{"id":5242,"date":"2010-10-12T18:32:25","date_gmt":"2010-10-12T16:32:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5242"},"modified":"2010-10-12T23:24:05","modified_gmt":"2010-10-12T21:24:05","slug":"offener-brief-von-ralph-giordano-an-bundesprasident-wulff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5242","title":{"rendered":"Offener Brief von Ralph Giordano an Bundespr\u00e4sident Wulff"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrter Herr Bundespr\u00e4sident,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das Christentum geh\u00f6rt zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum geh\u00f6rt zweifelsfrei zu Deutschland, das ist unsere christlich-j\u00fcdische Geschichte, aber der Islam geh\u00f6rt inzwischen auch zu Deutschland&#8220;. Dieser Satz in Ihrer Rede vom 3. Oktober anl\u00e4sslich des 20. Gedenktags der Wiedervereinigung offenbart in seiner Pauschalit\u00e4t eine so verst\u00f6rende Unkenntnis der Wirklichkeit und verfr\u00fchte Harmonisierung grundverschiedener Systeme, dass es einem die Sprache verschlagen will.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ma\u00dfe mir nicht an, Ihnen Nachhilfeunterricht in Geschichte erteilen zu wollen, aber hier wird eine blau\u00e4ugige Gleichsetzung des realexistierenden Islam mit einem EU-konformen Wunsch-Islam so sichtbar, dass energischer Widerspruch eingelegt werden muss. Denn der politische und militante Islam ist nicht integrierbar, aber auch der &#8222;allgemeine&#8220; jenseits davon ist noch problematisch genug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist er doch bisher auf die Frage, ob er vereinbar sei mit Meinungsvielfalt, Gleichstellung der Frau, Pluralismus, Trennung von Staat und Religion, kurz, mit Demokratie, jede \u00fcberzeugende Anwort schuldig geblieben. Eine dunkle Wolke, die am Himmel des 21. Jahrhunderts schwebt, und von der auch die Bundesrepublik Deutschland durch eine total verfehlte Immigrationspolitik unmittelbar ber\u00fchrt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier sto\u00dfen in der Tat zwei grundverschiedene Kulturkreise aufeinander, und das in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Einmal der jud\u00e4o-christliche, in dem sich nach finstersten Geschichtsepochen mit Renaissance, Aufkl\u00e4rung, b\u00fcrgerlichen Revolutionen und ihrer Fortschreibung das liberale Muster durchgesetzt hat, ein gewaltiger Sprung nach vorn. Dann der andere, der islamische Kulturkreis, der nach zivilisatorischen Glanzzeiten, die das Abendland nur besch\u00e4men konnten, bei aller inneren Differenzierung dennoch bis heute eine gemeinsame patriarchalisch-archaische Stagnation zu verzeichnen hat: gehorsamsorientiert, s\u00e4kularit\u00e4tsfern, auf Ungleichheit der Geschlechter, elterliche Kontrolle und fraglose Anerkennung von religi\u00f6sen Autorit\u00e4ten fixiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist der Zusammensto\u00df zwischen einer pers\u00f6nliche Freiheiten tief einengenden, traditions- und religionsbestimmten Kultur, und einer anderen, nach langen Irrwegen individualistisch gepr\u00e4gten, vorwiegend christlichen und doch s\u00e4kularen Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Auseinandersetzung t\u00fcrmen sich riesige Hemmnisse, und es sind Muslime selbst, die auf sie hinweisen. So der gro\u00dfe t\u00fcrkische Schriftsteller Zafer Senocak, der das Seziermesser an der wundesten Stelle ansetzt: &#8222;Kaum ein islamischer Geistlicher, geschweige denn ein frommer Laie, ist willens und in der Lage, das Kernproblem in der Denkstruktur des eigenen Glaubens zu sehen. Sie sind nicht bereit zur kritischen Analyse der eigenen Tradition, zu einer schonungslosen Gegen\u00fcberstellung ihres Glaubens mit der Lebenswirklichkeit in der modernen Gesellschaft.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder der unerschrockene Abbas Baydoun, langj\u00e4hriger Feuilletonchef der libanesischen Tageszeitung &#8222;As-Safir&#8220;, der sich auf das \u00e4hnlich gef\u00e4hrliche Gebiet tabuloser Selbstkritik begibt: &#8222;Bei uns suchen viele nach Ausreden, nicht in den Spiegel zu schauen, um uns den Anblick eines f\u00fcrchterlichen Gesichts zu ersparen, des Gesichts eines anderen Islam, des Islam der Isolation und der willk\u00fcrlichen Gewalt, der nach und nach die Oberhand gewinnt und bald, w\u00e4hrend wir dem H\u00f6hepunkt der Verblendung zusteuern, unser tats\u00e4chliches Gesicht sein wird.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was, Herr Bundespr\u00e4sident, sind Salman Rushdies &#8222;Satanische Verse&#8220; gegen diese Beschw\u00f6rungen? Hier machen Muslime Schluss damit, die Verantwortlichkeit f\u00fcr die eigenen, selbstverursachten \u00dcbel und Missst\u00e4nde an &#8222;Europa&#8220;, den &#8222;Gro\u00dfen Satan USA&#8220; oder den &#8222;Kleinen Satan Israel&#8220; zu delegieren. Hier prangern Muslime die Unf\u00e4higkeit der islamischen Welt zur Selbstreflexion an, hier wird die eigene Elite als der wahre Verursacher der Krise beim Namen genannt. Und dabei ausgesprochen, was auszusprechen kein Nichtmuslim je wagen w\u00fcrde: Nicht die Migration, der Islam ist das Problem! Ein riesiger, revolutions\u00fcberreifer Teil der Menschheit, die &#8222;Umma&#8220;, also die gesamte Gemeinschaft der Muslime, so differenziert sie auch in sich ist, droht an ihrer eigenen kultur- und religionsbedingten R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Unbeweglichkeit zu ersticken. Ein gleichsam dr\u00f6hnendes Ausrufezeichen dazu: die gespenstische Talmiwelt der \u00d6l-Billion\u00e4re am Golf, das Fettauge auf der Bodenlosigkeit eines geld- und goldstrotzenden Zynismus &#8211; &#8222;Das kann nicht gutgehen&#8220;, so Orham Pamuk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch in Deutschland, sehr geehrter Herr Bundespr\u00e4sident, gibt es muslimische Stimmen, die Ihrer Einbringung des islamischen Kulturkreises in den jud\u00e4o-christlichen skeptisch gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So etwa die iranische Theologin Hamideh Mohaghegni, die warnte, &#8222;dass die innerislamischen Kl\u00e4rungen auf dem Wege zu einem Euro-Islam noch zwanzig bis drei\u00dfig Jahren in Anspruch nehmen werden, und es auch dann immer noch fraglich sei, ob der sich hier durchsetzen oder dem traditionellen Islam unterliegen wird.&#8220; Eine andere Stimme, die dazu aufruft, der Meinung des Volkes Beachtung zu schenken und muslimischen Verbands- und Moscheevereinsfunktion\u00e4ren kritisch gegen\u00fcber zu treten, ist die von Dr. Ezhar Cezairli, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz: &#8222;Ich finde es verst\u00e4ndlich, wenn Menschen, die keineswegs der rechten Szene zugeh\u00f6ren, Angst vor Islamisierung haben.&#8220; Und weiter: &#8222;Es ist eine Gefahr f\u00fcr die Zukunft Deutschlands, dass manche Politiker durch ihre Ignoranz gegen\u00fcber islamischen Organisationen dabei sind, die Grundlagen unserer aufgekl\u00e4rten Gesellschaft aufzugeben.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das all den Pauschalumarmern, xenophilen Ein\u00e4ugigen, Sozialromantikern, Gutmenschen vom Dienst und Beschwichtigungsaposteln ins Stammbuch, deren Kuschelp\u00e4dagogik auch nach Thilo Sarazzin noch so tut, als ob es sich um eine multikulturelle Idylle handelt, die durch sozialtherapeutische Ma\u00dfnahmen behoben werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Missverst\u00e4ndnisse, sehr geehrter Herr Bundespr\u00e4sident: Es bleibt die Ehre der Nation, jeden Zuwanderer, Fremden oder Ausl\u00e4nder gegen die Pest des Rassismus und seine Komplizen zu sch\u00fctzen. Gleichzeitig aber ist es b\u00fcrgerliche Pflicht, sich gegen Tendenzen, Sitten, Gebr\u00e4uche und Traditionen aus der t\u00fcrkisch-arabischen Minderheit zu wehren, die jenseits von Lippenbekenntnissen den freiheitlichen Errungenschaften der demokratischen Republik und ihrem Verfassungsstaat ablehnend bis feindlich gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die entscheidenden Integrationshemmnisse kommen aus der muslimischen Minderheit selbst, auch wenn man davon ausgehen kann, dass ihre Mehrheit friedliebend ist. Es bleibt jedoch verst\u00f6rend, wie rasch in der Welt des Islam riesige Protestaktionen organisiert werden k\u00f6nnen, sobald Muslime sich angegriffen oder beleidigt f\u00fchlen. Wie stumm es aber in den hiesigen Verb\u00e4nden und Moscheevereinen bleibt, wenn, zum Beispiel, in der t\u00fcrkischen Stadt Malatya drei Mitarbeiter eines Bibelverlags massakriert, Nonnen in Somalia erschossen und in Pakistan Christen wegen Versto\u00dfes gegen das &#8222;Blasph\u00e4miegesetz&#8220; in Todeszellen gehalten werden, wo sie auf ihre Exekution warten. Eisernes Schweigen\u2026 Das Migrations \/ Integrationsproblem erfordert aber eine ebenso furchtlose wie kritische Sprache. Wo sind wir denn, dass wir uns f\u00fcrchten, zu Ausl\u00e4nder- und Fremdenfeinden gestempelt zu werden, wenn wir uns zu eigenen Wertvorstellungen bekennen? Wo sind wir denn, dass wir uns scheuen m\u00fcssen, eine paternalistische Kultur, in der das Individuum nichts, die Familie und Glaubensgemeinschaft aber alles ist, integrationsfeindlich zu nennen? Was ist denn falsch an der Feststellung, dass in ungez\u00e4hlten F\u00e4llen der Zuwanderung der Anreiz nicht Arbeit gewesen ist, sondern die Lockungen der bundesdeutschen Sozialkasse?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Aber der Islam geh\u00f6rt inzwischen auch zu Deutschland&#8220; &#8211; wirklich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass es nicht unbedrohlich ist, daran Zweifel zu \u00e4u\u00dfern &#8211; ich wei\u00df, wovon ich rede. Der Islam kennt die kritische Methode nicht. Deshalb wird Kritik stets mit Beleidigung gleichgesetzt. Was nicht hei\u00dft, da\u00df es keine kritischen Muslime gibt. Meinen Beitrag f\u00fchre ich an ihrer Seite, mit so tapferen Frauen wie Necla Kelek, Seyran Ates, Mina Ahadi, Ayaan Hirsi Ali &#8211; und allen anderen friedlichen Muslima und Muslimen auf der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch ein Postscriptum zu meinem eigenen Antrieb: Als \u00dcberlebender des Holocaust kenne ich den Unterschied zwischen Hitlerdeutschland und der Bundesrepublik. Ihre Demokratie ist mir heilig, denn nur in ihr f\u00fchle ich mich sicher. Deshalb: Wer sie antastet, hat mich am Hals, ob nun Moslem, Christ oder Atheist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit vorz\u00fcglicher Hochachtung Ralph Giordano<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Bundespr\u00e4sident, &#8222;Das Christentum geh\u00f6rt zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum geh\u00f6rt zweifelsfrei zu Deutschland, das ist unsere christlich-j\u00fcdische Geschichte, aber der Islam geh\u00f6rt inzwischen auch zu Deutschland&#8220;. Dieser Satz in Ihrer Rede vom 3. Oktober anl\u00e4sslich des 20. 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