{"id":5257,"date":"2010-10-17T14:04:14","date_gmt":"2010-10-17T12:04:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5257"},"modified":"2010-10-17T14:04:14","modified_gmt":"2010-10-17T12:04:14","slug":"mythos-fruhkindliche-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5257","title":{"rendered":"Mythos fr\u00fchkindliche Bildung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mythos fr\u00fchkindliche Bildung: Was die Wissenschaft wirklich sagt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kinderbetreuungsinfrastruktur ist teuer: Ein Krippenplatz kostet in Westdeutschland mindestens 1.200 \u20ac (1). Politiker wollen diese Ausgaben als \u201eInvestitionen in fr\u00fchkindliche Bildung&#8220; verstanden wissen (2). Je fr\u00fcher die Bildung von Kindern beginne, desto mehr steigere sie ihre Arbeitsf\u00e4higkeit als Erwachsene und desto h\u00f6her sei l\u00e4ngerfristig die Rendite der Bildungsausgaben f\u00fcr den Staat. Sie berufen sich auf bildungs\u00f6konomische Modellrechnungen der Wirtschaft und der OECD. Ihre Kalkulationen setzen folgenden Wirkungszusammenhang voraus: Institutionelle F\u00f6rderung verbessert die Kompetenzen junger Mensch in Mathematik, Naturwissenschaften und Textverst\u00e4ndnis und damit ihre Chancen, h\u00f6here Bildungsabschl\u00fcsse zu erwerben. Die h\u00f6here Qualifikation wiederum steigert ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In der Folge sinkt die strukturelle Arbeitslosigkeit, was einerseits die Sozialsysteme entlastet und anderseits die Einnahmen von Staat und Sozialversicherungen steigert (3). Mehr Kinderbetreuung bringt mehr Wohlstand, lautet also das Versprechen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gedankenketten setzen unabdingbar voraus, dass institutionelle Betreuung tats\u00e4chlich die schulischen Leistungen steigert. \u00dcberpr\u00fcfen l\u00e4sst sich dies nur durch aufwendige (Langzeit)Studien, die bisher nur in geringer Zahl und fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr den anglo-amerikanischen Raum vorliegen. Zentraler Gew\u00e4hrsmann der Bef\u00fcrworter institutioneller Fr\u00fchf\u00f6rderung ist der amerikanische Bildungs\u00f6konom James Heckman. Seine Argumentation st\u00fctzt sich auf die Evaluation amerikanischer Fr\u00fchf\u00f6rderprogramme (\u201eearly childhood intervention&#8220;) aus den 1960er und 70er Jahren. Hauptzielgruppe dieser Projekte waren Kinder aus benachteiligten afroamerikanischen Familien mit zus\u00e4tzlichen \u201eHandicaps&#8220;: Sie wiesen eine intellektuelle Minderbegabung auf, lebten in Risikolagen oder sozialen Brennpunkten. Es \u00fcberrascht kaum, dass fr\u00fch einsetzende F\u00f6rderprogramme die Lebenschancen dieser Kinder nachhaltig verbesserten. Mit deutscher Kindertagesst\u00e4tten-P\u00e4dagogik haben diese Programme allerdings wenig gemeinsam; viel eher sind sie Elterntrainings und Familientherapien vergleichbar, wie sie hierzulande die Psychotherapie und Klinische Sozialarbeit anwendet (4). Heckman \u00fcberzeugen diese Programme gerade deshalb, weil sie nicht alle (nicht einmal alle sozio-\u00f6konomisch benachteiligten) Kinder, sondern besonders vernachl\u00e4ssigte Kinder avisieren: Kinder, die in ihren ersten Jahren kaum Zuwendung ihrer Eltern erhalten (5). Aus seinen Erkenntnissen auf das F\u00f6rderpotential deutscher Kindertagest\u00e4tten zu schlie\u00dfen zeugt entweder von methodischer Willk\u00fcr oder aber von einem zutiefst kulturpessimistischen Generalverdacht der Erziehungsinkompetenz von Eltern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuverl\u00e4ssigere Aufschl\u00fcsse \u00fcber die Effekte institutioneller Betreuung von Kleinkindern bieten Studien aus Kanada: Seit 1997 subventioniert die Regierung der franz\u00f6sischsprachigen Provinz Qu\u00e9bec fl\u00e4chendeckend \u201eDaycare&#8220;-Angebote, w\u00e4hrend in den englischsprachigen Provinzen die Kinderbetreuung eine privat zu organisierende Angelegenheit der Eltern blieb. Damit ergab sich die historisch seltene Gelegenheit zu quasi-experimentellen Feldstudien: Forscher analysierten die Schulreife von 4-5-j\u00e4hrigen Kindern vor und nach dem Beginn des Tagesbetreuungsausbaus. Das Ergebnis: Die an kognitiven Kompetenzen gemessenen Schulreifewerte verschlechtern sich. Nach Ansicht der Forscher zeigen sich hierin die Effekte einer schlecht finanzierten Ganztagsbetreuungspolitik. Auch Kindern aus \u201ebildungsfernen&#8220; Elternh\u00e4usern scheint diese Politik nicht zu helfen: Die Schulreifewerte verschlechterten sich besonders h\u00e4ufig, wenn die Mutter einen niedrigen Bildungsabschluss hatte. Noch aufschlussreicher ist eine vergleichende Vorher-Nachher Studie zwischen Qu\u00e9bec und dem Rest Kanadas zum Verhalten 2-4-j\u00e4hriger Kinder und ihrer Eltern: Mit der Inanspruchnahme von Tagesbetreuung nahmen bei den Kindern sowohl \u00c4ngstlichkeit als auch Aggressivit\u00e4t zu (6). Auch in der US-Langzeitstudie des \u201eNational Early Child Care Research Network&#8220; (NICHD) beobachteten Forscher eine gr\u00f6\u00dfere Unruhe und Aggressivit\u00e4t von Kindern als Folge fr\u00fchzeitiger au\u00dferfamili\u00e4rer Betreuung (7). Unausgeglichene Kinder sind, wie jeder Lehrer wei\u00df, schwer zu unterrichten (8). Eine kinderpsychologische Erkenntnisse ignorierende \u201eFr\u00fchf\u00f6rderpolitik&#8220; kann so die Qualit\u00e4t des Schulunterrichts gef\u00e4hrden. Das aber kostet zwangsl\u00e4ufig Wohlstand. Von den unkalkulierbaren Zukunftsproblemen einmal ganz abgesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1)\u00a0Nach Auskunft von Gisela Erler, Gr\u00fcnderin der PME Familienservice GmbH, kostet ein \u201eguter Krippenplatz in Westdeutschland mit allem Drum und Dran&#8220; etwa 1.400 \u20ac im Monat. Auf keinen Fall w\u00fcrde ein Krippenplatz weniger als 1.200 \u20ac im Monat koste. Siehe: Henrike Rossbach: \u201eWir erleben eine mentale Zeitenwende&#8220;, Gisela Erler, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der PME Familienservice GmbH, \u00fcber alte Denkmuster und neue Chancen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. M\u00e4rz 2007, S. 10.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Zum bildungs- und familienpolitischen Kontext dieser Argumentation: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/259-0-Woche-5051-2009.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/259-0-Woche-5051-2009.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Prototypisch f\u00fcr diese Argumentation: C. Anger\/A. Pl\u00fcnnecke\/M. Tr\u00f6ger: Renditen der Bildung &#8211; Investitionen in den fr\u00fchkindlichen Bereich, K\u00f6ln 2007.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Heckmann bezieht sich auf das \u201ePerry Preschool Project (PPP, Experiment, 1962-1967) sowie das \u201eCarolina Abecedarian Project (CAP, Experiment, 1972-1977). F\u00fcr Heckman sind die Studien zu diesen Projekten methodisch besonders zuverl\u00e4ssig und wegen der sehr langen Beobachtungszeitr\u00e4ume sowie der Breite ihrer Ergebnisse zu kognitiven und nicht-kognitiven Erfolgskriterien besonders zuverl\u00e4ssig. Vgl.: Hans-Peter Heekerens: Die Auswirkung fr\u00fchkindlicher Bildung auf Schulerfolg &#8211; eine methodenkritische Bestandsaufnahme, S. 311-325, in: Zeitschrift f\u00fcr Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 30. Jg., 3\/2010, S. 317-318.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Heckman w\u00f6rtlich: &#8222;The returns to early childhood programs are the highest for disadvantaged children who do not receive substantial amounts of parental investment in the early years. The proper measure of disadvantage is not necessarily family poverty or parental education. The available evidence suggests that the quality of parenting is the important scarce resource. The quality of parenting is not always closely linked to family income or parental education.&#8220; J. Heckman: Schools, skills and synapes, IZA DP No. 3515, Bonn 2008, S. 25, <a href=\"http:\/\/ftp.iza.org\/dp3515.pdf\">http:\/\/ftp.iza.org\/dp3515.pdf<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Vgl.: Hans-Peter Heekerens: Die Auswirkung fr\u00fchkindlicher Bildung auf Schulerfolg, op. cito, S. 3\/2010, S. 319-320. Heekerens bezieht sich auf die folgenden Studien: Baker et al: What can we learn from Quebec\u00b4s universal childare program? Toronto 2006; Lefevre et al: Childcare policy and cognitive outcomes of children: Results from a large scale quasi-experiment on universal childcare in Canada, Montreal 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Vgl.: Jay Belsky et al: Are there long-term effects of early child care? In: Child Development, March\/April 2007, S. 681-701.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Siehe hierzu: Steve Biddulph: Das Geheimnis gl\u00fccklicher Babys, M\u00fcnchen 2007, S. 69.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>IDAF-newsletter 41-42\/2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mythos fr\u00fchkindliche Bildung: Was die Wissenschaft wirklich sagt Kinderbetreuungsinfrastruktur ist teuer: Ein Krippenplatz kostet in Westdeutschland mindestens 1.200 \u20ac (1). Politiker wollen diese Ausgaben als \u201eInvestitionen in fr\u00fchkindliche Bildung&#8220; verstanden wissen (2). 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