{"id":22862,"date":"2026-07-27T21:49:53","date_gmt":"2026-07-27T19:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=22862"},"modified":"2026-07-27T21:49:53","modified_gmt":"2026-07-27T19:49:53","slug":"demografie-die-mutter-aller-krisen-interview-des-magazins-mit-menschen-reden-mit-prof-dr-herwig-birg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=22862","title":{"rendered":"Demografie \u2013 die Mutter aller Krisen. Interview des Magazins &#8222;Mit Menschen reden&#8220; mit Prof. Dr. Herwig Birg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Herr Professor Birg, Sie besch\u00e4ftigen sich seit Jahrzehnten mit dem demografischen Wandel. Ihre Analysen gelten als unbequem, weil sie langfristige Entwicklungen sichtbar machen, die sich politisch kaum noch korrigieren lassen. Lassen Sie uns mit einem scheinbaren Paradoxon beginnen: Sie sagen, Wohlstand f\u00fchre zu einer negativen demografischen Entwicklung. Wie ist das zu verstehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Historisch betrachtet war Bev\u00f6lkerungswachstum stets eng mit wirtschaftlichem Fortschritt verbunden. So war es im 19. Jahrhundert etwa f\u00fcr eine Familie mit einem Bauernhof wichtig, dass m\u00f6glichst kr\u00e4ftige Buben bei der Bewirtschaftung geholfen haben. Geerbt hat dann zumeist der \u00c4ltere. Diese Logik hat sich in den hochentwickelten Gesellschaften grundlegend umgekehrt. Heute kann man sagen: Je h\u00f6her der materielle Wohlstand, je gr\u00f6\u00dfer die individuelle Freiheit, je umfassender die soziale Absicherung, desto st\u00e4rker sinken die Geburtenraten. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden kulturellen Wandels. Kinder sind in modernen Wohlstandsgesellschaften keine \u00f6konomische Notwendigkeit mehr, sondern eine biografische Option \u2013 und diese Option wird zunehmend seltener gew\u00e4hlt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Das Paradoxon des Wohlstands.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Das Paradoxon wird in praktisch allen L\u00e4ndern der Welt seit ein bis zwei Jahrhunderten beobachtet. Gesellschaften, die technologisch, medizinisch und wirtschaftlich am erfolgreichsten sind, reproduzieren sich biologisch am wenigsten. Deutschland ist daf\u00fcr ein besonders pr\u00e4gnantes Beispiel. Seit vielen Jahrzehnten liegt die sogenannte Geburtenrate deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Im Schnitt bewegen wir uns zwischen 1,3 und 1,6. Das f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu Alterung, Schrumpfung und struktureller \u00dcberlastung der sozialen Sicherungssysteme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Sie betonen immer wieder, dass Kultur und Moral entscheidende Einflussfaktoren f\u00fcr demografische Entwicklungen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Absolut. \u00d6konomische Rahmenbedingungen spielen eine Rolle, aber sie erkl\u00e4ren den Geburtenr\u00fcckgang eigentlich nicht, denn sie werden selbst von ihm beeinflusst. Entscheidend ist die kulturelle Pr\u00e4gung. Gesellschaften, in denen Familie, Kinder und generationelle Verantwortung kulturell positiv besetzt sind, weisen stabilere Geburtenraten auf. Umgekehrt gilt: Je st\u00e4rker sich eine Gesellschaft auf Konsum, Individualismus, Mobilit\u00e4t und Selbstverwirklichung fokussiert, desto ausgepr\u00e4gter f\u00e4llt der Geburtenr\u00fcckgang aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Was bedeutet das konkret?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Kinder bedeuten in unserer Kultur auf der einen Seite Bindung, langfristige Verantwortung, und auf der anderen Seite Einschr\u00e4nkungen von biografischer Flexibilit\u00e4t, sozialer Mobilit\u00e4t und Karriereoptionen. In hoch individualisierten Gesellschaften wird dies zunehmend als Belastung empfunden. Besonders gut ausgebildete Frauen und M\u00e4nner erleben mit der Geburt eines Kindes h\u00e4ufig eine Einbu\u00dfe ihres \u00f6konomischen und biografischen Entfaltungsspielraums. Zeit, die in Kinder investiert wird, flie\u00dft nicht in Einkommen, Verm\u00f6gensaufbau und berufliche Entwicklung. Wo Kultur dem nicht bewusst ein starkes, positives Gegengewicht entgegensetzt, ist der Geburtenr\u00fcckgang unausweichlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Vereinzelung der Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Das h\u00e4ngt eng mit der sogenannten Lebenslauftheorie zusammen. Die Entscheidung f\u00fcr Kinder und die langfristige Bindung an einen Lebenspartner wirken sich als lebenslange Festlegungen im Lebenslauf nachteilig aus, weil sie die Anpassungsf\u00e4higkeit an die \u00fcberw\u00e4ltigende Kraft der Arbeitsmarktdynamik reduzieren. Das macht Eltern immobil, begrenzt Karrieren, fixiert soziale Milieus und reduziert den biografischen Entwicklungsspielraum bzw. das sogenannte \u201ebiografische Universum\u201c des Individuums. Deshalb werden Geburten aufgeschoben und sp\u00e4ter oft nicht mehr realisiert. In Gro\u00dfst\u00e4dten dominieren die Einpersonenhaushalte. Dies f\u00fchrt langfristig zu einer atomisierten Gesellschaft, in der Geschwisterbeziehungen, famili\u00e4re Netzwerke und generationen\u00fcbergreifende Bindungen zunehmend verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Welche gesellschaftlichen Folgen hat das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Vereinzelung erh\u00f6ht die Abh\u00e4ngigkeit vom Staat, von professionellen Pflege- und Betreuungsstrukturen und von sozialen Transferleistungen. Gleichzeitig schw\u00e4cht sie die informellen Solidarit\u00e4tsnetze, die Gesellschaften traditionell stabilisiert haben. Das ist ein zentraler, oft untersch\u00e4tzter Aspekt des demografischen Wandels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Sie haben fr\u00fch den Begriff der Multiminorit\u00e4ten-Gesellschaft gepr\u00e4gt. Was verstehen Sie darunter?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Klassische Einwanderungsgesellschaften zeichneten sich durch eine stabile kulturelle Mehrheit aus, in die sich Minderheiten integrieren. In Deutschland beobachten wir jedoch einen anderen Prozess: Die demografische Schrumpfung der angestammten Mehrheitsgesellschaft bei gleichzeitigem Wachstum unterschiedlicher zugewanderter Minderheiten. Langfristig entsteht eine Gesellschaft ohne klare Mehrheit, also eine Multiminorit\u00e4ten-Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Meine Frage lautet: Warum ist das problematisch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Weil soziale Koh\u00e4sion auf gemeinsamen kulturellen Referenzen beruht. Wenn diese zerfallen, entstehen Segmentierung, Parallelgesellschaften und Identit\u00e4tskonflikte. Ohne ein verbindendes kulturelles Fundament wird Politik zunehmend zu einem permanenten Verteilungskampf zwischen Gruppen. Das ist hochgradig konflikttr\u00e4chtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von \u201edemografischem Kolonialismus\u201c. Das finde ich insofern interessant, als man in den Medien heutzutage eher mit Schlagworten wie \u201eDekolonialisierung\u201c konfrontiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Damit meine ich die strukturelle Abh\u00e4ngigkeit alternder Wohlstandsgesellschaften von den Geburten in \u00e4rmeren L\u00e4ndern. In Deutschland ist seit 1972 die Zahl der Sterbef\u00e4lle jedes Jahr um Hunderttausende gr\u00f6\u00dfer als die der Geburten, letztes Jahr betrug das Geburtendefizit 300.000. Ohne Zuwanderungen w\u00e4re die Bev\u00f6lkerungszahl jedes Jahr geschrumpft. Deutschlands Bev\u00f6lkerungsentwicklung l\u00e4sst sich nur noch durch wachsende Zuwanderungen stabilisieren. Wir werben gezielt um Fachkr\u00e4fte \u2013 Informatiker aus Indien, Pflegekr\u00e4fte aus Osteuropa oder S\u00fcdamerika, medizinisches Personal aus Asien. Faktisch externalisieren wir damit unsere demografischen Defizite. Im historischen Kolonialismus ging es um die Ausbeutung von Rohstoffen, im Zeitalter des demografischen Kolonialismus um die viel wertvollere menschliche Substanz der ausgebeuteten L\u00e4nder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Da habe ich direkt ein Bild vor Augen: Die gut ausgebildete Informatikerin einer renommierten Universit\u00e4t in Tunis ist sich sicher, dass sie in Paris arbeiten wird. Da sind schon viele junge Verwandte und man hat seine Community. W\u00e4hrenddessen die tunesische Gesellschaft sich mit den Transferzahlungen begn\u00fcgt, wenn die junge Informatikerin ihre Familie an ihrem wirtschaftlichen Erfolg teilhaben l\u00e4sst. Keine wirkliche St\u00e4rkung der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes, wie hier Tunesien. Und noch ein zweites Bild, welches in den Kontext des einen oder anderen afrikanischen oder arabischen Landes passen k\u00f6nnte: Da wird Geld beim Onkel, bei den Nachbarn und sonst wo gesammelt, um eine der kr\u00e4ftigeren Minderj\u00e4hrigen auf den Weg nach Europa zu schicken. Dort angekommen, ist dieser junge Mensch mit der Sprachbarriere, einer v\u00f6llig anderen Kultur und Gesellschaft \u2013 und mit nur wenig Chance auf eine schnelle, regul\u00e4re Besch\u00e4ftigung konfrontiert. Wie soll dieser junge Mann den finanziellen Erwartungen seiner Familie im Heimatland gerecht werden? Wie schnell zeichnet sich der Weg in die Kriminalit\u00e4t ab; wo m\u00f6glich aus dem besagten finanziellen Druck oder schlicht ob der Langeweile oder dem Bed\u00fcrfnis, einer Gruppe anzugeh\u00f6ren. W\u00e4re es f\u00fcr diesen jungen Menschen nicht f\u00f6rderlicher, er d\u00fcrfte in seinem sozialen Umfeld zu Hause erwachsen werden? Wie w\u00e4re es, wenn wir vor Ort Bildung f\u00f6rdern und beispielsweise Teile unserer \u00f6ffentlichen Verwaltung im Sinne eines BPO (Business Process Outsourcing) organisierten? Beide F\u00e4lle scheinen mir in den Kontext der demografischen Kolonialisierung zu passen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Ja, das sind gute Beispiele. Werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf die Zahlen: Wie die Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes vom Dezember 2025 und die schon l\u00e4nger publizierten Ergebnisse der demografischen Forschung zeigen, w\u00fcrde die Bev\u00f6lkerung Deutschlands ohne Zuwanderung bis 2070 unter 60 Millionen sinken \u2013 also um rund 25 Millionen Menschen abnehmen. Aber 2070 w\u00e4re die Schrumpfung nicht zu Ende, sie ginge weiter bis ins n\u00e4chste Jahrhundert usf. Quantitativ k\u00f6nnte man die Folgen des schrumpfenden Arbeitskr\u00e4ftepotenzials durch die von Ihnen vorgeschlagene konsequente Digitalisierung abfedern. Aber die Qualifikationen der freigesetzten Arbeitskr\u00e4fte m\u00fcssen auch zu den offenen Stellen passen. Wenn dies durch Umschulungen m\u00f6glich w\u00e4re, dann w\u00fcrde die Digitalisierung die Produktivit\u00e4t in Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft deutlich steigern. Ihr Vorschlag, durch massive Digitalisierung der \u00f6ffentlichen Verwaltung personelle Ressourcen freizusetzen, ist also grunds\u00e4tzlich plausibel. Aber daf\u00fcr ist es jetzt vielleicht schon zu sp\u00e4t. Politische, institutionelle und kulturelle Kipppunkte sind schon lange \u00fcberschritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Zugleich betonen Sie, dass Migration das Problem langfristig nicht l\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Migration kann keine L\u00f6sung sein, denn Migranten sind wie alle Menschen nat\u00fcrlich ebenfalls an Wohlstand interessiert. Sobald dieser erarbeitet ist, passen die meisten ihr Reproduktionsverhalten an die Wohlstandsbedingungen des Aufnahmelandes an. Mit wachsendem Einkommen sinken auch bei ihnen die Geburtenraten. Migration verschiebt das Problem also auf eine internationale Ebene, l\u00f6st es aber nicht. Auch die demografische Alterung l\u00e4sst sich durch die Immigration J\u00fcngerer nur zeitlich hinausschieben, nicht stoppen oder gar aufheben. Die Population Division der Vereinten Nationen hat errechnet, dass Deutschland langfristig eine Nettozuwanderung von mehreren Millionen pro Jahr aufnehmen m\u00fcsste, wenn das Verh\u00e4ltnis aus der wachsenden Zahl der Alten, die versorgt werden m\u00fcssen, und der schrumpfenden Zahl der J\u00fcngeren nicht steigen soll. So viele Menschen w\u00e4ren gesellschaftlich, infrastrukturell und kulturell nicht integrierbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Warum tut sich die Politik so schwer, diese Entwicklungen offen zu adressieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Politik denkt in Legislaturperioden. Demografische Prozesse wirken \u00fcber Jahrzehnte. Wo keine kurzfristig durchsetzbare L\u00f6sung existiert, darf politisch oft auch kein Problem existieren. Hinzu kommt die Angst vor W\u00e4hlerverlusten. Unbequeme Wahrheiten werden verdr\u00e4ngt, besch\u00f6nigt oder ideologisch \u00fcberformt. Das ist ein strukturelles Politikversagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Feigheit der Politik vor dem W\u00e4hler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Ja, weil notwendige Reformen regelm\u00e4\u00dfig aus Angst vor Unbeliebtheit unterlassen werden. Das gilt f\u00fcr die Rentenpolitik ebenso wie f\u00fcr Familien-, Bildungs- und Migrationspolitik. Z\u00f6gerliche Entscheidungen, endlose Verfahren, fehlende pers\u00f6nliche Verantwortung \u2013 all das f\u00fchrt dazu, dass strukturelle Probleme verschleppt werden, bis sie kaum noch l\u00f6sbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Sie bezeichnen die demografische Krise als \u201eMutter aller Krisen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Das ist keine rhetorische \u00dcbertreibung. Die demografische Entwicklung beeinflusst alle zentralen Systeme: Wirtschaft, Bev\u00f6lkerung, Gesellschaft und Umwelt. Sie erzeugt Verteilungskonflikte zwischen Jung und Alt \u2013 etwa bei Rente, Gesundheitswesen und Pflege. Aber sie versch\u00e4rft auch inner-halb jeder alten oder jungen Generation Konflikte, denn kinderlose Haushalte, deren Anteil von Generation zu Generation w\u00e4chst, verf\u00fcgen im Schnitt \u00fcber wesentlich gr\u00f6\u00dfere finanzielle Spielr\u00e4ume als Familien mit Kindern. Zudem erwerben sie noch durch ihre \u00fcberdurchschnittlichen Beitragszahlungen h\u00f6here Versorgungsleistungen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Das widerspricht nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2001 unserem Grundgesetz, denn kinderlose Menschen erbringen nur die finanziellen Beitr\u00e4ge in das soziale Sicherungssystem. Sie leisten jedoch nicht die unabdingbaren \u201egenerativen\u201c Beitr\u00e4ge in der Form der Erziehung von Kindern als den Beitragszahlern der Zukunft, ohne die unser System (Umlageverfahren) nicht funktioniert. Seit Jahren wird das Defizit der Rentenversicherung aus Steuermitteln aus-geglichen. Dabei geht es um Betr\u00e4ge von weit \u00fcber 100 Milliarden Euro pro Jahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Hinzu kommen regionale Spannungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Die regionale Bev\u00f6lkerungsverteilung wird entscheidend dadurch bestimmt, dass jedes Jahr drei- bis f\u00fcnfmal so viele Menschen ihren Wohnsitz zwischen den Stadt- und Landkreisen wechseln wie geboren werden bzw. sterben. Diese sogenannte Binnenwanderung entv\u00f6lkert l\u00e4ndliche R\u00e4ume und \u00fcberlastet Metropolen. Infrastruktur, medizinische Versorgung, \u00f6ffentlicher Nahverkehr \u2013 all das ger\u00e4t aus den Fugen. Das im Grundgesetz verankerte Gebot zur Schaffung \u201egleichwertiger\u201c (nicht gleichartiger) Lebensbedingungen ist mittlerweile nicht mehr erf\u00fcllbar. Die Zuwanderung versch\u00e4rft in Ballungsr\u00e4umen die sozialen Spannungen, aber auch in bestimmten Entleerungsgebieten. Die viel diskutierte \u201eStadtbild-Debatte\u201c ist kein ideologisches Konstrukt, sondern Ausdruck realer Alltagserfahrungen. Diese Erfahrungen werden politisch entweder ignoriert, geleugnet oder instrumentalisiert \u2013 selten aber konstruktiv gel\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Sie f\u00fchren als Beispiel f\u00fcr die Demografie als versteckte Ursache hinter vielen Krisenerscheinungen h\u00e4ufig die griechische Finanzkrise an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Die Ursachen der griechischen Finanzkrise waren vielf\u00e4ltig \u2013 aber ein zentraler Faktor war die demografische Entwicklung. Niedrige Geburtenraten f\u00fchrten zu einer strukturellen \u00dcberlastung und zu wachsenden Defiziten der sozialen Sicherungssysteme. Internationale Banken ber\u00fccksichtigten dies bei ihrer Risikobewertung der ben\u00f6tigten Kredite. Wer sollte die Tilgung bei einer schrumpfenden Erwerbst\u00e4tigenzahl leisten? Jede schrumpfende und alternde Gesellschaft verliert langfristig an wirtschaftlicher Leistungsf\u00e4higkeit und fiskalischer Stabilit\u00e4t. Das war ein wesentlicher Grund, warum die Staatsfinanzierung von internationalen Banken zunehmend verweigert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Lassen Sie uns auf die globale demografische Entwicklung blicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Die Weltbev\u00f6lkerung besteht aus rund 180 L\u00e4ndern. Die Geburtenrate der Weltbev\u00f6lkerung befindet sich seit \u00fcber hundert Jahren im Sinkflug: 1960 entfielen pro Frau im Durchschnitt der Weltbev\u00f6lkerung f\u00fcnf Geburten, heute sind es noch knapp \u00fcber zwei, Tendenz fallend. Der Abw\u00e4rtstrend begann in Deutschland als einem der ersten L\u00e4nder. Der um 1905 geborene Frauenjahrgang war der letzte, dessen Geburtenrate ausreichte, um die Generation in ihren Kindern fortzupflanzen. Die anderen L\u00e4nder der Welt folgten dem R\u00fcckgang der Geburtenrate in Deutschland mit zeitlicher Verz\u00f6gerung wie die Schiffe in einem Geleitzug. Auch China hat jetzt den Punkt \u00fcberschritten, ab dem seine Bev\u00f6lkerungszahl (ohne Zuwanderung) st\u00e4ndig schrumpft und altert. Indien wurde das bev\u00f6lkerungsreichste Land, aber auch dort sinkt die Geburtenrate. Mit zeitlicher Verz\u00f6gerung folgen auch die afrikanischen L\u00e4nder. Nach meinen 1995 ver\u00f6ffentlichten Vorausberechnungen w\u00e4chst die Weltbev\u00f6lkerungszahl noch bis 2070 auf 9,5 Milliarden, danach beginnt die Phase der Schrump-fung. Die Vorausberechnungen sind bisher ziemlich genau eingetroffen. Die Entwicklung ist historisch beispiellos. Wir steuern global auf eine Phase demografischer Kontraktion zu, mit bislang kaum absch\u00e4tzbaren geopolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Gibt es dennoch Anlass zu Hoffnung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herwig Birg | Hoffnung ja. Illusionen nein. Wir k\u00f6nnen den demografischen Wandel gestalten, aber nicht aufhalten. Voraussetzung ist eine ehrliche, faktenbasierte Debatte ohne ideologische Scheuklappen. Gesellschaften, die bereit sind, unbequeme Wahrheiten anzuerkennen, haben zumindest die Chance, ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Alle anderen werden von der Demografie \u00fcberrollt, so wie Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ralf M. Ruthardt | Lieber Herr Professor Birg, ich danke Ihnen f\u00fcr dieses intensive Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">___________________________________________________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Dr. Herwig Birg ist einer der renommiertesten deutschen Demografen. Er war Direktor des Instituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung und Sozialpolitik der Universit\u00e4t Bielefeld, beriet Politik, Wirtschaft und Institutionen wie das Forschungsinstitut der Population Division der Vereinten Nationen in New York und ver\u00f6ffentlichte zahlreiche Standardwerke zu Demografie, Migration, Sozialstaat und Familienpolitik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle:<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mitmenschenreden. Das Magazin f\u00fcr den Perspektivenwechsel 2\/2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ralf M. Ruthardt | Herr Professor Birg, Sie besch\u00e4ftigen sich seit Jahrzehnten mit dem demografischen Wandel. Ihre Analysen gelten als unbequem, weil sie langfristige Entwicklungen sichtbar machen, die sich politisch kaum noch korrigieren lassen. Lassen Sie uns mit einem scheinbaren Paradoxon beginnen: Sie sagen, Wohlstand f\u00fchre zu einer negativen demografischen Entwicklung. 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