{"id":316,"date":"2009-06-24T16:11:15","date_gmt":"2009-06-24T14:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=316"},"modified":"2009-09-01T14:42:56","modified_gmt":"2009-09-01T12:42:56","slug":"wie-tolerant-mus-ein-christ-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=316","title":{"rendered":"Wie tolerant mu\u00df ein Christ sein?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie tolerant mu\u00df ein Christ sein? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Begriffe, auf die man nach Art des Kniesehnenreflexes unwillk\u00fcrlich positiv reagiert. Der Begriff \u201eToleranz\u201c geh\u00f6rt dazu. Toleranz geh\u00f6rt heute zu den selbstverst\u00e4ndlichen verfassungsrechtlich garantierten Grundlagen eines demokratisch freiheitlichen Rechtsstaates. Toleranz wird von vielen gefordert, aber von wenigen \u00fcberzeugend gelebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, da\u00df sie immer nur dann besonders lautstark eingefordert wird, wenn die eigenen \u00dcberzeugungen angegriffen werden. Auch in unseren Tagen wird immer wieder Toleranz gefordert &#8211; sei es gegen\u00fcber bestimmten Randgruppen, sei es gegen\u00fcber anderen Lebensformen, sei es gegen\u00fcber Vertretern anderer Religionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie stehen wir zu dieser Forderung? Gerade im Blick auf das reformatorische Erbe unserer evangelischen Kirche ist daran zu erinnern, da\u00df die Reformation unl\u00f6slich mit der Forderung nach Toleranz verbunden ist. Luther hat die gebotene Toleranz mit dem einfachen Satz beschrieben, da\u00df Glaube nicht erzwungen werden k\u00f6nne. Das war in der damaligen Zeit eine geradezu revolution\u00e4re Forderung von ungeheurer Tragweite. Er selbst nahm diese Freiheit f\u00fcr sich in Anspruch. Im April 1521 hielt er auf dem Reichstag in Worms seine ber\u00fchmte Rede, in der er begr\u00fcndete, warum es nicht gut sei, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Toleranz im reformatorischen Sinn ruht auf zwei Pfeilern: einmal auf der Respektierung des Gewissens und zum andern auf der N\u00e4chstenliebe, die ein Ja zum anderen hat. weil er ein Gesch\u00f6pf Gottes ist. Glaube darf also nicht erzwungen werden. Daraus folgt zwangsl\u00e4ufig, da\u00df es ertragen werden mu\u00df, wenn andere anders denken und glauben. Die Voraussetzung f\u00fcr solches Ertragen ist die Kenntnis der anderen Meinung und die Gewi\u00dfheit der eigenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christliche Toleranz &#8211; daran haben die Reformatoren erinnert, auch wenn sie es selbst nicht immer vorbildlich durchgehalten haben &#8211; sucht die Begegnung mit dem anderen auch dort, wo sich das Ja zur Person mit einem Nein zu ihren \u00dcberzeugungen verbindet. Diese kraftvolle Toleranz erlitt im Zuge der geschichtlichen Entwicklung eine folgenschwere Abwandlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das geschah durch die ansonsten in vieler Hinsicht so dankenswerte Epoche der Aufkl\u00e4rung im 18 Jahrhundert. Der Pfarrerssohn Gotthold Ephraim Lessing war es, der in seinem Schauspiel &#8222;Nathan der Weise&#8220; in der ber\u00fchmten Ringparabel die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam mit drei Ringen vergleicht. Zun\u00e4chst gab es nur einen einzigen Ring, der die wundersame Eigenschaft hatte, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Dieser Ring wurde von seinem Besitzer immer auf den jeweils liebsten und w\u00fcrdigsten Sohn vererbt. Nun kam der Ring an einen Vater, der drei S\u00f6hne hatte, die er alle drei gleich liebhatte. So lie\u00df er zwei Kopien anfertigen, die dem echten Ring so \u00e4hnlich waren, da\u00df er selbst den echten von den beiden anderen nicht unterscheiden konnte. Als der Vater stirbt, kommt es zum Streit zwischen den drei Br\u00fcdern. Ein Richter soll entscheiden &#8211; und der sagt: \u201eIch h\u00f6re ja, der rechte Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm. Das mu\u00df entscheiden! Also wird man ja sehen, von welchem Tr\u00e4ger des Ringes dies gesagt werden kann.\u201c Mit anderen Worten: Nichts Genaues wei\u00df man nicht: \u201eSo glaube jeder sicher seinen Ring \/ Den echten, &#8211; M\u00f6glich, da\u00df der Vater nun \/ Die Tyrannei des einen Ringes nicht l\u00e4nger \/ In seinem Hause dulden wollen! &#8211; Und gewi\u00df, \/ Da\u00df er euch alle drei geliebt, und gleich \/ Geliebt, indem er zwei nicht dr\u00fccken m\u00f6gen, \/ Um einen zu beg\u00fcnstigen &#8230;\u201c (Nathan, der Weise. Dritter Aufzug, siebenter Auftritt) Nach Lessing ist der Wert der Religion nicht am Inhalt der Offenbarung zu messen, sondern an dem. was der Gl\u00e4ubige daraus macht. Auf diese Weise wird ausgerechnet durch die Aufkl\u00e4rung die von der Reformation bek\u00e4mpfte Werkgerechtigkeit wieder auf den Leuchter gestellt: \u201eEs eifre jeder seiner unbestochnen,\/ Von Vorurteilen freien Liebe nach!\/ Es strebe von euch jeder um die Wette, \/ Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag \/ Zu legen! &#8230;\u201c Die ber\u00fchmte Ringparabel: In Lessings Schauspiel &#8222;Nathan, der Weise&#8220; werden drei Religionen mit drei Ringen verglichen, Drei S\u00f6hne betrachten ihre Ringe (von denen nur einer eine wundersame Eigenschaft hatte &#8211; die beiden anderen waren Duplikate). Die S\u00f6hne wu\u00dften nicht, welcher Ring der echte ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Lessing gibt es keine allein seligmachende Religion. Entscheidend f\u00fcr ihn ist, was der Einzelne in seiner Religion bewirkt. (Das Bild wurde gemalt von Moritz Daniel Oppenheim, 1845.) Lessing lehnte es ab, die Inhalte der Religionen wertend zu vergleichen. F\u00fcr ihn sind &#8211; nach der Ringparabel zu urteilen &#8211; alle drei Religionen gleich g\u00fcltig. Wenn aber erst einmal alles als gleich g\u00fcltig bezeichnet wird, ist der Weg dahin nicht mehr weit, da\u00df alles, was mit Religion zusammenh\u00e4ngt, gleichg\u00fcltig wird. Dieser Schlu\u00df entsprach zwar nicht der Absicht von Lessing, aber in der weiteren Wirkungsgeschichte der Ringparabel war das die Folge seiner Argumentation. Das ist weithin unsere Lage heute, da\u00df man aus vermeintlicher Toleranz wesentliche Unterschiede zwischen den Religionen verschweigt oder verharmlost, gemeinsame Gottesdienste feiert und behauptet, letztlich w\u00fcrden wir doch alle an denselben Gott glauben und zu demselben Gott beten. In diesem Sinne finden immer h\u00e4ufiger gemeinsame Gottesdienste und Andachten mit Angeh\u00f6rigen verschiedener Religionen statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus aber sagt: \u201eIch und der Vater sind eins\u201c (Johannes 10,30); &#8222;Wer mich sieht, sieht den Vater!\u201c (Johannes 14,9); \u201eNiemand kommt zum Vater denn durch mich\u201c (Johannes 14,6). Genau dieser Anspruch wird von den Religionen abgelehnt. Warum kommt dennoch gerade aus christlichen Kreisen die Initiative zu solchen gemeinsamen Gottesdiensten? Dahinter steht fast immer ein durchaus sympathisches Motiv: Man m\u00f6chte bestimmten Menschen und Gruppen nur Freundliches sagen und geben. Das gilt vor allem im Blick auf Menschen, die in der Vergangenheit wegen ihrer Religionszugeh\u00f6rigkeit abgelehnt oder gar verachtet wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem gleichen Motiv heraus setzten sich kirchenleitende Pers\u00f6nlichkeiten aus der evangelischen Kirche in den vergangenen Jahren engagiert f\u00fcr die Forderungen der Homosexuellen ein, weil auch sie oft genug &#8211; auch aus der Kirche heraus \u2013 diskriminiert worden sind. Es gab kaum eine Synode, ob auf der Ebene des Kirchenkreises, der Landeskirche oder der EKD, in der dieses Thema nicht ausf\u00fchrlich behandelt wurde, teilweise mit einer Leidenschaft, als hinge von dieser Kl\u00e4rung die Zukunft der Volkskirche ab. Es ist richtig und notwendig, da\u00df die Kirche auch Menschen offen und freundlich begegnet, die einen besonderen Lebensstil praktizieren. Aber mu\u00df dazu die biblische Wahrheit verk\u00fcrzt bzw. uminterpretiert werden? Toleranz besteht ja gerade darin, da\u00df die Wahrheit dem Andersdenkenden in Liebe bezeugt wird, da\u00df ich den andern in seinem Anderssein ertrage und erdulde und umgekehrt erwarten darf, da\u00df auch der andere meine \u00dcberzeugungen respektiert. Genau diese Bedeutung steckt in dem lateinischen Wort \u201etolerare\u201c. Ich mu\u00df nicht die Meinung eines anderen teilen, um meine Toleranz unter Beweis zu stellen. Im Gegenteil: \u201eZum Tolerantsein geh\u00f6rt begriffsnotwendig eine Art von Mi\u00dfbilligung dessen, was einer tut oder denkt.\u201c So der Politologe Kurt Sontheimer. Niemand wird also im Ernst erwarten k\u00f6nnen, da\u00df Christen mit ihrem Ja zur Toleranz damit automatisch auch Antichristliches und Unbiblisches &#8211; wie das Gedankengut des Koran oder wie in ganz anderer Weise praktizierte Homosexualit\u00e4t &#8211; positiv bewerten m\u00fc\u00dften. Genau dieser Trugschlu\u00df liegt aber bei vielen Entscheidungstr\u00e4gern innerhalb der Kirche vor. Das f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig dazu, da\u00df bestimmte Aussagen der Bibel uminterpretiert oder als \u201ezeitbedingt\u201c entsch\u00e4rft werden. Die Botschaft der Bibel m\u00fcsse den jeweiligen Bed\u00fcrfnissen der Menschen angepa\u00dft werden. Andersherum wird aber ein Schuh draus, in dem man gehen und stehen kann: Der Mensch t\u00e4te gut daran, sich den Geboten und Verhei\u00dfungen der Bibel anzupassen und sie allein zum g\u00fcltigen Ma\u00dfstab zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus sagt nicht: \u201eSelig sind, die das Wort Gottes so lange uminterpretieren, bis am Ende das Gegenteil herauskommt\u201c, sondern: \u201eSelig sind, die das Wort Gottes h\u00f6ren und bewahren\u201c (Lukas 11,28). Jeder, der mit Ernst Christ sein will, mu\u00df es hinnehmen, da\u00df es Aussagen der Heiligen Schrift gibt, die ihm zu schaffen machen. Vielleicht werden wir aber nirgendwo st\u00e4rker gesegnet als dort, wo wir uns dem\u00fctig unter die Aussagen stellen, die uns querliegen. Irgendwann werden gerade diese S\u00e4tze so zu uns sprechen, da\u00df wir daf\u00fcr noch dankbar sein werden! Es ist doch auch sonst im Leben so, da\u00df wir oftmals erst sp\u00e4ter erkannt haben, da\u00df es gut war, wenn uns in der Erziehung, in der Schule, in der Ausbildung, in der Familie, aber auch in der Verk\u00fcndigung der biblischen Botschaft nicht immer nach dem Munde geredet wurde. Wir mu\u00dften auch Kritik und Korrekturen hinnehmen und sind vielleicht gerade daran gewachsen. Nicht nur f\u00fcr Christen, aber f\u00fcr sie besonders gilt: Nur das tr\u00e4gt im Leben, was auf Liebe und Wahrheit gr\u00fcndet. Beides geh\u00f6rt zur echten Toleranz! Nur Liebe &#8211; das kann dazu f\u00fchren, da\u00df alles Problematische ausgeblendet wird und der andere auf seinem Weg best\u00e4rkt wird, also auch auf einem Weg, den ich als falsch ansehe. Nur Wahrheit &#8211; das kann dazu f\u00fchren, da\u00df der andere dies als kalte Rechthaberei versteht und sich innerlich dagegen verschlie\u00dft. Denn &#8211; so hat es der Maler Heinrich Zille treffend gesagt &#8211; \u201eman kann mit der Wahrheit jemanden erschlagen wie mit einem Ziegelstein\u201c. Aber in Liebe die Wahrheit sagen und eventuell ertragen m\u00fcssen, da\u00df das eine oder andere oder beides zur\u00fcckgewiesen wird und wir dennoch diesen andersdenkenden Menschen, der uns nicht gleichg\u00fcltig sein darf, im Gebet vor Gott bringen &#8211; das ist die wahre christliche Toleranz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jens Motschmann<br \/>\n<\/em><em>Juni 2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie tolerant mu\u00df ein Christ sein? 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