adliche Gemeinden, Freikirchen und pietis\u00adtische Gemeinschaften, die dem Erbe der Reformation sehr wohl treu geblie\u00adben sind. Und selbst die r\u00f6misch-katholi\u00adsche Kirche kann dem Anliegen der Re\u00adformation einiges abgewinnen; schlie\u00df- lich hat sich deren liturgische Erneue\u00adrung im letzten Jahrhundert auf die Christusgemeinschaft hin ausgerichtet. Da mag es Sonderlehren geben, die evan\u00adgelische Christen mit gutem Grund f\u00fcr sich nicht anzunehmen wissen, dennoch steht die r\u00f6misch-katholische Kirche in ihrer lehramtlichen Christuszentrierung der Reformation n\u00e4her als ein freisinni\u00adger Protestantismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ecclesia semper reformanda \u2013 Kirche ist immer zu reformieren, um dem Evan\u00adgelium treu zu bleiben. Was ansteht, ist eine umfassende Kirchenreform hin zur Gemeinschaftskirche ohne Kirchensteu\u00adern. Andernfalls wird die vermeintliche Volkskirche in einem zivilreligi\u00f6sen Paganismus aufgehen. Dann wird man auch in Kirchen einen Heidenspa\u00df ha\u00adben \u2013 aber der l\u00e4sst das eigene Leben am Ende ins Leere laufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jochen Teuffel ist evangelischer Gemeindepfarrer in V\u00f6hringen\/Iller. Im vergangenen Jahr ver\u00f6ffent\u00adlichte er das Buch \u201eMission als Namenszeugnis \u2013 Eine Ideologiekritik in Sachen Religion\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 15. Dezember 2010, Nr. 292, Seite 33.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So hat es Luther nicht gemeint Der evangelische Gottesdienst ist heute nicht mehr auf Christus ausgerichtet, sondern auf eine triviale Idee von Freiheit. Das Reformationsjubil\u00e4um kann abgesagt werden. Sechs Jahre noch, dann wird das f\u00fcnfhundertste Jubil\u00e4um der Reformation in Deutschland ganz gro\u00df gefei\u00adert werden. Zur Einstimmung darauf wur\u00adde bereits 2008 eine Lutherdekade mit wechselnden Jahresthemen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":278,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5633"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/278"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5633"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5633\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5639,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5633\/revisions\/5639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}