{"id":4727,"date":"2010-06-14T09:08:53","date_gmt":"2010-06-14T07:08:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=4727"},"modified":"2010-06-14T09:08:53","modified_gmt":"2010-06-14T07:08:53","slug":"produktiv-altern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=4727","title":{"rendered":"Produktiv altern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Produktiv altern: Utopische Altersbilder, reale Arbeitnehmer und konzeptionslose Sozialpolitiker<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alt ist man nicht, alt wird man gemacht. So lautet die Quintessenz eines in der ver\u00f6ffentlichten Meinung popul\u00e4ren modernen Altersbildes. Im Focus dieses neuen Altersparadigmas stehen nicht mehr die Defizite, sondern die Potentiale des Alters. Gesellschaftliches Ideal ist die \u201eGeneration Silber\u201c: \u201eMenschen von 65 oder 75 Jahren, die so auftreten und so aktiv wie gesund sind, als w\u00e4ren sie zehn oder 20 Jahre j\u00fcnger\u201c. F\u00fcr diese \u201ejungen Alten\u201c markiere das gesetzliche Renteneintrittsalter l\u00e4ngst nicht mehr den Zeitpunkt, an dem die \u201eProduktivkraft\u201c ersch\u00f6pft sei, sondern die \u201ePforte zu einer Phase neuer Aktivit\u00e4t\u201c im \u201edritten Lebensalter\u201c (1). Angesichts der \u201ePlastizit\u00e4t\u201c des Alters d\u00fcrfe nicht mehr l\u00e4nger mit ihm ein Verlust an Flexibilit\u00e4t und Kreativit\u00e4t assoziiert werden. Aufgrund einer alternden Gesellschaft einen Verlust an Innovationsf\u00e4higkeit und sozialer Dynamik zu erwarten, sei deshalb \u201ehandfeste Altersdiskriminierung\u201c (2).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vertreter dieses optimistischen Alternsparadigmas r\u00e4umen immerhin ein, da\u00df das l\u00e4ngere Leben auch Schattenseiten hat: Denn \u201egegen viele Krankheiten des \u201evierten Lebensalters, das Mitte 70 beginnt und von k\u00f6rperlichem und geistigen Abbau gepr\u00e4gt ist, finden Wissenschaftler, \u00c4rzte und Pharmaunternehmen keine Mittel\u201c (3). Gerade in dieser Altersgruppe vollzieht sich aber die letzte \u201eBev\u00f6lkerungsexplosion\u201c, die sich hochzivilisierte Gesellschaften noch leisten: Bis zum Jahr 2060 wird sich der Anteil der Hochbetagten an der Bev\u00f6lkerung etwa verdreifachen \u2013 fast jeder siebte Deutsche wird dann mindestens 80 Jahre alt sein (4). Jenseits des 80. Lebensjahres steigt das Risiko der Pflegebed\u00fcrftigkeit sprunghaft an. Schon bis zum Jahr 2030 k\u00f6nnte die Zahl der Pflegebed\u00fcrftigen um fast 60 Prozent steigen (5). Schon allein aufgrund der Alterung wird deshalb der Kostendruck auf das Gesundheitswesen weiter wachsen (6). Eine Gesellschaft des langen (und m\u00f6glichst gesunden) Lebens hat ganz buchst\u00e4blich ihren Preis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diesen bezahlen zu k\u00f6nnen, ist die Politik bestrebt \u201estille Reserven\u201c der Jugend, der M\u00fctter und besonders der \u00c4lteren f\u00fcr den Arbeitsmarkt zu mobilisieren. Das setzt konkrete Besch\u00e4ftigungschancen voraus, sonst l\u00e4uft die Offensive zur Verteidigung des Sozialstaats ins Leere. Als entscheidend f\u00fcr ihren Erfolg gilt daher die Besch\u00e4ftigungsf\u00e4higkeit der potentiellen Arbeitskr\u00e4fte: \u201eWer im Laufe seines Arbeitslebens immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert wird und dadurch \u201elebenslang lernt\u201c, bleibt physisch, mental und psychisch l\u00e4nger vital und ist den Anforderungen des modernen Arbeitslebens bis ins Rentenalter gewachsen\u201c \u2013 so lautet das Wunschbild der Arbeitsmarkt- und Sozialsystemingenieure (7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Realit\u00e4t der Besch\u00e4ftigungsbiographien stellt sich allerdings prosaischer dar: Arbeitsplatzwechsel und Qualifizierungsma\u00dfnahmen sind oft weniger Merkmale beruflichen Aufstiegs als der Prekarisierung. Schwere k\u00f6rperliche Arbeit ist zwar seltener geworden, aber keineswegs verschwunden. Moderne Dienstleistungsberufe sind zwar h\u00e4ufig nicht mehr physisch, daf\u00fcr aber psychisch belastend. Viele Besch\u00e4ftigte nicht nur in gewerblichen und handwerklichen, sondern auch in sozialen Berufen bleiben deshalb nicht l\u00e4nger jung, sondern altern fr\u00fchzeitig (8). Auch diese Widrigkeiten sind \u2013 neben dem Wunsch, den Ruhestand zu genie\u00dfen \u2013 ein wesentlicher Grund f\u00fcr die mangelnde Akzeptanz der \u201eRente mit 67\u201c (9). Erst langsam beginnt sich die gewachsene \u201eRuhestandsmentalit\u00e4t\u201c zu wandeln. Besonders schwer f\u00e4llt dieser Wandel denjenigen, die ihre Arbeit als k\u00f6rperlich oder seelisch belastend und ihren Gesundheitszustand als schlecht erleben. Solche Arbeitnehmer wird es auch k\u00fcnftig geben: Nicht jeder wird dem Ideal des fitten, flexiblen und produktiven \u201ejungen Alten\u201c entsprechen. Das optimistische Altersparadigma mag f\u00fcr Alternstheoretiker und progressive Publizisten inspirierend sein, als Leitbild f\u00fcr die Sozialpolitik taugt es nicht. Ihr Ma\u00dfstab m\u00fcssen \u201eRealmenschen\u201c sein, also auch Arbeitnehmer, die vorzeitig k\u00fcrzer treten m\u00fcssen oder erwerbsunf\u00e4hig werden. Sie haben einen Anspruch auf Solidarit\u00e4t und Hilfe. An diesem entscheidenden Punkt hat die Sozialpolitik versagt: Die Leistungsanspr\u00fcche aufgrund von Berufsunf\u00e4higkeit wurden gek\u00fcrzt, was die Akzeptanz der verl\u00e4ngerten Lebensarbeitszeit erschwert \u2013 ein Beispiel f\u00fcr politische Konzeptionslosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0(1) Siehe: Christian Schw\u00e4gerl: Eine Schicksalsfrage, aber kein Schicksal, S. 17-47, in: Bertelsmann Stiftung\/Bundespr\u00e4sidialamt (Hrsg.): Familie. Bildung. Vielfalt. Den demographischen Wandel gestalten, G\u00fctersloh 2009, S. 24-25.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Siehe ebenda, S. 41.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Ebenda, S. 25.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Statistisches Bundesamt: Bev\u00f6lkerung Deutschlands bis zum Jahr 2060 \u2013 12. Koordinierte Bev\u00f6lkerungsvorausberechnung. Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 18. November 2009, Wiesbaden 2009, S. 17. Siehe hierzu auch Abbildung unten: \u201eDie letzte Bev\u00f6lkerungsexplosion\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Heike Pfaff: Pflegebed\u00fcrftige heute und in Zukunft \u2013 STAT-magazin vom 7. November 2008, Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wiesbaden 2008, S. 3.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Neben der Alterung tr\u00e4gt auch der medizinische Fortschritt ma\u00dfgeblich zur \u201eKostenexplosion\u201c bei. Im Zeitverlauf steigen dabei die Kosten f\u00fcr die Behandlung \u00e4lterer Menschen schneller als die f\u00fcr die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Alterung und technischer Fortschritt verst\u00e4rken sich demnach noch wechselseitig als Kostentreiber. Siehe hierzu: http:\/\/www.i-daf.org\/75-0-Woche-34-2008.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Siehe: Josef Reindl: Die Abschaffung des Alters. Eine Kritik des optimistischen Alternsparadigmas, S. 161-173, in: Leviathan \u2013 Berliner Zeitschrift f\u00fcr Sozialwissenschaft, 37. Jahrgang, 1\/2009, S. 163. Mit der zitierten Aussage bezieht sich Reindl auf die Forschung \u00fcber die \u201eHumanisierung des Arbeitslebens\u201c und \u00fcber den demographischen Wandel in der Arbeitswelt. Aus naheliegenden Gr\u00fcnden ist diese optimistische Sichtweise von Arbeitgebervertretern, (Wirtschafts-)Journalisten und Politikern gerne aufgegriffen und \u00f6ffentlich propagiert worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Vgl. ebenda, S. 162. Aufschlu\u00dfreich ist diesbez\u00fcglich der Weiterbesch\u00e4ftigungssurvey des<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bundesinstituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung: Dessen Ergebnisse zeigen nach Ansicht der Forscher, da\u00df eine \u201eundifferenzierte Anhebung des Renteneintrittsalters\u201c wenig Erfolg verspreche. Denn neben Besch\u00e4ftigungsgruppen, f\u00fcr die eine verl\u00e4ngerte Lebensarbeitszeit \u201erelativ problemlos zu bew\u00e4ltigen\u201c sei, st\u00fcnden \u201eGruppen deren Arbeitsbedingungen (k\u00f6rperlich schwer, monoton, gesundheitsgef\u00e4hrdend) eine Weiterbesch\u00e4ftigung kaum erlaubten. Auch gehe die h\u00f6here Lebenserwartung zwar im Durchschnitt mit einem l\u00e4ngeren Leben in Gesundheit einher, doch nehme mit dem Alter zugleich die Heterogenit\u00e4t der gesundheitlichen Lebensverh\u00e4ltnisse zu. Die Weiterbesch\u00e4ftigung im Rentenalter werde deshalb \u201eein schwieriges und sensibel zu handhabendes Thema bleiben\u201c Siehe: J\u00fcrgen Dorbritz\/Frank Micheel: Weiterbesch\u00e4ftigung im Rentenalter \u2013 Potentiale, Einstellungen und Bedingungen, S. 2-7, in: Bev\u00f6lkerungsforschung Aktuell \u2013 Mitteilungen aus dem Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung, 18. Mai 2010, 03\/2010, S. 6. Zu den Einstellungen nach Berufsgruppen vgl.: Juliane Roloff: F\u00fcr und Wider der Weiterbesch\u00e4ftigung im Rentenalter aus individueller Sicht \u2013 ein Vergleich ausgew\u00e4hlter Berufe, S. 10-17, in: Bev\u00f6lkerungsforschung Aktuell, op. cit. S. 15-16.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Der \u201eWeiterbesch\u00e4ftigungssurvey\u201c des BIB kommt zu dem Ergebnis, da\u00df die \u201eRente mit 67\u201c in der Bev\u00f6lkerung zu einem \u201eAkzeptanzproblem\u201c f\u00fchrt: 68,2% der 2009 befragten Arbeiter, Angestellten und Beamten bewerteten das h\u00f6here Renten- bzw. Ruhestandsalter als \u201eeher schlecht bzw. sehr schlecht\u201c, 14,1% als \u201eweder gut, noch schlecht\u201c und nur 17,6% als eher oder sehr gut. J\u00fcrgen Dorbritz\/Frank Micheel: Weiterbesch\u00e4ftigung im Rentenalter, op. cit. S. 3.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>IDAF Nachricht der Wochen 21\/22 \u2013 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Produktiv altern: Utopische Altersbilder, reale Arbeitnehmer und konzeptionslose Sozialpolitiker Alt ist man nicht, alt wird man gemacht. So lautet die Quintessenz eines in der ver\u00f6ffentlichten Meinung popul\u00e4ren modernen Altersbildes. Im Focus dieses neuen Altersparadigmas stehen nicht mehr die Defizite, sondern die Potentiale des Alters. Gesellschaftliches Ideal ist die \u201eGeneration Silber\u201c: \u201eMenschen von 65 oder 75 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[16,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4727"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4727"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4727\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4730,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4727\/revisions\/4730"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}