{"id":5370,"date":"2010-11-08T14:33:12","date_gmt":"2010-11-08T12:33:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5370"},"modified":"2010-11-08T14:36:34","modified_gmt":"2010-11-08T12:36:34","slug":"rezension-kirche-homosexualitat-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5370","title":{"rendered":"Rezension: Kirche, Homosexualit\u00e4t und Politik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rezension: ideaDokumentation, OKR i. R. Klaus Baschang, &#8222;Kirche, Homosexualit\u00e4t und Politik &#8211; Eine theologische Argumentationshilfe aus besonderem Anlass&#8220;, 3\/2010, 26 Seiten, 4,00 \u20ac.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) plant eine vereinheitlichende Neuordnung des Pfarrdienstrechtes. Der Autor, Oberkirchenrat i. R. Klaus Baschang, weist darauf hin, dass im Zuge dieser Neuordnung die Anstellungsf\u00e4higkeit von Pfarrerinnen und Pfarrern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und die Erm\u00f6glichung von Amtshandlungen f\u00fcr Gemeindeglieder in solchen Partnerschaften (Trauungen), einheitlich gekl\u00e4rt werden m\u00fcssen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die W\u00fcrde eines jeden Menschen und damit auch des homosexuell empfindenden Menschen liegt in der Zusage der Gottebenbildlichkeit begr\u00fcndet. Die Gottebenbildlichkeit aller Menschen hat jedoch eine sichtbare Struktur: \u201eEs ist das Gegen\u00fcber von Mann und Frau in ihrem gemeinsamen Gegen\u00fcber zu Gott.\u201c Daraus kann einerseits geschlussfolgert werden, dass der homosexuell empfindende Mensch zur Gemeinde Jesu geh\u00f6rt und seinen Platz in der Kirche beanspruchen darf, er andererseits aber nicht dazu berechtigt ist, innerhalb der Kirche den gleichgeschlechtlichen Lebensstil zu propagieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel verurteilt homosexuelle Praktiken mit aller Sch\u00e4rfe, weil sie die Heiligkeit Gottes verletzen (3Mose 18,22; 20,13). In R\u00f6mer 1,23 wird die \u201eVertauschung der Geschlechter in der homosexuellen Praxis in Parallele zur Vertauschung von Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf\u201c gesetzt. In der Folge dieser Vertauschung verstrickt sich der Mensch in weitere Schuld. Er belastet und zerst\u00f6rt sein Leben. Die Kirche verliert ihre Autorit\u00e4t und Glaubw\u00fcrdigkeit in der Gesellschaft, wenn sie diesen klaren Befund verk\u00fcrzt und verbiegt. Baschang verweist hierbei u. a. auf ein aktuelles Faltblatt, das schwule und lesbische Menschen zur \u00f6ffentlichen Segnung ihrer Partnerschaft einl\u00e4dt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kapitel \u201eKulturelle Beobachtungen\u201c zeigt Baschang, dass mit dem Ausbreiten homosexueller Lebensweisen eine Gef\u00e4hrdung unserer Kultur einhergeht. Hohe Rechtsg\u00fcter wie die Meinungs-, Wissenschafts- und Versammlungsfreiheit werden eingeschr\u00e4nkt, weil Homosexuellenverb\u00e4nde versuchen, jegliche sachgerechte Kritik mit verleumderischen Vorw\u00fcrfen und aggressiven Gegenkampagnen zu unterbinden. Auch \u00fcbersehen Vertreter homosexueller Interessengruppen oftmals die tiefergehenden N\u00f6te des homosexuell empfindenden Menschen und verhindern, dass diese N\u00f6te eine seelsorgerlich-therapeutische Hilfe finden. \u00dcberzeugend weist Baschang auf den eklatanten Widerspruch hin, der sich auftut, wenn einerseits die Unver\u00e4nderlichkeit homosexueller Empfindungen behauptet wird, andererseits die moderne Genderforschung davon ausgeht, dass sexuelle Identit\u00e4t und Orientierung v\u00f6llig offen und wandelbar sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche hat angesichts der Herausforderung \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c zuallererst den Auftrag, fachkundige Seelsorge und Beratung anzubieten. Nicht neue Beschl\u00fcsse und Erlaubnisse von Synoden und Bisch\u00f6fen sind gefragt, sondern der gesch\u00fctzte Raum, in dem Homosexuelle seelsorgerliche Begleitung und Hilfe erfahren. Vor allem das \u201eDeutsche Institut f\u00fcr Jugend und Gesellschaft\u201c und der Verein \u201eW\u00fcstenstrom\u201c empfiehlt der Autor denen, die eine Kl\u00e4rung ihrer homosexuellen Neigungen suchen. Der Verfasser betont die Freiheitlichkeit der evangelischen Seelsorge, die die Seele und das Gewissen f\u00fcr ein \u201eneues, freies und eigenst\u00e4ndiges Denken\u201c \u00f6ffnet. Eine solche Seelsorge kann und will sich nicht denen aufn\u00f6tigen, die eine Ver\u00e4nderung ihrer homosexuellen Empfindungen ablehnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Recht fordert Baschang, dass es \u201ekein \u00f6ffentliches Handeln der Kirche f\u00fcr und mit homosexuell empfindenden Menschen geben darf, das mit der kirchlichen Trauung von Mann und Frau vergleichbar w\u00e4re: \u201eKirche darf nicht segnen, was nach der Bibel nicht sein soll\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinsichtlich des bereits erw\u00e4hnten biblisch-theologischen Befundes ist es jedoch nicht verst\u00e4ndlich, warum der Autor in der nicht \u00f6ffentlichen Seelsorge mit Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auch Raum sieht f\u00fcr Segnungen, \u201edie das gemeinsame Leben st\u00e4rken\u201c und f\u00fcr \u201eBekenntnisse zu einander\u201c und vor Gott. An dieser Stelle kann der Rezensent der Argumentation des Autors nicht folgen, denn es tut sich ein Widerspruch auf. Wenn die Kirche nicht segnen soll, was nach der Bibel nicht sein soll, dann gilt dies doch sowohl f\u00fcr den \u00f6ffentlichen als auch f\u00fcr den gesch\u00fctzten seelsorgerlichen Raum. Seelsorgerliches und \u00f6ffentliches Handeln der Kirche muss kongruent sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Bezug auf die Ausgangsfrage der \u201eAnstellungsf\u00e4higkeit\u201c von Pfarrern und Pfarrerinnen, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben, kommt der Autor zu einem eindeutigen Ergebnis: \u201eDie Botschaft der Bibel verbietet ihr das\u201c. Diese ist aber der \u201ealleinige Existenzgrund der Kirche\u201c. \u201eSie gibt sich selbst auf, wenn sie die Botschaft nicht auch auf sich selbst bezieht, auch wenn das u. U. unbequem wird.\u201c Konsequenterweise fordert der Autor denn auch die Streichung des geplanten \u00a7 40 \u201eEhe und Familie\u201c (Absatz 5), der neben der Ehe im Pfarramt auch \u201eandere Lebensgemeinschaften neben der Ehe\u201c\u00a0 zul\u00e4sst, wenn diese von \u201eVerbindlichkeit, Verl\u00e4sslichkeit und gegenseitiger Verantwortung gepr\u00e4gt sind\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus kirchlichen Einsichten und Erfahrungen ergeben sich politische Perspektiven. Die Politik muss begreifen, dass der grundgesetzlich geforderte Schutz von Ehe und Familie nichts mit moralischen Urteilen und Diskriminierungen anderer Beziehungsformen zu tun hat. Es geht in der Familienf\u00f6rderung nicht um die Befriedigung von \u201eGegenwartsbed\u00fcrfnissen\u201c, sondern um die Erm\u00f6glichung von \u201eZukunftsleistungen\u201c. Diese Zukunftsleistungen werden von Familien erbracht, weil sie Kinder hervorbringen. Homosexuelle Partnerschaften k\u00f6nnen eben dies nicht und sollten deshalb nicht in besonderer Weise grundgesetzlich gesch\u00fctzt und finanziell gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nimmt man in Bezug auf das Adoptionsrecht allein R\u00fccksicht auf das Kindeswohl, ist von einem Adoptionsrecht f\u00fcr gleichgeschlechtliche Paare abzuraten. Kinder haben einen zweigeschlechtlichen Ursprung und brauchen f\u00fcr die gesunde Ausreifung ihrer Identit\u00e4t die Pr\u00e4gung durch beide Geschlechter. Diese w\u00fcrde ihnen genommen, wenn sie in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufw\u00fcchsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der schulischen Sexualerziehung wird heute einseitig von der Unver\u00e4nderlichkeit homosexueller Empfindungen gesprochen. Die Gegenposition, die die Ver\u00e4nderung f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, wird nicht dargestellt. Junge Menschen haben aber ein Recht, umfassend informiert zu werden. Nicht akzeptabel ist es au\u00dferdem, wenn Sch\u00fcler durch die Sexualerziehung gedr\u00e4ngt werden, homo- und bisexuelle Lebensweisen \u201egut\u201c finden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Schlusskapitel regt Baschang den Leser mit zwei ausgezeichneten und sehr treffenden Zitaten Dietrich Bonhoeffers zum Nachdenken an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Kirche bekennt, kein wegweisendes und helfendes Wort gewu\u00dft zu haben zu der Aufl\u00f6sung aller Ordnungen im Verh\u00e4ltnis der Geschlechter zueinander. Sie hat die Verh\u00f6hnung der Keuschheit und der Proklamation der geschlechtlichen Z\u00fcgellosigkeit nichts G\u00fcltiges und Starkes entgegenzusetzen gewu\u00dft. Sie ist \u00fcber eine gelegentliche moralische Entr\u00fcstung nicht hinausgekommen. Sie ist damit schuldig geworden an der Reinheit und Gesundheit der Jugend. Sie hat die Zugeh\u00f6rigkeit unseres Leibes zum Leib Christi nicht stark zu verk\u00fcndigen gewu\u00dft.\u201c (Aus \u201eDas Schuldbekenntnis\u201c in \u201eEthik\u201c, vermutlich 1940)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer h\u00e4lt stand? \u2026 Nach Zehn Jahren (Naziherrschaft) \u2026 Die gro\u00dfe Maskerade des B\u00f6sen hat alle ethischen Begriffe durcheinander gewirbelt. Da\u00df das B\u00f6se in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist f\u00fcr den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend, f\u00fcr den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Best\u00e4tigung der abgr\u00fcndigen Bosheit des B\u00f6sen.\u201c ( Aus \u201eWiderstand und Ergebung\u201c, geschrieben 1943)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sinne dieser Zitate Bonhoeffers ist die \u201etheologische Argumentationshilfe\u201c von Klaus Baschang ein \u201ewegweisendes und helfendes Wort\u201c in einer Zeit, in der die ethischen Begriffe in Kirche und Gesellschaft erneut durch die Maskerade des B\u00f6sen durcheinandergewirbelt werden. Die Lekt\u00fcre dieser gut fundierten und ausgewogenen idea-Dokumentation empfiehlt sich jedem, der sich mit der Thematik \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c auseinandersetzt. Au\u00dferdem kann man nur w\u00fcnschen, dass sie bei den Diskussionen um die Neuordnung des Pfarrdienstrechtes intensiv studiert wird und ihre Empfehlungen zur Anwendung kommen.<\/p>\n<p>\u00a0<em>Johann Hesse, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Gemeindehilfsbundes<\/em><\/p>\n<p><em>Die ideaDokumentation &#8222;Kirche, Homosexualit\u00e4t und Politik&#8220;,\u00a0kann bei idea-Spektrum, Postfach 18 20, 35528 Wetzlar, Tel.: <\/em>06441 &#8211; 915-0, <a href=\"mailto:idea@idea.de\">idea@idea.de<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.idea.de\"><em>www.idea.de<\/em><\/a><em> bestellt werden.<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension: ideaDokumentation, OKR i. R. Klaus Baschang, &#8222;Kirche, Homosexualit\u00e4t und Politik &#8211; Eine theologische Argumentationshilfe aus besonderem Anlass&#8220;, 3\/2010, 26 Seiten, 4,00 \u20ac. 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