{"id":4781,"date":"2010-07-05T10:27:13","date_gmt":"2010-07-05T08:27:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=4781"},"modified":"2010-07-05T10:33:07","modified_gmt":"2010-07-05T08:33:07","slug":"ein-mordprozes-mit-vielen-gesichtern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=4781","title":{"rendered":"Ein Mordproze\u00df mit vielen Gesichtern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Drei Jahre nach den Christenmorden in der T\u00fcrkei kommt endlich Bewegung in den Proze\u00df<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cAdalet Devletin Temelidir\u201d. Die Worte prangen in goldenen Lettern an der Wand hinter den f\u00fcnf Richtern, die im anatolischen Malatya den Mord an drei Christen beurteilen m\u00fcssen. Sie sind ein Zitat des Staatsgr\u00fcnders Kemal Atat\u00fcrk und bedeuten soviel wie \u201cGerechtigkeit ist das Fundament des Staates\u201d. Es ist Donnerstag, der 15. April 2010. Als die Angeklagten in den Gerichtssaal gef\u00fchrt werden, herrscht Totenstille. Leise klirren die Handschellen, die f\u00fcr die Dauer der Sitzung entfernt werden. Fast auf den Tag genau vor drei Jahren haben f\u00fcnf junge M\u00e4nner in Malatya ein Verbrechen begangen, das so brutal war, da\u00df sich bei der Beschreibung die Feder str\u00e4ubt. Mit Fleischermessern bewaffnet, drangen sie in das christliche Verlagshaus \u201cZirve\u201d ein und fesselten den deutschen Pfarrer Tilmann Geske und zwei seiner t\u00fcrkischen Freunde an St\u00fchle. Nach zweist\u00fcndiger Folter schnitten sie allen dreien die Kehlen durch.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Direkt hinter den Angeklagten, abgeschirmt durch eine Reihe schwerbewaffneter Soldaten in Uniform, sitzt Susanne Geske, Witwe des ermordeten Pfarrers, die dunklen Haare zu einem dicken Zopf gebunden. Neben ihr eine \u00e4ltere, verschleierte Frau \u2013 die Mutter eines der anderen Mordopfer. Unaufh\u00f6rlich laufen ihr Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen. Einen solchen Proze\u00df hat die T\u00fcrkei noch nie gesehen. In dem zu 99 Prozent von Muslimen bewohnten Land betrachten viele Bev\u00f6lkerungsteile Staat und Religion als Einheit, obwohl seit Atat\u00fcrk die Trennung von Staat und Religion besteht. Wer T\u00fcrke ist, der ist auch Muslim. Was aber, wenn T\u00fcrken sich der christlichen Religion zuwenden? In den Augen vieler Staatsb\u00fcrger ist dies etwas Illegales. Die T\u00e4ter f\u00fchlen sich als Helden, sie glauben, da\u00df ihnen der Staat sogar dabei helfen wird, den Gerichtssaal als freie und ehrenwerte Patrioten zu verlassen. Bei der Tat hatte jeder von ihnen einen Zettel in der Tasche, auf dem stand: \u201cWir haben es f\u00fcr unser Land getan\u201d. Genau das aber wollen der t\u00fcrkische Rechtsanwalt Erdal Dogan und seine Kollegen n\u00e4her untersuchen. K\u00f6nnte es sein, dass es politische Auftraggeber f\u00fcr das Verbrechen gibt, einflu\u00dfreiche Hinterm\u00e4nner, die die T\u00e4ter ermutigt und ihnen vielleicht sogar Straffreiheit zugesichert haben? Das Interesse der t\u00fcrkischen \u00d6ffentlichkeit ist geweckt. Aus Istanbul kam die gr\u00f6\u00dfte Fernsehstation NTV mit einem \u00dcbertragungswagen mit Satellitenantenne. Das Massenblatt \u201cH\u00fcrriyet\u201d (Freiheit) ist ebenso vor Ort wie die Nachrichtenagenturen \u201cCompass Direct\u201d und die \u201cDeutsche Presseagentur\u201d (dpa). Nicht zuletzt stellt das Verfahren die Beziehungen mit Deutschland auf den Pr\u00fcfstand, wo Millionen von T\u00fcrken leben. Drei Mitarbeiter der deutschen Botschaft aus Ankara nehmen im Gerichtssaal Platz. Das Verfahren selbst ist kurz. Der Rechtsanwalt Erdal Dogan verliest eine 28-seitige Anklageschrift. Er fordert zudem, da\u00df Verbindungen der T\u00e4terschaft mit geheimen t\u00fcrkischen Staatsstellen \u2013 dem sogenannten \u201ctiefen Staat\u201d \u2013 n\u00e4her unter die Lupe genommen werden m\u00fcssen. Die Verteidiger der Angeklagten informieren das Gericht, da\u00df sie nicht in der Lage waren, ihre Pl\u00e4doyers rechtzeitig fertigzustellen. Daraufhin vertagt der Richter das Verfahren. Allgemein wird eine lebenslange Haftstrafe f\u00fcr die f\u00fcnf Angeklagten erwartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfarrer Tilmann Geskes Witwe Susanne hat ihre Ank\u00fcndigung wahr gemacht und ist mit ihren drei Kindern in Malatya geblieben. In der anatolischen Kultur ist das Prinzip der Blutrache, zumal bei einem Mord, bis heute weit verbreitet. Doch die zierliche Frau will keine Rache: \u201cVergebung zu verweigern und die Vergeltung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt sie Gott zu \u00fcberlassen, das heisst, seiner Autorit\u00e4t misstrauen\u201d. Die Mutter erw\u00e4hnt ein Zeugnis ihrer achtj\u00e4hrigen Tochter Miriam, die die M\u00f6rder ihres Vaters im Gef\u00e4ngnis besuchen will. \u201cDann k\u00f6nnen wir ihnen eine Bibel geben, und dann lernen sie Jesus kennen.\u201d Sp\u00e4ter k\u00f6nnten die Peiniger, so das M\u00e4dchen weiter, die Mordopfer im Himmel um Verzeihung bitten. Das sind T\u00f6ne, wie sie die moderne T\u00fcrkei noch nie geh\u00f6rt hat, Zeugnisse eines Glaubens, der lange nur auf Misstrauen und Ablehnung gesto\u00dfen ist. Ich erlebe mit, dass sie auf die anwesenden Rechtsanw\u00e4lte und Journalisten einen tiefen Eindruck machen. Der muslimische Anwalt Erdal Dogan will \u201cjeden Stein umdrehen\u201d, um die Hinterm\u00e4nner der Morde ausfindig zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bericht von Gunnar Wiebalck (Christian Solidarity International)<br \/>\nCSI-newsletter 5.7.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Jahre nach den Christenmorden in der T\u00fcrkei kommt endlich Bewegung in den Proze\u00df \u201cAdalet Devletin Temelidir\u201d. Die Worte prangen in goldenen Lettern an der Wand hinter den f\u00fcnf Richtern, die im anatolischen Malatya den Mord an drei Christen beurteilen m\u00fcssen. 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