{"id":2323,"date":"2008-08-18T14:11:44","date_gmt":"2008-08-18T12:11:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2323"},"modified":"2009-09-06T12:30:03","modified_gmt":"2009-09-06T10:30:03","slug":"die-sprache-die-die-sprache-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2323","title":{"rendered":"Die Sprache, die die Sprache spricht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Sprache, die die Sprache spricht.<\/p>\n<p><\/strong><strong>Rede zur Sprache, gehalten vor der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft zu K\u00f6then (Anhalt) am Tag der deutschen Sprache 2007<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich eine Rede zu halten habe wie die, die Ihnen allen jetzt bevorsteht, und unter den Zuh\u00f6rern so ganz junge Gesichter sehe, tun sie, die Jungen und J\u00fcngsten, mir leid, denn f\u00fcr sie w\u00fcrde ich lieber eine andere Rede halten. Vielleicht w\u00fcrde ich aus Briefen vorlesen, die mir Sch\u00fcler schrieben.<!--more-->\u00a0Vor einiger Zeit erhielt ich folgendes Fax: \u201eBitte wegen Deutsch-Abitur um kurze Inhaltsangabe Ihrer B\u00fccher und was Sie selber davon halten. Eilt, weil Pr\u00fcfung schon am Donnerstag.\u201c In einem Brief aus Bremerv\u00f6rde hie\u00df es: \u201eF\u00fcr die Ausarbeitung einer Interpretation eines Ihrer Gedichte bitte ich Sie um eine Stellungnahme \u2026 Wir wenden uns direkt an Sie, weil Sie einer der wenigen Dichter sind, die wir bearbeitet haben und die noch nicht das Zeitliche gesegnet haben \u2026\u201c Die jungen Redakteure der Sch\u00fclerzeitung \u201eDas Nashorn\u201c, Schule Grolland, Bremen, baten mich um einen Vierzeiler \u00fcber das Nashorn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Scherzo f\u00fcr Nashorn<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Nashorn ist<br \/>\nein Nashornist,<br \/>\nder sich nie trennt<br \/>\nvom Instrument.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch ich mu\u00df mich leider anderen Themen zuwenden und bitte um Entschuldigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Damen und Herren, vergangenes Jahr erschien in London die englische Ausgabe einer aus dem Deutschen \u00fcbersetzten Publikation \u00fcber die dichterische Existenz Peter Huchels in den beiden deutschen Diktaturen, und der Originaltitel, \u201eDie Chausseen der Dichter\u201c, der sich auf Huchels ber\u00fchmten Gedichtband \u201eChausseen. Chausseen\u201c bezieht, erwies sich als un\u00fcbersetzbar. Die Sprachmacht des englischen \u00dcbersetzers steht au\u00dfer Frage \u2013 er \u00fcbersetzte Adorno und Benjamin, letzteren f\u00fcr die Harvard-Edition.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Worin bestand die Un\u00fcbersetzbarkeit des Titels \u201eDie Chausseen der Dichter\u201c ins Englische? Einige Verse aus Peter Huchels Gedicht \u201eDezember 1942\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Wintergewitter ein rollender Hall.<br \/>\nZerschossen die Lehmwand von Bethlehems Stall \u2026<br \/>\nDrei Landser ziehen vermummt vorbei.<br \/>\nNicht brennt ihr Ohr von des Kindes Schrei \u2026<br \/>\nVor Stalingrad verweht die Chaussee.<br \/>\nSie f\u00fchrt in die Totenkammer aus Schnee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Titelgedicht des Huchel-Bandes beginnt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 Chausseen. Chausseen.<br \/>\nKreuzwege der Flucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem anderen Gedicht hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zerschossene Schl\u00e4fe des Dorfs \u2026<br \/>\nVor mir In schmerzender Helle<br \/>\nDie stinkende Wunde der Chaussee \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Gedicht \u201eBericht des Pfarrers vom Untergang seiner Gemeinde\u201c endet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O \u00f6de Stadt, wie war es sp\u00e4t,<br \/>\nEs gingen die Kinder, die Greise<br \/>\nAuf staubigen F\u00fc\u00dfen durch mein Gebet.<br \/>\nDie l\u00f6chrigen Stra\u00dfen sah ich sie gehen<br \/>\nUnd wenn sie schwankten unter der Last<br \/>\nUnd st\u00fcrzten mit gefrorener Tr\u00e4ne,<br \/>\nNie kam im Nebel der langen Winterchausseen<br \/>\nEin Simon von Kyrene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfahrungen, die sich f\u00fcr Peter Huchel und Millionen Deutsche, die den \u00dcberfall auf die Sowjetunion und seine Folgen \u00fcberlebten, mit dem Wort \u201eChaussee\u201c verbanden und verbinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Titel \u201eDie Chausseen der Dichter\u201c zu \u00fcbersetzen, scheiterte nicht daran, da\u00df man im Englischen f\u00fcr \u201eChaussee\u201c nur das im Gro\u00dfen Oxford-Duden als veraltet apostrophierte \u201ehighroad\u201c kennt, im Amerikanischen nur \u201ehighway\u201c, die \u00dcbersetzung scheiterte an den Vorstellungen, die diese W\u00f6rter bei Engl\u00e4ndern und Amerikanern hervorrufen. Ich habe mir von einem Engl\u00e4nder sagen lassen, da\u00df er, wenn er \u201ehighroad\u201c h\u00f6rt, an eine mittelalterliche Landstra\u00dfe denkt, an der die Wegelagerer die herrschaftlichen Kutschen zu \u00fcberfallen pflegten und die Fuhrwerke der H\u00e4ndler ausraubten. Am Wort h\u00e4ngt Geschehen, h\u00e4ngen Geschichten, h\u00e4ngt Geschichte, sie lagern sich an das Wort an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Londoner Verleger entschlo\u00df sich deshalb, f\u00fcr die englische Ausgabe einen anderen Titel zu w\u00e4hlen, und da in dem Buch der H\u00f6lderlin-Vers zitiert wird \u201e\u2026 und wozu Dichter in d\u00fcrftiger Zeit\u201c, entschied er sich f\u00fcr den Titel \u201eIn d\u00fcrftiger Zeit\u201c. Das Englische bietet f\u00fcr das Wort \u201ed\u00fcrftig\u201c zahlreiche Begriffe, aber es existiert kein Wort, das dem entspr\u00e4che, was H\u00f6lderlin mit \u201ed\u00fcrftig\u201c meint. Die g\u00e4ngige englische \u00dcbersetzung des Verses \u201e\u2026 und wozu Dichter in d\u00fcrftiger Zeit\u201c lautet \u201e\u2026 and what use are poets in time of need\u201c (und was n\u00fctzen Dichter in Zeiten der Not).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unvorstellbar, da\u00df H\u00f6lderlin die Bedeutung des Dichters in Zeiten der Not in Frage gestellt h\u00e4tte. \u201eIn time of need\u201c ist nicht nur eine unzutreffende, sondern eine den Dichter Friedrich H\u00f6lderlin zutiefst verkennende \u00dcbersetzung. Nach dem Gedicht \u201eBrot und Wein\u201c, dem der Vers entnommen ist, sind f\u00fcr H\u00f6lderlin jene Zeiten d\u00fcrftig, die kein \u201ek\u00fchneres Leben\u201c erlauben, in denen f\u00fcr die Menschen \u201edas Gr\u00f6\u00dfere zu gro\u00df\u201c geworden und somit es besser ist, \u201ezu schlafen, wie so ohne Genossen zu sein\u201c, mit denen man aufbrechen k\u00f6nnte \u201ezu h\u00f6chsten Freuden\u201c. H\u00f6lderlin empfindet Zeiten als d\u00fcrftig, in denen der Dichter vergebens ruft: \u201eSo komm! Da\u00df wir das Offene schauen,\/ Da\u00df ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Titel \u201eDie Chausseen der Dichter\u201c wurde der Titel \u201eIn d\u00fcrftiger Zeit\u201c, und der Titel \u201eIn d\u00fcrftiger Zeit\u201c mutierte zu \u201eIn Zeiten der Not\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen wir an, die V\u00f6lker der Erde k\u00e4men \u00fcberein, zugunsten des Englischen auf ihre eigenen Sprachen zu verzichten, und ihre mitunter jahrhundertealten Literaturen w\u00e4ren eines Tages nur noch in englischer \u00dcbersetzung zu lesen \u2013 was an menschlichem Ausdruck und Ausdruck des Menschlichen, was an unverzichtbarer Erinnerung ginge verloren! Das hat nichts mit Englisch als Sprache zu tun, auf welche Sprache die V\u00f6lker sich auch einigten, in keiner w\u00e4re es anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera, der seit Jahrzehnten in Paris lebt und seine B\u00fccher inzwischen auf franz\u00f6sisch schreibt, \u00e4u\u00dferte \u00fcber eine 1975 im tschechoslowakischen Untergrund erschienene Gedichtsammlung seines Landsmannes Jan Sk\u00e1cel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSk\u00e1cels Verse sind \u2026 eine unglaubliche Verbindung von h\u00f6chstm\u00f6glicher Einfachheit und tiefstem, absolut origin\u00e4rem Denken. Trotz seiner Einfachheit (oder eben deswegen) ist Sk\u00e1cel einer der am schwersten zu \u00fcbersetzenden Dichter. Jedes seiner Gedichte durchlebt den Schwindel \u00fcber dem etymologischen Abgrund, der in den einzelnen tschechischen W\u00f6rtern verborgen ist; Sk\u00e1cel fragt sich, was diese W\u00f6rter bedeuten, was sie bedeuteten, was sich in ihnen an Vergessenem verbirgt. Seine Poesie ist ein Beweis daf\u00fcr \u2026, da\u00df die tschechische Sprache unersetzbar, da\u00df sie ein Zauberwert ist \u2026 (In diesem Sinn erinnern mich Sk\u00e1cels Verse entfernt und indirekt an Heidegger. Er l\u00e4\u00dft zuweilen das Deutsche f\u00fcr sich selbst philosophieren; seine Meditationen sind oft nichts anderes als ein langer Blick auf den etymologischen Grund der deutschen W\u00f6rter, und er ist deshalb au\u00dferhalb der deutschen Sprache undenkbar.)\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne die deutsche Sprache k\u00f6nnte die Menschheit manches nicht denken, das zu denken menschenm\u00f6glich ist, und ohne das Tschechische nicht bestimmte, nur dieser Sprache vorbehaltene Poesieerfahrungen machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einer Diskussion im b\u00f6hmischen Karlsbad kamen wir darauf zu sprechen, wie man auf tschechisch sagt \u201eWort ist Zeichen\u201c (die Frage stellte sich im Zusammenhang mit Sartres Unterscheidung zwischen der Dinglichkeit des Tons in der Musik und der Zeichenhaftigkeit der Sprache). Das Tschechische kennt verschiedene W\u00f6rter f\u00fcr \u201eZeichen\u201c, zum Beispiel in Wendungen wie \u201ezum Zeichen, da\u00df \u2026\u201c oder \u201eim Zeichen des L\u00f6wen\u201c, f\u00fcr das typographische oder orthographische Zeichen, doch die \u00dcbersetzung von \u201eWort ist Zeichen\u201c bereitete den Karlsbader Gespr\u00e4chspartnern erhebliche Schwierigkeiten. Als ich Milan Kundera, der damals noch in Prag lebte, davon erz\u00e4hlte, sagte er, dem Tschechischen gingen viele dieser Abstrakta ab, weshalb auch Kant noch nicht komplett \u00fcbersetzt sei. Verst\u00e4ndlich, wenn man bedenkt, da\u00df nach der Schlacht am Wei\u00dfen Berg 1620 in B\u00f6hmen eine Germanisierung einsetzte, die die tschechische Sprache f\u00fcr zweihundert Jahre in die Gesindestuben verbannte, wo sie vorwiegend in Liedern, Gedichten, M\u00e4rchen und Mythen \u00fcberdauerte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Jan Sk\u00e1cels Gedicht \u201eBer\u00fchrungen\u201c gibt es einen un\u00fcbersetzbaren Vers \u00fcber das Lieschgras. Auf tschechisch hei\u00dft das Lieschgras \u201ebojinek\u201c, und das bedeutet \u201ekleiner \u00c4ngstling\u201c. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt lautet der Vers \u201eEs \u00e4ngstigt sich \u00e4ngstigt sich der kleine \u00c4ngstling\u201c. Im Original h\u00f6rt man das ver\u00e4ngstigte Gras leis vor sich hinweinen: Boj\u00ed se boj\u00ed boj\u00ednek.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Spanierin schrieb an den Deutschen Sprachrat \u00fcber das Wort \u201eFernweh\u201c: \u201eDieses Wort ist f\u00fcr mich das sch\u00f6nste deutsche Wort, weil es das Wort ist, das ich lebenslang gesucht habe. Bis ich angefangen habe, Deutsch zu lernen, habe ich dieses Gef\u00fchl nicht benennen k\u00f6nnen. Es ist komisch, etwas zu sp\u00fcren und kein Wort daf\u00fcr zu haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Sprache verf\u00fcgt \u00fcber Ausdrucksm\u00f6glichkeiten, die allein ihr eigen sind, und die Gesamtheit dieser Ausdrucksm\u00f6glichkeiten ergibt den Sprachhorizont der Menschheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den traditionellen afrikanischen Gesellschaften sei die Zeit \u201eeine Abfolge von Ereignissen, die sich begeben haben, gerade erst stattfinden oder kurz bevorstehen\u201c, berichtet der in Kenia geborene Religionsphilosoph John S. Mbiti. Der lineare Zeitbegriff im westlichen Denken mit unbegrenzter Vergangenheit, fl\u00fcchtiger Gegenwart und unendlicher Zukunft sei der afrikanischen Mentalit\u00e4t v\u00f6llig fremd. Die Zukunft scheide praktisch aus, da in ihr liegende Ereignisse nicht stattgefunden haben, unverwirklicht sind und daher keine Zeit darstellen k\u00f6nnten. Wenn Afrikaner Zeitrechnungen anstellen, geschehe das \u201ezu einem konkreten Zweck in Verbindung mit bestimmten Ereignissen\u201c. Der Philosoph weist dieses Zeitempfinden am Wortschatz afrikanischer Sprachen nach. Neben Begriffen f\u00fcr \u201egestern\u201c, \u201evorgestern\u201c und \u201efr\u00fcher\u201c kenne die Sprache der Kamba und Kikuju in Kenia lediglich W\u00f6rter f\u00fcr \u201ein etwa zwei bis sechs Monaten, innerhalb einer kurzen Zeitspanne, \u2026 gerade vor sich gehend, \u2026 ungef\u00e4hr innerhalb der vergangenen Stunde\u201c und \u201evon der Zeit des Aufstehens bis etwa zwei Stunden\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Sprachgef\u00fchl der Koreaner wird ma\u00dfgeblich von Wahrnehmungsverben bestimmt, die, so die \u00dcbersetzerin Hoo Nam Seelmann, ein Geschehen ausdr\u00fccken, das m\u00fchelos anmutet. Statt \u201eIch sehe die Blume\u201c sage man gern \u201eDie Blume bietet sich den Augen dar\u201c. Nach Seelmann steht hier die Welt mit dem Menschen \u201edurch blo\u00dfes Dasein\u201c im Austausch. Nicht erst der Mensch stellt die Verbindung her, sondern die Natur selbst, und zwar \u201eohne aufdringlich zu sein\u201c. In der koreanischen Tradition wird das Weltverh\u00e4ltnis als etwas gedacht, das jenseits des individuellen Wollens liegt. Deshalb meiden Koreaner auch Festlegungen, was sich ebenfalls in der Sprache niederschl\u00e4gt. Verbendungen halten die Dinge in der Schwebe. Auf die Frage, ob etwas wirklich so gewesen sei, lautet die \u00fcbliche Antwort \u201eEs sieht so aus, als sei es so gewesen\u201c. Selten erh\u00e4lt man eine klare Antwort wie \u201eja\u201c oder \u201enein\u201c. (Bei Reisen nach Ostasien oder als Gastgeber eines lieben koreanischen Besuchs stellt uns, meine Frau und mich, diese Mentalit\u00e4t gelegentlich vor Probleme.) Seelmann weist darauf hin, da\u00df dieses Sichzur\u00fccknehmen gegen\u00fcber dem Gespr\u00e4chspartner in Korea als h\u00f6flich gilt, da man die eigene Meinung dem anderen nicht aufdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Damen und Herren, keine Errungenschaft des homo sapiens d\u00fcrfte in \u00e4hnlicher Weise identit\u00e4tsges\u00e4ttigt sein wie die Muttersprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schweizer Historiker, Schriftsteller und Diplomat Carl Jacob Burckhardt \u00fcbermittelte uns ein Credo seines Lehrers Otto von Greyerz, mit dem ihn \u201eeines \u2026 unl\u00f6slich\u201c verbunden habe, \u201edie Liebe zur deutschen Sprache\u201c. Das Credo besagt, jede Generation sei verantwortlich f\u00fcr die Lebenskraft der Sprache, in deren Ver\u00e4nderungen sie sich, wie durch keinen anderen Vorgang, selbst darstelle und richte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Inhaberin des Lehrstuhls f\u00fcr Klassische Philologie an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, Christine Schmitz, verglich die im Berliner Schulbuchverlag Cornelsen erschienenen Klassikerbearbeitungen des Studiendirektors Diethard L\u00fcbke mit den Originaltexten und kam, wie sie schreibt, \u201eaus dem Staunen nicht heraus\u201c. In Gottfried Kellers Novelle \u201eKleider machen Leute\u201c darf der Gastwirt nicht mehr \u201ewacker\u201c sein, \u201ewacker\u201c wird ersetzt durch \u201eehrlich\u201c. Statt \u201eda\u00df dergleichen in dieser Stadt \u2026 nicht angeht\u201c hei\u00dft es \u201eda\u00df so etwas in dieser Stadt \u2026 nicht m\u00f6glich ist\u201c, und anstelle von \u201edazu trank er den Wein in t\u00fcchtigen Z\u00fcgen\u201c lesen wir \u201edazu trank er den Wein, ohne das Glas abzusetzen\u201c. \u201eSchalkhaft\u201c wird zu \u201elustig\u201c, \u201edurchtrieben\u201c zu \u201epfiffig\u201c, \u201edem\u00fctig\u201c zu \u201eunterw\u00fcrfig\u201c. Allein in diesen wenigen Beispielen wird der Wortschatz der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler um die Begriffe \u201ewacker\u201c, \u201edergleichen\u201c, \u201eangehen\u201c, \u201et\u00fcchtige Z\u00fcge\u201c, \u201eschalkhaft\u201c, \u201edurchtrieben\u201c und \u201edem\u00fctig\u201c verringert, ganz zu schweigen vom Verlust an Wendungen wie \u201ees geht nicht an\u201c oder von inhaltlichen Verf\u00e4lschungen wie das Ersetzen des Wortes \u201edem\u00fctig\u201c durch \u201eunterw\u00fcrfig\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Philologe Robert Mildenberger schrieb in der Zeitung \u201eDeutsche Sprachwelt\u201c (\u201eKann man Rechtschreibung reformieren?\u201c, DSW 21, Seite 6): \u201eEin Kulturverband wird durch einen gemeinsamen, \u00fcber die pers\u00f6nliche Lebensgrenze der Kulturtr\u00e4ger r\u00e4umlich und zeitlich hinausgehenden verbindlichen geistigen Besitz konstituiert. Bildung bedeutet die F\u00e4higkeit, an diesem geistigen Besitz selbst\u00e4ndig und unmittelbar teilzuhaben \u2026 In dem Augenblick, in dem wir uns von unserer Hochsprache verabschieden, beginnen Kant und Des Knaben Wunderhorn zu verstummen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Hochsprache verabschiedet man sich vornehmlich dadurch, da\u00df man sich von ihren W\u00f6rtern verabschiedet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wir lassen es nicht dabei bewenden. Eine Gymnasialprofessorin aus dem \u00f6sterreichischen Judenburg, die nach dem Ausscheiden aus dem Schuldienst nochmals ein Studium begonnen hat, schreibt mir:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch besuche zur Zeit die Vorlesung eines Professors aus Triest, der auch Dolmetscher f\u00fcr Deutsch und Italienisch ist \u2026 und uns fast in jeder Stunde seine Ersch\u00fctterung \u00fcber die Aush\u00f6hlung der deutschen Sprache kundtut \u2026 Dieser Professor sagt, da\u00df es zu einem regelrechten Ausmerzen jener W\u00f6rter komme, die ein Werturteil bedeuten. Das Wort \u201aHochdeutsch\u2018 oder \u201aHochsprache\u2018 d\u00fcrfe bei \u00dcbersetzungen nicht mehr verwendet werden. Daf\u00fcr sei \u201aStandardsprache\u2018 einzusetzen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verwundert es da noch, wenn, wie die \u201eDeutsche Sprachwelt\u201c berichtete, ein junger Deutschlehrer sagt: \u201eIch glaube nicht, da\u00df die deutsche Sprache etwas so Bedeutendes darstellt, da\u00df man sie unbedingt erhalten m\u00fc\u00dfte.\u201c (Zitat aus: \u201eLehrer f\u00fcr die deutsche Sprache\u201c, DSW 21, Seite 1)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gest\u00f6rter kann das Verh\u00e4ltnis zur eigenen Sprache nicht sein. Wir verabschieden uns nicht nur von der Hochsprache, sondern auch von uns selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das Wort \u201edem\u00fctig\u201c streicht, weil er meint, es werde von jungen Menschen nicht mehr verstanden, nimmt ihnen die Chance, sich bewu\u00dft zu werden, da\u00df etwas verlorengegangen ist \u2013 das n\u00e4mlich, was das Wort benennt, die Demut. In der Klassikerausgabe des Cornelsen-Schulbuchverlages wird das Wort zudem ersetzt durch \u201eunterw\u00fcrfig\u201c, Demut also gleichgesetzt mit etwas Ver\u00e4chtlichem. Demut, die Selbstbescheidung des Menschen, ist aber ein wesentliches Attribut seiner W\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abschied von der Hochsprache geht einher mit dem Abschied vom Humanen. Je gest\u00f6rter das Verh\u00e4ltnis zur eigenen Sprache ist, desto schutzloser ist sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schreibe ich, wie die Reformer es verlangten, in dem Satz \u201eDu hast nicht recht\u201c das Wort \u201erecht\u201c gro\u00df, handelt es sich gewi\u00df um einen Satz aus deutschen W\u00f6rtern, aber nicht mehr um einen deutschsprachigen Satz. Kein muttersprachlicher Deutscher sagt \u201eDu hast nicht Freude\u201c oder \u201eDu hast nicht Geduld\u201c, sondern \u201eDu hast keine Freude\u201c, \u201eDu hast keine Geduld\u201c. Der Satz kann also, soll er ein deutschsprachiger Satz bleiben, nur lauten \u201eDu hast kein Recht\u201c, was selbstverst\u00e4ndlich etwas anderes bedeutet als \u201eDu hast nicht recht\u201c. Sobald ich lehre, es sei richtig, in dem Satz \u201eDu hast nicht recht\u201c das Wort \u201erecht\u201c gro\u00df zu schreiben, heble ich das Sprachgef\u00fchl aus, das sich seit mehr als einem Jahrhundert herausgebildet hat. Der Rat f\u00fcr Rechtschreibung erlaubt neuerdings Gro\u00df- und Kleinschreibung. Der Duden empfiehlt, \u201erecht haben\u201c klein zu schreiben, nach dem Wahrig-W\u00f6rterbuch soll gro\u00df geschrieben werden, und das Schweizer Handbuch \u201eDie wichtigen Rechtschreibregeln\u201c erweckt den Anschein, es gelte nach wie vor nur die Gro\u00dfschreibung. Abgesehen vom Chaos, die S\u00fcnde besteht darin, da\u00df die intuitive, vom Regelwissen unabh\u00e4ngige Sprachkompetenz au\u00dfer Kraft gesetzt wird, und diese S\u00fcnde ist unverzeihlich, denn einem Kind kann im Hinblick auf die Muttersprache nichts Verunsichernderes widerfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Einf\u00fcgung: In einem Brief der Nieders\u00e4chsischen Staatskanzlei vom 7. August dieses Jahres hei\u00dft es: \u201eMit den Beschl\u00fcssen der Kultusminister- und der Ministerpr\u00e4sidentenkonferenz vom M\u00e4rz 2006, die Empfehlungen des Rates f\u00fcr deutsche Rechtschreibung anzunehmen, konnte endlich wieder Ruhe und Verbindlichkeit in die Rechtschreibung einkehren.\u201c Wann endlich wird man aufh\u00f6ren, den Staatsb\u00fcrgern Staatssand in die Augen zu streuen!)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Substantive, die als Adverbien (Umstandsw\u00f6rter) gebraucht werden, schreibt man im Deutschen klein. In \u201evor kurzem\u201c, was, wie jeder wei\u00df, \u201ek\u00fcrzlich\u201c bedeutet und nicht \u201evor etwas Kurzem\u201c, darf \u201ekurzem\u201c gro\u00df geschrieben werden. In den Wendungen \u201eim allgemeinen\u201c, \u201eim einzelnen\u201c oder \u201edes weiteren\u201c gilt nur noch Gro\u00dfschreibung als richtig. In \u201enicht im geringsten\u201c mu\u00df gro\u00df geschrieben werden, in \u201enicht im mindesten\u201c ist jedoch auch Kleinschreibung erlaubt. Wie schreiben Sie, wenn in \u201egestern nacht\u201c \u201eNacht\u201c gro\u00df geschrieben werden mu\u00df, \u201egestern fr\u00fch\u201c? Klein ist ebenso richtig wie gro\u00df. An die Stelle einer einfachen Regel ist Willk\u00fcr getreten, womit erreicht wird, was in den Anf\u00e4ngen der Reformbewegung als eines ihrer Ziele proklamiert wurde \u2013 die \u201eDeregulierung\u201c der Hochsprache, damals \u201eHerrschaftssprache\u201c genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Sitzung der Schweizer Orthographischen Konferenz erl\u00e4uterte der Lehrer Stefan Stirnemann, wie durch Gro\u00dfschreibung von Adverbien Bedeutungsunterscheidungen verlorengehen. In Thomas Manns \u201eDoktor Faustus\u201c hei\u00dft es: \u201eUnd doch ist es f\u00fcr das h\u00f6here Individuum auch wieder ein gro\u00dfer Genu\u00df, einmal mit Haut und Haar im Allgemeinen unterzugehen.\u201c Hier geht das Besondere im Allgemeinen unter \u2013 keine Frage, da\u00df beides gro\u00df geschrieben werden mu\u00df. Wenn dagegen in einem Satz des Sprachforschers Hermann Paul von \u201eKonstruktionsweisen\u201c die Rede ist, die \u201eim allgemeinen untergehen\u201c, bedeutet \u201eim allgemeinen\u201c \u201emeistenfalls\u201c und mu\u00df, will man Irritation oder Mi\u00dfverstehen vermeiden, klein geschrieben werden, was nicht mehr erlaubt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat zwar eingestanden, da\u00df die Rechtschreibreform \u201efalsch\u201c war, aber im gleichen Atemzug wissen lassen, da\u00df man die Sprache f\u00fcr ein minderwertigeres Gut h\u00e4lt. Wie wir aus berufenem Mund erfahren durften, hat die Sprache hinter der Staatsr\u00e4son zur\u00fcckzustehen, und so gibt es offensichtlich keinerlei Veranlassung, staatlicherseits am gegenw\u00e4rtigen Zustand etwas zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kinder der gesamten Sprachgemeinschaft wird wissentlich sprachlich Falsches gelehrt. Die Erkenntnis, da\u00df Vergehen an der Muttersprache Vergehen an der Menschheit ist, scheint noch nicht ins Bewu\u00dftsein der politisch Verantwortlichen gedrungen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor der verbindlichen Einf\u00fchrung der neuen Rechtschreibung sagte eine Kultusministerin im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch, die Reform werde wie vorgesehen kommen, und was danach an den Schreibweisen ge\u00e4ndert werde, interessiere sie nicht mehr. Die leitende Lektorin f\u00fcr Deutsch als Fremdsprache eines weltweit agierenden staatlichen Instituts \u00e4u\u00dferte zur gleichen Zeit im Rundfunk, ihr sei es v\u00f6llig egal, wie man was schreibt, sie wolle nur wissen, was amtlich als richtig gilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo Menschen mit dieser inneren Bindung an die eigene Sprache regieren und redigieren, ist das, was eine Sprachgemeinschaft von hundert Millionen Menschen in hundert Jahren an Sprachgef\u00fchl entwickelt und an Sprachintelligenz investiert hat, ausl\u00f6schbar auf dem Amtsweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eTr\u00f6stlich ist\u201c, schreibt Robert Mildenberger, \u201eda\u00df wir schon mehrere kulturelle Eiszeiten \u00fcberlebt haben: Nach einer \u00fcber hundertj\u00e4hrigen Unterbrechung standardsprachlicher Literatur entstand in der Stauferzeit auf der Basis des Alemannischen wieder eine deutsche Literatursprache; nach der \u2026 Alternative zwischen Barbarei und Franzosentum erwachte im 17. Jahrhundert wieder das Interesse an der deutschen Sprache in Form von Sprach- und Dichtungsgesellschaften.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich freue mich, da\u00df ich diese Rede vor der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft zu K\u00f6then\/Anhalt halten durfte. M\u00f6ge sie sich von jenen Sprachgesellschaften abheben, die in j\u00fcngster Vergangenheit auf so fatale Weise versagt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kollegen der Deutschen Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung in Darmstadt gaben einer Schrift \u00fcber den Orthographiestreit den Titel \u201eNiemand hat das letzte Wort\u201c. Niemand vielleicht, aber eine schon, die Sprache \u2013 vorausgesetzt, da\u00df man ihr das letzte Wort l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich danke Ihnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Reiner Kunze zum 75. Geburtstag am 16. August 2008<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Entnommen aus: www.fruchtbringende-gesellschaft.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sprache, die die Sprache spricht. Rede zur Sprache, gehalten vor der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft zu K\u00f6then (Anhalt) am Tag der deutschen Sprache 2007 Wenn ich eine Rede zu halten habe wie die, die Ihnen allen jetzt bevorsteht, und unter den Zuh\u00f6rern so ganz junge Gesichter sehe, tun sie, die Jungen und J\u00fcngsten, mir leid, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":180,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2323"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/180"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2323"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2323\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3125,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2323\/revisions\/3125"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}