{"id":5064,"date":"2010-08-25T09:52:01","date_gmt":"2010-08-25T07:52:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5064"},"modified":"2010-08-25T10:02:40","modified_gmt":"2010-08-25T08:02:40","slug":"staatserziehung-und-trennungen-was-die-umdeutung-von-familie-kostet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=5064","title":{"rendered":"Staatserziehung und Trennungen &#8211; Was die Umdeutung von Familie kostet"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Staatserziehung und Trennungen &#8211; Was die Umdeutung von Familie kostet<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat die Familie als Lebensform ausgedient? Dies fragen sich nachdenkliche Zeitgenossen angesichts ern\u00fcchternder statistischer Befunde: Geburtenbaisse, steigende Kinderlosigkeit, Heiratsm\u00fcdigkeit und immer mehr Single-Haushalte. Allein im Haushalt leben nicht nur &#8211; wie fr\u00fcher \u00fcblich &#8211; verwitwete \u00e4ltere Menschen, sondern auch immer mehr Erwachsene im klassischen Familienalter zwischen 30 und 40 Jahren. Nicht wenige dieser Alleinwohnenden haben einen au\u00dferhalb ihres Haushalts lebenden Partner. Dieses \u201eLiving apart together\u201c steht &#8211; so die Auskunft von Soziologen &#8211; f\u00fcr ein \u201ever\u00e4ndertes Partnerschaftsideal, das st\u00e4rker auf Autonomie setzt\u201c. Institutionelle Vorgaben wie die lebenslange Ehe h\u00e4tten an Bedeutung verloren, so dass man \u201efreier entscheiden kann, wie man leben will\u201c. Familie wandele sich: Sie sei heute \u201enicht mehr so stark auf den Haushalt beschr\u00e4nkt\u201c und habe \u201ezunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken\u201c. Neben der \u201eklassischen Kernfamilie h\u00e4tten \u201esich viele andere Lebensformen etabliert\u201c. Familie verliere deswegen nicht an Bedeutung, sondern \u201egewinne an Vielfalt\u201c (1).<!--more-->Was aber ist nun eine Familie, wenn sie als \u201esoziales Netzwerk\u201c, nicht mehr durch Ehe, Haushalt und Eltern-Kind-Verh\u00e4ltnisse konstituiert ist? Bef\u00fcrworter eines \u201epostmodernen\u201c Familienbildes sprechen von \u201eVerantwortungsgemeinschaften\u201c. Wer wof\u00fcr und f\u00fcr wie lange Verantwortung tragen soll, definieren sie allerdings nicht. Was \u201eFamilie\u201c bedeutet, bleibt damit dem subjektiven Empfinden des Einzelnen \u00fcberlassen. Empirisch-statistisch lassen sich dann zwar noch verschiedene Lebensformen, aber nicht mehr die Familie als soziale Institution erfassen (2). Aus dieser Perspektive kann es per definitionem auch keine Krise der Familie geben: Denn mangels objektiver Kriterien l\u00e4sst sich eine Abkehr von der Familie bev\u00f6lkerungsstatistisch erst gar nicht feststellen. Sorgen angesichts des \u201eWandels familialer Lebensformen\u201c erscheinen dann als Ausdruck eines \u201efalschen Bewusstseins\u201c von \u201eFundamentalisten\u201c, die hartn\u00e4ckig am \u201ealten Ideal der Kernfamilie\u201c festhalten. Noch bis vor wenigen Jahren war dieser vermeintliche \u201eFundamentalismus\u201c regierungsoffiziell: Die auf die Ehe gegr\u00fcndete Vater-Mutter-Kind-Familie galt als \u201eGrundeinrichtung der menschlichen Gesellschaft\u201c (Ren\u00e9 K\u00f6nig) (3). Noch 1995 stellte die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum 5. Familienbericht fest: \u201eDie Familie ist und bleibt der Ort der personalen Entfaltung des Menschen. Eine gesicherte Best\u00e4ndigkeit innerfamili\u00e4rer Beziehungen, die auch Belastungen durchsteht, gibt Kindern das notwendige Vertrauen in den Wert der eigenen Person wie in die Zukunft\u201c (4).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber sieht es mit der Best\u00e4ndigkeit von Lebensformen aus, die \u201est\u00e4rker auf individuelle Autonomie\u201c setzen? Die empirischen Befunde sind eindeutig: Das Risiko des Zerbrechens der Beziehungen ist &#8211; zumindest im statistischen Durchschnitt &#8211; wesentlich gr\u00f6\u00dfer als in (ehelichen) Kernfamilien (5). Die Fl\u00fcchtigkeit von Beziehungen wollen Bef\u00fcrworter einer \u201eseriellen Monogamie\u201c als Chance verstanden wissen: Als \u201eEntwicklungsaufgaben\u201c im Lebenslauf erm\u00f6glichten es Partnerschafts-Trennungen, \u201edie Lebenssituation neu und oftmals f\u00fcr alle Beteiligten befriedigender zu organisieren&#8220; (6). Auch die betroffenen Kinder w\u00fcrden die Trennung ihrer Eltern meistens gut bew\u00e4ltigen. Dies will mittlerweile auch das Bundesfamilienministerium glauben machen (7). Statistische Fakten werden dabei (bewusst?) ignoriert: Nach den Zahlen der amtlichen Statistik betreffen drei von vier Ma\u00dfnahmen der Heimerziehung wie der \u00f6ffentlich gef\u00f6rderten Vollzeitpflege Kinder, deren Eltern sich getrennt haben. Mit diesen familienersetzenden Hilfen \u00fcbernimmt der Staat die Kosten f\u00fcr das Zerbrechen von Kernfamilien (8). Zugleich ert\u00f6nt der Ruf nach noch mehr Staat: Um \u201eErziehungskatastrophen\u201c zu verhindern, sollen Kinder k\u00fcnftig von klein auf in Ganztagskindertagesst\u00e4tten und -Schulen in \u201e\u00f6ffentlicher Verantwortung\u201c erzogen werden (9). Das ist nicht nur f\u00fcr den Steuerzahler teuer. Besonders hoch ist der Preis der Abkehr von der Kernfamilie f\u00fcr die Kinder selbst: F\u00fcr sie droht aus der postmodernen \u201eVielfalt\u201c der Lebensentw\u00fcrfe Erwachsener ein Aufwachsen im Einheitstakt staatlicher Institutionen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Siehe: Jahel Mielke: \u201eAllein wohnen hei\u00dft nicht allein sein\u201c, Interview mit Norbert Schneider, in: DER TAGESSPIEGEL vom 25.4.2010, <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/allein-wohnen-heisst-nicht-allein-zu-sein\/1807966.html\">http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/allein-wohnen-heisst-nicht-allein-zu-sein\/1807966.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Diese Schwierigkeit erkannte schon der 1. Familienbericht der Bundesregierung: \u201eAngesichts der Mehrdeutigkeit des Begriffs Familie erscheint eine m\u00f6glichst klare begriffliche Abgrenzung notwendig, die sich gerade auch f\u00fcr statistische Ermittlungen, wie sie dieser Bericht erfordert eignet. Grunds\u00e4tzlich wird entsprechend der neueren familiensoziologischen Terminologie &#8211; zum Unterschied von einem im Sprachgebrauch h\u00e4ufig verwendeten weiteren, Verwandte einschlie\u00dfenden Familienbegriff &#8211; unter Familie eine Gruppe verstanden, in der ein Ehepaar mit seinen Kindern zusammen lebt. Diese reine Eltern-Kind-Gemeinschaft (\u201eKernfamilie\u201c) stellt eine soziale Gruppenbildung dar, gekennzeichnet durch eine biologisch-soziale Doppelnatur und eine in anderen sozialen Gruppen in diesem Umfang nicht anzutreffende \u201eTotalit\u00e4t\u201c der sozialen Beziehungen. Siehe: Bundesminister f\u00fcr Familie und Jugend: Bericht \u00fcber die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland &#8211; Deutscher Bundestag 5. Wahlperiode Drucksache V\/2532, Bonn 1968, S. 7.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Im 1. Familienbericht der Bundesregierung war hierzu zu lesen: \u201eDie (Kern)Familie bildet eine soziale Einheit, die in ihrer Grundstruktur fast universell verbreitet ist. Nach der modernen sozialwissenschaftlichen Forschung hat sich die Familie als eine \u201eGrundeinrichtung der menschlichen Gesellschaft\u201c erwiesen, \u201egenauso alt wie die menschlich-gesellschaftliche Gesittung selbst\u201c (Ren\u00e9 K\u00f6nig). Ebenda.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe: Stellungnahme der Bundesregierung zum F\u00fcnften Familienbericht, III-XXXIV, in: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland &#8211; Zukunft des Humanverm\u00f6gens (F\u00fcnfter Familienbericht), Bundestagsdrucksache 12\/7560, Bonn 1995, IV.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Siehe hierzu: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/247-0-Woche-46-2009.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/247-0-Woche-46-2009.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Siehe: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit. Perspektiven f\u00fcr eine lebenslaufbezogene Familienpolitik &#8211; Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16\/1360, Berlin 2006, S. 116-117.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Vgl.: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in Deutschland &#8211; Potenziale, Lebenssituationen und Unterst\u00fctzungsbedarfe, Monitor Familienforschung Ausgabe 15, Dezember 2008, S. 8.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Siehe hierzu Abbildungen unten: \u201eHeimerziehung in Deutschland\u201c sowie \u201eHilfen zur Erziehung nach Familienform\u201c. In einer j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichen Publikation stellte das Statistische Bundesamt dar, dass Alleinerziehende die \u201ewichtigste Zielgruppe\u201c \u00f6ffentlicher Erziehungshilfen sind. Im Jahr 2008 nahmen zehn Prozent der Alleinerziehenden \u00f6ffentliche Erziehungshilfen in Anspruch. Bei den zusammenlebenden Eltern mit minderj\u00e4hrigen Kindern lag dieser Anteil nur bei knapp zwei Prozent. Vgl.: Statistisches Bundesamt: Alleinerziehende in Deutschland, Ergebnisse des Mikrozensus 2009, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 29. Juli 2010, Wiesbaden 2010, S. 31. In den Medienberichten hierzu, die sich auf die materiellen Probleme Alleinerziehender konzentrierten, spielte dieser Aspekt bezeichnenderweise keine Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Prototypisch f\u00fcr diese Argumentationsweise: Vgl.: Klaus Hurrelmann: Sozialisation &#8211; Bildung &#8211; Gesundheit. Kann wissenschaftliche Forschung politische Effekte erzielen? Abschiedsvorlesung an der Universit\u00e4t Bielefeld im Januar 2009, ver\u00f6ffentlicht in: ZSE &#8211; Zeitschrift f\u00fcr Soziologie der Erziehung und Sozialisation 29. Jg. 3\/2009.<br \/>\n\u00a0\u00a0<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-5066\" title=\"IDAF,Heimerziehung\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/IDAFHeimerziehung.jpg\" alt=\"\" width=\"545\" height=\"431\" \/><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-5067\" title=\"IDAF,Hilfen zur Erziehung\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/IDAFHilfen-zur-Erziehung.jpg\" alt=\"\" width=\"546\" height=\"475\" \/><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<br \/>\nIDAF, Wochen 33\/34 (<\/em><a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\"><em>www.i-daf.org<\/em><\/a><em>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staatserziehung und Trennungen &#8211; Was die Umdeutung von Familie kostet Hat die Familie als Lebensform ausgedient? 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