{"id":2448,"date":"2007-12-15T11:36:04","date_gmt":"2007-12-15T09:36:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2448"},"modified":"2009-09-05T21:57:22","modified_gmt":"2009-09-05T19:57:22","slug":"der-lobgesang-der-maria-magnificat-1520-%e2%80%93-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2448","title":{"rendered":"Der Lobgesang der Maria (Magnificat) 1520 \u2013 Teil I"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Lobgesang der Maria (Magnificat) 1520 \u2013 Teil I<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>1. Meine Seele erhebt Gott, den Herrn,<br \/>\n<\/em><em>2. und mein Geist freuet sich in Gott, meinem Heiland.<br \/>\n<\/em><em>3. Denn er hat mich, seine geringe Magd, angesehen, darum werden mich selig preisen Kindeskinder ewiglich.<br \/>\n<\/em><em>4. Denn er, der alle Dinge tut, hat gro\u00dfe Dinge an mir getan, und heilig ist sein Name.<br \/>\n<\/em><em>5. Und seine Barmherzigkeit reicht von einem Geschlecht zum andern bei allen, die sich vor ihm f\u00fcrchten.<br \/>\n<\/em><em>6. Er wirkt gewaltig mit seinem Arm und zerst\u00f6rt alle, die hoff\u00e4rtig sind in ihres Herzens Sinn.<br \/>\n<\/em><em>7. Er setzt ab die gro\u00dfen Herren von ihrer Herrschaft, und erh\u00f6ht, die da niedrig und nichts sind.<br \/>\n<\/em><em>8. Er macht satt die Hungrigen mit allerlei G\u00fctern, und die Reichen l\u00e4\u00dft er leer bleiben.<br \/>\n<\/em><em>9. Er nimmt sein Volk Israel auf, das ihm dient, nachdem er gedacht an seine Barmherzigkeit,<br \/>\n<\/em><em>10. wie er denn versprochen hat unsern V\u00e4tern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.<!--more--><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um diesen heiligen Lobgesang seiner Ordnung nach zu verstehen, ist zu beachten, da\u00df die hochgelobte Jungfrau Maria aus der eigenen Erfahrung heraus redet, in welcher sie durch den Heiligen Geist erleuchtet und gelehrt worden ist. Denn es kann niemand Gott oder Gottes Wort recht verstehen, er habe es denn unmittelbar von dem Heiligen Geist; niemand kann&#8217;s aber von dem Heiligen Geist haben, wenn er es nicht erf\u00e4hrt, versucht und empfindet. In dieser Erfahrung lehrt der Heilige Geist als in seiner eigenen Schule; au\u00dferhalb dieser wird nichts gelehrt als nur auf Schein bedachtes Wort und Geschw\u00e4tz. So ist es bei der heiligen Jungfrau. Nachdem sie an sich selbst erfahren hat, da\u00df Gott in ihr so gro\u00dfe Dinge wirkt, obwohl sie doch gering, unansehnlich, arm und verachtet gewesen war, lehrt sie der Heilige Geist diese reiche Kenntnis und Weisheit: da\u00df Gott ein solcher Herr sei, der nichts anderes zu schaffen habe, als nur zu erh\u00f6hen, was niedrig ist, zu erniedrigen, was da hoch ist, und kurz, zu zerbrechen, was da gemacht ist, und zu machen, was zerbrochen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn wie Gott am Anfang aller Kreaturen die Welt aus nichts erschuf (wovon er &#8222;Sch\u00f6pfer&#8220; und &#8222;allm\u00e4chtig&#8220; hei\u00dft), so bleibt er unver\u00e4ndert in dieser Art des Wirkens: noch alle seine Werke bis ans Ende der Welt sind so beschaffen, da\u00df er aus dem, das nichts, gering, verachtet, elend, tot ist, etwas macht, etwas Kostbares, Ehrenvolles, Seliges und Lebendiges; andererseits macht er alles, was etwas, was kostbar, ehrenvoll, selig, lebendig ist, zunichte, gering, verachtet, elend und sterbend. Auf diese Weise kann keine Kreatur wirken; sie vermag nicht aus nichts etwas zu machen. Daher kommt&#8217;s, da\u00df Gottes Augen nur in die Tiefe, nicht in die H\u00f6he sehen, wie Daniel (Gesang der drei M\u00e4nner im Feuerofen, V. 31) sagt: &#8222;Du sitzest \u00fcber den Cherubim und siehest in die Tiefe.&#8220; Und Ps. 138,6 hei\u00dft es: &#8222;Gott ist der Allerh\u00f6chste und sieht herunter auf die Niedrigen, und die Hohen erkennet er von ferne&#8220;; ferner Ps. 113,5f: &#8222;Wo ist ein solcher Gott wie der unsrige? Er sitzt am h\u00f6chsten und siehet doch herunter auf die Niedrigen im Himmel und auf Erden.&#8220; Denn weil er der Allerh\u00f6chste ist und es nichts \u00fcber ihm gibt, kann er nicht \u00fcber sich sehen; er kann auch nicht neben sich sehen, weil ihm niemand gleich ist. Darum mu\u00df er notwendig in sich selbst und unter sich sehen, und je tiefer jemand unter ihm ist, desto besser sieht er ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Augen der Welt und der Menschen tun das Gegenteil: sie sehen nur \u00fcber sich und wollen durchaus sich nach oben richten wie Spr. 30,13 steht: &#8222;Es ist ein Volk, dessen Augen in die H\u00f6he sehen, und seine Augenbrauen sind in die H\u00f6he gerichtet.&#8220; Das erfahren wir t\u00e4glich, wie jedermann nur \u00fcber sich hinausstrebt nach Ehre, Gewalt, Reichtum, Kenntnissen, Wohlleben und allem, was gro\u00df und hoch ist. Und wo solche Leute sind, h\u00e4ngt ihnen jedermann an: da l\u00e4uft man hinzu, da dient man gern, da will jedermann sein und ihrer H\u00f6he teilhaftig werden. Nicht umsonst sind darum in der Schrift so wenig K\u00f6nige und F\u00fcrsten als rechtschaffen beschrieben. Umgekehrt will niemand in die Tiefe sehen, wo Armut, Schmach, Not, Jammer und Angst ist; da wendet jedermann die Augen weg. Und wo solche Leute sind, da l\u00e4uft jedermann davon, da flieht, da scheut, da verl\u00e4\u00dft man sie, und niemand denkt daran, ihnen zu helfen, beizustehen und zu machen, da\u00df sie auch etwas sind. So m\u00fcssen sie in der Tiefe und in niedriger, verachteter Stellung bleiben. Es gibt hier keinen Sch\u00f6pfer unter den Menschen, der aus dem Nichts etwas machen wollte, wie doch S. Paulus R\u00f6m. 12,16 lehrt, wo er sagt: &#8222;Liebe Br\u00fcder, achtet nicht auf die hohen Dinge, sondern haltet euch zu den niedrigen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum bleibt sie allein Gottes Sache, diese Art zu sehen, die in die Tiefe, in Not und Jammer sieht; er ist nahe allen denen, die in der Tiefe sind, und wie Petrus sagt (1. Petr. 5,5): &#8222;Den Hohen widersteht er, den Niedrigen gibt er Gnade.&#8220; Aus dieser Grunderfahrung flie\u00dft nun die Liebe zu Gott und sein Lob. Es kann niemand jemals Gott loben, wenn er ihn nicht zuvor lieb hat; ebenso kann niemand Gott lieben, wenn Gott ihm nicht aufs liebevollste und allerbeste bekannt wird. Durch nichts aber kann er so bekannt werden als durch seine Werke, die an uns geoffenbart, gef\u00fchlt und erfahren werden; wo er aber erfahren wird, wie er ein solcher Gott ist, der in die Tiefe sieht und nur den Armen, Verachteten, Elenden, Jammervollen, Verlassenen hilft und denen, die gar nichts sind, da wird er einem so herzlich lieb, da geht das Herz \u00fcber vor Freude, h\u00fcpft und springt vor gro\u00dfem Wohlgefallen, das es in Gott bekommen hat. Und da ist dann der Heilige Geist; denn er hat solch \u00fcberschwengliche Kenntnis und Lust in einem Augenblick der Erfahrung gelehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum hat Gott auch den Tod auf uns alle gelegt und das Kreuz Christi mit unz\u00e4hligen Leiden und N\u00f6ten seinen allerliebsten Kindern und Christen gegeben, ja er l\u00e4\u00dft auch zuweilen in S\u00fcnde fallen: denn er will ja viel in die Tiefe zu sehen haben, m\u00f6chte vielen helfen, viel wirken, sich als einen rechten Sch\u00f6pfer erzeigen, und damit sich bekannt, liebens- und lobenswert machen. Leider aber widerstrebt die Welt ihm darin mit ihren Augen, die immer \u00fcber sich sehen, unaufh\u00f6rlich, und hindert ihn an seinem Sehen, Wirken, Helfen, seinem Erkannt-, Geliebt- und Gelobtwerden, und beraubt ihn aller dieser Ehre, dazu sich selber ihrer Freude, Lust und Seligkeit. So hat er auch seinen einigen, liebsten Sohn Christus selbst hinab in die Tiefe allen Jammers geworfen und hat an ihm besonders deutlich gezeigt, wohin das alles zielt, was sein Sehen, sein Wirken und Helfen, seine Art, sein Rat und Wille ist. Darum bleibt auch Christus, darin trefflich erprobt, voll Erkenntnis, voll Liebe und Lob Gottes ewiglich. Wie Ps. 21,7 sagt: &#8222;Du hast ihn erfreut mit lauter Freude vor deinem Angesicht&#8220;, d.h. weil er dich sieht und erkennt. Davon sagt auch Ps. 44,9, da\u00df alle Heiligen nichts anderes tun werden als Gott im Himmel loben, weil er sie in ihrer Tiefe angesehen und ebendort sich ihnen bekannt, liebens- und lobenswert gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So macht es auch hier die liebliche Mutter Christi und lehrt uns durch das Beispiel ihrer eigenen Erfahrung und durch Worte, wie man Gott erkennen, lieben und loben soll. Denn mit fr\u00f6hlichem, springenden Geist r\u00fchmt sie sich hier und lobt Gott, er habe sie angesehen, obwohl sie niedrig und nichts gewesen sei; darum mu\u00df man annehmen, da\u00df sie arme, verachtete, geringe Eltern gehabt hat. Und um es anschaulich zu machen f\u00fcr die einfachen Leute: Es sind ohne Zweifel die T\u00f6chter der obersten Priester und Ratsherren in Jerusalem reich, h\u00fcbsch, jung und gebildet gewesen und in den Augen des ganzen Landes aufs ehrenvollste geachtet, wie es jetzt die T\u00f6chter der K\u00f6nige, F\u00fcrsten und reichen Leute sind; ebenso ist&#8217;s auch noch in vielen anderen St\u00e4dten gewesen. Auch zu Nazareth, in ihrer Vaterstadt, ist sie nicht Tochter der obersten Regenten, sondern eines gew\u00f6hnlichen, armen B\u00fcrgers gewesen, auf welche niemand viel gesehen noch achtgehabt hat. Und sie ist unter ihren Nachbarn und T\u00f6chtern ein schlichtes M\u00e4gdlein gewesen, das das Vieh und das Haus besorgt hat, ohne Zweifel nicht mehr als jetzt eine arme Hausmagd sein mag, die tun mu\u00df, was man sie im Haus tun hei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn so hat Jesaja verk\u00fcndet (Jes. 11,1f.): &#8222;Es wird eine Rute ausgehen von dem Stamme Jesse und eine Blume aus seiner Wurzel aufwachsen, auf welcher der Heilige Geist ruhen wird.&#8220; Der &#8222;Stamm&#8220; und die &#8222;Wurzel&#8220; ist das Geschlecht Jesse oder David, im besonderen die Jungfrau Maria: die &#8222;Rute&#8220; und &#8222;Blume&#8220; ist Christus. Nun, wie es nicht so aussieht, vielmehr unglaublich ist, da\u00df aus einem d\u00fcrren Stamm und einer faulen Wurzel eine sch\u00f6ne Rute und Blume wachse, so sah es auch nicht so aus, als sollte die Jungfrau Maria eines solchen Kindes Mutter werden. Denn ich meine, sie werde nicht allein darum ein &#8222;Stamm&#8220; und eine &#8222;Wurzel&#8220; genannt, weil sie \u00fcbernat\u00fcrlich, in unversehrter Jungfr\u00e4ulichkeit, eine Mutter geworden ist, wie es \u00fcber die Natur hinausgeht, da\u00df eine Rute auf einem toten Holzblock w\u00e4chst, sondern auch aus einem zweiten Grund. Der k\u00f6nigliche Stamm und das Geschlecht Davids, welches einmal in gro\u00dfer Ehre, Gewalt, Reichtum und Gl\u00fcck gr\u00fcnte und bl\u00fchte zu Davids und Salomos Zeiten, war ja wohl auch vor der Welt etwas Hohes; aber am Ende, als Christus kommen sollte, hatten die Priester diese Ehre an sich gebracht und regierten allein, und das k\u00f6nigliche Geschlecht Davids war vor Armut und Verachtung wie ein toter Block, so da\u00df nicht mehr zu hoffen war und es nicht mehr so aussah, als sollte aus ihm noch einmal ein K\u00f6nig zu gro\u00dfen Ehren kommen. Und gerade als diese Entwicklung zur Unansehnlichkeit ihren H\u00f6hepunkt erreicht hatte, kommt Christus und wird aus dem verachteten Stamm, von dem geringen, armen Dirnlein geboren; da w\u00e4chst die Rute und die Blume daher von dieser Person, welche des Herrn Hannas oder Kaiphas T\u00f6chter nicht f\u00fcr w\u00fcrdig gehalten h\u00e4tte, ihre geringste Magd zu sein. So geht, was Gott wirkt und sieht, in der Tiefe vor sich, was Menschen sehen und wirken, nur in der H\u00f6he.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist nun die Ursache ihres Lobgesangs; den wollen wir nun h\u00f6ren von Wort zu Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Meine Seele erhebt Gott, den Herren<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies Wort entspringt aus gro\u00dfer Inbrunst und \u00fcberschwenglicher Freude, worin sich ihr Gem\u00fct und Leben von innen her im Geiste ganz erhebt. Darum spricht sie nicht: &#8222;Ich erhebe Gott&#8220;, sondern &#8222;meine Seele&#8220;, als wollte sie sagen: &#8222;Es schwebt mein Leben samt all meinen Sinnen in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, da\u00df ich, meiner selbst nicht m\u00e4chtig, mehr erhoben werde als mich selber erhebe zu Gottes Lob.&#8220; So ergeht es ja all denen, die von Gottes S\u00fc\u00dfigkeit und Gottes Geist durchstr\u00f6mt werden, da\u00df sie mehr f\u00fchlen, als sie sagen k\u00f6nnten. Denn es ist kein Menschenwerk, Gott mit Freuden loben. Es ist mehr ein fr\u00f6hliches Erleiden und allein ein Gotteswerk, das sich mit Worten nicht lehren, sondern nur durch eigene Erfahrung kennenlernen l\u00e4\u00dft. In diesem Sinne sagt David Ps. 34,9: &#8222;Schmecket und sehet, wie s\u00fc\u00df Gott der Herr ist, selig ist der Mensch, der ihm trauet.&#8220; An die erste Stelle setzt David das &#8222;Schmecken&#8220;, dann das &#8222;Sehen&#8220;, deshalb, weil sich&#8217;s nicht erkennen l\u00e4\u00dft ohne eigene Erfahrung und Empfindung. Zu dieser kommt jedoch niemand, der nicht Gott mit ganzem Herzen vertraut, wenn er in der Tiefe und Not ist; darum l\u00e4\u00dft David gleich darauf folgen: &#8222;Selig ist der Mensch, der Gott vertraut&#8220;; denn ein solcher wird Gottes Wirken in sich erfahren und so zu jener f\u00fchlbaren S\u00fc\u00dfigkeit und dadurch zu allem Verst\u00e4ndnis und aller Erkenntnis kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wollen ein Wort nach dem andern erw\u00e4gen. Das erste ist: &#8222;Meine Seele&#8220;. Die Schrift gliedert den Menschen in drei Teile. S. Paulus sagt in 1. Thess. 5,23: &#8222;Gott, der ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, so da\u00df euer ganzer Geist samt Seele und Leib unstr\u00e4flich erhalten werde auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.&#8220; Ferner wird bei jedem dieser drei St\u00fccke wie auch beim ganzen Menschen noch in anderer Weise eine Teilung in zwei St\u00fccke vollzogen, die Geist und Fleisch hei\u00dfen. Das ist eine Teilung nicht der Natur, sondern den Eigenschaften nach; d.h. die Natur hat drei St\u00fccke, Geist, Seele und Leib, und diese k\u00f6nnen allesamt gut oder b\u00f6se sein; das hei\u00dft dann: &#8222;Geist&#8220; und &#8222;Fleisch&#8220; sein (wovon jetzt nicht zu reden ist).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste St\u00fcck, der Geist, ist das h\u00f6chste, tiefste und edelste Teil des Menschen, wodurch er bef\u00e4higt ist, unbegreifliche, unsichtbare, ewige Dinge zu fassen. Kurz, er ist das Haus, darinnen der Glaube und Gottes Wort wohnt. Davon sagt David Ps. 51,12: &#8222;Herr, schaffe in meinem Innersten einen richtigen Geist&#8220;, d.h. einen auf rechten, geraden Glauben. Umgekehrt hei\u00dft es von den Ungl\u00e4ubigen, Ps. 78,37: &#8222;Ihr Herz war nicht zu Gott gerichtet, und ihr Geist stand nicht im Glauben an Gott.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zweite St\u00fcck, die Seele, ist ihrer Natur nach ebenderselbe Geist, aber doch in einer andern Wirkungsart, n\u00e4mlich in der, da\u00df er den Leib lebendig macht und durch ihn wirkt. Er wird oft in der Schrift f\u00fcr das &#8222;Leben&#8220; genommen; denn der Geist kann wohl ohne den Leib leben, aber der Leib lebt nicht ohne den Geist. Bei diesem St\u00fcck sehen wir, wie es auch im Schlaf und unaufh\u00f6rlich lebt und wirkt. Seine Art ist nicht, die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern, was die Vernunft erkennen und ermessen kann. Die Vernunft ist n\u00e4mlich hier das Licht in diesem Hause, und wo nicht der Geist, vom Glauben als von einem h\u00f6heren Licht erleuchtet, dies Licht der Vernunft regiert, so kann sie nimmermehr ohne Irrtum sein. Denn sie ist zu minderwertig, um mit g\u00f6ttlichen Dingen umzugehen. Diesen zwei St\u00fccken spricht die Schrift vielerlei Eigenschaften zu, z.B. sapientiam und scientiam, die Weisheit dem Geist, die Erkenntnis der Seele; sodann auch Ha\u00df, Liebe, Grauen und dergleichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das dritte St\u00fcck ist der Leib mit seinen Gliedern. Seine Werke sind nur die Aus\u00fcbung und Anwendung dessen, was die Seele erkennt und der Geist glaubt. Um daf\u00fcr ein Gleichnis anzuf\u00fchren aus der Schrift: Mose macht ein Zelt mit drei verschiedenen Abteilungen. Die erste hie\u00df sanctum sanctorum; darin wohnte Gott, und es war kein Licht darinnen. Die andere hie\u00df sanctum; darinnen stand ein Leuchter mit sieben R\u00f6hren und Lampen. Die dritte hie\u00df atrium, der Hof; das war unter dem freien Himmel, \u00f6ffentlich, im Lichte der Sonne. In dieser sinnbildlichen Darstellung ist ein Christenmensch gezeichnet. Sein Geist ist das sanctum sanctorum, Gottes Wohnung im finstern Glauben ohne Licht; denn er glaubt, was er weder sieht noch f\u00fchlt, noch begreift. Seine Seele ist das sanctum. Da sind sieben Lichter, d.h. F\u00e4higkeiten aller Art, die leiblichen sichtbaren Dinge zu verstehen, zu unterscheiden, zu wissen und zu erkennen. Sein K\u00f6rper ist das atrium; der ist jedermann offenbar, da\u00df man sehen kann, was er tut und wie er lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun betet Paulus (1. Thess. 5,23), Gott, der ein Gott des Friedens ist, wolle uns heilig machen, nicht in einem St\u00fcck allein, sondern ganz und gar, durch und durch, da\u00df Geist, Seele und Leib und alles heilig sei. \u00dcber die Ursache dieses Gebets w\u00e4re viel zu sagen; in K\u00fcrze: Wenn der Geist nicht mehr heilig ist, so ist nichts mehr heilig. Nun ist des Geistes Heiligkeit am heftigsten umstritten und am meisten gef\u00e4hrdet; denn sie besteht nur in dem blo\u00dfen, lautern Glauben, weil ja, wie gesagt, der Geist nicht mit greifbaren Dingen umgeht. So kommen dann falsche Lehrer und locken den Geist heraus; einer h\u00e4lt das Werk, der andere die Weise vor, um rechtschaffen zu werden. Wenn dann der Geist hier nicht bewahrt wird, und weise ist, so f\u00e4llt er heraus und folgt, kommt auf die \u00e4u\u00dferlichen Werke und Weisen und meint, damit rechtschaffen zu werden: Alsbald ist der Glaube verloren und der Geist tot vor Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da tun sich dann mancherlei Sekten und Orden auf: der eine wird ein Karth\u00e4user, der andere ein Barf\u00fc\u00dfer; der will mit Fasten, der mit Beten, einer mit dem, der andere mit einem andern Werk selig werden. Und es sind doch allesamt selbsterw\u00e4hlte Werke und Orden, von Gott nie geboten, nur von Menschen erdacht! Neben ihnen her geben sie nicht mehr auf den Glauben acht und lernen immer weiter auf die Werke bauen, so lange, bis sie so tief hineinkommen, da\u00df sie dar\u00fcber uneins werden. Ein jeder will der Beste sein und verachtet den andern, wie jetzt unsere Observanten sich br\u00fcsten und aufblasen. Gegen solche Werkheiligen und fromm scheinenden Lehrer bittet hier (1.Thess. 5,23) Paulus, wenn er sagt, Gott sei ein Gott des Friedens und der Einigkeit. Denn ihn k\u00f6nnen solche uneinigen, unfriedsamen Heiligen nicht haben noch festhalten, au\u00dfer wenn sie ihre eigne Sache fallenlassen und alle miteinander im Geist und Glauben zusammenkommen und erkennen, da\u00df die Werke nur Unterschiede, S\u00fcnde und Unfrieden machen, w\u00e4hrend allein der Glaube rechtschaffen, einig und friedsam macht. So steht es in Ps. 68,7: &#8222;Gott macht, da\u00df wir einig in dem Hause wohnen.&#8220; Und Ps. 133,1: &#8222;Ei, wie fein und lieblich ist&#8217;s, da\u00df die Br\u00fcder einig beieinander wohnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Friede kommt von nirgends her als davon, da\u00df man lehrt, wie kein Werk, keine \u00e4u\u00dferliche Weise rechtschaffen, gerecht und selig macht, sondern nur der Glaube, d.h. die gute Zuversicht zu der unsichtbaren Gnade Gottes, die uns versprochen ist; davon habe ich in den &#8222;guten Werken&#8220; viel gesagt. Und wo dieser Glaube nicht ist, da m\u00fcssen viel Werke sein, die dann Unfrieden und Uneinigkeit zur Folge haben, so da\u00df kein Gott mehr dableibt. Deshalb begn\u00fcgt sich S. Paulus hier (1.Thess. 5,23) nicht, zu sagen: &#8222;da\u00df euer Geist, eure Seele usw.&#8220;, sondern &#8222;euer ganzer Geist&#8220;; denn an ihm liegt es ganz und gar. Er gebraucht hier in der griechischen Sprache ein feines Wort: to holokleron pneuma hymon, d.h. &#8222;euer Geist, der das ganze Erbe besitzt&#8220;, als wolle er sagen: &#8222;Lasset euch durch keine Lehre von den Werken irremachen; der gl\u00e4ubige Christ hat&#8217;s allein ganz und gar. Es liegt nur am Glauben des Geistes; diesen das ganze Erbe besitzenden Geist, bitte ich, wolle euch Gott beh\u00fcten vor den falschen Lehren, die durch Werke Zuversicht zu Gott hervorrufen wollen; das sind doch irregef\u00fchrte Gewissen, weil sie nicht einzig auf Gottes Gnade solche Zuversicht bauen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nun ein solcher das ganze Erbe besitzender Geist erhalten bleibt, dann kann auch die Seele und der Leib ohne Irrtum und b\u00f6se Werke bleiben. Andernfalls, wo der Geist ohne Glauben ist, ist&#8217;s nicht m\u00f6glich, da\u00df die Seele und das ganze Leben nicht unrichtig und irre gehen sollte, auch wenn sie ihre gute Meinung und Gutd\u00fcnken anwenden und selber Andacht und Wohlgefallen dabei versp\u00fcren mag. Ebenso sind dann wegen dieses Irrtums und falschen Gutd\u00fcnkens der Seele auch alle Werke des Leibes b\u00f6se und verworfen, auch wenn sich jemand zu tot fastete und aller Heiligen Werke t\u00e4te. Darum ist&#8217;s n\u00f6tig, da\u00df uns Gott zuerst den Geist, dann Seele und Leib beh\u00fcte, da\u00df wir nicht umsonst wirken und leben; so sollen wir wirklich heilig werden, nicht allein los von den offenkundigen S\u00fcnden, sondern viel mehr auch von den falschen und glei\u00dfenden guten Werken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sei zur Erkl\u00e4rung der zwei Worte &#8222;Seele&#8220; und &#8222;Geist&#8220; gesagt, deshalb, weil sie sehr gebr\u00e4uchlich sind in der Schrift; damit mag es f\u00fcr diesmal genug sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann kommt das W\u00f6rtlein &#8222;Magnifikat&#8220;. Das hei\u00dft: &#8222;gro\u00df machen&#8220;, &#8222;erheben&#8220; und &#8222;viel von einem halten&#8220;, von dem gebraucht, der gro\u00dfe und viele und gute Dinge vermag, wei\u00df und tun will, wie es denn in diesem Lobgesang nachher folgt. Gleichwie also das Wort &#8222;Magnifikat&#8220; wie ein Titel eines Buches anzeigt, wovon darin geschrieben ist, ebenso zeigt auch Maria mit diesem Wort an, wovon ihr Lobgesang lauten soll: n\u00e4mlich von gro\u00dfen Taten und Werken Gottes, um unsern Glauben zu st\u00e4rken, alle Geringen zu tr\u00f6sten und alle hohen Menschen auf Erden zu schrecken. Zu diesem dreifachen Gebrauch oder Nutzen m\u00fcssen wir den Lobgesang dienen lassen und dies erkennen; denn sie hat nicht f\u00fcr sich allein, sondern f\u00fcr uns alle gesungen, da\u00df wir ihr nachsingen sollen. Nun kann&#8217;s nicht sein, da\u00df jemand erschrecke oder sich tr\u00f6ste auf Grund von solchen gro\u00dfen Taten Gottes, wenn er nicht glaubt, Gott verm\u00f6ge und wisse gro\u00dfe Taten zu tun; aber nicht allein dies, sondern er mu\u00df auch glauben, Gott wolle so tun und habe eine Vorliebe daf\u00fcr, solches zu tun. Ja, es ist auch nicht genug, da\u00df du glaubst, er wolle an andern, aber nicht an dir gro\u00dfe Taten tun, und wolle so dich von solch g\u00f6ttlicher Tat ausnehmen; so machen die es, die Gott nicht f\u00fcrchten, wenn sie m\u00e4chtig sind, und die kleinm\u00fctig verzagen, wenn sie in Bedr\u00e4ngnis sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derartige Formen von Glauben sind nichts und ganz tot, wie ein Wahn, den eine Fabel gezeugt hat. Du mu\u00dft vielmehr ohne alles Wanken, ohne alles Zweifeln den Willen Gottes \u00fcber dich dir vor Augen stellen, da\u00df du fest glaubst, er werde und wolle auch mit dir gro\u00dfe Dinge tun. Dieser Glaube lebt und webt; der dringt durch und \u00e4ndert den ganzen Menschen; der zwingt dich, da\u00df du in Furcht sein mu\u00dft, wenn du hoch bist, und getrost sein darfst, wenn du niedrig bist. Und je h\u00f6her du bist, desto mehr mu\u00dft du dich f\u00fcrchten; je tiefer du bedr\u00fcckt bist, desto mehr kannst du dich tr\u00f6sten. Das bewirkt kein Glaube von einer jener andern Arten. Wie willst du es in Todesn\u00f6ten machen? Da darfst du doch nicht blo\u00df glauben, da\u00df Gott dir zu helfen verm\u00f6ge und wisse, sondern auch, da\u00df er dir helfen wolle; mu\u00df doch ein ganz unsagbar gro\u00dfes Werk geschehen, damit du vom ewigen Tod erl\u00f6st, ewig selig und Gottes Erbkind werdest. Dieser Glaube vermag alle Dinge, wie Christus sagt (Mk. 9,23), der hat allein Bestand, der gelangt auch zur Erfahrung des g\u00f6ttlichen Wirkens und dadurch zur Liebe zu Gott; so kommt er denn Gott gegen\u00fcber zum Loben und Singen, da\u00df der Mensch Gro\u00dfes von Gott h\u00e4lt und ihn recht gro\u00df macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn Gott wird nicht in seiner Natur von uns gro\u00df gemacht, da er ja unwandelbar ist, sondern in unserer Erkenntnis und Empfindung, d.h. indem wir viel von ihm halten und ihn gro\u00df achten, vor allem in Beziehung auf seine G\u00fcte und Gnade. Darum spricht die heilige Mutter nicht: &#8222;Meine Stimme&#8220;, auch nicht &#8222;meine Hand&#8220;, auch nicht &#8222;Meine Gedanken&#8220;, auch nicht &#8222;Meine Vernunft&#8220; oder &#8222;mein Wille&#8220; &#8222;macht den Herrn gro\u00df&#8220;. Denn ihrer gibt&#8217;s viele, die Gott mit lauter Stimme preisen, mit k\u00f6stlichen Worten von ihm predigen, viel von ihm reden, disputieren, schreiben und malen; viele, die sich Gedanken \u00fcber ihn machen und mit der Vernunft nach ihm trachten und spekulieren; und zudem viele, die in falscher Andacht und mit falschem Willen ihn erheben. Vielmehr sagt sie so: &#8222;Meine Seele macht ihn gro\u00df&#8220;, d.h. &#8222;mein ganzes Leben, weben, meine Sinne und Kr\u00e4fte halten viel von ihm&#8220;. So ist sie gleichsam in ihn verz\u00fcckt und f\u00fchlt sich emporgehoben in seinen gn\u00e4digen, guten Willen, wie der folgende Vers (Luk. 1,47) zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u00e4hnlicher Weise erleben wir es bei uns: wenn uns jemand etwas besonders Gutes tut, bewegt sich gleichsam unser ganzes Leben zu ihm hin, und wir sprechen: &#8222;Oh, ich halte viel von ihm&#8220;, d.h. eigentlich &#8222;Meine Seele macht ihn gro\u00df&#8220;. Wie viel mehr wird eine solch lebendige Bewegung sich regen, wenn wir Gottes G\u00fcte empfinden, die \u00fcberschwenglich gro\u00df ist in seinen Werken! Alle Worte und Gedanken werden uns dann zu wenig werden, und das ganze Leben mu\u00df sich bewegen lassen, als wollte alles gerne davon singen und sagen, was in uns lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dabei gibt&#8217;s nun zweierlei falsche Geister, die das Magnifikat nicht recht singen k\u00f6nnen: die ersten sind die Leute, die Gott nicht eher loben, als bis er ihnen eine Wohltat erweist, wie David sagt Ps. 49,19: &#8222;Sie loben dich, wenn du ihnen wohl tust.&#8220; Diese scheinen Gott gar sehr zu loben. Aber weil sie niemals Unterdr\u00fcckung erleiden wollen und die Tiefe, k\u00f6nnen sie niemals das rechte Wirken Gottes erfahren, und darum auch niemals Gott recht lieben und loben. In dieser Art ist jetzt alle Welt voll vom Dienst und Lob Gottes mit Singen, Predigen, Orgeln und Musizieren, und das Magnifikat wird herrlich gesungen; aber daneben ist&#8217;s zum Erbarmen, da\u00df solch k\u00f6stlicher Gesang so ganz ohne Kraft und Saft von uns gebraucht werden soll. Denn wir singen nicht eher, als bis es wohl geht; geht&#8217;s aber \u00fcbel, ist das Singen aus. Da h\u00e4lt man dann nichts mehr von Gott, und wir meinen, Gott k\u00f6nne oder wolle nichts bei uns wirken; damit mu\u00df das Magnifikat auch ausbleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die andern sind noch gef\u00e4hrlicher, die nach der andern Seite abweichen: Sie machen sich gro\u00df mit Gottes G\u00fctern, ohne doch diese rein der G\u00fcte Gottes zuzuschreiben; sie wollen auch etwas daran haben, wollen darob von anderen Menschen geehrt und angesehen sein. Sie schauen ihr gro\u00dfes Gut an, das Gottes Werk bei ihnen ist, klammern sich daran und beanspruchen es als ihr Eigentum und halten sich den andern gegen\u00fcber, die so etwas nicht haben, f\u00fcr etwas Besonderes. Das ist f\u00fcrwahr ein glatter, schl\u00fcpfriger Standpunkt: Gottes G\u00fcter machen Herzen, wie es deren Natur entspricht, hoff\u00e4rtig und selbstgef\u00e4llig. Darum ist&#8217;s hier n\u00f6tig, das letzte W\u00f6rtlein zu beachten: &#8222;Gott&#8220;. Denn Maria sagt nicht: &#8222;Meine Seele macht gro\u00df &#8211; sich selbst&#8220;, oder &#8222;h\u00e4lt viel von mir&#8220;; sie wollte auch gar nichts von sich gehalten haben. Vielmehr macht sie allein Gott gro\u00df; dem schreibt sie es ganz allein zu. Sie zieht sich aus und tr\u00e4gt&#8217;s alles g\u00e4nzlich wieder zu Gott hinauf, von dem sie es empfangen hatte. Denn obwohl sie eine solch \u00fcberschwengliche Tat Gottes in sich empfand, war sie und blieb sie doch so gesinnt, da\u00df sie sich nicht \u00fcber den geringsten Menschen auf Erden erhob; wenn sie es getan h\u00e4tte, w\u00e4re sie mit Luzifer in den Abgrund der H\u00f6lle gefallen. Sie hat nicht anders gedacht: sie wollte, wenn eine andere Magd diese G\u00fcter von Gott bek\u00e4me, ebenso fr\u00f6hlich sein und es ihr ebenso wohl g\u00f6nnen als sich selbst, ja, sie wollte sich allein solcher Ehre f\u00fcr unw\u00fcrdig und alle andern f\u00fcr w\u00fcrdig erachten; und sie w\u00e4re auch dann noch wohl zufrieden gewesen, wenn Gott ihr diese G\u00fcter weggenommen und vor ihren Augen einer andern gegeben h\u00e4tte. So ganz und gar nichts von dem allen hat sie sich angema\u00dft und hat Gott seine G\u00fcter frei und ledig und zu eigen gelassen; sie ist nicht mehr als eine fr\u00f6hliche Herberge und willige Wirtin dieses Gastes gewesen. Darum hat sie auch das alles ewiglich behalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieh, das hei\u00dft Gott allein gro\u00df machen, nur von ihm allein gro\u00df denken und f\u00fcr uns keinen Anspruch erheben. Daraus sieht man, wie vielfachen Anla\u00df sie gehabt hat, zu fallen und zu s\u00fcndigen, so da\u00df es kein kleines Wunder ist, wie sie sich der Hoffart und Anma\u00dfung enthalten, als da\u00df sie solche G\u00fcter empfangen hat. Erw\u00e4gst du nicht, welch wunderbares Herz dies ist? Sie sieht sich als Gottesmutter \u00fcber alle Menschen hinausgehoben und bleibt doch so einf\u00e4ltig und gelassen dabei, da\u00df sie deshalb nicht eine geringe Dienstmagd f\u00fcr unter ihr stehen angesehen h\u00e4tte. Oh, wir armen Menschen! Wenn wir ein wenig Gut, Gewalt oder Ehre haben, ja ein wenig h\u00fcbscher sind als andere, sind wir nicht imstande, uns einem Geringeren gleichzustellen, und gibt&#8217;s im Anspr\u00fcchemachen kein Ma\u00df; was wollten wir erst tun, wenn wir gro\u00dfe, hohe G\u00fcter h\u00e4tten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum l\u00e4\u00dft uns Gott auch arm und ungl\u00fccklich bleiben, weil wir seine lieblichen G\u00fcter nicht unbefleckt lassen; wir bringen&#8217;s nicht fertig, von uns gleich viel zu halten wie zuvor, sondern lassen unser Selbstbewu\u00dftsein immer mitwachsen und abnehmen, je nachdem die G\u00fcter kommen oder gehen. Aber dies Herz Marias steht fest und gleich zu aller Zeit: sie l\u00e4\u00dft Gott in sich wirken nach seinem Willen und nimmt nicht mehr daraus als einen guten Trost, Freude und Zuversicht in Gott. So sollten wir es auch machen; das w\u00e4re ein rechtes Magnifikat gesungen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und mein Geist freuet sich in Gott, meinem Heiland<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was der Geist sei, ist jetzt schon gesagt worden: er ist es n\u00e4mlich, der die unbegreiflichen Dinge durch den Glauben erfa\u00dft. Darum nennt sie auch Gott ihren Heiland oder ihre Seligkeit, obwohl sie das doch nicht sah und nicht empfand; vielmehr traute sie in fester Zuversicht darauf, er sei ihr Heiland und ihre Seligkeit, ein Glaube, den sie aus dem Gotteswerk, das in ihr geschehen war, empfangen hatte. Und f\u00fcrwahr, der rechten Ordnung entsprechend f\u00e4ngt sie an, wenn sie Gott eher ihren Herrn nennt als ihren Heiland und eher ihren Heiland, als da\u00df sie seine Werke erz\u00e4hlt. Damit lehrt sie uns, wie wir Gott blo\u00df und recht der Ordnung entsprechend lieben und loben sollen, und ja nichts, was unser ist, an ihm suchen; der aber liebt und lobt Gott allein und recht, der ihn nur darum lobt, da\u00df er gut ist, und der nichts weiter als seine blo\u00dfe G\u00fctigkeit ansieht, und nur in ihr seine Lust und Freude hat. Das ist eine hohe, reine, liebliche Weise zu lieben und zu loben, die einem solch hohen, lieblichen Geist wohl ansteht, wie ihn diese Jungfrau hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die unreinen und verkehrten Liebhaber, welche auf nichts als auf blo\u00dfen Genu\u00df ausgehen und das Ihre an Gott suchen, die lieben und loben nicht seine blo\u00dfe G\u00fctigkeit, sondern sehen auf sich selber und achten nur darauf, wie viel Gott ihnen gegen\u00fcber gut ist, d.h. in welchem Ma\u00dfe er seine G\u00fcte ihnen f\u00fchlbar erzeigt und ihnen wohltut. Sie halten viel von ihm, sind fr\u00f6hlich, singen und loben ihn, solange dieses F\u00fchlen anh\u00e4lt. Wenn sich aber Gott verbirgt und seiner G\u00fcte Glanz an sich zieht, so da\u00df sie blo\u00df und elend sind, so ist es zugleich auch mit ihrem Lieben und Loben aus, und sie verm\u00f6gen nicht die blo\u00dfe, unf\u00fchlbare G\u00fcte, wie sie in Gott verborgen ist, zu lieben und zu loben. Damit beweisen sie, da\u00df nicht ihr Geist in Gott, dem Heiland, sich erfreut hat; es ist kein rechtes Lieben und Loben der blo\u00dfen G\u00fcte dagewesen, sondern sie haben viel mehr Lust gehabt am Heil als am Heiland, mehr an den Gaben als an dem Geber, mehr an der Kreatur als an Gott. Denn sie k\u00f6nnen nicht gleichbleiben im Haben und Mangelleiden, in Reichtum und Armut, wie S. Paulus sagt (Phil. 4,12): &#8222;Ich habe es gelernt, da\u00df ich \u00fcbrig haben und Mangel leiden kann.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesen sagt Ps. 49,19: &#8222;Sie loben dich, so lange du ihnen wohltust&#8220;, als wollte er sagen: &#8222;Sie haben sich im Auge und nicht dich; wenn sie nur Lust und G\u00fcter von dir bek\u00e4men, so g\u00e4ben sie nichts auf dich.&#8220; In diesem Sinne sagt auch Christus Joh. 6,26 zu denen, die ihn suchten: &#8222;Wahrlich, ich sage euch, ihr suchet mich nicht deshalb, weil ihr Zeichen gesehen, sondern weil ihr gegessen habt und satt geworden seid.&#8220; Solche unreinen, falschen Geister beschmutzen alle Gaben Gottes und hindern ihn, so da\u00df er ihnen nicht viel gibt, auch nicht zu ihrer Seligkeit an ihnen wirken kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Davon wollen wir ein feines, vorbildliches Beispiel h\u00f6ren. Es hat einmal ein rechtschaffenes Weib ein Gesicht gesehen, wie drei Jungfrauen an einem Altar sa\u00dfen. W\u00e4hrend der Messe kam ein h\u00fcbscher kleiner Junge vom Altar her gelaufen und ging zu der ersten Jungfrau, tat freundlich zu ihr, herzte sie und lachte sie lieblich an. Danach ging er zu der zweiten, tat aber nicht so freundlich zu ihr, herzte sie auch nicht; doch hob er ihren Schleier auf und l\u00e4chelte sie freundlich an. Der dritten aber machte er kein freundliches Zeichen, schlug sie ins Gesicht, raufte sie und stie\u00df sie, und ging ganz unfreundlich mit ihr um; dann lief er schnell wieder zum Altar hinauf und verschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann wurde jenem Weibe dieses Gesicht in folgender Weise ausgelegt: Die erste Jungfrau bedeutet die unreinen, selbsts\u00fcchtigen Geister; ihnen mu\u00df Gott viel Gutes und mehr ihren eigenen Willen tun als sie den seinen; sie wollen nichts entbehren, allzeit aber Trost und Lust an Gott haben, ohne sich an seiner G\u00fcte gen\u00fcgen zu lassen. Die zweite Jungfrau bedeutet die Geister, die angefangen haben, Gott zu dienen und wohl etwas Mangel leiden, doch nicht v\u00f6llig; sie sind nicht frei von Eigennutz und Selbstsucht. Gott mu\u00df ihnen zuweilen einen liebreichen Blick zuwerfen und sie seine G\u00fcte empfinden lassen, da\u00df sie dadurch auch seine blo\u00dfe G\u00fctigkeit lieben und loben lernen. Aber die dritte Jungfrau, das arme Aschenbr\u00f6del, hat nichts als lauter Mangel und Ungemach, sucht keinen Nutzen und l\u00e4\u00dft sich daran gen\u00fcgen, da\u00df Gott gut ist, auch wenn sie es niemals empfinden sollte (was doch unm\u00f6glich ist). Sie bleibt ein und dieselbe, so oder so, liebt und lobt Gottes G\u00fctigkeit ebensosehr, wenn sie nicht sp\u00fcrbar, als wenn sie sp\u00fcrbar wird; sie klammert sich nicht an die G\u00fcter, wenn solche vorhanden sind, wird auch nicht abtr\u00fcnnig, wenn solche nicht vorhanden sind. Das ist die rechte Braut, die zu Christus spricht: &#8222;Ich will nicht das Deine, ich will dich selber haben; du bist mir nicht lieber, wenn&#8217;s mir wohl geht, auch nicht weniger lieb, wenn&#8217;s mir schlecht geht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Geister erf\u00fcllen das, was Jes. 30,21 geschrieben steht: &#8222;Ihr sollt nicht weichen von der geraden, richtigen Gottesstra\u00dfen, weder zur linken, noch zur rechten Seite&#8220;, d.h. sie sollen gleichm\u00e4\u00dfig und richtig Gott lieben und loben, nicht sich selber suchen und ihren eigenen Nutzen. Einen solchen Geist hatte David: Als er durch seinen Sohn Absalom von Jerusalem vertrieben wurde und es drauf und dran war, da\u00df er f\u00fcr immer verworfen, nie mehr K\u00f6nig sein und zu Gottes Gunst kommen w\u00fcrde, sprach er (2. Sam. 15,25f.): &#8222;Gehet hinweg; will mich Gott haben, wird er mich wohl wieder hineinf\u00fchren, spricht er aber: Ich will dich nicht, so bin ich bereit dazu.&#8220; Oh, was f\u00fcr ein reiner Geist ist das gewesen, der in der h\u00f6chsten Not nicht davon abl\u00e4\u00dft, Gottes G\u00fcte zu lieben, zu loben und ihr zu folgen. Einen solchen Geist l\u00e4\u00dft hier die Mutter Gottes, Maria, sehen: mitten in den gro\u00dfen, \u00fcberschwenglichen G\u00fctern schwebend, klammert sie sich doch nicht daran, sucht nicht ihren eigenen Nutzen darin, sondern h\u00e4lt ihren Geist rein im Lieben und Loben der blo\u00dfen G\u00fctigkeit Gottes; so ist sie bereit, willig und gern es anzunehmen, wenn Gott sie der G\u00fcter wieder berauben und ihr nur noch einen armen, nackten, Mangel habenden Geist lassen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist man ja so viel mehr gef\u00e4hrdet, wenn man im Besitz von Reichtum und gro\u00dfen Ehren oder gro\u00dfer Macht sich m\u00e4\u00dfigen soll, als wenn man in Armut, Schande und Schwachheit ist; denn Reichtum, Ehre und Macht geben einen starken Anreiz und Anla\u00df zum B\u00f6sen. Dementsprechend ist hier der wunderbar reine Geist Marias um so viel mehr zu preisen; denn sie steht in solch \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Ehren, und l\u00e4\u00dft sich dennoch nicht davon anfechten, tut, als s\u00e4he sie es nicht, und bleibt gleich und richtig auf der Stra\u00dfe. Sie h\u00e4ngt nur an der g\u00f6ttlichen G\u00fctigkeit, die sie nicht sieht noch empfindet, und l\u00e4\u00dft die G\u00fcter fahren, die sie empfindet; sie hat daran keine Lust und sucht nicht ihren eigenen Nutzen. So sing sie wahrlich aus rechtem, wahrem Grund: &#8222;Mein Geist erfreuet sich in Gott, meinem Heiland.&#8220; Wahrlich, das ist ein Geist, der nur im Glauben frohlockt und h\u00fcpft; sie ist nicht fr\u00f6hlich von den G\u00fctern Gottes, die sie empfand, sondern nur von Gott, den sie nicht empfand, als von ihrem Heil, wie sie ihn nur im Glauben erkannte. Oh, das sind die rechten, niedrigen, leeren, hungrigen, gottesf\u00fcrchtigen Geister. Davon im nachfolgenden mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraus k\u00f6nnen wir erkennen und beurteilen, wie voll zur Zeit die Welt von falschen Predigern und Heiligen ist, die dem armen Volk von guten Werken viel predigen. Nun gibt es zwar einige wenige, die auch das predigen, wie sie gute Werke tun sollen; der gr\u00f6\u00dfere Teil predigt Menschenlehre und -werke, die sie selber erdacht und aufgestellt haben. Aber doch sind leider die Allerbesten unter ihnen noch sehr weit von der rechten, richtigen Stra\u00dfe entfernt, so da\u00df sie das Volk immer auf die rechts gelegene Stra\u00dfe treiben; denn sie lehren die guten Werke zu tun und ein gutes Leben zu f\u00fchren nicht um Gottes blo\u00dfer G\u00fctigkeit willen, sondern um ihres eigenen Nutzens willen. Denn wenn es keinen Himmel und keine H\u00f6lle g\u00e4be, und sie d\u00fcrften sich keinen Genu\u00df von Gottes G\u00fcte versprechen, so lie\u00dfen sie seine G\u00fcte wohl fahren, ohne sie zu lieben und zu loben. Das sind lauter Genie\u00dfer und Mietlinge, Dienstknechte und nicht Kinder, Fremdlinge und nicht Erben. Sie machen sich selber zum Abgott, und Gott soll sie lieben und loben, und gerade das ihnen tun, was sie ihm tun sollten. Sie haben keinen Geist, Gott ist auch nicht ihr Heiland, sondern seine G\u00fcter sind ihr Heiland, mit denen ihnen Gott wie ein Knecht dienen mu\u00df. Das sind die Kinder von Israel, die in der W\u00fcste sich nicht mit dem Himmelsbrot begn\u00fcgten, sondern auch Fleisch, Zwiebel und Knoblauch essen wollten. (4. Mo. 11,4 ff.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist leider alle Welt, alle Kl\u00f6ster, alle Kirchen voll mit solchen Leuten, die alle miteinander in dem falschen, verkehrten, unrichtigen Geist wandeln, treiben und jagen. Sie erheben die guten Werke so hoch, da\u00df sie den Himmel damit zu verdienen meinen, w\u00e4hrend doch vor allen Dingen die blo\u00dfe G\u00fctigkeit Gottes gepredigt und erkannt werden sollte. Denn &#8211; das sollten wir wissen &#8211; ebenso, wie Gott aus lauter G\u00fcte uns selig macht ohne alles Verdienst durch Werke, so sollten wir auch wieder die Werke, ohne irgendwelchen Lohn oder Nutzen zu suchen, um der blo\u00dfen G\u00fcte Gottes willen tun, und darin nichts weiteres begehren als sein Wohlgefallen. Wir sollten nicht um den Lohn sorgen, der wird sich von selbst richtig finden und ohne unser Bem\u00fchen folgen. Denn obgleich es unm\u00f6glich ist, da\u00df der Lohn nicht folgen sollte, wenn wir aus reinem, rechteingestelltem Geist, ohne Lohn oder Nutzen zu suchen, wohl tun, so will doch Gott diesen selbsts\u00fcchtigen, unreinen Geist nicht haben: einem solchen f\u00e4llt auch niemals der Lohn zu. Es ist gerade wie bei einem Kind, das als ein Erbe dem Vater willig umsonst dient, nur um seines Vaters willen; und wenn ein Kind dem Vater nur um Erb&#8216; und Gut dient, so ist&#8217;s verdienterma\u00dfen ein verha\u00dftes Kind und wert, da\u00df es der Vater versto\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Denn er hat angesehen die Nichtigkeit seiner Magd, darum werden mich selig preisen alle Kindeskinder.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das W\u00f6rtlein &#8222;humilitas&#8220; haben etliche hier zur &#8222;Demut&#8220; gemacht, als h\u00e4tte die Jungfrau Maria auf ihre Demut hingewiesen und sich ihrer ger\u00fchmt. Daher kommt&#8217;s, da\u00df sich etliche Pr\u00e4laten auch &#8222;humiles&#8220; nennen, was gar weit von der Wahrheit entfernt ist. Denn vor Gottes Augen kann sich niemand eines guten Dinges ohne S\u00fcnde und Verderben r\u00fchmen. Man darf sich vor ihm keines weiteren Dings r\u00fchmen als seiner lauteren G\u00fcte und Gnade, die er uns Unw\u00fcrdigen erwiesen hat; denn nicht f\u00fcr uns, sondern allein f\u00fcr Gott sollen wir Liebe und Lob haben, und das soll uns erhalten, wie Salomo Spr. 25,6 f. lehrt: &#8222;Du sollst nicht mit Selbstruhm erscheinen vor dem K\u00f6nig und nicht stehen vor den gro\u00dfen Herren; es ist f\u00fcr dich besser, man sagt zu dir: &#8218;Sitze herauf&#8216;, als da\u00df du erniedrigt wirst vor dem F\u00fcrsten.&#8220; Wie sollte man denn dieser reinen, rechtschaffenen Jungfrau solche Vermessenheit und solchen Hochmut zuschreiben, da\u00df sie sich ihrer Demut vor Gott r\u00fchmte! Das ist doch die allerh\u00f6chste Tugend, und niemand achtet sich f\u00fcr dem\u00fctig oder r\u00fchmt sich deshalb, als wer der Allerhochm\u00fctigste ist. Gott allein erkennt die Demut; er beurteilt und offenbart sie auch allein, so da\u00df der Mensch niemals weniger von der Demut wei\u00df als eben dann, wenn er recht dem\u00fctig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sprachgebrauch der Schrift ist, da\u00df in ihr &#8222;humiliare&#8220; &#8222;erniedrigen&#8220; und &#8222;zu nichts machen&#8220; hei\u00dft, und darum hei\u00dfen die Christen in der Schrift an vielen Stellen &#8222;pauperes&#8220;, &#8222;afflicti&#8220;, &#8222;humiliati&#8220;, &#8222;arme&#8220;, &#8222;nichtige&#8220;, &#8222;verworfene&#8220; Leute, wie Ps. 116,10: &#8222;Ich bin gar sehr zunichte worden.&#8220; So ist humilitas nichts anderes als ein Wesen oder Zustand, bei dem man verachtet, unansehnlich und niedrig ist, wie es die armen, kranken, hungrigen, durstigen, gefangenen, leidenden und sterbenden Menschen sind. So war es bei Hiob in seiner Anfechtung und bei David, als er versto\u00dfen wurde aus seinem Reich, und bei Christus samt allen Christen in ihren N\u00f6ten. Das sind die Tiefen, von denen oben gesagt wurde, da\u00df Gottes Augen nur in die Tiefe sehen, Menschenaugen dagegen nur in die H\u00f6he. Darum hei\u00dft Jerusalem in der Schrift eine St\u00e4tte, darauf Gottes Augen sehen, d.h. die Christenheit liegt in der Tiefe und ist unansehnlich vor der Welt; drum sieht sie Gott an und hat seine Augen unverwandt \u00fcber ihr, wie er sagt Ps. 32,8: &#8222;Ich will meine Augen unverwandt auf dich richten.&#8220; So sagt auch S. Paulus 1.Kor. 1,27 f.: &#8222;Gott erw\u00e4hlt alles, was t\u00f6richt ist vor der Welt ist, auf da\u00df er zuschanden mache alles, was da klug ist vor der Welt, und erw\u00e4hlt, was da schwach und unt\u00fcchtig ist, auf da\u00df er zuschanden mache alles, was da stark und gewaltig ist. Er erw\u00e4hlt, was da nichts ist vor der Welt, auf da\u00df er zunichte mache alles, was etwas ist vor der Welt.&#8220; Damit macht er die Welt zur Torheit mit all ihrer Weisheit und ihrem Verm\u00f6gen und gibt eine andere Weisheit und ein anderes Verm\u00f6gen. Weil es nun einmal seine Art ist, in die Tiefe auf die unansehnlichen Dinge zu sehen, habe ich das W\u00f6rtlein &#8222;humilitas&#8220; verdeutscht mit &#8222;Nichtigkeit&#8220; oder &#8222;unansehnliches Wesen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was also Maria sagen will, ist das: &#8222;Gott hat mich armes, verachtetes, unansehnliches M\u00e4gdlein angesehen und h\u00e4tte doch wohl reiche, hohe, edle, m\u00e4chtige K\u00f6niginnen gefunden, T\u00f6chter von F\u00fcrsten und gro\u00dfen Herren. Er h\u00e4tte doch wohl des Hannas oder Kaiphas Tochter finden k\u00f6nnen, die die Obersten im Land gewesen w\u00e4ren; aber er hat auf mich seine Augen voll lauterer G\u00fcte geworfen und so eine geringe, verschm\u00e4hte Magd dazu gebraucht. Denn vor ihm sollte sich niemand r\u00fchmen, da\u00df er dessen w\u00fcrdig gewesen w\u00e4re oder sei; und auch ich mu\u00df bekennen, da\u00df es lauter Gnade und G\u00fcte und da\u00df gar nichts mein Verdienst oder meine W\u00fcrdigkeit ist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun haben wir oben schon genug davon gesagt, wie die liebliche Jungfrau mit ihrem unansehnlichen Wesen und Stand ganz unversehens zu dieser Ehre gekommen ist, da\u00df Gott sie so \u00fcbergn\u00e4dig angesehen hat. Darum r\u00fchmt sie sich nicht ihrer W\u00fcrdigkeit noch ihrer Unw\u00fcrdigkeit, sondern allein des Ansehens Gottes, das so \u00fcberg\u00fctig und \u00fcbergn\u00e4dig ist, da\u00df er auch eine solche geringe Magd angesehen hat und so herrlich und ehrenvoll ansehen wollte. Deshalb tun die ihr Unrecht, die da sagen, sie habe sich nicht ihrer Jungfrauschaft, sondern ihrer Demut ger\u00fchmt. Sie hat sich weder ihrer Jungfrauschaft noch ihrer Demut ger\u00fchmt, sondern einzig des gn\u00e4digen, g\u00f6ttlichen Ansehens; darum liegt die Betonung nicht auf dem W\u00f6rtlein &#8222;humilitatem&#8220;, sondern auf dem W\u00f6rtlein &#8222;respexit&#8220;. Denn ihre Nichtigkeit ist nicht zu loben, sondern Gottes Ansehen; gerade wie wenn ein F\u00fcrst einem armen Bettler die Hand reicht, so ist nicht des Bettlers Nichtigkeit, sondern des F\u00fcrsten Gnade und G\u00fcte zu preisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit aber dieser falsche Wahn ausgetrieben und die rechte Demut in ihrem Unterschied von der falschen erkannt werde, wollen wir ein wenig abschweifen und von der Demut etwas sagen; denn dar\u00fcber besteht bei vielen eine sehr irrige Meinung. Demut hei\u00dfen wir auf deutsch, was S. Paulus auf griechisch tapeinophrosyne nennt, und was auf lateinisch affectus vilitatis oder sensus humilium rerum (d.h. ein Wille zu oder ein Sinn f\u00fcr geringe, verachtete Dinge) hei\u00dft. Nun findet man hier viele, die das Wasser in den Brunnen tragen; das sind Menschen, die zeigen sich in geringen Kleidern, Stellungen, Geb\u00e4rden, St\u00e4tten und Worten, sind auch darauf bedacht und gehen damit um, jedoch in der Absicht, da\u00df sie dadurch vor den Hohen, Reichen, Gelehrten, Heiligen, ja auch vor Gott als Leute angesehen werden m\u00f6chten, die gerne mit geringen Dingen umgehn. Denn wenn sie w\u00fc\u00dften, da\u00df man davon nichts halten wollte, lie\u00dfen sie es fein anstehen. Das ist eine gemachte Demut. Denn ihr heuchlerisches Auge sieht nur auf den Lohn und den Erfolg der Demut, und nicht auf die geringen Dinge, abgesehen vom Lohn und Erfolg. Darum ist, wo der Lohn und der Erfolg nicht mehr in die Augen springt, die Demut aus. Solche Menschen kann man nicht &#8222;affectos vilitare&#8220; hei\u00dfen; sie haben keinen Willen und kein Herz zu geringen Dingen, sondern haben nur die Gedanken, den Mund, die Hand, das Kleid und die Geb\u00e4rden dabei. Ihr Herz aber schaut nach hohen, gro\u00dfen Dingen empor; zu ihnen gedenkt es durch solch dem\u00fctiges Blendwerk zu kommen. Und solche halten sich selber f\u00fcr dem\u00fctige, heilige Leute!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wahrhaft Dem\u00fctigen sehen nicht auf den Erfolg der Demut, sondern mit einf\u00e4ltigem Herzen sehen sie auf die niedrigen Dinge, gehen gerne damit um und werden selbst nie gewahr, da\u00df sie dem\u00fctig sind: Da quillt das Wasser aus dem Brunnen, da ist&#8217;s eine selbstverst\u00e4ndliche, ungesuchte Folge, da\u00df sie geringe Geb\u00e4rde, Rede, St\u00e4tte, Stellung und Kleidung an sich haben und tragen, dagegen gro\u00dfe und hohe Dinge meiden, wo sie k\u00f6nnen. Davon sagt David Ps. 131,1: &#8222;Herr, mein Herz ist nicht hoff\u00e4rtig, und meine Augen haben nicht emporgesehen usw.&#8220; Und Hiob 22,29 hei\u00dft es: &#8222;Wer sich erniedrigt, der wird zu Ehren kommen, und wer seine Augen niederschl\u00e4gt, der wird selig werden.&#8220; So kommt es darum auch, da\u00df solchen allezeit die Ehre unversehens widerf\u00e4hrt, und ihre Erh\u00f6hung kommt, ohne da\u00df sie daran denken. Denn sie haben sich in aller Einfalt gen\u00fcgen lassen an ihrem geringen Wesen und nie nach der H\u00f6he getrachtet. Aber die falschen Dem\u00fctigen wundert es, da\u00df ihre Ehre und Erh\u00f6hung so lange ausbleibt, und ihr heimlicher, falscher Hochmut l\u00e4\u00dft sich nicht gen\u00fcgen an seinem geringen Wesen, sondern denkt heimlich nur h\u00f6her und h\u00f6her. Darum, wie ich gesagt habe: Rechte Demut wei\u00df niemals, da\u00df sie dem\u00fctig ist; denn wenn sie es w\u00fc\u00dfte, so w\u00fcrde sie hochm\u00fctig vom Ansehen dieser sch\u00f6nen Tugend. Vielmehr h\u00e4ngt sie mit Herz, Gem\u00fct und allen Sinnen an den geringen Dingen; die hat sie unabl\u00e4ssig im Auge, das sind ihre Vorstellungen, mit denen sie umgeht. Und weil sie die im Auge hat, kann sie sich selbst nicht sehen noch ihrer selbst gewahr werden; noch viel weniger kann sie der hohen Dinge innewerden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum mu\u00df ihr die Ehre und H\u00f6he unversehens zukommen und sie in Gedanken vorfinden, denen die Ehre und H\u00f6he fremd sind. So sagt Luk. 1,29, da\u00df der Gru\u00df des Engels der Maria in ihren Augen seltsam erschien und da\u00df sie sich Gedanken machte, was das f\u00fcr ein Gru\u00df w\u00e4re, auf den sie nie gefa\u00dft war. W\u00e4re der Gru\u00df der Tochter des Kaiphas gebracht worden, so w\u00fcrde diese sich keine Gedanken dar\u00fcber gemacht haben, was das f\u00fcr ein Gru\u00df w\u00e4re; sie h\u00e4tte ihn alsbald angenommen und gedacht: &#8222;Ei, das ist gut so und sch\u00f6n.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umgekehrt wei\u00df falsche Demut nie, da\u00df sie Hochmut ist. Denn wenn sie das w\u00fc\u00dfte, w\u00fcrde sie bald dem\u00fctig vom Ansehen dieser h\u00e4\u00dflichen Untugend. Vielmehr h\u00e4ngt sie mit Herz, Gem\u00fct und Sinn an den hohen Dingen; die hat sie unabl\u00e4ssig im Auge; das sind ihre Vorstellungen, mit denen sie umgeht. Und so lange sie damit umgeht, kann sie selber nicht sehen noch ihrer selbst gewahr werden. Darum kommt ihr die Ehre nicht unerwartet und unversehens, sondern findet gleichartige Gedanken vor; die Besch\u00e4mung und Erniedrigung aber kommt ihr unversehens und ganz in nur zu viele andersartige Gedanken hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb ist&#8217;s nichts n\u00fctze, wenn man Demut in der Weise lehrt, da\u00df man geringe, verachtete Dinge vor die Augen stellt; umgekehrt wird niemand davon hochm\u00fctig, da\u00df man hohe Dinge vor die Augen stellt. Nicht die Vorstellungen, sondern das Sehen mu\u00df man abtun: wir m\u00fcssen hier leben unter hohen und niedrigen Vorstellungen, aber (wie Christus Mat. 18,9 sagt) das Auge mu\u00df ausgestochen sein. Mose erz\u00e4hlt 1. Mo. 3,7 nicht, da\u00df Adam und Eva nach dem Fall andre Dinge gesehen haben als vorher, sondern er sagt, ihre Augen seien aufgetan worden, da\u00df sie sich nackt sahen, obwohl sie doch vorher auch nackt waren, freilich es nicht gewahr wurden. Die K\u00f6nigin Esther trug eine reiche Krone auf ihrem Haupt und sprach doch (St\u00fccke in Esther 3,11), es sei in ihren Augen wie ein unreines Tuch. Da waren nicht die hohen Vorstellungen von ihr genommen, vielmehr ihr als einer m\u00e4chtigen K\u00f6nigin in Menge vor die Augen ger\u00fcckt, und es war keine niedrige Vorstellung vor ihr. Aber die Art ihres Sehens war niedrig; Herz und Gem\u00fct sah nicht nach gro\u00dfen Dingen. Darum tat Gott Wunder durch sie. Wo m\u00fcssen nicht die Dinge, sondern wir verwandelt werden in Gem\u00fct und Sinn; dann wird sich&#8217;s von selbst lernen, hohe Dinge zu verachten und zu fliehen, niedrige Dinge zu achten und zu suchen. Dann ist die Demut grundgut und best\u00e4ndig in jeder Hinsicht und wird doch ihrer selbst niemals gewahr. Das geht mit Lust zu, und das Herz bleibt sich stets gleich, wie auch die Dinge sich wandeln oder geben, hoch oder niedrig, gro\u00df oder klein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oh, es steckt ein gar gro\u00dfer Hochmut unter den dem\u00fctigen Kleidern, Worten und Geb\u00e4rden, von denen die Welt zur Zeit voll ist. Sie machen sich selber in der Weise ver\u00e4chtlich, da\u00df sie dann doch von niemand verachtet sein wollen; sie fliehen die Ehre so, da\u00df sie dann doch damit verfolgt sein wollen; sie meiden die hohen Dinge, damit man sich dann doch um sie bem\u00fche, sie preise und ihre Sache nicht die geringste sein lasse. Aber diese Jungfrau hier redet von nichts anderem als von ihrer Nichtigkeit, worin sie gerne gelebt hat und geblieben ist; sie hat nie an Ehre oder H\u00f6he gedacht, ist auch nicht dessen innegeworden, da\u00df sie dem\u00fctig gewesen ist. Die Demut ist etwas so Feines und so Kostbares, da\u00df sie es nicht ertragen kann, ihr Eigenstes anzusehen, sondern dies zu schauen ist allein dem g\u00f6ttlichen Sehen vorbehalten, wie Ps. 113,6 sagt: &#8222;Er siehet an die Niedrigen im Himmel und auf Erden.&#8220; Denn wer seine eigene Demut sehen k\u00f6nnte, der k\u00f6nnte \u00fcber sich selber das Urteil f\u00e4llen, da\u00df er zur Seligkeit gelange, und damit w\u00e4re Gottes Gericht schon hinf\u00e4llig; wissen wir doch, da\u00df Gott die Dem\u00fctigen gewi\u00df selig macht. Darum mu\u00df Gott es sich selber vorbehalten, die Demut zu erkennen und anzusehen, und mu\u00df sie vor uns verbergen, indem er uns geringe Dinge vor Augen stellt und uns darin \u00fcbt; bei denen vergessen wir es, uns selber anzusehen. Dazu dient nun so viel Leiden, Sterben und allerlei Ungemach auf Erden, damit wir zu schaffen und M\u00fche und Arbeit haben, das falsche Auge auszustechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sehen wir klar aus diesem W\u00f6rtlein &#8222;Humilitas&#8220;, da\u00df die Jungfrau Maria ein verachtetes, geringes M\u00e4gdlein ohne Ansehen gewesen ist, wobei sie Gott gedient hat, ohne zu wissen, da\u00df ihr unansehnlicher Stand so hohes Ansehen genie\u00dfe vor Gott. Dadurch sollen wir uns tr\u00f6sten lassen: Es mag wohl gern sein, da\u00df wir erniedrigt und verachtet sind; dennoch sollen wir darin nicht verzagen, als sei Gott zornig \u00fcber uns, sondern vielmehr hoffen, da\u00df er uns gn\u00e4dig ist. Wir sollen allein darum bek\u00fcmmert sein, weil wir nicht willig genug und gern in solcher Erniedrigung sind, damit nicht vielleicht das falsche Auge zu weit offen stehe und uns betr\u00fcge, indem es heimlich nach der H\u00f6he oder nach eigenem Wohlgefallen sucht, womit die Demut ganz in Tr\u00fcmmer geht. Denn was hilft&#8217;s die Verdammten, da\u00df sie auf die niedrigste Stufe herabgedr\u00fcckt sind, solange sie nicht gern und willig darin sind? Und was schadet&#8217;s allen Engeln, da\u00df sie aufs h\u00f6chste erhaben sind, solange sie nicht mit falscher Lust daran h\u00e4ngen? Kur: Es lehrt uns dieser Vers Gott recht erkennen, dadurch, da\u00df er deutlich macht, Gott sehe auf die Niedrigen, Verachteten. Und der erkennt Gott recht, der wei\u00df, da\u00df Gott auf die Niedrigen sieht, wie schon oben gesagt ist, und aus dieser Erkenntnis folgt dann Liebe und Vertrauen zu Gott, da\u00df sich der Mensch ihm willig ergibt und folgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Lobgesang der Maria (Magnificat) 1520 \u2013 Teil I 1. Meine Seele erhebt Gott, den Herrn, 2. und mein Geist freuet sich in Gott, meinem Heiland. 3. Denn er hat mich, seine geringe Magd, angesehen, darum werden mich selig preisen Kindeskinder ewiglich. 4. 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