{"id":4547,"date":"2010-04-23T11:53:30","date_gmt":"2010-04-23T09:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=4547"},"modified":"2010-04-23T11:56:36","modified_gmt":"2010-04-23T09:56:36","slug":"ehe-fruher-und-heute-ideal-und-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=4547","title":{"rendered":"Ehe fr\u00fcher und heute: Ideal und Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ehe fr\u00fcher und heute: Ideal und Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDieselben Teens und Twens, die eine Jugend lang die k\u00fchle Masche \u00fcbten&#8220; verwandelten sich bei der Hochzeit \u201ein reine Romeos und Julias&#8220; wunderte sich 1968 der SPIEGEL. In einer \u201eEpoche schock- und popfroher Jugend&#8220; dr\u00e4ngten damals mehr Paare als je \u201emit Frack und Claque, in Samt und Seide &#8211; vor Standesbeamte und Traualtare. Zahlreiche junge Paare heirateten damals schon w\u00e4hrend des Studiums und selbst minderj\u00e4hrige Brautleute waren keine Seltenheit. Seit 1950 war das durchschnittliche Heiratsalter von 28,1 auf 26 Jahre (M\u00e4nner) bzw. von 25,4 auf 23,6 Jahre (Frauen) gesunken. Schon in der Altersgruppe der 20-29-J\u00e4hrigen waren etwa zwei Drittel der Frauen und fast die H\u00e4lfte der M\u00e4nner verheiratet: \u201eJunggesellen&#8220; \u00fcber drei\u00dfig und erst recht \u00e4ltere ledige Frauen (\u201ealte Jungfern&#8220;) erweckten Argwohn oder Mitleid (1). Im R\u00fcckblick auf diese Zeit sprechen Soziologen vom \u201eGolden Age of Marriage&#8220;. Historisch betrachtet sei die damalige Selbstverst\u00e4ndlichkeit von Ehe und Familie eine der \u201eRestauration&#8220; der 1950er Jahre und dem \u201eWirtschaftswunder&#8220; geschuldete einzigartige \u201eAusnahmesituation&#8220; (2).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirtschaftswachstum und Vollbesch\u00e4ftigung erleichterten es damals jungen Paaren, fr\u00fch zu heiraten. Ihr Heiratsverhalten war aber keine \u201eAusnahme&#8220;, sondern folgte dem Beispiel vorangegangener Generationen: Nachdem im Zuge von Aufkl\u00e4rung und Industrialisierung Heiratsverbote abgeschafft worden waren, heirateten mehr als 90 Prozent der Erwachsenen. Zwar wurden w\u00e4hrend wirtschaftlicher Krisen und Kriege Heiraten h\u00e4ufig zeitlich aufgeschoben. Prosperierte sp\u00e4ter wieder die Wirtschaft, war die Heiratsneigung daf\u00fcr umso h\u00f6her und das Heiratsalter sank (3). Seit den 1970er Jahren steigt das Heiratsalter \u00fcber alle Rezessionen und Wachstumsphasen hinweg kontinuierlich an (4). Gleichzeitig ist der Anteil der lebenslang Ledigen sprunghaft gestiegen: W\u00e4hrend noch in den 1960er Jahren nur f\u00fcnf Prozent der Erwachsenen nie heirateten, bleiben heute in der j\u00fcngeren Generation fast 40 Prozent der M\u00e4nner und mehr als ein Drittel der Frauen dauerhaft ledig (5). Als Folge sowohl des Aufschubs der Heirat wie des Verzichts auf die Ehe sind mittlerweile fast 40 Prozent der Frauen und sogar mehr als die H\u00e4lfte der M\u00e4nner zwischen 30 und 39 Jahren unverheiratet. Zwischen 1900 und 1970 war weniger als ein F\u00fcnftel der M\u00e4nner und Frauen in diesem \u201eklassischen Familienalter&#8220; ledig &#8211; die postmoderne Ehem\u00fcdigkeit ist tats\u00e4chlich einzigartig (6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das von jungen Paaren erstrebte Ehegl\u00fcck blieb auch in der vermeintlich \u201eidyllischen&#8220; Nachkriegs\u00e4ra stets fragil: Als besonders scheidungsgef\u00e4hrdet galten die damals noch h\u00e4ufigen \u201eFr\u00fchehen&#8220; von Frauen unter 20 Jahren. Trotz des Verschwindens dieser Fr\u00fchehen ist die Scheidungsh\u00e4ufigkeit sprunghaft gestiegen (7). Die Geschiedenen wiederum sind &#8211; als Folge der sp\u00e4teren Heirat &#8211; auch immer \u00e4lter. Auch deshalb ist die Neigung, nach einer Scheidung wieder zu heiraten, seit den 1970er Jahren stark gesunken. W\u00e4hrend fr\u00fcher Geschiedene wie Verwitwete meist rasch wieder heirateten, signalisieren Scheidungen heute oft eine endg\u00fcltige Abkehr von der Institution Ehe (8).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An die Stelle der lebenslangen Ehe treten heute \u201eKaskadenbiographien&#8220; von Lebensabschnittspartnerschaften und zunehmenden Single-Phasen (9). Paarbeziehungen neigen deshalb heute dazu, \u201esich so zu organisieren, dass Trennungsprobleme minimiert werden: eigene Wohnung, getrennte Kassen, keine Ehe, keine Kinder&#8220; (10). Vordenker des Individualismus propagierten solche Beziehungsformen schon vor Jahrzehnten als \u201eoptimalen Kompromiss zwischen Selbstverwirklichung und N\u00e4he&#8220;. Mit diesem Idealbild kontrastiert die graue Wirklichkeit: Nur selten sind beide Partner von Modellen des \u201eLiving Apart Together&#8220; \u00fcberzeugt. Sehr viel h\u00e4ufiger als Ehen zerbrechen diese Partnerschaften daher innerhalb weniger Jahre oder gar Monate (11). Dies obwohl sich fast alle Paare etwas anderes w\u00fcnschen: \u201eSie verlieben sich nicht auf Zeit, nicht vorl\u00e4ufig und nicht probehalber, sondern w\u00fcnschen eine feste Partnerbeziehung auf Dauer&#8220; (12). Diese Kluft zwischen dem Ideal der \u201eF\u00fcr-immer-Beziehung&#8220; und dem Trend zur \u201eseriellen Monogamie&#8220; ist ein bisher viel zu wenig beachtetes postmodernes Paradox. Und dass in diesem Paradoxon das Gl\u00fcck nicht zuhause ist, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p><em>Die folgenden Graphiken k\u00f6nnen durch Anklicken vergr\u00f6\u00dfert werden:<br \/>\n<\/em><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFledig-bleiben.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-4549\" title=\"IDAF,ledig bleiben\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFledig-bleiben.jpg\" alt=\"IDAF,ledig bleiben\" width=\"539\" height=\"409\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFledig-bleiben.jpg 632w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFledig-bleiben-300x227.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 539px) 100vw, 539px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFSerielle-Monogamie.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-4550\" title=\"IDAF,Serielle Monogamie\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFSerielle-Monogamie.jpg\" alt=\"IDAF,Serielle Monogamie\" width=\"539\" height=\"410\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFSerielle-Monogamie.jpg 630w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/IDAFSerielle-Monogamie-300x228.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 539px) 100vw, 539px\" \/><\/a><\/p>\n<p>(1) Siehe: N. N.: Ein Rest aus dem Paradies &#8211; SPIEGEL- Report \u00fcber Heiraten in Deutschland, in: DER SPIEGEL vom Nr. 37 (9. September) 1968, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-46477754.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-46477754.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Beispielhaft f\u00fcr eine solche Sichtweise: R\u00fcdiger Peuckert: Familienformen im sozialen Wandel, 7. Auflage, Wiesbaden 2008, S. 16.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) \u201eDas Faktum des zweiten Jahrhundertdrittels, dass es am unteren Rand der Gesellschaft eine soziale, schicksalhafte, nicht individuell zu erkl\u00e4rende \u201eFamilienlosigkeit&#8220; gab, verschwindet, zuerst mit dem Wegfall der rechtlichen und \u00f6konomischen Heiratsschranken. Die Familienlosigkeit im Pauperismus wird von einem Siegeszug der Familie abgel\u00f6st.&#8220;  Siehe: Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1914, Band I Arbeitswelt und B\u00fcrgergeist, Broschierte Sonderausgabe, M\u00fcnchen 1998, S. 66.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Im Jahr 2008 waren Frauen bei ihrer ersten Heirat im Durchschnitt 30 und M\u00e4nner sogar 33 Jahre alt; 1975 hatte das Erstheiratsalter mit 22,7 Jahren bei den Frauen und 25,3 Jahren bei den M\u00e4nnern einen historischen Tiefststand erreicht. Vgl.: Statistisches Bundesamt: Eheschlie\u00dfungen und Ehescheidungen, Eheschlie\u00dfungen, Ehescheidungen und durchschnittliches Heiratsalter Lediger; Tabelle abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/\">www.destatis.de<\/a>; Statistisches Bundesamt 2007: Durchschnittliches Heiratsalte nach dem bisherigen Familienstand  der Ehepartner. Siehe hierzu auch: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/139-0-Woche-13-2009.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/139-0-Woche-13-2009.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Vgl.: J\u00fcrgen Dorbritz Heiratsverhalten Lediger, Geschiedener und Verwitweter in Deutschland 2007 &#8211; Ergebnisse der Berechnung von Heiratstafeln, S. 2-6, in: Bev\u00f6lkerungsforschung aktuell 03\/2009, S. 2.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Siehe hierzu Abbildung oben: \u201eLedig bleiben &#8211; postmoderne Lebensformenrevolution&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Vgl.: Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung: Die demographische Lage in Deutschland 2008 (bearbeitet von Evelyn Gr\u00fcnheid) Wiesbaden 2009, S. 6, abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www.bib-demographie.de\/\">http:\/\/www.bib-demographie.de<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Vgl.: J\u00fcrgen Dorbritz: Die Berechnung zusammengefasster Wiederverheiratungsziffern Geschiedener &#8211; Probleme, Berechnungsverfahren und Ergebnisse, S. 253-262, in: Zeitschrift f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaft Heft 3\/1998, S. 260-261.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Der Sexualwissenschaftler Kurt Starke kommt auf der Basis von Befragungen in Hamburg und Leipzig zu dem Ergebnis, dass es seit den 1970er Jahren einen \u201emassiven Umbruch im Beziehungsverhalten junger Gro\u00dfst\u00e4dter&#8220; gab. Im Zuge dieses Umbruchs habe der Anteil von \u201eKontinuit\u00e4tsbiographien&#8220; ab und der \u201eanderen Biographien, z. B. den Kettenbiographien&#8220; zugenommen. Dabei sei der Ausdruck Kettenbiographie \u201eeigentlich irref\u00fchrend, denn die Beziehungen sind ja nicht wie die Glieder einer Kette miteinander verbunden, und zudem liegen meist Single-Phasen dazwischen?. Kurt Starke: Partnerschaftsbiographien &#8211; (k)ein Platz f\u00fcr Kinder &#8211; Ein Vergleich zwischen Hamburg und Leipzig, S. 106-123, in: Bundeszentrale f\u00fcr gesundheitliche Aufkl\u00e4rung (Hrsg.): m\u00e4nner leben &#8211; Familienplanung und Lebensl\u00e4ufe von M\u00e4nnern &#8211; Kontinuit\u00e4ten und Wandel, K\u00f6ln 2005, S. 111-113. Es w\u00e4re deshalb besser von \u201eKaskadenbiographien&#8220; zu sprechen. Siehe: Im Zuge dieses Umbruchs scheinen auch echte \u201eSingle-Biographien&#8220; h\u00e4ufiger geworden zu sein. So hat nach Erkenntnissen aus dem Familiensurvey der Anteil  der Frauen zugenommen, die bis zum 30. Lebensjahr noch keine mindestens einj\u00e4hrige Partnerschaft ohne jede Partnerschaftserfahrungen. Siehe hierzu Abbildung oben: \u201eSerielle Monogamie&#8220; oder &#8222;Singularisierung&#8220;?.<\/p>\n<p>(10) Siehe: Kurt Starke: Partnerschaftsbiographien &#8211; (k)ein Platz f\u00fcr Kinder &#8211; op. cit, S. 123.<\/p>\n<p>(11) Vgl.: Dorothea Siems: Heiraten &#8211; Ja, bitte! Oder &#8211; In: WELT am SONNTAG Nr. 14 (14. April) 2010, S. 4, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article7048816\/Die-Deutschen-verlieren-die-Lust-am-Heiraten.html\">http:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article7048816\/Die-Deutschen-verlieren-die-Lust-am-Heiraten.html<\/a>.<\/p>\n<p>(12) Siehe: Kurt Starke: Partnerschaftsbiographien &#8211; (k)ein Platz f\u00fcr Kinder- op. cit, S. 116.<\/p>\n<p><em>IDAF, Nachricht der Wochen 15-16 \/ 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ehe fr\u00fcher und heute: Ideal und Wirklichkeit \u201eDieselben Teens und Twens, die eine Jugend lang die k\u00fchle Masche \u00fcbten&#8220; verwandelten sich bei der Hochzeit \u201ein reine Romeos und Julias&#8220; wunderte sich 1968 der SPIEGEL. 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