{"id":5618,"date":"2010-12-15T15:26:08","date_gmt":"2010-12-15T13:26:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5618"},"modified":"2010-12-15T15:30:57","modified_gmt":"2010-12-15T13:30:57","slug":"institutionenkindheit-besser-als-familienerziehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5618","title":{"rendered":"Institutionenkindheit besser als Familienerziehung?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Moderner Aberglaube:<br \/>\nInstitutionenkindheit ist besser als Familienerziehung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas h\u00f6chste Ma\u00df an Gerechtigkeit erreichen wir nicht durch h\u00f6here Transfers, sondern durch den Ausbau der sozialen Infrastruktur.&#8220; So begr\u00fcndet der Sprecher des \u201ekonservativen Fl\u00fcgels&#8220; der SPD seinen Vorschlag, das Kindergeld um 30 Euro zu k\u00fcrzen, um stattdessen in Kinderbetreuung und Ganztagsschulen zu investieren. Die SPD-Spitze wollte zwar nicht von K\u00fcrzungen sprechen stimmte ihm aber grunds\u00e4tzlich zu: F\u00fcr Kindergelderh\u00f6hungen gebe es keine \u201eSpielr\u00e4ume&#8220;, weil \u201eInvestitionen in die Infrastruktur Vorrang haben m\u00fcssten&#8220; (1). Familien sollen also Kaufkraftverluste hinnehmen, damit der Staat ihre Kinder\u00a0&#8211; versprochen wird besser und professioneller\u00a0&#8211; erziehen und bilden kann. <!--more-->Dabei hat die Kinderbetreuungsinfrastruktur f\u00fcr die Bundesregierung ohnehin seit Jahren Priorit\u00e4t: Zwar erh\u00f6hte sie 2008\/2009 widerwillig noch einmal das Kindergeld; zugleich trieb sie jedoch mit der \u201eKrippenoffensive&#8220; den um 2002 begonnenen Paradigmenwechsel zur sogenannten \u201enachhaltigen&#8220; Familienpolitik voran (2). Dieser zielt darauf ab, dass Kinder von klein auf \u201eeinen wesentlichen Teil des Tages in \u00f6ffentlich organisierten und verantworteten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen&#8220; verbringen. Der Direktor des Deutschen Jugendinstituts benennt die Konsequenzen dieser Politik f\u00fcr den Alltag von Kindern mit dem Begriff der \u201eInstitutionenkindheit&#8220; (3).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die \u201ealten Bundesl\u00e4nder&#8220; in Westdeutschland ist dies eine \u201estille Revolution&#8220;: Bisher pr\u00e4gte die Familie die Kindheit; \u00f6ffentliche Kinderbetreuung war lange \u201eallenfalls eine mehr oder minder punktuelle Erg\u00e4nzung der privaten Erziehung&#8220; (4). Das Gros der Erziehungsarbeit leisteten dabei die M\u00fctter. Im Zuge ihrer steigenden Erwerbsneigung f\u00fchrte dies zum vielfach kritisierten Problem der \u201eDoppelbelastung&#8220;. Schon seit den 1970er Jahren forderten deshalb Familien- und Frauenpolitiker(innen) neben mehr Familienengagement von V\u00e4tern und familienfreundlicheren Arbeitszeiten auch bessere Kinderbetreuungsm\u00f6glichkeiten. \u00d6ffentliche Institutionen sollten die famili\u00e4re Erziehung jedoch keinesfalls verdr\u00e4ngen: Als ihre Aufgabe galt es, die Eltern subsidi\u00e4r darin zu unterst\u00fctzen, ihre Kinder selber zu erziehen (5). Dieser Vorrang der famili\u00e4ren Erziehung pr\u00e4gte bis in die j\u00fcngste Zeit das Bewusstsein der Westdeutschen: Dem \u201eGenerations and Gender Survey&#8220; zufolge sahen sie noch 2005 mehrheitlich in den Eltern die besten Erzieher ihrer (kleinen) Kinder (6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Paradigmenwechsel hin zu einer entfamilisierten Kindheit steht dieser vermeintlich antiquierte Familiensinn im Wege (7): Regierungssachverst\u00e4ndige definierten 2002 als Ziel der \u201egesamten Gesellschaftspolitik&#8220;, im Blick auf die au\u00dferh\u00e4usliche Kinderbetreuung ein neues \u201egesellschaftliches Bild von Normalit\u00e4t&#8220; durchzusetzen (8). Dieser Aufgabe widmet sich nun seit Jahren eine breite \u201eadvocacy coalition&#8220; in Politik und Bewusstseinsindustrie. Woche f\u00fcr Woche wiederholen regierungsamtliche Mitteilungen, Stellungnahmen von Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeberverb\u00e4nden sowie vor allem Presse- und Rundfunkbeitr\u00e4ge dieselbe Botschaft: Institutionelle Ganztagsbetreuung- und Beschulung von Kindern ist der Schl\u00fcssel zu mehr Chancengerechtigkeit, einem besseren Bildungsniveau und damit zu mehr Wohlstand in der globalisierten Wissensgesellschaft. Wer dieser Verhei\u00dfung nicht glaubt, soll durch finanziellen Druck gezwungen werden ihr zu folgen; manche scheuen sich nicht einmal, einen gesetzlichen Kita- und Ganztagsschulzwang zu fordern. Ihre Anh\u00e4nger begr\u00fcnden die institutionelle Ganztagsbetreuung mit M\u00e4ngeln famili\u00e4rer Erziehung, die eine st\u00e4rkere \u201e\u00f6ffentliche Verantwortung&#8220; f\u00fcr das Aufwachsen von Kindern erforderten (9).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wer erzieht die Kinder in Betreuungseinrichtungen, Kantinen und Pausenh\u00f6fen? Im \u00f6ffentlichen Raum prallen in einer immer heterogeneren Gesellschaft sich h\u00e4ufig widersprechende Interessen, Bed\u00fcrfnissen und Werte aufeinander. Im Falle der unvermeidlichen Konflikte halten sich Lehrer und Erzieher h\u00e4ufig eher zur\u00fcck: Die Kinder bleiben sich selbst \u00fcberlassen, den Alltag bestimmen dann die \u201epeer groups&#8220;. Dort setzen sich die St\u00e4rkeren und oft die R\u00fccksichtsloseren durch, w\u00e4hrend schw\u00e4chere und sensiblere Kinder leiden. Ist das gerecht? Wer sch\u00fctzt diese Kinder, wenn ihre Eltern es nicht (mehr) k\u00f6nnen? Die Advokaten der \u201eInstitutionen-Kindheit&#8220; in Politik und Medien k\u00f6nnen keine Antworten bieten\u00a0&#8211; schon weil sie sich solche Fragen erst gar nicht stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0(1) Siehe: Rheinische Post Online vom 7.12.2010: http:\/\/www.rp-online.de\/politik\/deutschland\/Steinmeier-Mit-mir-keine-Streichung_aid_939590.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Schon 2006\/2007 gab es (aus der Bundesregierung heraus) Pl\u00e4ne das Kindergeld zu k\u00fcrzen bzw. \u201eeinzufrieren&#8220;, um den Betreuungsausbau zu finanzieren: Stefan Fuchs: Der politische Kampf gegen die traditionelle Familie und die Erziehungsverantwortung der Eltern: http:\/\/www.erziehungstrends.de\/Kompetenzzentrum\/Familienleistungen. Zur nachhaltigen Familienpolitik siehe auch: http:\/\/www.i-daf.org\/218-0-Woche-37-2009.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Siehe: Thomas Rauschenbach: Vorwort, S. 25-27, in: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht \u00fcber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Zw\u00f6lfter Kinder- und Jugendbericht), Bundestagsdrucksache 15\/6014, Berlin 2005, S. 25.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Der Direktor des Deutschen Jugendinstituts res\u00fcmiert im R\u00fcckblick: \u201eDemgegen\u00fcber war damals\u00a0&#8211; wohlgemerkt: wir reden vom Ende der 1980er-, nicht der 1950er Jahre\u00a0&#8211; die \u00f6ffentliche Kinderbetreuung allenfalls eine mehr oder minder punktuelle Erg\u00e4nzung der privaten Erziehung, weit davon entfernt, f\u00fcr alle Familien und Kinder ein selbstverst\u00e4ndliches Angebot, gar ein Ganztagsangebot zu sein. [?] Man kann also f\u00fcr die Bonner Republik mit Fug und Recht behaupten, dass bis zu dieser Phase die Frage der Kinderbetreuung vor der Einschulung eindeutig Privatsache war. Siehe: Thomas Rauschenbach: Neue Orte f\u00fcr Familien. Institutionelle Entwicklungslinien eltern- und kinderf\u00f6rdernder Angebote, S. 133-155, in: Angelika Diller et al (Hrsg.): Familie im Zentrum: Kinderf\u00f6rdernde und elternunterst\u00fctzende Einrichtungen\u00a0&#8211; aktuelle Entwicklungslinien und Herausforderungen, Wiesbaden 2008, S. 134.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Beispielhaft f\u00fcr diese fr\u00fcher von SPD- wie CDU- gef\u00fchrten Regierungen vertretene Position: \u201eDie Bundesregierung anerkennt und w\u00fcrdigt die gro\u00dfe Leistung der Familien bei der Erziehung und Sorge f\u00fcr die Kinder. [&#8230;] Im Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder sieht die Bundesregierung kein vom Staat abgeleitetes, sondern ein origin\u00e4res Recht der Familien. [&#8230;] Die gesellschaftlichen Bedingungen m\u00fcssen so umgestaltet werden, dass M\u00e4nner ebenso wie Frauen in der Lage sind, Aufgaben der Familie wahrzunehmen [?]. Das bedeutet vor allem auch eine Umgestaltung der Arbeitswelt, die in ihren Strukturen und Abl\u00e4ufen st\u00e4rker auf famili\u00e4re Belange R\u00fccksicht nehmen muss. Siehe: Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Sachverst\u00e4ndigenkommission f\u00fcr den Dritten Familienbericht, S. 3-19, in: Die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland\u00a0&#8211; Dritter Familienbericht\u00a0&#8211; Deutscher Bundestag 8. Wahlperiode Drucksache 8\/3120, S. 4-7.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Vgl.: Andreas Ette\/Kerstin Ruckdeschel: Die Oma macht den Unterschied! Der Einfluss institutioneller und informeller Unterst\u00fctzung f\u00fcr Eltern auf ihre weiteren Kinderw\u00fcnsche, S. 51-72, in: Zeitschrift f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaft, Jg. 32, 1-2\/2007, S. 61. Zu den markanten Unterschieden in der Haltung zu M\u00fcttererwerbst\u00e4tigkeit und Kinderbetreuung zwischen West- und Ostdeutschland: Stefan Fuchs: Einstellungen zu Familie und Erwerbst\u00e4tigkeit in Europa\u00a0&#8211; Ostdeutschland als Avantgarde der\u00a0 \u201eModerne?&#8220; www.erziehungstrends.de\/Familie\/Ostdeutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Der zw\u00f6lfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung bem\u00e4ngelte, dass sich in Westdeutschland integrierte Konzepte der Kindergartenp\u00e4dagogik mit \u201eBildungsanspruch und entsprechend l\u00e4ngeren Betreuungszeiten&#8220; lange Zeit nicht durchsetzen konnten. Dies sei nicht \u201ezuletzt einem b\u00fcrgerlichen Familien- und Mutterideal geschuldet&#8220; gewesen, \u201edas die Mutterrolle mit der Hausfrauenrolle assoziiert und die Aufzucht der Kleinkinder im familialen Rahmen vorsieht&#8220;. Siehe: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Zw\u00f6lfter Kinder- und Jugendbericht, op. cito, S. 166.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Gewisserma\u00dfen zum \u201eAuftakt des Paradigmenwechsels&#8220; hie\u00df es im Elften Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung: \u201eWeder die infrastrukturellen Rahmenbedingungen noch ein gesellschaftliches Bild von Normalit\u00e4t im Hinblick auf au\u00dferh\u00e4usliche bzw. anders als privat organisierte Betreuung und Bildung von Kindern sind heute ausreichend vorhanden bzw. g\u00fcltig. Dies durchzusetzen, kann nicht nur Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe sein, sondern ist Aufgabe der Jugendpolitik und dar\u00fcber hinaus der gesamten Gesellschaftspolitik. Siehe: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht \u00fcber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Elfter Kinder- und Jugendbericht), Berlin 2002, S. 252.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Der Zw\u00f6lfte Kinder- und Jugendbericht argumentierte wie folgt: \u201eAufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus, verbunden mit sozial benachteiligten und prek\u00e4ren Lebenslagen sowie unter ung\u00fcnstigen sozio\u00f6konomischen Bedingungen, gelingt es vielen Familien nicht, die Bed\u00fcrfnisse ihrer Kinder zu erf\u00fcllen, ihnen gen\u00fcgend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen anregungsreiche Bedingungen des Aufwachsens zu bieten. [?] Das angesammelte Wissen \u00fcber Entwicklungsbedingungen, Entwicklungsbeeintr\u00e4chtigungen und -risiken von kleinen Kindern macht einen Dialog und eine gemeinsam geteilte Verantwortung f\u00fcr das Aufwachsen der Kinder erforderlich. Die Verantwortung daf\u00fcr, dass Kinder sich positiv entwickeln, kann nicht einseitig der einzelnen Familie \u00fcbertragen werden; sie muss im Rahmen eines neuen Verst\u00e4ndnisses von \u00f6ffentlicher Verantwortung gemeinsam \u00fcbernommen werden.&#8220; Siehe: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Zw\u00f6lfter Kinder- und Jugendbericht, op. cito, S. 33-34.<\/p>\n<p><em>IDAF, Woche 49-50, Dezember 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moderner Aberglaube: Institutionenkindheit ist besser als Familienerziehung \u201eDas h\u00f6chste Ma\u00df an Gerechtigkeit erreichen wir nicht durch h\u00f6here Transfers, sondern durch den Ausbau der sozialen Infrastruktur.&#8220; So begr\u00fcndet der Sprecher des \u201ekonservativen Fl\u00fcgels&#8220; der SPD seinen Vorschlag, das Kindergeld um 30 Euro zu k\u00fcrzen, um stattdessen in Kinderbetreuung und Ganztagsschulen zu investieren. 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