{"id":5113,"date":"2010-09-03T17:36:30","date_gmt":"2010-09-03T15:36:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5113"},"modified":"2010-09-03T17:52:14","modified_gmt":"2010-09-03T15:52:14","slug":"interview-sarrazin-spricht-aus-was-andere-ahnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5113","title":{"rendered":"Interview &#8222;Sarrazin spricht aus, was andere ahnen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview der Hessischen Nieders\u00e4chsischen Allgemeinen Zeitung mit Henryk M. Broder: \u201eSarrazin spricht aus, was andere ahnen\u201c (29.08.10) <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-5121\" title=\"hna\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/hna.png\" alt=\"\" width=\"136\" height=\"42\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kennen Sie Thilo Sarrazin eigentlich pers\u00f6nlich?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Ja, mein Eindruck war: Er ist ein kluger, zivilisierter, nachdenklicher Mensch, der in der Tat gerne seine Meinungen pointiert zuspitzt. Ein durchaus positiver Eindruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ist es nicht merkw\u00fcrdig, dass sich alle Welt seit Tagen \u00fcber ein Buch aufregt, das erst ab heute zu kaufen sein wird?<!--more--><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Wir erleben ein Ph\u00e4nomen der Massenhysterie. Ich beobachte das mit Entsetzen. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, dass sich sogar eine Kanzlerin zu einer Buchver\u00f6ffentlichung ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte, und dann auch noch mit dem Satz, dieses Buch sei \u201enicht hilfreich\u201c. Wenn Sie jetzt anfangen, B\u00fccher danach zu beurteilen, ob sie \u201ehilfreich\u201c sind oder nicht, k\u00f6nnen Sie vermutlich 95 Prozent aller B\u00fccher einstampfen. Das Komische daran ist, dass unsere Gesellschaft \u201eQuerdenker\u201c ja so wahnsinnig sch\u00e4tzt. Wenn jemand sagt, der denkt \u201eunbequem\u201c, dann ist er schon automatisch ein \u00f6ffentlicher Held. Das ist alles falsch. Es gibt die Wertsch\u00e4tzung der \u201eQuerdenker\u201c in Wirklichkeit nur so lange, wie sie und die anderen Provokateure sich an die Regeln halten. Ich finde es absolut bedenklich, dass eine ganze Gesellschaft querbeet durch die Parteien und Verb\u00e4nde \u00fcber einen Mann herf\u00e4llt und nicht einmal den Ansatz von Bereitschaft zeigt, sich mit dem auseinanderzusetzen, was er schreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ganz richtig ist das so ja nicht. Sarrazins Thesen sind ja bekannt, sie werden nur abgelehnt: Dass Muslime sich angeblich nicht integrieren wollen. Dass sie Bildung verweigern. Dass sie unserer Gesellschaft mehr schaden als n\u00fctzen. Anst\u00f6\u00dfig ist doch allein schon die Verallgemeinerung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Sie kommen gar nicht umhin, pauschale Aussagen zu machen. Wir reden ja auch von \u201eden Deutschen\u201c, ohne daran Ansto\u00df zu nehmen. Jede von Sarrazins Behauptungen ist entweder belegbar oder erweckt doch den Anschein der Plausibilit\u00e4t. Nat\u00fcrlich zeichnet er ein extrem negatives Bild. Die Leute, die \u00fcber ihn herfallen, tun das aus zwei Gr\u00fcnden: Um ihn zum Schweigen zu bringen. Und um in sich selber Zweifel zum Verstummen zu bringen, Zweifel an ihrer bisherigen Politik. Sarrazin spricht aus, was andere ahnen, aber nicht zur Kenntnis nehmen m\u00f6chten. Das ist sein Verbrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Tabuthema sind Einwanderung und Integration bei uns aber nicht gerade.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Wir haben ja auch kein Problem mit der Migration an sich. Die Debatte ist konzentriert auf die Moslems. Und das hat Gr\u00fcnde, die in der Kultur liegen, die sie mit in die Bundesrepublik gebracht haben. Dass wir diese Probleme mit Chinesen nicht haben, nicht mit Vietnamesen, mit Thail\u00e4ndern und Japanern, das sagt doch schon alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und dennoch l\u00e4sst sich so eine Kritik nicht verallgemeinern. Sie kennen doch sehr wahrscheinlich genau wie ich pers\u00f6nlich Moslems, die Sie ausdr\u00fccklich vor Sarrazins Kritik in Schutz nehmen w\u00fcrden. Margot K\u00e4\u00dfmann nennt Sarrazins Kritik denn auch \u201emenschenverachtend\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Nat\u00fcrlich gibt es auch diese Moslems. Sarrazin kennt sie auch. Ich wei\u00df nicht, ob er sagt \u201ealle Moslems\u201c oder \u201ealle T\u00fcrken\u201c. Er spricht von der \u201eislamischen Migration\u201c, der \u201eislamischen Kultur\u201c. Und das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass er jeden einzelnen Moslem meint. \u00dcbrigens: Wenn Frau K\u00e4\u00dfmann \u201emenschenverachtend\u201c sagt, dann kann ich nur sagen: Menschenverachtend ist es, besoffen mit einem Auto herumzufahren. Denn dabei kann es wirklich jemanden erwischen. An Thilo Sarrazin arbeiten sich jetzt alle Leute ab, um sich auf eine sehr billige Weise ein paar moralische Punkte zu holen. Selbst wenn er pauschaliert: Wann hat es denn zum letzten Mal einen Ehrenmord im Milieu der buddhistischen oder j\u00fcdischen Einwanderer gegeben? Oder bei den rum\u00e4nischen Christen, die in die Bundesrepublik gekommen sind? Da gibt es auch Schwierigkeiten, alles m\u00f6gliche. Aber ganz bestimmte kulturelle Auspr\u00e4gungen sind in der Bundesrepublik leider zum Kennzeichen der Moslems geworden. Das bedeutet nicht, dass alle Moslems so sind. Und ich kenne auch genug Moslems, die entsetzt dar\u00fcber sind, was in ihrem Milieu hier passiert. Aber insofern ist Sarrazins Pauschalierung begr\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Man kann sich ja schlechter gegen Applaus als gegen Kritik wehren. Meinen Sie, dass Thilo Sarrazin auch Applaus aus der falschen Ecke bekommt?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Mit Sicherheit. Es ist das \u00e4sthetische Problem an dieser Geschichte, wenn ihm die NPD zuklatscht. Es geht ja nicht darum, dass man gegen Einwanderung ist. Keine deutsche Familie kann vier Wochen f\u00fcr 500 Euro in Antalya verbringen, aber gleichzeitig den Leuten in Antalya das Recht verwehren, nach Rostock oder L\u00fcbeck zu ziehen und dort anst\u00e4ndig bezahlt zu werden. Unser Wohlstand ist keine Einbahnstra\u00dfe. Aber man muss nat\u00fcrlich die Bedingungen f\u00fcr Einwanderung festsetzen. Und wenn jetzt die NPD jubelt, ist das sicher unangenehm. Die NPD ist einfach dagegen, dass Ausl\u00e4nder oder Fremde herkommen. Und diese Position kann man nicht teilen. Da m\u00fcsste Thilo Sarrazin in der Tat ein klares Wort sagen, um sich dieser Freunde zu entledigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es ist ja auff\u00e4llig, dass der so genannte Stammtisch auf Seiten Sarrazins ist, w\u00e4hrend fast alle Politiker emp\u00f6rt aufschreien. Wie erkl\u00e4ren Sie das?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Das ist ja nicht nur in diesem Fall so. Wir haben eine zunehmende Kluft zwischen der Basis und den Eliten. Ich beobachte seit Jahren, dass das einfache Volk kl\u00fcger ist, als die Politiker, die in seinem Namen sprechen. Das haben Sie in ganz vielen Bereichen. Die Leute ahnen, dass was schief geht. Sie k\u00f6nnen sich vielleicht nicht so gut ausdr\u00fccken wie Thilo Sarrazin. Aber es sind \u00c4ngste, die Politiker ernst nehmen sollten. Die haben sich aber zum gro\u00dfen Teil von der Wirklichkeit verabschiedet. In der Beziehung bin ich v\u00f6llig auf der Seite des Stammtisches und des \u201edummen\u201c Volkes und nicht der klugen Eliten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Warum bekommen die Parteien das Problem nicht in den Griff?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Sie kriegen ja vieles anderes auch nicht hin \u2013 von der Pendlerpauschale \u00fcber die Eigenheimzulage bis zum Dosenpfand. Es ist eine Strecke der Hilflosigkeit. Warum sie es nicht hinkriegen? Ich wei\u00df es nicht. Ich glaube, dass ein Land mit 16 Ministerpr\u00e4sidenten und vier, f\u00fcnf Wahlen pro Jahr einfach unregierbar ist &#8211; was im Prinzip auch sympathische Z\u00fcge hat. Ich glaube, eine Gesellschaft ist dann reif, wenn sie keine Regierung braucht. Wenn sie die Regierung outsourcen w\u00fcrden und das Land an Disneyland vermieten, dann w\u00fcrde hier doch im Prinzip alles so weiterlaufen wie jetzt. Und zwar deswegen, weil die Gesellschaft relativ gefestigt ist. Ich wei\u00df, es ist eine Phrase, aber es ist trotzdem so: Die Politiker haben den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Wenn diese Leute nicht regelm\u00e4\u00dfig einkaufen gehen, wenn sie nicht wissen, wie viel ein Pfund Butter bei Aldi kostet, wenn sie nicht wissen, wie eine verwahrloste Fu\u00dfg\u00e4ngerzone im Ruhrgebiet aussieht &#8211; dann haben sie keine Beziehung zur Wirklichkeit. Und wenn sie jetzt zugeben w\u00fcrden, dass was schief l\u00e4uft, k\u00e4me ja auch sofort die Frage: Warum habt ihr das nicht eher gemerkt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was wird Sarrazins Buch bewirken?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henryk M. Broder: Erst einmal nichts, au\u00dfer dass es eine \u00f6ffentliche Diskussion gibt. Die Reaktionen auf Sarrazin zeigen f\u00fcr mich vor allem, dass die Politiker vergessen haben, dass eine Demokratie nicht von richtigen, sondern von falschen Meinungen lebt. \u00dcber richtige Meinungen gibt es immer einen Konsens. Da ist sofort Ruhe. Falsche Meinungen dagegen provozieren immer eine Debatte. Es gibt nat\u00fcrlich auch falsche Meinungen, die nicht mal einen Widerspruch wert sind. Aber das, was Sarrazin schreibt, liegt innerhalb des demokratischen Spektrums. Die Folge ist, dass dar\u00fcber debattiert wird. Der Versuch, Sarrazin zum Schweigen zu bringen oder ihn zu diskreditieren, wird nur neue Sarrazins hervorrufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zur Person<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Henryk M. Broder (64), in Kattowitz geboren, besch\u00e4ftigt sich als Journalist und Buchautor bevorzugt mit der deutschen Politik und Israel. Er entstammt einer polnisch-j\u00fcdischen Familie, mit der er 1958 \u00fcber Wien nach Deutschland kam. Broder ist mit einer Verlegerin verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. B\u00fccher von Broder: \u2022 \u201eHurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken\u201c, wjs-Verlag \u2022 \u201eSch\u00f6ner denken. Wie man politisch unkorrekt ist\u201c, Piper Verlag \u2022 \u201eKritik der reinen Toleranz\u201c, wjs-Verlag<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Von Tibor P\u00e9zsa<br \/>\nmit freundlicher Erlaubnis<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview der Hessischen Nieders\u00e4chsischen Allgemeinen Zeitung mit Henryk M. Broder: \u201eSarrazin spricht aus, was andere ahnen\u201c (29.08.10) Kennen Sie Thilo Sarrazin eigentlich pers\u00f6nlich? Henryk M. Broder: Ja, mein Eindruck war: Er ist ein kluger, zivilisierter, nachdenklicher Mensch, der in der Tat gerne seine Meinungen pointiert zuspitzt. Ein durchaus positiver Eindruck. 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