{"id":22915,"date":"2026-08-18T09:22:03","date_gmt":"2026-08-18T07:22:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=22915"},"modified":"2026-08-18T09:28:52","modified_gmt":"2026-08-18T07:28:52","slug":"die-entweihung-des-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=22915","title":{"rendered":"Die Entweihung des Menschen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Jahr 2024 markierte den achtzigsten Jahrestag der Vorlesungen von C.S. Lewis, aus denen sp\u00e4ter sein Buch <a href=\"https:\/\/www.evangelium21.net\/amazon-weiterleitung?url=https%3A%2F%2Famzn.to%2F3wicFI0\"><em>Die Abschaffung des Menschen<\/em><\/a> hervorging. Auf dem H\u00f6hepunkt des Zweiten Weltkriegs identifizierte Lewis das zentrale Problem der Moderne: Der Welt kamen der Sinn und die Bedeutung wahren Menschseins abhanden. W\u00e4hrend die technischen Errungenschaften des Menschen wieder einmal dazu benutzt wurden, menschliches Leben in industriellem Ma\u00dfe zu vernichten, wies Lewis auf die Entmenschlichung hin, die sich ringsherum vollzog.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im weiteren Verlauf des Krieges wurden seine Behauptungen durch die Endl\u00f6sung und die Atombombe noch weiter best\u00e4tigt. Die moderne Kriegsf\u00fchrung war jedoch nicht das einzige Problem. Lewis vertrat die Ansicht, dass auch die intellektuellen und kulturellen Str\u00f6mungen der Moderne mitschuldig an der Entmenschlichung seien. Der Krieg war ebenso sehr Symptom wie Ursache. Die Moderne war dabei, den Menschen abzuschaffen. Es handelte sich um nichts anderes als eine Krise der Anthropologie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><br \/>\nEntzauberung der Welt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soziologen haben eine Reihe von Konzepten entwickelt, die das Zeitalter der Moderne charakterisieren. Diese bieten einen n\u00fctzlichen Hintergrund f\u00fcr Lewis\u2019 Beobachtungen. Das vielleicht einflussreichste Konzept ist Max Webers These von der Entzauberung der Welt. W\u00e4hrend fr\u00fcher der lokale Gott oder Heilige f\u00fcr frisches und s\u00fc\u00dfes Wasser sorgte, \u00fcbernimmt das heutzutage die \u00f6rtliche Wasseraufbereitungsanlage. Das Dorfleben wurde durch die Anonymit\u00e4t der Stadt ersetzt. Und es ist nicht mehr seine Menschlichkeit, die den Menschen wertvoll macht, sondern sein Einkommen und Konsumverhalten. Die Entzauberung hat sich in jeden Winkel des Lebens eingegraben: War die Liebe einst eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung, die in einer lebenslangen Bindung zweier Menschen gipfelte, wischen wir heute auf unseren Apps nach links oder rechts, um das n\u00e4chste Sex-Date zu arrangieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Ver\u00e4nderungen bringen ein Gef\u00fchl des Verlustes mit sich. Die Moderne hat die Religion und das \u00dcbernat\u00fcrliche an den Rand gedr\u00e4ngt; der Preis daf\u00fcr war, dass die Welt ihres Geheimnisses beraubt wurde. Wie Matthew Arnold in einem bedeutsamen Gedicht schrieb, ebbt die See des Glaubens ab, und wir h\u00f6ren nur noch ihr \u201etraurig Dr\u00f6hnen, das im langen Schwund \/ zur\u00fcck sich zieht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Problem besteht nicht nur darin, dass die Welt zu einem phantasielosen und n\u00fcchternen Ort geworden ist. Auch dem Menschen ist der Sinn f\u00fcr seine eigene Bedeutsamkeit verloren gegangen. Je mehr wir die Natur verstehen und kontrollieren, desto mehr erkennen wir unsere eigene Kontingenz und Kleinheit inmitten der Weite eines unpers\u00f6nlichen Universums. Die einzigartige intellektuelle Brillanz unserer Spezies hat uns ironischerweise jeglichen Sinn daf\u00fcr geraubt, dass wir eine besondere Bedeutung haben. Wie Pascal bemerkte, erschreckt die ewige Stille dieser unendlichen R\u00e4ume diejenigen, die \u00fcber sie nachdenken. Dies ist das Ethos, das das Werk vieler moderner und postmoderner Schriftsteller durchzieht: Kafka, Beckett, Sartre, Pinter. Ohne eine gottgegebene menschliche Natur und einen gottgegebenen menschlichen Zweck ist die Frage \u201eWas ist der Mensch?\u201c leicht zu beantworten: Er ist nicht besonders viel. Auch seine Natur ist entzaubert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><br \/>\nEndloser Wandel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zweite Facette der Moderne, die von Zygmunt Bauman herausgearbeitet wurde, ist ihre Liquidit\u00e4t. Wir leben in einer Welt, die in st\u00e4ndigem Wandel begriffen ist. Bauman ist nicht der erste, der diese Beobachtung macht. Sowohl Marx als auch Nietzsche \u00e4u\u00dferten sich im 19. Jahrhundert \u00e4hnlich. Das b\u00fcrgerliche Zeitalter, erkl\u00e4rte bekanntlich <em>Das Kommunistische Manifest<\/em>, erfordert eine st\u00e4ndige Revolutionierung der Produktion und der M\u00e4rkte und damit aller sozialen Beziehungen. \u201eAlles St\u00e4ndische und Stehende verdampft\u201c, wie Marx es ausdr\u00fcckte; st\u00e4ndige Unruhe war ein Kennzeichen der Moderne. \u00c4hnlich beschrieb Nietzsches \u201etoller Mensch\u201c, der \u00fcber den Tod Gottes nachdachte, die Erde als von der Sonne losgel\u00f6st, was alle alten Gewissheiten in Chaos verwandelte. Beide M\u00e4nner sprachen die Wahrheit: Der moderne Westen befindet sich in der Tat in einem Zustand des endlosen Wandels und bietet uns keinen Halt, keinen festen Begriff davon, wer wir sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In j\u00fcngerer Zeit hat sich der Wandel durch das, was Hartmut Rosa als soziale Beschleunigung bezeichnet, noch verst\u00e4rkt. Wenn Marx mit seiner Behauptung, die industrielle Produktion sei eine Quelle st\u00e4ndiger gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen, richtig lag, dann vor allem deshalb, weil sie von einer Technologie abhing, die sich selbst st\u00e4ndig ver\u00e4nderte. Auch wir leben in einem Zeitalter best\u00e4ndigen technologischen Wandels, aber er betrifft nicht mehr nur die industrielle Produktion. Technologie pr\u00e4gt alle Bereiche unseres Lebens, von der Bildung bis hin zu unseren romantischen Beziehungen. Sowohl die privaten als auch die \u00f6ffentlichen Bereiche unseres Lebens sind technologisch \u00fcberformt, wobei sich die Technologie so schnell \u00e4ndert, dass wir nicht in der Lage sind, die eine Entwicklung zu verarbeiten, bevor sie von der anderen \u00fcberholt wird. Das Ergebnis ist ein Gef\u00fchl der Benommenheit; die F\u00e4higkeit, selbst unsere pers\u00f6nliche Welt zu kontrollieren, scheint uns immer weiter zu entgleiten. In einem solchen Kontext wird es unm\u00f6glich, die Frage nach unserem Sein und unserer Bestimmung zu beantworten. Um es mit Yeats\u2019 \u201eThe Second Coming\u201c zu sagen: Die Dinge scheinen best\u00e4ndig auseinanderzufallen; und das gilt auch f\u00fcr den Konsens dar\u00fcber, wer oder was der Mensch ist und wozu er da ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><br \/>\nEntweihung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Abschaffung des Menschen, wie Lewis sie beschreibt, findet vor dem Hintergrund zweier Aspekte der Moderne statt: der Entzauberung und der sich beschleunigenden Liquidit\u00e4t. Allerdings, so meine ich, ist f\u00fcr ein angemessenes Verst\u00e4ndnis unserer Zeit eine dritte Kategorie hinzuzuf\u00fcgen: die der Entweihung. Der Mensch ist erschaffen nach dem Bild Gottes. Das macht die Abschaffung des Menschen zu einem theologischen Akt mit theologischen Konsequenzen. F\u00fcr sich genommen bringen weder Entzauberung noch Liquidit\u00e4t diesen Aspekt des Problems angemessen zum Ausdruck, das theologische Konzept der Entweihung hingegen schon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wird uns klarer, wenn wir \u00fcber die erkl\u00e4rungsschematischen Grenzen von Entzauberung und Liquidit\u00e4t nachdenken. Die erste besteht darin, dass diese Konzepte nur auf den Verlust von etwas hinweisen, was einmal war. Entzauberung verweist auf den Verlust von Verzauberung. W\u00e4hrend einst das \u00dcbernat\u00fcrliche das Nat\u00fcrliche durchdrang und das Transzendente die Bedingungen f\u00fcr das Immanente festlegte, bleiben heute nur noch das Nat\u00fcrliche und das Immanente \u00fcbrig. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Liquidit\u00e4t: Wir haben nicht mehr, wie Marx es ausdr\u00fcckt, st\u00e4ndische und stehende Verh\u00e4ltnisse. Alles richtig \u2013 aber der Zustand der Moderne beschr\u00e4nkt sich nicht, wie wir sehen werden, auf diese Verluste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zweite Problem ist, dass Entzauberung und Liquidit\u00e4t einen Mangel an menschlichem Handlungsverm\u00f6gen suggerieren. Beide sind das Ergebnis unpers\u00f6nlicher sozialer Prozesse: Industrialisierung, B\u00fcrokratisierung, Technologisierung, Globalisierung. Verbunden mit diesen Prozessen ist die Verdinglichung der Ph\u00e4nomene, auf die sie sich beziehen, im allgemeinen Sprachgebrauch: Industrie, B\u00fcrokratie, Technologie, die globale Wirtschaft. Jedes dieser Ph\u00e4nomene nimmt in unserem Denken ein Eigenleben an; in diesen Prozessen treten wir Menschen als austauschbare Objekte auf, nicht als aktive Subjekte oder Personen. Doch die Prozesse selbst sind das Ergebnis menschlichen Handelns. Wenn wir zu R\u00e4dchen in der Maschine geworden sind, dann deshalb, weil wir die Maschine gebaut haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus d\u00fcrfen wir den Einfluss und das Wirken kultureller Eliten \u2013 der Rechts-, Bildungs-, Technologie-, Kunst-, Manager- und politischen Klassen \u2013 nicht au\u00dfer Acht lassen. In der Vergangenheit sahen sich diese Eliten mit der Aufgabe betraut, Kontinuit\u00e4t zu garantieren; das geschah durch die Wertevermittlung von Generation zu Generation und die sorgf\u00e4ltige Pflege der f\u00fcr diese Aufgabe notwendigen Institutionen und sozialen Praktiken. Heute ist der vorherrschende Impuls unserer Eliten Zerr\u00fcttung, Zerst\u00f6rung und Zerst\u00fcckelung. Die Abschaffung des Menschen ist ein bewusstes Projekt der Offiziersklasse unserer Kultur, nicht einfach nur das Ergebnis unpers\u00f6nlicher sozialer und technologischer Kr\u00e4fte. F\u00fcr sich genommen, reichen die Kategorien der Entzauberung und Liquidit\u00e4t nicht aus, um dieses Projekt angemessen zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das dritte Problem besteht darin, dass weder Entzauberung noch Liquidit\u00e4t die theologische Signifikanz der Ver\u00e4nderungen ber\u00fccksichtigt, die die Moderne in Bezug auf das Verst\u00e4ndnis des Menschseins mit sich gebracht hat. Man muss kein Christ (und nicht einmal Theist) sein, um zu begreifen, dass diese Transformationen theologisch bedeutsam sind. Sowohl bei Marx als auch bei Nietzsche ist \u201eEntweihung\u201c ein Teil ihres Verst\u00e4ndnisses der modernen Welt. In derselben Passage des <em>Kommunistischen Manifests<\/em>, in der verk\u00fcndet wird, dass alles Stehende verdampft, wird erkl\u00e4rt, dass alles Heilige entweiht wird. Und Nietzsches \u201etoller Mensch\u201c macht sehr deutlich, dass Gott nicht nur in der moralischen Vorstellung aufgeh\u00f6rt hat zu existieren, sondern tot ist \u2013 mehr noch, dass wir ihn get\u00f6tet haben. Diese T\u00f6tung Gottes ist sicherlich der ultimative Akt aktiver Entweihung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowohl Nietzsche als auch Marx bewerten diese Entweihung positiv. F\u00fcr Marx ist Religion ein Opiat, das das Proletariat daran hindert, den vollen Schmerz zu sp\u00fcren, den der Kapitalismus verursacht. Religionskritik ist daher von zentraler Bedeutung f\u00fcr das revolution\u00e4re Projekt. Entweihung ist eine Voraussetzung f\u00fcr die Verwirklichung der kommunistischen Utopie. F\u00fcr Nietzsche ist der Tod Gottes, auch wenn er eine erschreckende Verantwortung auf die Schultern der Menschen legt, eine notwendige Voraussetzung f\u00fcr die Selbsttranszendenz des Menschen. Die Frage ist nur, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht jede Form von Entweihung in der Moderne ist das Ergebnis absichtlichen Handelns. Die mechanisierte Kriegsf\u00fchrung versch\u00e4rfte das moderne Problem der Theodizee und f\u00fcgte der traditionellen Religion schweren Schaden zu. Wilfred Owens Gedicht \u201eAnthem for Doomed Youth\u201c \u00fcbertr\u00e4gt die Sprache der christlichen Liturgie auf das Gemetzel in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben des Ersten Weltkriegs. Der Glaube wird entweiht, aber nicht durch die Handlungen eines bestimmten Individuums, sondern durch das Chaos eines Krieges, der durch die Macht der Industrie \u00fcberladen wurde und das Ergebnis eines zuf\u00e4lligen Zusammentreffens zahlreicher Aspekte der Moderne war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4ufiger wird Entweihung jedoch als bewusster Akt betrieben. Ich habe bereits auf den Zerst\u00fcckelungsdrang moderner Eliten \u2013 der Disruption und Diskontinuit\u00e4t zum Ziel hat \u2013 verwiesen. Dieser tritt nirgendwo deutlicher zutage als in ihrem \u201eEntweihungsbestreben\u201c. Von Algernon Charles Swinburne bis Francis Bacon und dar\u00fcber hinaus ist die bewusste Entweihung des Heiligen ein st\u00e4ndiges Thema. Nehmen wir zum Beispiel die ersten Zeilen von James Joyces <em>Ulysses<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eStattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in H\u00e4nden, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem G\u00fcrtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die H\u00f6he und intonierte: \u2013 <em>Introibo ad altare Dei.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So beginnt das gr\u00f6\u00dfte Meisterwerk der Moderne \u2013 mit der ersten Zeile der Messe, gesprochen von einem Mann, der sich gerade rasiert, wobei seine Genitalien f\u00fcr alle sichtbar im Wind flattern. Auch wenn wohl nicht davon auszugehen ist, dass die Abschaffung des Menschen zu Joyces Absichten geh\u00f6rte (indem er das homerische Epos in den Alltag des modernen Dublins \u00fcbertr\u00e4gt, adelt er den Menschen nicht weniger, als dass er ihn ironisiert), beginnt sein <em>Ulysses<\/em> mit einem Moment der Entweihung. Das hat Auswirkungen auf die Anthropologie. Die Religion zu verspotten, bedeutet letztlich das der Religion innewohnende Verst\u00e4ndnis von Gott und dem Menschen zu verspotten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lie\u00dfe sich viel \u00fcber die antireligi\u00f6se Tendenz gro\u00dfer Teile der Hochmoderne sagen. Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass das Projekt der bewussten Entweihung Teil unserer Popkultur geworden ist. So wie sich der anspruchsvolle Joyce in den 1920er Jahren \u00fcber die lateinische Messe lustig machte, erinnerte uns der talentierte Billy Joel in den 1970er Jahren daran, dass katholische M\u00e4dchen viel zu lange warten, bis sie ihre Jungfr\u00e4ulichkeit verlieren; und jetzt singt der alberne Lil Nas X Lieder, die ebenso blasphemisch wie banal sind. Entweihung ist heute Mainstream, ein Kennzeichen selbst des billigsten Sektors der Unterhaltungsindustrie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><br \/>\nKampf gegen die Autorit\u00e4t des K\u00f6rpers<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Entweihung zum Mainstream geworden ist, l\u00e4sst sich vielfach belegen. An dieser Stelle m\u00f6chte ich mich jedoch auf die Bereiche Sexualit\u00e4t und Tod beschr\u00e4nken. Beide sind traditionell Angelegenheiten von tiefer religi\u00f6ser Bedeutung. Sex ist der geheimnisvolle Ursprung des Lebens, der Tod markiert sein geheimnisvolles Ende. Es ist daher kaum verwunderlich, dass sich ein gro\u00dfer Teil der Gesetze des Pentateuch mit den Auswirkungen von Sex und Tod auf die kultische Reinheit befasst. Das Gesetz legt detailliert fest, wie jemand, der aufgrund von Sex oder sexuell bedingten Ph\u00e4nomenen oder durch den Kontakt mit einem toten K\u00f6rper unrein ist, durch Opfer und Waschungen in die Gemeinschaft zur\u00fcckkehren kann. Auch im Islam sind Sex und Tod mit Fragen kultischer Reinheit verbunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn der Pentateuch im Christentum als durch Christus transformiert gelesen wird, liefert er immer noch den Kontext f\u00fcr das neutestamentliche Drama. In <a href=\"https:\/\/www.bibleserver.com\/lut\/Mark5\">Markus 5<\/a> heilt Jesus den Besessenen bei den Gr\u00e4bern, macht die Frau mit dem Blutfluss gesund und erweckt die Tochter des Jairus von den Toten. In jedem Fall besteht das Wunder in der \u00dcberwindung von Unreinheit, die in irgendeinem Zusammenhang mit Sex oder dem Tod steht. Au\u00dferdem versteht das Christentum den Bund der Ehe analog zum Bund zwischen Christus und seiner Kirche; diese Analogie spiegelt sich sowohl in Paulus\u2019 Sexualethik als auch im sakramentalen Eheverst\u00e4ndnis der katholischen Kirche wider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist daher nicht verwunderlich, dass westliche Gesellschaften Sex und Tod lange Zeit mit \u00f6ffentlichen, sakralen Ritualen umgaben. Ein Traugottesdienst war die Voraussetzung f\u00fcr legitime sexuelle Erfahrungen. S\u00e4uglinge wurden getauft. Tote wurden in geweihter Erde begraben. Sex und Tod waren sakrale und gemeinschaftlich bedeutsame Angelegenheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ver\u00e4nderte Haltung gegen\u00fcber Sex und Tod in der Moderne ist somit keineswegs trivial. Es gibt viele wichtige gesellschaftliche Themen: Einkommenssteuers\u00e4tze, Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen, das gesetzliche Mindestalter f\u00fcr den Erwerb von Alkohol und so weiter. Aber keines davon ist so zentral f\u00fcr das Wesen einer Kultur wie deren Einstellung zu Sex und Tod. Man muss nicht religi\u00f6s sein, um das zu erkennen. Man muss lediglich anerkennen, dass Sex und Tod traditionell sakrale Angelegenheiten waren, um den Verlust dieses Status als bedeutsam zu erachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sex und Tod sind untrennbar mit dem K\u00f6rper verbunden. Im Sexualakt entsteht im Zusammenkommen zweier K\u00f6rper ein neuer; der Tod markiert das Ende des k\u00f6rperlichen Lebens. Tats\u00e4chlich waren Sex und Tod deshalb sakrale Angelegenheiten, weil der K\u00f6rper selbst \u2013 in den Grenzen des Geheimnisses von Geburt und Sterben \u2013 heilig war. Man k\u00f6nnte es auch anders formulieren: Diejenigen, die nach Gottes Bild geschaffen wurden, wurden als K\u00f6rper geschaffen. Das Ebenbild bewohnte den K\u00f6rper nicht auf die Weise, wie ein Astronaut einen Raumanzug bewohnt. Der K\u00f6rper war die Person. Adam bekr\u00e4ftigt das, als er Eva sieht und erkl\u00e4rt: \u201eDiese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch.\u201c Auch die neutestamentliche Lehre von der leiblichen Auferstehung best\u00e4tigt, dass der Mensch kein gespenstisches, immaterielles Wesen ist, sondern eine Einheit aus K\u00f6rper und Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kultur der Moderne tendiert dahin, dem K\u00f6rper diese Bedeutung abzusprechen. Um eine Person zu sein, reicht K\u00f6rperlichkeit als Kriterium nicht mehr aus, wie z.B. die Philosophen Peter Singer und Derek Parfit betonen. Dieses Argument ist keineswegs nur in Universit\u00e4tsseminaren zu h\u00f6ren, sondern Teil der allgemeinen Moralvorstellung unserer Zeit. Wir r\u00e4umen Gef\u00fchlen intuitiv den Vorrang ein und sprechen dem K\u00f6rper (und den Beziehungen, die K\u00f6rperlichkeit impliziert) seine Autorit\u00e4t ab. Wir begreifen uns in erster Linie als psychologische Wesen; eine Vorstellung, die durch die reibungslosen, k\u00f6rperlosen Interaktionen unserer Online-Welt noch verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entweihung des Menschen manifestiert sich heute am deutlichsten in einem Kampf gegen die Autorit\u00e4t des K\u00f6rpers, insbesondere gegen seine sexuelle Natur und seine Sterblichkeit. Pornographie ist ein offensichtliches Beispiel. Was macht Pornographie? Sie \u201eentpers\u00f6nlicht\u201c den geheimnisvollen, sch\u00f6pferischen Sexualakt, indem sie ihn zu einer Konsumware f\u00fcr Dritte degradiert. Die Bedeutung des Sexualakts liegt nicht in der Interaktion der Akteure, sondern in dem Vergn\u00fcgen, das diese dem Konsumenten bereiten. Pornographie verwandelt das menschliche Subjekt in ein Objekt, den verk\u00f6rperten Menschen zu einem St\u00fcck Fleisch. Der zunehmend gewaltt\u00e4tige Charakter heutiger Pornographie verst\u00e4rkt diesen Prozess noch. Pornographie ist somit entmenschlichend. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Sie ist eine Entweihung des Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die grundlegende Logik der Pornographie liefert die (logisch zu Ende gedachte) sexuelle Revolution. In der Vergangenheit war Sexualit\u00e4t aufgrund ihrer Verwobenheit mit dem Mysterium des Lebens heilig; heutzutage ist Sex nicht viel mehr als eine Freizeitbesch\u00e4ftigung und ein Mittel zur Selbstverwirklichung. Fr\u00fcher einmal brachte Sex das Individuum dazu, die andere Person als Subjekt zu betrachten, demgegen\u00fcber man sich verpflichtet; heute neigt man dazu, andere Menschen als Objekte zu sehen, die in erster Linie zur pers\u00f6nlichen Befriedigung benutzt werden k\u00f6nnen. Die sexuelle Revolution bringt eine Entweihung des Menschen mit sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Beispiel ist die heutige Transgender-Bewegung. Die Losl\u00f6sung der Person vom K\u00f6rper erreicht ihren H\u00f6hepunkt in der Aussage \u201eIch bin eine Frau, gefangen im K\u00f6rper eines Mannes\u201c. Diese Aussage ist nur in einer Welt plausibel, in der psychologische Gef\u00fchle essenzialisiert und mit einer Autorit\u00e4t ausgestattet wurden, die dem K\u00f6rper verweigert wird. Nat\u00fcrlich entsteht hier ein Widerspruch: Wenn der K\u00f6rper irrelevant ist, warum muss er dann mit au\u00dferordentlichem Aufwand so umgestaltet werden, dass er einer innerlich gef\u00fchlten Geschlechtsidentit\u00e4t entspricht? Der K\u00f6rper ist nur in instrumenteller Hinsicht relevant: Er ist nicht mein wahres Ich, sondern ein Mittel, mit dem ich meinem wahren Ich nach au\u00dfen hin Ausdruck verleihe. Nun k\u00f6nnen und sollten wir in unserem pastoralen Umgang mit diesem Thema sehr sensibel sein, gerade weil die Person, die einen solchen Anspruch erhebt, genau das ist: eine Person. Akzeptiert man jedoch die G\u00fcltigkeit dieser Behauptung, verleugnet man die Bedeutung des K\u00f6rpers und damit auch wahres Personsein, das vom K\u00f6rpers nicht zu trennen ist. Eine solche Verleugnung entweiht den Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erm\u00f6glicht uns auch, die Widerspr\u00fcchlichkeit der aktuellen Probleme innerhalb der breiteren LGBTQ- und feministischen Bewegungen in Bezug auf Trans-Rechte zu erkennen. Traditionelles lesbisches, schwules und bisexuelles Denken geht von einer verk\u00f6rperten Geschlechtsbinarit\u00e4t aus; sich zu seinem eigenen Geschlecht hingezogen zu f\u00fchlen, setzt die Stabilit\u00e4t dieses Geschlechts als Kategorie voraus. So erkl\u00e4rt sich der wachsende Widerstand einiger Lesben und Schwulen gegen den Transgenderismus. Hier jedoch entsteht ein Problem. Auch diese Gruppen leugnen (paradoxerweise) in der Praxis die Bedeutung der verk\u00f6rperten Geschlechtsbinarit\u00e4t; n\u00e4mlich die Vorstellung, dass M\u00e4nner und Frauen in einer intrinsischen sexuellen Komplementarit\u00e4t existieren, wobei der eine f\u00fcr den anderen geschaffen ist. Die Leugnung dieser Komplementarit\u00e4t stuft die Bedeutung des K\u00f6rpers f\u00fcr das Personsein effektiv herab. Denn wenn eine richtig geordnete sexuelle Vereinigung die Hingabe des eigenen K\u00f6rpers an einen anderen beinhaltet, dann ist die sexuelle Konstitution des K\u00f6rpers ein zentraler Bestandteil beider Personen. Wenn aber die geschlechtliche Beschaffenheit des K\u00f6rpers f\u00fcr die intimste aller menschlichen pers\u00f6nlichen Interaktionen irrelevant ist, dann ist das, was ich bin, auf eine sehr grundlegende Weise von meinem K\u00f6rper losgel\u00f6st. Ich werde zu etwas, das meinen K\u00f6rper bewohnt und ihn als Instrument benutzt, nicht zu etwas, das ich bin. Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass man den K\u00f6rper nicht entweihen und gleichzeitig eine stabile Vorstellung von der eigenen Person beibehalten kann \u2013 genauso wenig wie Nietzsche meint, man k\u00f6nne Gott t\u00f6ten, ohne die Erde von der Sonne loszul\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Praktiken im Zusammenhang mit dem Tod haben, so wie der Sex, ihren sakralen Charakter verloren. Einst war der Tod ein heiliges Mysterium; heute mobilisieren wir soziale und technologische Kr\u00e4fte, um ihn zu leugnen. Gewalt und Tod \u2013 fr\u00fcher einmal zu heilig, um in griechischen Trag\u00f6dien auf der B\u00fchne dargestellt zu werden \u2013 sind zur trivialen oder pornographischen Kost von Filmen und Videospielen geworden. Das r\u00f6mische Kolosseum machte den Tod zum Gegenstand der Unterhaltung; heute bringen Filme und Videospiele pornographische Gewalt in die Wohnzimmer, ja in die H\u00e4nde aller, die einen Fernseher, eine Spielkonsole oder ein Smartphone besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der wirkliche Tod ist eine rein medizinische Angelegenheit, bei der die Sterbenden in Krankenh\u00e4usern und Hospizen untergebracht werden. Der Kampf gegen den K\u00f6rper ist auch hier von Bedeutung, denn worin besteht die letzte Autorit\u00e4t unseres K\u00f6rpers? Nicht in der Vorgabe unseres Geschlechts als m\u00e4nnlich oder weiblich, sondern in der Tatsache unserer Sterblichkeit. Vor diesem Hintergrund erscheint die Euthanasie wie ein letzter (und wohl vergeblicher) Versuch, die Kontrolle dar\u00fcber zu erlangen, wer wir sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Domestizierungsversuch der Sterblichkeit geht auch nach dem Tod weiter. Kirchen werden in der Regel ohne Friedh\u00f6fe gebaut und Gottesdienste werden nicht mehr in der N\u00e4he der Verstorbenen abgehalten. Beerdigungen werden zu Feiern des Lebens. <a href=\"https:\/\/www.evangelium21.net\/media\/4237\/macht-es-einen-unterschied-ob-ich-mich-einaeschern-oder-begraben-lasse\">Feuerbestattungen werden mit jedem Jahr beliebter, wof\u00fcr es durchaus praktische Gr\u00fcnde geben mag (Kosten, Platzmangel)<\/a>. Trotzdem bleibt es dabei, dass auf diese Weise jede bleibende, sichtbare Erinnerung der Lebenden an die Toten als Tote einge\u00e4schert wird. Es stimmt, einige haben Urnen mit der Asche ihrer Angeh\u00f6rigen. Aber das Gef\u00e4\u00df auf dem Kaminsims zu Hause ist etwas anderes \u2013 etwas weniger Heiliges? \u2013 als eine Grabst\u00e4tte neben einem Gotteshaus. Es ist schwer, stille Ehrfurcht zu bewahren, wenn der Fernseher dr\u00f6hnt und der Kessel kocht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Transhumanismus (von dem der Transgenderismus eine philosophische Subkategorie ist) ist Ausdruck dieses Domestizierungsversuchs. Der K\u00f6rper in seiner Sterblichkeit ist die finale Barriere der Selbsterschaffung. Sich als Mann zu identifizieren, obwohl man eine Frau ist, bedeutet, sich der Autorit\u00e4t des K\u00f6rpers zu widersetzen; aber man kann sich mithilfe von Hormonen, Operationen und der Best\u00e4tigung der Welt ringsherum vom Gegenteil \u00fcberzeugen. Man kann sich auch der Autorit\u00e4t des K\u00f6rpers widersetzen, indem man sich als unsterblich identifiziert \u2013 aber hier wird man den Verdacht nicht los, dass der K\u00f6rper seine Autorit\u00e4t eines Tages geltend machen und Widerspruch einlegen wird. So erkl\u00e4rt sich das Bestreben der Transhumanisten, die menschlichen Grenzen, insbesondere die der begrenzten Dauer unseres sterblichen Lebens, zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><br \/>\nIm Rausch der Zerst\u00f6rung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle m\u00f6chte ich auf einen weiteren Nutzen der Kategorie der Entweihung als Erkl\u00e4rungsschema der Moderne hinweisen: Sie hilft n\u00e4mlich, die Intentionalit\u00e4t und den Rausch zu erkl\u00e4ren, die mit der Zerst\u00f6rung der alten Anthropologie der menschlichen Ausnahmestellung (er ist Ebenbild Gottes) und Begrenztheit (er ist Gesch\u00f6pf) einhergehen. Entweihung ist eine Machtbehauptung, die den gr\u00f6\u00dften Mythos bekr\u00e4ftigt, den unsere Kultur gerne glaubt: dass wir die gottgleichen Herren des Universums sind. Noch einmal: Die Kategorien der Entzauberung und Liquidit\u00e4t k\u00f6nnen nicht erkl\u00e4ren, warum beispielsweise einige Abtreibungsaktivisten Abtreibung nicht einfach nur als notwendiges \u00dcbel betrachten, sondern als etwas, auf das man stolz sein und dessen man sich r\u00fchmen kann; sie k\u00f6nnen auch nicht den m\u00e4nnlichen Trans-Aktivisten erkl\u00e4ren, der k\u00fcrzlich damit prahlte, eine Geb\u00e4rmuttertransplantation zu wollen, nur damit er schwanger werden und abtreiben kann. Die bewusste, ekstatische und irrationale Freude an der Zerst\u00f6rung alter moralischer Normen, traditioneller Kategorien und k\u00f6rperlicher Realit\u00e4ten reicht \u00fcber das hinaus, was unpers\u00f6nliche soziale Ph\u00e4nomene bewirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kategorie der Entweihung macht solche Dinge verst\u00e4ndlicher. \u00dcbertretung bereitet Lust, wie sowohl Augustinus als auch Freud verstanden; und je gr\u00f6\u00dfer die \u00dcbertretung, desto gr\u00f6\u00dfer die Lust. Nun, kann es eine gr\u00f6\u00dfere \u00dcbertretung geben als gegen das Heilige? Indem wir Gott t\u00f6ten, gew\u00e4hren wir uns das Privileg, selbst zu G\u00f6ttern zu werden. Es gibt sicherlich keinen gr\u00f6\u00dferen Rausch, als Gott zu sein. Und es gibt keine dramatischere Art, Gott zu sein, als einen heiligen Krieg gegen die gottgegebene Natur des verk\u00f6rperten Menschseins zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entweihung des Menschen fordert einen hohen Preis. In einem Brief, der (wie Lewis\u2019 Vorlesungen \u00fcber die Abschaffung des Menschen) in den fr\u00fchen 1940er Jahren geschrieben wurde, bemerkte Czes\u0142aw Mi\u0142osz gegen\u00fcber seinem Freund Jerzy Andrzejewski, dass das Wort \u201eMensch\u201c ohne religi\u00f6se und metaphysische Untermauerung inhaltslos werde. An anderer Stelle desselben Briefes spricht Mi\u0142osz davon, dass die philosophische Reduktion der menschlichen Person auf einen Klumpen animierten Fleisches (oder, wie Mary Harrington es k\u00fcrzlich formulierte, \u201eFleischlego\u201c) die Gr\u00e4ueltaten des Krieges erm\u00f6glicht hat. Ist diese Reduktion erst einmal vollzogen, so Mi\u0142osz, kann man sich leicht vorstellen, wie junge M\u00e4nner in sauberen Milit\u00e4runiformen andere Menschen erschie\u00dfen, w\u00e4hrend sie gleichzeitig ihr Mittagessen verspeisen. In <em>Crepuscular Dawn<\/em> stellt Paul Virilio fest, dass f\u00fcr die nationalsozialistische Eugenik der K\u00f6rper keine moralische Bedeutung habe; die Lager\u00e4rzte konnten daher ihre grausamen Experimente ohne Gewissensbisse durchf\u00fchren. Losgel\u00f6st vom Ebenbild Gottes und seiner Personhaftigkeit ist der K\u00f6rper bestenfalls eine lebendige Knetmasse. Und so schreitet die Entweihung weiter voran, wie die j\u00fcngsten Reaktionen amerikanischer Universit\u00e4ten auf die Gewalt der Hamas gegen j\u00fcdische Kinder zeigen. Dostojewskis Iwan Karamasow war angesichts des unermesslichen Leids unschuldiger Kinder nicht in der Lage zu akzeptieren, die g\u00f6ttliche Vorsehung k\u00f6nne dem Ganzen doch noch einen letzten Sinn verleihen. In einem melancholischen Akt der Rebellion erkl\u00e4rte er den Preis der Harmonie als zu hoch und gibt Gott mit h\u00f6chster Achtung seine Eintrittskarte zur\u00fcck. Der Tod Gottes und die damit einhergehende Entmenschlichung hat unsere Welt zu einem Ort gemacht, an dem man selbst im Angesicht zerst\u00f6rter Kinder in Feierlaune schwelgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser kulturelles Vorstellungsverm\u00f6gen ist durchdrungen von den scheinbar endlosen M\u00f6glichkeiten der Technologie. Der Begriff \u201eMensch\u201c ist f\u00fcr uns noch entleerter, als er es f\u00fcr Lewis und Mi\u0142osz war. Technologische Entwicklungen destabilisieren den Begriff des Menschseins und dr\u00e4ngen uns gleichzeitig dazu, die Natur als blo\u00dfes Rohmaterial zu betrachten. In dem Ma\u00dfe, in dem unsere Erinnerung an die christliche Moralvorstellung verblasst, k\u00f6nnen wir den Begriff \u201eMensch\u201c nach unserem eigenen Gutd\u00fcnken definieren. Es ist diese Ablehnung der Autorit\u00e4t des K\u00f6rpers, die die Beantwortung der Frage \u201eWas ist eine Frau?\u201c so schwierig macht. Die Verwirrung der Geschlechter ist kein separates Ph\u00e4nomen; sie entspringt einer grundlegenden Verwirrung dar\u00fcber, wie die Frage \u201eWas ist ein Mensch?\u201c zu beantworten ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fehlen eines normativen, verk\u00f6rperten Verst\u00e4ndnisses wahren Menschseins befreit unseren technologisch erm\u00e4chtigten Willen von allen Beschr\u00e4nkungen. Die Frage, was Menschsein bedeutet (wenn es \u00fcberhaupt etwas bedeutet), wird in die Zukunft projiziert; nicht ber\u00fccksichtigt wird dabei, was wir in der Vergangenheit waren oder in der Gegenwart sind. Wenn Menschsein, wie es das Christentum lehrt, K\u00f6rperlichkeit impliziert, dann sind wir heute entmenschlicht. Unsere K\u00f6rper sind blo\u00dfe Materie ohne moralische oder teleologische Bedeutung; in einem Akt zu verwirklichende Potenz. Da unserer Potenz jedoch kein Wesen eingeschrieben ist, hat sie keine intrinsische Form, die definieren k\u00f6nnte, wie eine Verwirklichung auszusehen hat. Das ist das Szenario, das Lewis in seinem Werk <em>Die b\u00f6se Macht<\/em> ins Auge fasste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Genialit\u00e4t des Menschen und ihren nihilistischen Resultaten wohnt eine Ironie inne. W\u00e4hrend der wissenschaftlichen Revolution nutzte der Mensch seine au\u00dfergew\u00f6hnlichen intellektuellen F\u00e4higkeiten, um sich selbst davon zu \u00fcberzeugen, dass er gar nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich ist. Heute kombiniert er seine Willenskraft mit seinem technischen Talent, um sich selbst in Knetmasse zu verwandeln. In einer totalen Revolution, wie Augusto Del Noce es nennen w\u00fcrde, setzt er seine Menschlichkeit beharrlich dazu ein, sich selbst zu entmenschlichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><br \/>\nDie moderne Krise der Anthropologie \u00fcberwinden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gibt es Hoffnung? F\u00fcr einen Richtungswechsel m\u00fcssen wir ein normatives Verst\u00e4ndnis dessen zur\u00fcckgewinnen, was Menschsein bedeutet. Wie ist das zu erreichen? Unser Grundproblem besteht heute nicht darin, so mein Argument, dass der Mensch entzaubert oder verfl\u00fcssigt ist, sondern dass er \u2013 zum Teil durch die unpers\u00f6nlichen Kr\u00e4fte der Moderne, vor allem aber durch seine eigene Hand \u2013 entweiht worden ist. Sakralisierung ist damit der Kern der L\u00f6sung dieses Problems. Das l\u00e4sst sich jedoch nicht durch die Verabschiedung von Gesetzen regeln. Die f\u00fcr die Sprache der Sakralisierung empf\u00e4ngliche spirituelle Vorstellungskraft ist nicht etwas, das unter der Kontrolle von Politikern steht. Die moderne Krise der Anthropologie muss von den religi\u00f6sen Gemeinschaften bew\u00e4ltigt werden, die ihren Glauben in lokalen Kontexten feiern und leben. Es handelt sich in erster Linie um eine theologisch fundierte liturgische Antwort, da es Gottesdienst und Anbetung sind, die die Menschen in die Gegenwart des Gottes bringen, nach dessen Bild sie geschaffen sind und der ihre gemeinsame Humanit\u00e4t begr\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die fr\u00fche Kirche brach mit den zeitgen\u00f6ssischen r\u00f6mischen Vorstellungen und setzte ein Bekenntnis, einen Kodex und einen Kult durch, der den Menschen als Ebenbild Gottes verstand und behandelte. Frauen profitierten, Kinder profitierten, Arme und Schwache profitierten \u2013 die Menschlichkeit profitierte. Diese N\u00e4chstenliebe beruhte nicht auf einem seichten Altruismus, sondern auf einem tiefgr\u00fcndigen Verst\u00e4ndnis von Gott und seinem Handeln in Christus. Es ist kein Zufall, dass vertiefte Reflexion \u00fcber die Identit\u00e4t Christi und den dreieinigen Gott diese barmherzige Kirche der ersten Jahrhunderte pr\u00e4gte. Ihre Vision vom Menschen als Person (nicht als Objekt) mit einem ihm angeborenen Wert gr\u00fcndete in der Vorstellung, dass wir alle im Bilde Gottes erschaffen sind. Die menschliche Natur \u2013 K\u00f6rper und Seele \u2013 hatte einen normativen, heiligen Inhalt. Das gilt auch heute noch. Nur wenn die Kirche in ihrer Gesamtheit die Gr\u00f6\u00dfe des Gottes erkennt, nach dessen Bild wir erschaffen sind, kann die Wiederherstellung wahren Personseins und der W\u00fcrde von M\u00e4nnern und Frauen gelingen. Nur mit Gott im Mittelpunkt werden wir in der Lage sein, die Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen, die sich der menschlichen Natur durch die verschiedenen Instrumente der Entzauberung, Liquidit\u00e4t und Entweihung \u2013 von der Technologie bis hin zu den st\u00e4ndig wechselnden Vorlieben der Identit\u00e4tspolitik \u2013 stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als von Nietzsche behauptet, ist Gott nicht tot. Als moderne Menschen haben wir jedoch Nietzsches Behauptung als Entschuldigung daf\u00fcr benutzt, den Menschen zu entweihen, uns selbst und andere in unbedeutende, sexualisierte, belebte Fleischklumpen zu verwandeln. Nur eine Wiedergewinnung und Verk\u00fcndigung des lebendigen Gottes im lebendigen Gottesdienst der Kirche kann den Menschen wieder sakralisieren und ihn vom Rande eines nihilistischen, entmenschlichten Abgrunds zur\u00fcckholen. Wenn der moderne Mensch verlangt, dass ich seine Entweihung als Preis f\u00fcr den Eintritt in eine Welt akzeptiere, in der Gott tot ist, dann gebe ich ihm \u2013 f\u00fcr meinen Teil \u2013 die Eintrittskarte mit h\u00f6chster Achtung zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.evangelium21.net\/autoren\/carl-r.-trueman\"><em>Carl R. Trueman<\/em><\/a><em> ist Professor f\u00fcr biblische und religionswissenschaftliche Studien am Grove City College in Pennsylvania (USA). Er ist Autor zahlreicher B\u00fccher und hat wiederholt den Weg der Evangelikalen in den USA kritisiert. In seinen neuesten B\u00fcchern erkl\u00e4rt er die Entstehungsgeschichte zur aktuellen Sicht des Selbst.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dieser Beitrag erschien zuerst bei <a href=\"https:\/\/www.firstthings.com\/article\/2024\/01\/the-desecration-of-man\">First Things<\/a>.\u00a0<\/em><em>Im deutschen Sprachraum zuerst erschienen bei <a href=\"https:\/\/www.evangelium21.net\/media\/4273\/die-entweihung-des-menschen\">Evangelium21<\/a>. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.evangelium21.net\/downloads\/pdf\/publikationen\/Trueman_Die_Entweihung_des_Menschen.pdf\">&#8222;Die Entweihung des Menschen&#8220; zum Herunterladen.\u00a0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr 2024 markierte den achtzigsten Jahrestag der Vorlesungen von C.S. Lewis, aus denen sp\u00e4ter sein Buch Die Abschaffung des Menschen hervorging. Auf dem H\u00f6hepunkt des Zweiten Weltkriegs identifizierte Lewis das zentrale Problem der Moderne: Der Welt kamen der Sinn und die Bedeutung wahren Menschseins abhanden. W\u00e4hrend die technischen Errungenschaften des Menschen wieder einmal dazu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":798,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[21,10,17,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22915"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/798"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22915"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22915\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22923,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22915\/revisions\/22923"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22915"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22915"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22915"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}