{"id":5499,"date":"2010-11-24T10:00:48","date_gmt":"2010-11-24T08:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5499"},"modified":"2010-11-25T13:54:37","modified_gmt":"2010-11-25T11:54:37","slug":"o-mensch-weist-du-bescheid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5499","title":{"rendered":"&#8222;O Mensch, wei\u00dft du Bescheid?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt: &#8222;O Mensch, wei\u00dft du Bescheid?&#8220;<br \/>\n(R\u00f6mer 2,1-11)<\/strong>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Name des jungen Mannes aus Pakistan klingt eigenartig: Aziz hei\u00dft er. Br\u00e4unliche Hautfarbe, schwarze Haare. Im Jahr 2000 fl\u00fcchtete er nach Deutschland. Die Beh\u00f6rden zuhause waren ihm auf den Fersen. Aziz hatte an Demonstrationen gegen die Milit\u00e4rregierung teilgenommen. Im Asylbewerberheim in Sachsen lernte er eine 70j\u00e4hrige freundliche Frau kennen, die dort Besuche machte. Sie lud ihn zum Gottesdienst ein. Nicht lange danach entschloss sich Aziz, Jesus Christus zu vertrauen. Und nicht l\u00e4nger der islamischen Religion. Die Frage, warum er seinen Glauben gewechselt habe, beantwortet er so: \u201eEs war die Liebe, die ich erfahren durfte. Dass Gott die Menschen so sehr liebt, dass er sich durch Jesus Christus selbst opfert und stirbt, damit die Menschen erl\u00f6st werden, das gibt es so nicht im Koran.\u201c <!--more-->Um diese Zeit bekam Aziz den Bescheid des Verwaltungsgerichts, dass sein Asylantrag abgelehnt sei. Zur\u00fcck nach Pakistan, bedeutete das, wo sie ihn vor Gericht stellen w\u00fcrden aus politischen Gr\u00fcnden. Brandgef\u00e4hrlich f\u00fcr einen Christen, der in Pakistan nicht nur mit dem Gef\u00e4ngnis, sondern mit dem Tod rechnen muss. Die Freunde aus der Kirchengemeinde in Sachsen machten einen Rechtsanwalt ausfindig, der sich f\u00fcr den bedrohten Asylbewerber einsetzte. Es sah nicht gut f\u00fcr ihn aus. Doch nach vielen Eingaben, Verhandlungen und Ablehnungen kam im Mai 2009 doch der ersehnte Bescheid: keine Abschiebung, sondern dauerhaftes Bleiberecht. Jubel und Freude bei dem jungen Christen und seinem Rechtsanwalt! Auf Jubel und Freude soll es auch bei uns hinauslaufen. Gerade deshalb mutet es uns der Apostel Paulus zu, die Gefahr zu erkennen, die von einem Hohen Gericht ausgeht. Nur wer sie erkennt, versteht auch den rettenden Ausweg. Pers\u00f6nlich und leidenschaftlich spricht uns der Apostel in R\u00f6mer 2 an, und zwar in zweifacher Hinsicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. O Mensch, wei\u00dft du nichts von Gottes Gericht?<br \/>\n<\/strong>Das wird dem jungen Mann aus Pakistan schon klar gewesen sein, dass er es hier in Deutschland mit \u00c4mtern und Gerichten zu tun bekommt. Aber dass es so schwierig werden w\u00fcrde, sich angesichts der Bedrohung im Heimatland hier in Sicherheit zu bringen, d\u00fcrfte ihn \u00fcberrascht haben. Auf einmal h\u00e4ngt das Leben von einem Richter ab. Von seiner Betrachtungsweise. Von seinem Urteil. Am Ende h\u00e4ngt <em>dein<\/em> Leben von Gott, dem Richter, ab. Von seiner Betrachtungsweise. Von seinem Urteil. So lautet die gewichtige Mitteilung in diesem Kapitel der Bibel. Eine gewichtige Mitteilung an jeden Menschen, der \u00fcber diese Erde geht. \u201eWie bitte\u201c, m\u00f6chte ich emp\u00f6rt zur\u00fcckfragen: \u201eGott soll ein Richter sein? Gott will irgendetwas \u00fcber mein Leben verhandeln? Gott befindet es f\u00fcr n\u00f6tig, ein Urteil zu f\u00e4llen? Was soll denn das? Bin ich denn ein Asylant? Oder ein politischer Extremist, der mit den Gesetzen in Konflikt gekommen ist? Oder so etwas wie ein Kleinkrimineller: ein Taschendieb, ein Computerhacker, ein Autozerkratzer, dem die Polizei mit Recht auf die Finger klopft?\u201c Strafverfolgung muss sein, das k\u00f6nnen wir ohne weiteres verstehen. Gericht muss sein. Gerechtigkeit muss sein. In diesen Tagen bekam ich eine Zeitung in der Hand, die eine Begebenheit aus dem Jahr 1938 erz\u00e4hlt. Viele Eltern tauchten mit ihren Kindern auf dem N\u00fcrnberger Bahnhof auf. Sie sagten ihren Kindern, dass sie nun eine sch\u00f6ne Reise nach England unternehmen d\u00fcrften. Die Kinder wurden in den Zug gesetzt. Manche erst drei Jahre alt. Weinend winkten sie aus dem Fenster. Manche von ihnen sahen ihre Eltern nie wieder. Die Aufnahme in England rettete ihnen das Leben. Nach den Angriffen auf die Juden in der Reichsprogromnacht vom 9. November fingen die Nazis damit an, j\u00fcdische Mitb\u00fcrger in die KZ-Todeslager abzutransportieren. Wieviele von denen, die verantwortlich waren und die mitmachten, wurden sp\u00e4ter zur Rechenschaft gezogen? Wieviele empfingen das gerechte Urteil? Gericht muss sein. Sonst ger\u00e4t die Welt vollends aus den Fugen. Aber ein Gottesgericht? Eine oberste Instanz nach dem Sterben? Ein Allerh\u00f6chster, \u201eder einem jeden geben wird nach seinen Werken\u201c, d.h. jedem, wie er\u2019s verdient? Ist das \u00fcberhaupt denkbar? Wenn der Himmel leer ist: nein. Wenn da oben keiner ist, der hinsieht und hinh\u00f6rt: nein. Wenn Gott nicht mehr ist als ein kuscheliger Teddyb\u00e4r und eine lahme Ente: nein. Aber wenn es anders ist. Wenn der Himmel nicht leer ist. Wenn einer von oben her hinsieht und hinh\u00f6rt. Wenn Gott eine Leidenschaft hat f\u00fcr das Leben und f\u00fcr das Wahre, Faire, Lebensf\u00f6rderliche. Dann ja. Dann wird es denkbar: ein \u201eTag des Zorns\u201c und \u201eeine Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes\u201c, das Paulus ansagt. Irgendwann muss es ja herauskommen, dass der Mensch nicht f\u00fcr sich alleine \u00fcber diesen Globus spaziert, von dem Zufall und von dem Nichts herkommend. In Wahrheit kommt er von dem intelligenten Sch\u00f6pfer her, der seinen Fingerabdruck absichtlich in jeder genialen K\u00f6rperzelle und in jeder wahnsinnsriesigen Galaxie hinterlassen hat \u2013 von wem denn sonst? Diesem Sch\u00f6pfer ist der Mensch davongelaufen. Ich erinnere mich, wie mein zweij\u00e4hriger Sohn aus dem Hof des Pfarrhauses gelaufen war: die Zufahrt hinunter zur Hauptstra\u00dfe. Wir Eltern waren nicht im Bilde. Als wir sein Fehlen bemerkten, eilten wir hektisch hin und her. Dann die erl\u00f6sende Entdeckung: der Kleine spielt an einem Gel\u00e4nder <em>neben<\/em> der Stra\u00dfe. Im Unterschied dazu ist Gott sehr wohl im Bilde. Er sieht uns davonlaufen. Wir nutzen unsere Freiheit nicht nur zum Spielen. Sondern f\u00fcr die Gier, f\u00fcr den Neid und f\u00fcr das Gerede. Wir sind nicht harmlos wie ein Dreij\u00e4hriger, sondern wir sind hochm\u00fctig, erfinderisch im B\u00f6sen, den Eltern ungehorsam, unvern\u00fcnftig, treulos, lieblos. Schwer f\u00fcr uns zu h\u00f6ren, ich wei\u00df. Mir f\u00e4llt es auch schwer. Aber so stellt es Paulus fest in R\u00f6mer 1. Ist das nicht die Wahrheit in konzentrierter Form? Gott l\u00e4uft uns hinterher, wie ein Vater, dem das Kind davongelaufen ist. Gott stellt uns zuletzt zur Rede wie ein Kind, das andere verletzt hat und sich selbst in Gefahr gebracht: \u201eWo warst du, Mensch? Warum hast du das getan?\u201c Wir Menschen entschuldigen uns mit derselben Taktik wie damals ganz am Anfang Adam, Kain oder Lamech: \u201eIch wei\u00df von nichts. Der andere war schuld. Und au\u00dferdem kenne ich viele Leute, die viel Schlimmeres angerichtet haben als ich.\u201c Dieses Ausstrecken des Zeigefingers auf andere nennt Paulus richten. Selbst Richter spielen. Urteile verteilen, um von sich selbst abzulenken. Eine unkluge, vergebliche Taktik. Denn wer urteilt, verwendet Ma\u00dfst\u00e4be, die er selbst nicht wirklich erf\u00fcllt. Wer lebt denn nur das Vern\u00fcnftige? Wer lebt denn nur das Menschenfreundliche und das Gottangemessene? Wer lebt denn nur die Liebe? \u201eDarum, o Mensch, kannst du nicht entschuldigen.\u201c Unsere Entschuldigungen werden blass und fadenscheinig in dem Augenblick, in dem Gott nachfragt. Er durchschaut sie, so wie eine Lehrerin erlogene Entschuldigungen selbstverst\u00e4ndlich durchschaut. Aber ihm, dem lebendigen Gott, wollen wir immer noch etwas vormachen? Wollen behaupten, wir seien nicht davongelaufen? Wir seien an niemanden schuldig geworden? Wir, die guten Menschen von Sezuan, h\u00e4tten uns den Himmel verdient? O Mensch, wei\u00dft du nichts von Gottes Gericht? Die zweite Frage, vor die uns der Apostel stellt, lautet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. O Mensch, wei\u00dft du nichts von Gottes G\u00fcte?<br \/>\n<\/strong>Ein schwieriger Augenblick f\u00fcr den Fl\u00fcchtling aus Pakistan, als er den Briefumschlag mit dem Gerichtsbescheid \u00f6ffnet und ihn die Angst vor der Unrechtsjustiz und dem aggressiven Islam in Pakistan anspringt. Aziz wird neue Hoffnung gesch\u00f6pft haben, als ihm die Freunde von der Kirchengemeinde die Adresse des Rechtsanwalts \u00fcberbrachten. Das war sicher keine Frage f\u00fcr ihn, dass er diese Chance, der Gefahr zu entkommen, nutzen w\u00fcrde. Sofort anrufen! Demn\u00e4chst einen Gespr\u00e4chstermin vereinbaren! So bald wie m\u00f6glich einen Antrag auf Bleiberecht auf den Weg bringen! Um solch eine Entschlossenheit geht es dem Apostel Paulus. Um solch einen Blick f\u00fcr die rettende Chance. Um solch ein Tempo. Wenn es wirklich ein Gericht des Sch\u00f6pfers gibt, in dem die \u00fcblichen Entschuldigungen zerplatzen wie die Seifenblasen, dann braucht es jetzt und sofort einen Rechtsanwalt. Eine rettende Strategie. Eine tats\u00e4chliche Bew\u00e4ltigung aller aufgelaufenen Schulden. In R\u00f6mer 3 stellt Paulus unseren Rechtsanwalt vor. Er hei\u00dft Jesus. Er hat beste Beziehungen zur obersten Instanz. Er kennt die rettende Strategie. Er verf\u00fcgt \u00fcber das schlagende Argument, an dem der Richter aller Richter nicht vorbeikommt: \u201eVater, f\u00fcr die konkreten Schulden dieses Menschen habe ich am Kreuz geb\u00fc\u00dft.\u201c Dieses Argument f\u00fchrt zum Freispruch. Es f\u00fchrt zum Bleiberecht in Gottes N\u00e4he. Es f\u00fchrt zum Aufenthaltsrecht im ewigen Leben. Also gibt es f\u00fcr mich nichts Dringenderes zu tun, als den Rechtsanwalt anzurufen. Ihn auf meine Seite zu bringen. Vor ihm meinen Fall ehrlich und offen auszubreiten, ohne Entschuldigungen, ohne Besch\u00f6nigungen, ohne Herumgerede um den hei\u00dfen Brei. Er ist durch das Gebet leicht erreichbar. Nichts, was ihm an Schuld vorgetragen wird, kann ihn erschrecken oder absto\u00dfen. Das Einfachste von der Welt ist es, ihn auf meine Seite zu bringen. Denn er hat ein hei\u00dfes Interesse an mir. Er hat ein Herz f\u00fcr mich. Er hat keine gr\u00f6\u00dfere Sorge als diejenige, dass ich es ohne ihn versuchen k\u00f6nnte und deswegen scheitern. Heute h\u00e4lt er nach mir Ausschau. Heute wartet er auf mich. Heute ist Zeit, die Kurve zu kriegen und ihm die Hand zu reichen. Das meint das biblische Wort \u201eBu\u00dfe\u201c, das in dem Namen dieses Feiertags \u201eBu\u00df- und Bettag\u201c steckt. Heute ist Zeit, die Kurve zu kriegen und ihm die Hand zu reichen. Ganz gleich, ob es das erste Mal oder das tausendste Mal ist. Wer gibt mir die Zeit f\u00fcr dieses Entscheidende, Rettende und Sch\u00f6ne? Na wer wohl? Paulus fragt: \u201eVerachtest du den Reichtum seiner G\u00fcte, Geduld und Langmut? Wei\u00dft du nicht, dass dich Gottes G\u00fcte zur Bu\u00dfe leitet?\u201c Gott gibt mir Zeit. Gott schenkt mir Leben. Gott umwirbt mich mit Freundlichkeiten, mit Ferientagen, mit toller Musik und mit Coca-Cola. Gott hat Geduld mit mir. Mit meinem Zorn. Mit meiner Sucht. Mit meiner Verschlossenheit. Gott hat noch Geduld. Oft schon hat er seine Finger im Spiel gehabt in den wirklich gef\u00e4hrlichen Augenblicken. Ich bin noch einmal davongekommen auf der Autobahn, im Krankenhaus und in der Familienkrise. \u201eNochmal davongekommen, doch nirgends angekommen, so vieles vorgenommen \u2013 nichts draus gemacht! Den Lastern abgeschworen, kaum eins davon verloren. Gef\u00fchlt wie neugeboren \u2013 was hat\u2019s gebracht?\u201c So fragt der Liedermacher Manfred Siebald danach, ob wir unsere Chance genutzt haben. Die Sekundenerkenntnis, dass Gott gut zu uns war. Die Gelegenheit, die Kurve zu kriegen und Jesus die Hand zu reichen. F\u00fcr Aziz, den Mann aus Pakistan, war die Gelegenheit gekommen, als er in Deutschland anfing, die Gottesdienste zu besuchen. Als er anfing, sich der Frage zu stellen: O Mensch, was wei\u00dft du von Gottes Gericht? Was wei\u00dft du von Gottes G\u00fcte? Aziz hat die Kurve hin zu Jesus Christus gekriegt. Was war nochmal der Grund daf\u00fcr? \u201eEs war die Liebe, die ich erfahren durfte. Dass Gott die Menschen so sehr liebt.\u201c Amen.<\/p>\n<p><em>Pfarrer Dr. Tobias Ei\u00dfler, Bu\u00dftag 17.11.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt: &#8222;O Mensch, wei\u00dft du Bescheid?&#8220; (R\u00f6mer 2,1-11)\u00a0 Der Name des jungen Mannes aus Pakistan klingt eigenartig: Aziz hei\u00dft er. Br\u00e4unliche Hautfarbe, schwarze Haare. Im Jahr 2000 fl\u00fcchtete er nach Deutschland. Die Beh\u00f6rden zuhause waren ihm auf den Fersen. Aziz hatte an Demonstrationen gegen die Milit\u00e4rregierung teilgenommen. 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