{"id":22893,"date":"2026-08-16T07:04:47","date_gmt":"2026-08-16T05:04:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=22893"},"modified":"2026-08-13T22:08:15","modified_gmt":"2026-08-13T20:08:15","slug":"atemuebungen-lk-189-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=22893","title":{"rendered":"Atem\u00fcbungen (Lk. 18,9-14)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Viele sehen ja bis zum heutigen Tag dieses Gleichnis von Jesus so an, als wenn es sich um eine moralische Lesebuchgeschichte handeln w\u00fcrde. Dem aber hat der Berichterstatter Lukas vorgebeugt. Er hat dieses Gleichnis dort in seinen fortlaufenden Bericht eingeklinkt, wo von Jesus das Stichwort gefallen war \u2013 sogar gleich zweimal: \u201eGott wird Recht schaffen\u201c. Dort hei\u00dft es: \u201eJesus sprach: Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserw\u00e4hlten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in K\u00fcrze\u201c (Luk. 18,7+8).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das also wollte Jesus \u201eein f\u00fcr allemal gekl\u00e4rt\u201c haben: So ist das, wenn Gott Recht schafft! Deshalb hat Jesus auch das ungew\u00f6hnliche, von uns so gar nicht erwartete Stichwort \u201egerechtfertigt\u201c ben\u00fctzt. \u201eIch sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener!\u201c<\/p>\n<p><strong>1. Atem anhalten!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn die Sache mit der Gerechtigkeit ist doch ein Menschheitsthema. Heute sieht sich die Christenheit weltweit dazu gerufen, sich f\u00fcr gerechte Verh\u00e4ltnisse ebenso zu verk\u00e4mpfen wie f\u00fcr \u201eFrieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung\u201c oder den \u201eKlimaschutz\u201c. Es ist jedoch schwer, f\u00fcr solche Gerechtigkeit zu sorgen, mit der alle einverstanden sein k\u00f6nnen. Jede Erbschaftsgeschichte ist ein Beispiel daf\u00fcr. Schon die alten R\u00f6mer waren skeptisch, ob man es wirklich allen recht machen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel rei\u00dft uns aber noch einmal einen ganz anderen Horizont auf. \u201eWie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?\u201c (Hiob 4,17) Der Psalmbeter ruft: \u201eGeh nicht ins Gericht mit mir; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht\u201c (Ps. 143,2). Am erschreckendsten hat es der Prophet Nahum ausgedr\u00fcckt: \u201eVor Gott ist niemand unschuldig, wer kann vor ihm bestehen?\u201c (Nah. 1,3f)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann ich denn vor Gott bestehen? Das m\u00fcsste die eigentliche Menschheitsfrage sein, wenn es um \u201eGerechtigkeit\u201c geht. Eigentlich m\u00fcsste die ganze Welt den Atem anhalten, dass Jesus uns dies hier \u201eein f\u00fcr allemal\u201c mitgeteilt hat: Sogar der in Schuld und Gemeinheit verstrickte Mensch konnte \u201egerechtfertigt\u201c heimkommen in sein Haus. \u201eGerechtfertigt\u201c konnte er von der Gegenwart Gottes im Tempel, zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn \u00fcberhaupt etwas \u201eEvangelium\u201c sein soll \u2013 also \u201egute Nachricht\u201c, eine \u201ebegeisternde Sondermeldung\u201c -, dann doch dies: Gott kann und will S\u00fcnder gerecht machen (vgl. R\u00f6m. 3,23.24)! Das ist doch nicht zu fassen! In unsere menschlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit w\u00fcrde gerade noch hineinpassen, dass dieser Tunichtgut auf Bew\u00e4hrung h\u00e4tte freikommen k\u00f6nnen. Da h\u00e4tte Gott schon seine grenzenlose G\u00fcte erweisen k\u00f6nnen und alle Augen zudr\u00fccken m\u00fcssen, den Kerl so ohne Bestrafung einfach laufen zu lassen. Aber \u201egerechtfertigt\u201c werden, als makellos best\u00e4tigt, mit dem unwiderruflichen Urteil \u201eFreispruch\u201c ausgestattet? Sollte das Jesus wirklich gemeint haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja. Weil es so schwer in unseren Kopf hineingehen will, hat Jesus nicht verklausuliert eine dogmatische Aussage gelehrt. Sondern er hat eine anschauliche Geschichte erz\u00e4hlt. Damit wir jedoch dieses Gleichnis nicht als Story mit Unterhaltungswert missverstehen, hat sich der Apostel Paulus zum Spezial-Erinnerer in dieser Sache machen lassen: Gott schafft Recht! Gott macht S\u00fcnder gerecht! \u201eDa wir nun durch den Glauben gerechtfertigt sind, haben wir Frieden mit Gott.\u201c (R\u00f6m. 5,1f) Denn er hat begriffen, worauf Jesus mit seinem \u201eGleichnis vom Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner\u201c hinaus wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus wollte doch mit solchen S\u00e4tzen nicht die Schraube noch mehr anziehen. Menschen sollten doch nicht den Eindruck haben, sie m\u00fcssten sich noch mehr m\u00fchen, um noch heiliger, noch vollkommener, noch ernsthafter, noch gott\u00e4hnlicher zu werden. Jesus wollte nicht noch mehr Druck machen, als die Pharis\u00e4er ohnehin machten. Er wollte auch nicht, wie das oft geschehen ist, die Pharis\u00e4er verdammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielmehr klang es traurig, als Jesus sagte: Nicht der Pharis\u00e4er, \u201enicht jener\u201c ging gerechtfertigt weg. Er blieb ein Knecht Gottes, der sich abrackerte mit Selbstzucht und N\u00e4chstenliebe \u2013 und hoffte, Gott werde ihn einmal wegen seiner Treue annehmen. Der S\u00fcnder jedoch, der an den gn\u00e4digen Gott appelliert hatte, der war \u201erechtm\u00e4\u00dfig\u201c angenommen, gerechtfertigt, mit einem ewig \u201eokay\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin f\u00fcr allemal gekl\u00e4rt\u201c: Jetzt tritt mit Jesus das in Kraft, was die Propheten Gottes seit langer Zeit als das eigentliche Wunder angek\u00fcndigt haben: Gott selbst wird f\u00fcr Gerechtigkeit sorgen bei uns Menschen, die es doch nie zur Vollkommenheit vor Gott bringen k\u00f6nnen. \u201eIhre Gerechtigkeit kommt von mir, spricht der Herr\u201c (Jes. 54, 17).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Leute, die wie die Unreinen sind und deren Gerechtigkeit wie ein beflecktes Kleid ist (vgl. Jes. 64, 5), hat Gott seinen Knecht vorgesehen, der \u201eden Vielen Gerechtigkeit schaffen wird; denn er tr\u00e4gt ihre S\u00fcnden\u201c (Jes. 53,11). \u201eGerechtigkeit\u201c wird man \u201eim Herrn\u201c haben k\u00f6nnen (vgl. Jes. 45, 24). \u201eDies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Der Herr \u2013 unsere Gerechtigkeit\u201c (Jer. 23,6). \u201eSchuld wird ges\u00fchnt, und es wird eine ewige Gerechtigkeit gebracht werden\u201c, so lesen wir als Ank\u00fcndigung voll gro\u00dfer Erwartung beim Propheten Daniel (Dan. 9,18).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All dies ist jetzt \u201ein Kraft\u201c! Jetzt wird \u201egerechtfertigt\u201c! Der Apostel Paulus hat daran erinnert, dass es schon beim Erzvater Abraham so war: \u201eEr glaubte Gott, und das rechnete ihm Gott zur Gerechtigkeit\u201c (vgl. 1. M. 15,6, R\u00f6. 4,3-5). Gott ist gerecht und er macht gerecht (vgl. R\u00f6. 3,26) \u2013 n\u00e4mlich er macht die gerecht, die an Jesus glauben (vgl. Apg 13,39; R\u00f6. 3,26). Eigentlich m\u00fcsste dar\u00fcber die ganze Welt den Atem anhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Weiter atmen!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alten R\u00f6mer pflegten zu sagen: Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Man kann dies an unserm heutigen Evangelium sehen. Da tun auch zwei Menschen am Anfang des Evangeliums ein und dasselbe, und zwischen ihrem Tun ist doch ein himmelweiter Unterschied, wie der Schluss des Evangeliums sagt. Der Z\u00f6llner geht hinauf in den Tempel und der Pharis\u00e4er geht hinauf; der Z\u00f6llner betet und der Pharis\u00e4er betet; der Z\u00f6llner geht mit leichtem Herzen nach Hause und der Pharis\u00e4er auch; und doch welch\u2019 ein Unterschied stellt sich heraus zwischen den beiden: Der Eine ging gerechtfertigt in sein Haus, der Andere ungerechtfertigt; des Einen Gebet hatte Gott mit Freuden geh\u00f6rt und schaute ihn an mit dem Auge seiner Gnade, den Andern wollte er nicht h\u00f6ren und wandte sein Angesicht von ihm; und wenn der Pharis\u00e4er, bei seiner Meinung geblieben ist, dann ist er ungerechtfertigt aus dem Tempel in sein Haus gegangen und ungerechtfertigt aus seinem Hause in das Grab und ungerechtfertigt aus dem Grabe in die H\u00f6lle gefahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGerechtfertigt vor Gott\u201c \u2013 das hei\u00dft: Gottes Verh\u00e4ltnis zu uns ist juristisch. Wir stehen vor dem allm\u00e4chtigen Gott in der Rolle des Angeklagten. Und Er ist der Richter. Nicht erst am J\u00fcngsten Tag! Heute schon! Und wir k\u00f6nnen erst dann aufatmen, wenn der Richter uns frei und gerecht spricht. Dann sind wir \u201egerechtfertigt\u201c und im Frieden mit Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wollen das Gleichnis versuchen zu verstehen. Den Pharis\u00e4er braucht man nicht in Jerusalem zu suchen, sondern jeder von uns tr\u00e4gt ihn in seiner Brust. Obwohl die Pharis\u00e4er, die in Jerusalem so stolz einhergingen in ihren langen Gew\u00e4ndern und den breiten S\u00e4umen, auf welchen die zehn Gebote geschrieben waren, l\u00e4ngst nicht mehr da sind, so gibt es sie heute in allen m\u00f6glichen Varianten. Pharis\u00e4er gibt es genug in den St\u00e4dten und den D\u00f6rfern, die ihnen heute in allen St\u00fccken auf\u2019s Haar \u00e4hnlich sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Pharis\u00e4er, was ist das? Die Pharis\u00e4er spielen eine gro\u00dfe Rolle in den Evangelien. Sie kommen darum in den Evangelien so oft vor, weil sie im Leben so oft vorkommen. Und doch f\u00e4llt es uns schwer, einen Pharis\u00e4er zu finden. Wie kommt das? Wir sehen vor lauter B\u00e4umen den Wald nicht, oder richtiger: Wir sehen vor lauter Wald die B\u00e4ume nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir teilen die Menschen nach ihrem Verhalten gew\u00f6hnlich in gute und b\u00f6se ein. Aber von dieser Einteilung wei\u00df Gott und sein Wort nichts. Vor Gottes Angesicht sind sie alle b\u00f6se, denn sie sind alle S\u00fcnder. Gott teilt uns ein in S\u00fcnder, n\u00e4mlich in Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner; oder in selbstgerechte \u2013 und bu\u00dffertige S\u00fcnder; oder in S\u00fcnder, welche der Bu\u00dfe nicht bed\u00fcrfen \u2013 und S\u00fcnder, welche in der Bu\u00dfe stehen und nach Vergebung oder Gnade verlangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese zwei Klassen von Menschen malt uns Jesus heute vor Augen. Der Pharis\u00e4er und der Z\u00f6llner repr\u00e4sentieren also die ganze Menschheit. Jeder Mensch ist entweder ein Pharis\u00e4er, oder ein Z\u00f6llner, oder beides zugleich.<\/p>\n<p><strong>3. Durchatmen!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus versucht mit dem Gleichnis den Menschen zu verdeutlichen, dass mit seinem Kommen etwas Neues angebrochen ist. Mit traurigem Herzen hat Jesus feststellen m\u00fcssen, dass kaum ein Mensch dankbar daf\u00fcr war, als S\u00fcnder von Gott gerecht gemacht zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus musste eine Geschichte pr\u00e4sentieren, wenn er anschaulich machen wollte: Darum geht es mir doch eigentlich! Ich bin doch der schon lange angek\u00fcndigte Knecht Gottes, der Gerechte, der den Vielen Gerechtigkeit schafft (vgl. Jes. 53,11).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wehmut muss Jesus erf\u00fcllt haben, als er jenen Pharis\u00e4er schilderte. Er hat ihn ja nicht karikiert. Was sucht der Pharis\u00e4er droben im Tempel? Was er \u00fcberall suchte und fand: sich selbst und den Ruhm seiner Fr\u00f6mmigkeit. \u201eEr stellte sich hin,\u201c wie es im Grundtext hei\u00dft, zuversichtlich, mit erhobenem Haupt, wie einer, der sich hier zu Hause f\u00fchlt, aber nicht wie ein Kind, sondern wie der Herr im Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pharis\u00e4er stand. Er beugte nicht sein Herz, er beugte nicht seine Knie \u2013 wozu h\u00e4tte er auch dies n\u00f6tig gehabt? \u2014 Er tat, seiner Meinung nach, dem Gotteshaus noch eine Ehre an, dass er kam. Wer ihn sah, musste genau so denken, und es ihm noch danken, dass er den Gottesdienst nicht verschm\u00e4hte. Es gibt Pharis\u00e4er, die kommen in den Tempel, um sich einen Verdienst daraus zu machen und um es sich hoch anrechnen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, er stand und betete bei sich selbst. Laut wollte er nicht beten. Die Leute sollten nicht wissen, dass auch er etwas zu beten hat, ohne die Lippen zu bewegen, ohne das Haupt zu neigen, ohne die H\u00e4nde zu falten. Und was betete er denn? Er betete gerade so, wie es zu seinem \u00e4u\u00dferen Ansehen passte: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie andre Leute.\u201c Er preist nicht Gottes Wohltat, sondern seine eigene Guttat. Er hat nicht Gott zu loben, sondern sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was er spricht, klingt wie ein Dankgebet, aber es ist doch im Grunde nichts als ein \u201eSelbstgespr\u00e4ch,\u201c ein Gl\u00fcckwunsch, an die eigene Adresse gerichtet. Wohl scheint es, als wolle er seinem Gott die Ehre daf\u00fcr geben, dass er ihn beh\u00fctet und bewahrt vor S\u00fcnde und Schuld. Das Gebet des Pharis\u00e4ers ist scheinbar ein Dank an Gott, aber wenn du n\u00e4her hinsiehst, so ist das kein Dank. Man dankt Gott durch Bitten; wer Gott wahrhaft danken will, der muss kommen, seine H\u00e4nde auftun und von ihm begehren. Wer aber nichts begehrt, der dankt auch nicht. So ist es hier bei dem Pharis\u00e4er. H\u00f6rst du ihn nicht: \u201eIch danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute \u2013 ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von Allem, was ich habe.\u201c F\u00fcnfmal \u201aIch\u2018, einmal Gott!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr ein reicher Mann, der nichts mehr zu bitten hat, was f\u00fcr ein armer Gott, der ihm scheinbar nichts zu geben hat. Ja, Gott m\u00fcsste sich eigentlich bei dem lieben Pharis\u00e4er noch bedanken, dass er einen so frommen und vortrefflichen Verehrer an ihm besitzt. Schau, er dankt daf\u00fcr, dass er nicht ist \u201ewie andere Leute, R\u00e4uber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Z\u00f6llner\u201c, dass er von keiner \u00dcbertretung des Gesetzes wei\u00df, sondern: Ich faste zweimal in der Woche (nur 1 x gefordert) und gebe den Zehnten von allem, was ich habe (wo der 10. nur von Feldfr\u00fcchten geboten war). Also, er hat noch mehr geleistet, als das Gesetz forderte. Gewiss, was wir da vom Pharis\u00e4er h\u00f6ren, ist ja aller Ehren wert, man m\u00fcsste ihm noch einen Orden obendrauf anh\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Schluss lautet: \u201eIch habe noch \u00dcberschuss, ich habe von Gott noch herauszubekommen; und wenn noch einmal zehn Gebote w\u00e4ren, ich h\u00e4tte sie doch alle gehalten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das ist das Widerw\u00e4rtige an diesem Manne, seine Selbstvermessenheit, dass er vor Gott steht und es wagt, ohne zu err\u00f6ten, seine paar armseligen Tugenden in einen Strau\u00df zusammenzubinden und ihn dem Heiligen vorzuhalten, dass er sich an ihrem Duft erquicke. Vor Gott ist doch all unser Tun nur armes St\u00fcckwerk, all unsre Gerechtigkeit nur ein dreckiges Kleid. Er steht vor Gott, und anstatt sich zu messen an dem Heiligen Israels, misst er sich an dem unheiligen Bruder nebenan: \u201eIch danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute, oder auch wie dieser Z\u00f6llner.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Augenblick, wo er sich r\u00fchmt, kein R\u00e4uber oder M\u00f6rder zu sein, raubt er dem N\u00e4chsten seine W\u00fcrde, t\u00f6tet er durch lieblose Verachtung und Hochmut die Seele des Bruders. \u201eEr rechtfertigt sich selbst,\u201c das hei\u00dft: Er nimmt dem ewigen Gott sein Richter-Amt aus den H\u00e4nden, Ihm, der allein \u201eschuldig\u201c aber auch freisprechen, verdammen und begnadigen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das waren seine Fehler, die wir ihm nicht nachmachen wollen: sein geistlicher Hochmut, der seine eigene S\u00fcndhaftigkeit nicht kennt, der seinen Bruder neben ihm nicht achtet und der eigentlich Gott nicht braucht und ihn zum Bittsteller degradiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas sind wir, o Herr, vor dir, dass wir verdammen sollten?\u201c Das ist es, was Gott uns klarmachen kann, die seine Gegenwart suchen. \u201eWir liegen (betend) vor dir und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine Barmherzigkeit\u201c, so hatte Daniel gebetet (Daniel 9,18).<\/p>\n<p><strong>4. Aufatmen!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr eine Bilanz! Der Pharis\u00e4er, wie Jesus ihn uns geschildert hat, meinte, keinen Gott zu brauchen, der ihn gerecht macht. Er hielt sich selbst f\u00fcr gerecht. Und den Z\u00f6llner, der Gottes Gnade suchte. Er war ein Mensch, der sich \u201avor Gott\u2019 entdecken lie\u00df, wie es eigentlich um ihn stand. Der hat nicht die Lebensumst\u00e4nde angeklagt, in die er hineingeboren worden ist. Er hat auch nicht Verf\u00fchrer und schlechte Freunde mitverantwortlich gemacht f\u00fcr seine falschen Wege. Mit keinem Wort hat er versucht, sich vor Gott zu \u201erechtfertigen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm war nur noch dies eine bewusst: Eigentlich habe ich absolut kein Recht, vor Gott zu erscheinen. Deshalb blieb er im weiten Tempelbezirk vor Scham und Scheu bewusst \u201eau\u00dfen vor\u201c (\u201eer stand ferne\u201c). Vielleicht in einem Winkel des Tempels, \u201edicht an der Kircht\u00fcr,\u201c w\u00fcrden wir sagen; wollte auch seine Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust! Er traute sich nicht, nach Gott die H\u00e4nde auszustrecken, ja nicht einmal, die Augen zum Himmel zu erheben (\u201eaufzuschlagen\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was soll sein Tun bedeuten, was sucht er im Heiligtum? Ach, nicht sich selbst. Nein, sich will er entfliehen. Zu Hause, wo er beten k\u00f6nnte, umringen ihn seine S\u00fcnden. Da steht der Zolltisch, der sagt ihm: Betr\u00fcger! Da liegt das Zollbuch, das schilt ihn: F\u00e4lscher! Da ist der Geldschrank mit den erpressten Hellern und den Tr\u00e4nen der Witwen und Waisen. Das ruft ihm zu: Menschenschinder! \u2013 Das l\u00e4sst ihm keine Ruh. Er muss weg, raus aus seinen vier W\u00e4nden, die ihn einengen, hinauf zu dem Gott, an dem er ges\u00fcndigt hat. Der soll ihn heilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, als er nun zum Tempel kommt, ach, da f\u00e4llt\u2019s ihm zuerst doppelt schwer auf die Seele \u2013 von fern steht er \u2013 er f\u00fchlt: Du hast kein Recht, dich deinem Gott zu nahen; wie ein Angeklagter vor dem Richter wagt er den Blick nicht aufzuheben; vor der Heiligkeit Gottes verstummt er, den Glanz kann er nicht ertragen, sein Auge f\u00e4ngt an zu tr\u00e4nen und die Hand f\u00e4hrt an die Brust. Damit zeigt er an, wo es ihn dr\u00fcckt, wo er gefehlt hat. Seine Lippen \u00f6ffnen sich zu dem Sto\u00dfseufzer aus tiefstem Herzen und er stammelt nur noch diese eine Gebetsbitte: Gott sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMir S\u00fcnder,\u201c so spricht er. Ach, ihm vergeht alles Vergleichen mit andern Menschen, die etwa noch schlechter waren, als er selbst. Er h\u00e4tte doch gewiss auch manches sagen k\u00f6nnen zu seiner Entschuldigung, h\u00e4tte bei sich selbst sprechen k\u00f6nnen: \u201eWenn mein Vater nicht ein Z\u00f6llner gewesen, dann w\u00e4re ich\u2019s auch nicht; h\u00e4tte ich eine bessere Erziehung bekommen, so w\u00e4re ich auch ein Anderer geworden. Schlie\u00dflich habe ich doch auch manches Gute getan, manche Witwe errettet, manche Schuld erlassen\u201c (Luk. 16,1ff), aber nichts von alledem, statt dessen nur das eine gro\u00dfe Bekenntnis: \u201eMir \u2013 S\u00fcnder\u201c oder, wie es im Griechischen lautet: mir, dem S\u00fcnder!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Pharis\u00e4er sich selbst als den einzig Gerechten hinstellt gegen\u00fcber all den Ungerechten, so stellt sich hier der Z\u00f6llner mit seinem: \u201eMir, dem S\u00fcnder,\u201c als den einzigen S\u00fcnder hin, gegen\u00fcber der gro\u00dfen Zahl von Gerechten. Auch er naht seinem Gott nicht mit leeren H\u00e4nden. Aber er bringt ihm nicht wie der Pharis\u00e4er das, was er hat, sondern das, was er nicht hat; nicht seinen Reichtum, sondern seine Armut bringt er. Er kommt ins Heiligtum um zu opfern, das Opfer eines gebrochenen und zerschlagenen Herzens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das auch mir m\u00f6glich, dem standzuhalten und dann gerade deshalb das Gr\u00f6\u00dfte zu erbitten: \u201eGott, rechtm\u00e4\u00dfig bin ich verloren! Aber gew\u00e4hre mir deine Gnade, deine rettende Gnade!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt dringt aus der Tiefe des Z\u00f6llnerherzens der Ruf: Gerichtet! Aber aus dem Herzen Gottes: Gerettet! Wer so Gott anflehen kann, der wird auch bis in die Ewigkeit hinein erfahren: \u201eWer sich selbst erniedrigt, der wird erh\u00f6ht werden!\u201c Jesus hat dies ein f\u00fcr allemal gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer war der Gnade und dem Herzen Gottes n\u00e4her, Pharis\u00e4er oder Z\u00f6llner? Ich denke, ich brauche die Frage nicht mehr zu beantworten. Aber eines meine ich: Wenn es nun hei\u00dft: \u201eEr ging gerechtfertigt hinab\u201c \u2013 wurde er getragen von der Vergebung seines Gottes, dem Frieden im Herzen, um sein Haupt den Sonnenschein g\u00f6ttlicher Erbarmung, auf der Stirn den Glanz der Ewigkeit, der ihn angeleuchtet hat im Heiligtum. Er hat den Seinen, als er in sein Haus kam, den Eindruck gegeben: \u201eDieser hat mit Gott geredet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr Jesus hat den Z\u00f6llner gelobt, weil der Z\u00f6llner den rechten Weg zur Rechtfertigung fand. Wie denn? Er breitete die Wahrheit aus vor Gott: \u201eIch bin ein S\u00fcnder.\u201c Und dann betete er: \u201eSei mir gn\u00e4dig!\u201c Es ist \u201eFreude im Himmel \u00fcber einen S\u00fcnder, der Bu\u00dfe tut.\u201c Der Dichter Woltersdorf singt: \u201eWer S\u00fcnde tut und liebet \/ Der ist des Teufels Knecht \/ Wen seine Schuld betr\u00fcbet \/ Der ist vor Gott gerecht. \/ Wer sich beim Richter selbst verklagt \/ Der wird von seinen Schulden \/ Auf ewig losgesagt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der gro\u00dfe englische Staatsmann Winston Churchill beerdigt wurde, hat es mich beeindruckt, dass es da gem\u00e4\u00df der anglikanischen Bestattungsliturgie hie\u00df: \u201eAllm\u00e4chtiger Gott und Herr, nun kommt vor dich der arme S\u00fcnder Winston Churchill!\u201c Da war nichts mehr von den gro\u00dfen Verdiensten seines Lebens zu h\u00f6ren, sondern nur dies, dass auch er die Gnade des Gottes braucht, der Menschen erh\u00f6ht, die sich selbst erniedrigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus hat diese Sache \u00fcberaus anschaulich ein f\u00fcr allemal gekl\u00e4rt. Darauf kann man bauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen.<\/p>\n<p><em>Pr\u00e4dikant Thomas Karker,\u00a0Stadtwerder Bremen 18.6.26<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele sehen ja bis zum heutigen Tag dieses Gleichnis von Jesus so an, als wenn es sich um eine moralische Lesebuchgeschichte handeln w\u00fcrde. Dem aber hat der Berichterstatter Lukas vorgebeugt. Er hat dieses Gleichnis dort in seinen fortlaufenden Bericht eingeklinkt, wo von Jesus das Stichwort gefallen war \u2013 sogar gleich zweimal: \u201eGott wird Recht schaffen\u201c. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":499,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22893"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/499"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22893"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22893\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22895,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22893\/revisions\/22895"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}