{"id":3925,"date":"2009-12-27T21:14:47","date_gmt":"2009-12-27T19:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=3925"},"modified":"2009-12-27T21:14:47","modified_gmt":"2009-12-27T19:14:47","slug":"idaf-nachricht-zur-demographischen-entwicklung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=3925","title":{"rendered":"IDAF-Nachricht zur demographischen Entwicklung"},"content":{"rendered":"<p>IDAF-Nachricht der Woche 47\/2009 \u00a0zur demographischen Entwicklung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder dritte Deutsche wird im Jahr 2060 \u00e4lter als 65 Jahre, jeder siebte sogar \u00e4lter als 80 Jahre sein. Gleichzeitig schrumpft bis zum Jahr 2060 die Bev\u00f6lkerung im Erwerbsalter um fast ein Drittel (1). Wer angesichts solcher Zahlen Verluste an sozialer Dynamik und wirtschaftlicher Leistungskraft bef\u00fcrchtet und vor harten Verteilungskonflikten warnt, dem wird mitunter immer noch vorgeworfen \u201eKatastrophismus\u201c und \u201eSchreckensszenarien\u201c zu verbreiten (2).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Dass f\u00fcr schlechte Nachrichten gerne der Bote verantwortlich gemacht wird, mu\u00dften Bev\u00f6lkerungswissenschaftler bereits in den 70er Jahren erfahren. Um \u00fcber die Ursachen und Folgen des Geburtenr\u00fcckgangs seit den 60er Jahren informiert zu werden, hatte der Bundesinnenminister eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern und Verwaltungsfachleuten einberufen, die ihre Erkenntnisse 1978 in einem Positionspapier f\u00fcr die Bundesregierung darstellte. Im Kabinett von Bundeskanzler Schmidt stie\u00dfen sie auf Ablehnung: Die f\u00fcr den Geburtenr\u00fcckgang angef\u00fchrten Gr\u00fcnde (Verst\u00e4dterung, steigende Frauenerwerbst\u00e4tigkeit, sinkende Heiratsneigung etc.) seien zu \u201eplakativ und konservativ\u201c. Das Kanzleramt bef\u00fcrchtete, dass die CDU\/CSU-Opposition hier ein Thema entdeckt haben k\u00f6nnte, dass \u201eder Diskreditierung der Bundesregierung und der sozial-liberalen Koalition \u2013 ja der gesamten sozialliberalen Epoche dienen soll\u201c (3).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich sah die CDU\/CSU-Opposition in den 1970er Jahren im Geburtenr\u00fcckgang einen \u201eAnlass zu gr\u00f6\u00dfter Besorgnis\u201c (4). Ein von den unionsregierten Bundesl\u00e4ndern unter Federf\u00fchrung Bayerns erarbeiteter Bericht benannte u. a. steigende Lasten f\u00fcr den Unterhalt von Infrastruktur in d\u00fcnn besiedelten R\u00e4umen und f\u00fcr die sozialen Sicherungssysteme als Folgeprobleme des demographischen Wandels (5). Das Kanzleramt sch\u00e4tzte dagegen den demographischen Wandel \u201eeher positiv als negativ\u201c ein. So w\u00fcrde der Geburtenr\u00fcckgang Verkehrs- und Umweltprobleme entsch\u00e4rfen, die Nachfrage nach \u00f6ffentlichen Leistungen f\u00fcr Kindererziehung (Kindergeld, Kinderg\u00e4rten, etc.) verringern und damit das Gemeinwesen entlasten. Mit den eingesparten Mitteln k\u00f6nnte daf\u00fcr die Qualit\u00e4t \u00f6ffentlicher Dienstleistungen im Bildungs- und Gesundheitswesen (weniger Sch\u00fcler pro Lehrer, mehr Gesundheitsvorsorge etc.) verbessert werden (6). Nach dieser \u2013 von einigen bis heute noch vertretenen \u2013 Sichtweise bietet der Verzicht auf (mehr) Kinder bessere Chancen auf Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Widerspruch zu dieser idyllischen Sicht auf den demographischen Wandel stellten Sozial\u00f6konomen bereits in den 70er Jahren dar, dass Kinder \u201enicht nur Konsumenten, sondern zugleich potentielle Produzenten und damit Garanten k\u00fcnftiger Wirtschaftskraft\u201c sind. Die Kosten f\u00fcr die Erziehung von Kindern sind deshalb kein beliebiger Konsum, sondern Investitionen auch im Interesse der \u00e4lteren, nicht mehr erwerbst\u00e4tigen Generation. Dass das Verh\u00e4ltnis zwischen der erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung und der zu versorgenden j\u00fcngeren und \u00e4lteren Generation bei einer Geburtenrate um 2 Kinder pro Frau optimal ist, war bereits in den 70er Jahren bekannt (7). Damit war auch absehbar, dass das niedrige Geburtenniveau die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Doch solche Erkenntnisse wurden \u00fcbergangen und \u00f6ffentliche Diskussionen \u00fcber die Bev\u00f6lkerungsentwicklung bis in die 90er Jahre sogar bek\u00e4mpft. Erst nach der Jahrtausendwende ist das Thema \u201eDemographie\u201c in Medien und Politik angekommen (8). Noch immer wird dabei gerne bagatellisiert, oft ist von den \u201eChancen\u201c des Alterns die Rede. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Nachwuchsschwund und Alterung f\u00fcr die Solidarit\u00e4t zwischen Jungen und Alten, Armen und Reichen, Alteingesessenen und Zuwanderern, schrumpfenden und (vorl\u00e4ufig noch) wachsenden Regionen eine historisch unvergleichliche Belastungsprobe bedeuten (9).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Statistisches Bundesamt: Im Jahr 2060 wird jeder Siebente 80 Jahre oder \u00e4lter sein, Pressemitteilung Nr.435 vom 18.11.2009.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) In diesem Sinne moniert die Bertelsmann Stiftung, dass \u201eder demographische Wandel und seine Folgen h\u00e4ufig mit einseitigen Horrormeldungen durch die Presse gegangen\u201c seien. [\u2026] Diese Schockstrategie sollte die Menschen dazu bewegen, sich \u00fcber die Auswirkungen der an sich positiven Entwicklungen wie eine gesteigerte Lebenserwartung Gedanken zu machen. Aber solche Schreckensszenarien sind daf\u00fcr kaum geeignet\u201c (Hervorhebung vom Verfasser). Siehe: Gunter Thielen: Vorwort der Bertelsmann Stiftung, S. 11-13, in: Bertelsmann Stiftung\/Bundespr\u00e4sidialamt (Hrsg.): Familie. Bildung. Vielfalt. Den demographischen Wandel gestalten, G\u00fctersloh 2009, S. 11.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Dies behauptete Albrecht M\u00fcller, der damalige Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt. Zitiert nach: Charlotte H\u00f6hn: Bev\u00f6lkerungsforschung und demographischer Wandel \u2013 zur politischen W\u00fcrdigung der Demographie seit den 1970er Jahren, S. 73-98, in: Festschrift f\u00fcr Prof. em. Dr. Rainer Mackensen \u2013 Zeitschrift f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaft 1-2\/2007, Wiesbaden 2007, S. 80. Zum Umgang mit dem Positionspapier des so genannten \u201eBad Sodener Kreises\u201c im Kabinett Schmidt vgl. ebenda, S. 77-78.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Vgl. ebenda, S. 78.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Diesen Problemen und der Frage nach der politischen Beeinflussbarkeit der Geburtenentwicklung widmeten sich vom damaligen CDU-Generalsekret\u00e4r Heiner Geisler und seinem Mitarbeiter Warnfried Dettling organisierte Expertentagungen. In seinem einf\u00fchrenden Beitrag zum Tagungsband nannte Dettling die Bev\u00f6lkerungsentwicklung eines der \u201eSchl\u00fcsselprobleme\u201c moderner Demokratien: \u201eWenn wir hier scheitern, werden Staat und Gesellschaft auch in anderen Bereichen weiter in die Krise treiben, nicht (nur) wegen einer dramatischen Bev\u00f6lkerungsentwicklung, sondern wegen der Unf\u00e4higkeit von Politikern und Parteien, Parlamenten und Regierungen, auf die Herausforderungen der Zukunft aktiv- konstruktiv zu reagieren.\u201c Siehe: Warnfried Dettling: Schrumpfende Bev\u00f6lkerung \u2013 wachsende Probleme? Zu diesem Band, S. 9-36, in: Warnfried Dettling (Hrsg.): Schrumpfende Bev\u00f6lkerung \u2013 Wachsende Probleme? M\u00fcnchen 1978, S. 36.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Albrecht M\u00fcller w\u00f6rtlich: \u201eGerne vergessen werden auch eine Reihe weiterer positiver Konsequenzen niedriger Bev\u00f6lkerungsziffern: Die Energie- und Wasserversorgung wird erleichtert, selbst Verkehrsprobleme werden tendenziell entsch\u00e4rft, f\u00fcr eine wachsende Freizeit bleibt mehr Raum, die Umweltbelastung wird weniger dr\u00fcckend, die Sch\u00fcler-Lehrer-Relation kann gesenkt werden, usw.\u201c Zu dem bef\u00fcrchteten Mangel an Arbeitskr\u00e4ften nach 2010 meinte M\u00fcller: \u201eEs erscheint paradox, wenn einerseits \u00fcber die so genannten Freisetzungseffekte der zunehmenden Rationalisierung geklagt wird und andererseits in bev\u00f6lkerungspolitischen Diskussionen nach zuk\u00fcnftigen Arbeitskr\u00e4ften gerufen wird.\u201c Siehe ebenda, S. 81. Zu den vermeintlichen Entlastungen der \u00f6ffentlichen Haushalte durch den Geburtenr\u00fcckgang: Vgl.: Baldur Wagner: Vom Generationenvertrag zum Generationenkonflikt? S. 116-123, in: Warnfried Dettling (Hrsg.): Schrumpfende Bev\u00f6lkerung, op. cit. S. 118.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Hilde Wander: Die Folgen des Geburtenr\u00fcckgangs f\u00fcr Wirtschaft und Besch\u00e4ftigungssystem, S. 97-106, in: Warnfried Dettling (Hrsg.): Schrumpfende Bev\u00f6lkerung, op. cit. S. 101-103.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Siehe hierzu: Charlotte H\u00f6hn Bev\u00f6lkerungsforschung und demographischer Wandel, op. cit. S. 84 u. S. 89.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Vgl.: Herwig Birg: Demographische Konflikte \u2013 Grundkurs Demographie: Achte Lektion, aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. M\u00e4rz 2005, S. 39. Zu den steigenden Versorgungslasten f\u00fcr die erwerbst\u00e4tige Generation: Siehe Abbildung unten \u201eAlterung: Solidarit\u00e4t auf dem Pr\u00fcfstand\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: newsletter des Instituts f\u00fcr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. 49\/2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>IDAF-Nachricht der Woche 47\/2009 \u00a0zur demographischen Entwicklung Jeder dritte Deutsche wird im Jahr 2060 \u00e4lter als 65 Jahre, jeder siebte sogar \u00e4lter als 80 Jahre sein. Gleichzeitig schrumpft bis zum Jahr 2060 die Bev\u00f6lkerung im Erwerbsalter um fast ein Drittel (1). 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