{"id":5608,"date":"2010-12-13T10:45:58","date_gmt":"2010-12-13T08:45:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5608"},"modified":"2010-12-13T10:46:39","modified_gmt":"2010-12-13T08:46:39","slug":"eine-neue-einheit-der-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5608","title":{"rendered":"Eine neue Einheit der Kirche"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine neue Einheit der Kirche<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 10.11.2010, einen Tag vor dem Namenstag Martin Luthers, haben die 126 Synodalen der EKD einstimmig ein neues Pfarrdienstgesetz beschlossen, das Landesbischof Ulrich Fischer als ein \u201ewahrhaft epochales Werk\u201c bezeichnete. Dass es ein neues Pfarrdienstgesetz im Sinne der Rechtsvereinheitlichung innerhalb der EKD brauchte, steht au\u00dfer Zweifel. Und dass darin viel Wichtiges und Richtiges behandelt und geregelt wird, ist unbestritten. F\u00fcr gro\u00dfe Unruhe in protestantischen Kreisen sorgt allerdings eine eher harmlos klingende Passage. In \u00a7 39 \u00fcber Ehe und Familie hei\u00dft es, dass Pfarrerinnen und Pfarrer auch in ihrer Lebensf\u00fchrung im famili\u00e4ren Zusammenleben und in ihrer Ehe an die Verpflichtungen gebunden sind, die sich aus der Ordination ergeben. Aus der Erl\u00e4uterung des Begriffs \u201efamili\u00e4res Zusammenleben\u201c im Pfarrdienstgesetz wird nun klar, dass mit diesen neuen kirchenrechtlichen Regelungen auch lesbische Pfarrerinnen und schwule Pfarrer, die in einer Lebenspartnerschaft zusammenleben, ebenso wie ein in normaler Ehegemeinschaft zusammenlebendes Pfarrerehepaar als Familie angesehen werden. <!--more-->Denn in der Begr\u00fcndung zum neuen Gesetz hei\u00dft es w\u00f6rtlich: \u201eDer Begriff \u201afamili\u00e4res Zusammenleben\u2019 ist bewusst weit gew\u00e4hlt. Er umfasst nicht nur das generations\u00fcbergreifende Zusammenleben, sondern jede Form des rechtsverbindlich geordneten Zusammenlebens von mindestens zwei Menschen, das sich als auf Dauer geschlossene, solidarische Einstandsgemeinschaft darstellt.\u201c Die Formulierung \u201emindestens zwei Menschen\u201c l\u00e4sst sogar Spielraum f\u00fcr k\u00fcnftige Weiterentwicklungen von Lebensformen. So k\u00f6nnten beispielsweise bald auch drei als Partner zusammenlebende Pfarrerinnen oder Pfarrer als Familie gelten. Eine \u201eEhe zu Dritt\u201c w\u00e4re also, wie bereits jetzt in den Niederlanden m\u00f6glich, denkbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist den Synodalen der EKD einschlie\u00dflich ihres neuen Ratsvorsitzenden gar nicht bewusst, welche Sprengkraft in diesen Aussagen liegt, eine Sprengkraft, die zu \u00e4hnlichen Zust\u00e4nden und Vorg\u00e4ngen wie in der anglikanischen Kirche f\u00fchren k\u00f6nnte. Worum geht es? Mit der erl\u00e4uternden Begr\u00fcndung zum Begriff \u201efamili\u00e4res Zusammenleben\u201c verl\u00e4sst die EKD den kirchlichen Boden biblischer Anthropologie, die in der grandiosen Ouvert\u00fcre der Heiligen Schrift in Gen 1 und 2 anklingt, und f\u00e4hrt unbedarft und willf\u00e4hrig zugleich im Fahrwasser des Gendermainstreams und der Schwulenbewegung. Ein Urdatum g\u00f6ttlicher Offenbarung, die Gottebenbildlichkeit des Menschen im Mann- und Frausein, wird zur Disposition gestellt, indem dieses Mann- und Frausein nicht mehr als der biblisch exklusive Referenzpunkt geschlechtlichen Verstehens und sexueller Praxis beibehalten, sondern als eine Beziehungsspielart des menschlichen Miteinanders unter vielen anderen angesehen wird. Aus Gen 1 und 2, diesem dichterisch dichten Dokument der Weisheit und der Liebe Gottes, wird Allotria, Beliebigkeit, die an Verh\u00f6hnung der Bibel grenzt. Wenn das alles im Blick auf das Pfarramt passiert, kann man eigentlich nicht noch schlimmer mit der Heiligen Schrift umgehen, die doch immer ein Markenzeichen evangelischen Selbstverst\u00e4ndnisses, ein Kernpunkt des Bekennens und Tuns der evangelischen Kirchen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sich innerhalb der evangelischen Kirchen, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, protestantischer Widerstand gegen diese fundamentale Verwerfung von Christ- und Kirchesein nur zaghaft meldet, ist katholischer Protest n\u00f6tiger denn je. Freilich ist ein solcher Protest nicht einfach. Zum einen gibt es auch innerhalb der katholischen Kirche Gruppierungen und auch Theologen, die dem \u00a7 39 des Pfarrdienstgesetzes samt Begr\u00fcndung zustimmen w\u00fcrden. Zum anderen mu\u00df man leider feststellen, dass in der katholischen Kirche vor allem auf Leitungsebene eine \u00f6kumenische Befangenheit eingekehrt ist, die sich haupts\u00e4chlich in \u00f6kumenischer Betulichkeit ergeht und weder die Wirklichkeit der Gl\u00e4ubigen noch die wirklichen Fragen des Glaubens in den Blick bekommt. So m\u00fcsste man von offizieller katholischer Seite aus den neuen EKD-Ratsvorsitzenden Schneider ja nicht nur auf das neue Pfarrdienstgesetz, sondern auch auf seine Christologie hin kritisch befragen. Und man mu\u00df leider auch feststellen, dass dieser nicht nur katholischen Befangenheit \u00fcber alle Konfessionen hinweg ein Konsens \u2013 eine Art negativer \u00d6kumene \u2013 zugrundeliegt, der prim\u00e4r auf die Selbsterhaltung der Kirchen als Apparate und Organisationen achtet. Die Kirchen neigen als soziokulturelle Systeme &#8211; wie alle innerweltlichen Systeme auch \u2013 dazu, selbstreferentielle Systeme zu werden. Es geht um sie selbst, um ihre Strukturen, ihr Personal, ihr Geld. Wohlweislich ist man deshalb \u00fcber konfessionelle Grenzen hinweg darauf bedacht, sich bei dieser Selbsterhaltung gegenseitig nicht weh zu tun. Immer aber, wenn Selbsterhaltung vorrangig wird, ist die Kirche bereit, sich den Vorstellungen der Zeit und den jeweiligen politischen Machthabern, ja sogar einer wie auch immer gearteten Political Correctness zu unterwerfen. Man meint dann, wichtig zu sein aufgrund von Anpassung, obwohl man gerade deshalb deutlich sp\u00fcren kann, dass man in unserer Gesellschaft als Kirche zunehmend als eine Gr\u00f6\u00dfe gebraucht wird, die man eigentlich nicht mehr braucht. Wichtigtuerei gegen\u00fcber Staat und Gesellschaft nach dem Motto \u201eN\u00fctzt du mir, n\u00fctz\u2019 ich dir\u201c ist die Folge. Dem Geld des Staates f\u00fcr kirchliches Vielerlei korrespondiert dann der kirchliche Segen f\u00fcr staatliches Allerlei. Das Pfarrdienstgesetz mit der darin aufscheinenden Sexualethik ist nur ein Symptom f\u00fcr eine tiefere Vers\u00fcndigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leicht vergisst man freilich so den Auftrag zu kritischer Zeitgenossenschaft gegen\u00fcber Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die weder der Verherrlichung Gottes noch dem Wohl der Menschen dienen. Nun sind immer mehr Gl\u00e4ubige in allen Konfessionen mit diesen Zust\u00e4nden und Vorg\u00e4ngen unzufrieden. Ein Ri\u00df geht vor diesem Hintergrund quer durch die christlichen Konfessionen. Dieser Ri\u00df ist als heilsamer Ri\u00df zu verstehen und fruchtbar zu machen. Denn l\u00e4ngst schon verlaufen die Scheidungslinien in gr\u00fcnds\u00e4tzlichen ethischen und auch dogmatischen Fragen nicht mehr konfessionell gebunden innerhalb der Konfessionen selbst. Wir haben diesbez\u00fcglich de facto eine neue Art von \u00fcberkonfessioneller Kirchenspaltung, die nur noch eines mutigen de-jure-Zustandes harrt. Dies wahrzunehmen und auch anzuerkennen, w\u00fcrde eine ganz neue Einheit der Christen entstehen lassen, die sicherlich auch noch bestehende sperrige Unterschiede jenseits \u00f6kumenischer Gags verschwinden lie\u00dfe. Nicht zuletzt eine neue geistliche und theologische Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift, die die katholische Kirche laut II. Vatikanischem Konzil (Dei verbum Nr. 21) immer wie den Herrenleib selbst verehrt hat, w\u00fcrde dazu beitragen. Sollten sich Christen durch alle Konfessionen hindurch zu gemeinsamem Protest gegen die unselige Passage samt Begr\u00fcndung von \u00a7 39 des Pfarrdienstgesetzes der EKD zusammenfinden, h\u00e4tte Gott auf krummen Zeilen gerade geschrieben.<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Hubert Windisch, Freiburg, im Dezember 2010<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. Hubert Windisch war von 1988-1992 als Privatdozent (Pastoraltheologie) und Lehrbeauftragter (Homiletik) an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Regensburg t\u00e4tig. Von 1992-1997 wirkte er als ordentlicher Universit\u00e4tsprofessor (Pastoraltheologie) an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Karl-Franzens-Universit\u00e4t Graz. Seit 1997 lehrt er an der Theologischen Fakult\u00e4t der Albert-Ludwigs-Universit\u00e4t in Freiburg.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine neue Einheit der Kirche Am 10.11.2010, einen Tag vor dem Namenstag Martin Luthers, haben die 126 Synodalen der EKD einstimmig ein neues Pfarrdienstgesetz beschlossen, das Landesbischof Ulrich Fischer als ein \u201ewahrhaft epochales Werk\u201c bezeichnete. Dass es ein neues Pfarrdienstgesetz im Sinne der Rechtsvereinheitlichung innerhalb der EKD brauchte, steht au\u00dfer Zweifel. 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