{"id":2277,"date":"2009-08-22T16:17:48","date_gmt":"2009-08-22T14:17:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2277"},"modified":"2009-09-15T15:07:59","modified_gmt":"2009-09-15T13:07:59","slug":"2277","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2277","title":{"rendered":"Neue Partnerschaftsformen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Neue Partnerschaftsformen &#8211; Zeichen der Bindungsunf\u00e4higkeit?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pessimistischen Diskursen \u00fcber \u201eLasten, Zerfall und Bindungsschw\u00e4chen\u201c setzt das Bundesfamilienministerium eine positive Sicht auf die Situation der Familie in der deutschen Gegenwartsgesellschaft entgegen: \u201eEine Beliebigkeit der Lebensformen oder eine Abkehr von der Familie l\u00e4sst sich in unserer Gesellschaft nicht feststellen\u201c, die \u201eBindungslosigkeit\u201c habe in den vergangenen Jahren nicht zugenommen (1). Zwar nehme der Anteil der Single-Haushalte zu, eine \u201ewesentliche Ursache\u201c hierf\u00fcr sei jedoch die gro\u00dfe Zahl verwitweter Frauen als Folge der Alterung der Gesellschaft (2).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich aber hat der Anteil der Singles in der \u00e4lteren Generation der \u00fcber 65-j\u00e4hrigen deutlich abgenommen \u2013 und dies vor allem bei den Frauen: Von ihnen lebt heute ein gr\u00f6\u00dferer Anteil als noch vor 15-20 Jahren mit einem Partner \u2013 fast immer in Ehe \u2013 zusammen. Der Grund liegt in den sich ver\u00e4ndernden Geschlechterproportionen: Im Gegensatz zur noch \u00e4lteren Generation waren die 65-75-j\u00e4hrigen Frauen keinem kriegsbedingten M\u00e4nnermangel mehr ausgesetzt und sind seltener unverheiratet geblieben. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung auch der M\u00e4nner gestiegen. Aus diesem Grund leben \u00fcber 60-j\u00e4hrige Frauen h\u00e4ufiger als fr\u00fcher mit ihrem Ehemann zusammen. Verheiratete und verwitwete \u00fcber 60-j\u00e4hrige Frauen sind in der Regel M\u00fctter, die auch im Alter noch in Beziehung zu ihren erwachsen gewordenen Kindern leben (3). \u201eBindungslosigkeit\u201c als Leben ohne Partner und Kinder ist unter den heute \u00fcber 65-j\u00e4hrigen eher selten. In der erwachsenen Bev\u00f6lkerung im Alter von 20 bis 65 Jahren geht der Trend dagegen hin zur Singularisierung: Seit 1991 hat der Anteil der in Einpersonenhaushalten lebenden erwachsenen Bev\u00f6lkerung deutlich zugenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies gilt insbesondere f\u00fcr die 25-45-j\u00e4hrigen, also die Gruppe im klassischen Familiengr\u00fcndungsalter. Hier hat der Anteil der Alleinlebenden um mehr als 60 Prozent zugenommen (4). Die Singularisierung ist die Folge der stark r\u00fcckl\u00e4ufigen Heiratsneigung: Diese zeigt sich einerseits im Aufschub der Eheschlie\u00dfung in ein immer h\u00f6heres Lebensalter und andererseits im wachsenden Anteil j\u00fcngerer Menschen, die gar keine Ehe mehr eingehen. Zwar ist seit den 70er Jahren das \u201eZusammenleben ohne Trauschein\u201c in einem gemeinsamen Haushalt h\u00e4ufiger geworden. Die Zunahme dieser nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften (NEL) hat die \u201efehlenden\u201c Ehen aber nicht ersetzt: In den Jahrg\u00e4ngen der in den 40er und 50er Jahren Geborenen lebten im Alter von 30 Jahren nur etwa 15-20 Prozent ohne Partner im Haushalt, in den Geburtsjahrg\u00e4ngen der 60er waren es schon \u00fcber 30 und in denen der 70er Jahre ann\u00e4hernd 40 Prozent (5). F\u00fcr die Generation der in den 80er Jahren Geborenen ist ein noch h\u00f6herer Anteil von Einpersonenhaushalten absehbar (6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bewohner von Einpersonenhaushalten sind nicht zwangsl\u00e4ufig \u201eSingles\u201c im engeren Sinn: Nicht wenige (ca. 30 Prozent) dieser \u201eAlleinwohnenden\u201c haben einen Partner au\u00dferhalb des Haushalts (7). Solche \u201eLAT-Partnerschaften\u201c (LAT f\u00fcr \u201eliving apart together\u201c) k\u00f6nnen eine \u201eProbezeit\u201c f\u00fcr Ehe, Haushalts- und Familiengr\u00fcndung sein. Dies war und ist typisch f\u00fcr Partnerschaften junger Erwachsener im Alter von 20-30 Jahren. LAT- Partnerschaften k\u00f6nnen aber auch eine Lebensform des h\u00f6heren Erwachsenenalters ohne \u201eFamilienperspektive\u201c sein. Insbesondere diese Form der LAT-Partnerschaft ist in den letzten 15-20 Jahren h\u00e4ufiger geworden. Charakteristisch f\u00fcr LAT-Partnerschaften ist ihre Instabilit\u00e4t: Unabh\u00e4ngig vom Alter der Partner wird innerhalb eines Zeitraums von 6 Jahren die H\u00e4lfte von ihnen getrennt (8). Sie sind damit noch wesentlich instabiler als nicht-eheliche Lebensgemeinschaften (von denen in einem vergleichbaren Zeitraum mindestens jede f\u00fcnfte durch Trennung aufgel\u00f6st wird). Die meisten nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften enden allerdings nicht in einer Trennung, sondern werden durch Heirat in eine Ehe \u00fcberf\u00fchrt (9). Ehen wiederum bleiben in Deutschland mehrheitlich bis ins Alter bestehen. Trotz der gestiegenen Scheidungsh\u00e4ufigkeit ist die Ehe bei weitem die stabilste Form des Zusammenlebens von Mann und Frau (10). Ihr Bedeutungsverlust ist zugleich Symptom und Ursache einer wachsenden Singularisierung und Bindungslosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2295\" title=\"Lebensformen junger Erwachsener (IDAF 33-09)\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Lebensformen-junger-Erwachsener-IDAF-33-094.bmp\" alt=\"Lebensformen junger Erwachsener (IDAF 33-09)\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Stellungnahme der Bundesregierung zum Zw\u00f6lften Kinder- und Jugendbericht, S. 3-16, in: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht \u00fcber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland \u2013 Zw\u00f6lfter Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 15. Wahlperiode \u2013 Drucksache 15\/6014), S. 6.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0(2) Vgl.: Malte Ristau: Der \u00f6konomische Charme der Familie, S. 16-24, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 23-24 2005, S. 16.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Vgl.: Andrea Lengerer\/Thomas Klein: Der langfristige Wandel partnerschaftlicher Lebensformen im Spiegel des Mikrozensus, S. 433-447, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, 4\/2007, S. 440-442. Zur famili\u00e4ren und sozialen Lage von verwitweter Frauen: Vgl.: Stephan Baas: Soziale Netzwerke verschiedener Lebensformen im L\u00e4ngsschnitt \u2013 Kontinuit\u00e4t oder Wandel? S. 147 &#8211; 183, in: Walter Bien \/ Jan Marbach (Hrsg.): Familiale Beziehungen, Familienalltag und soziale Netzwerke, Ergebnisse der drei Wellen des Familiensurvey, S. 175-176, Wiesbaden 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe hierzu: Abbildung \u201eMehr j\u00fcngere Erwachsene in Single-Haushalten\u201c in IDAF newsletter 33-09 unter www.idaf.de.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0(5) Josef Br\u00fcderl: Die Pluralisierung gesellschaftlicher Lebensformen in Westdeutschland und Europa, S. 3-10, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B19 Mai 2004, S. 4-5.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Siehe hierzu: Abbildung unten: \u201eLebensformen junger Erwachsener\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Auswertungen des Sozio-\u00f6konomischen Panels (SOEP) ergaben, dass 29 Prozent der \u201eAlleinwohnenden\u201c einen Partner au\u00dferhalb des Haushalts hatte. Von den alleinerziehenden M\u00fcttern berichteten dies sogar 38 Prozent. Vgl.: Jens B. Asendorpf: Living Apart Together: Alters- und Kohortenabh\u00e4ngigkeit einer heterogenen Lebensform, S. 749-764, in: K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie, 60. Jahrgang, 4\/2008, S. 755. In der Sozialwissenschaft werden Partnerschaften von in separaten Haushalten lebenden Personen als LAT-Partnerschaften bezeichnet. Eingef\u00fchrt wurde das K\u00fcrzel f\u00fcr LAT f\u00fcr \u201eLiving Apart Together\u201c 1978 von dem niederl\u00e4ndischen Journalisten Michel Berkel in einem Artikel in der \u201eHaagse Post\u201c. Fr\u00fcher galten LAT-Partnerschaften eher als eine Lebensform von K\u00fcnstlern, Intellektuellen und Bohemiens. Heute sind sie in westlichen Gesellschaften in breiteren Teilen der Bev\u00f6lkerung anzutreffen. Vgl. ebenda, S. 750.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Vgl. ebenda, S. 257-262. Bei LAT-Partnerschaften gibt es auch keinen Trend zu gr\u00f6\u00dferer Stabilit\u00e4t im h\u00f6heren Lebensalter. Die Trennungswahrscheinlichkeit ist also f\u00fcr LAT-Partner im Alter von 30 oder sogar 40 Jahren noch genauso hoch wie bei j\u00fcngeren Paaren. Im Gegensatz hierzu sinkt die Trennungswahrscheinlichkeit in Ehen und nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften mit dem Alter der Paare. Ebenda.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Analysen von Daten aus dem Familiensurvey ergaben, dass sich nach f\u00fcnf \u201eKohabitationsjahren\u201c 21,4% der Paare getrennt und 60,7% geheiratet hatten. Nur 17,8% der Nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften hatten nach f\u00fcnf Jahren noch Bestand. Vgl.: Thomas Klein: Pluralisierung versus Umstrukturierung am Beispiel partnerschaftlicher Lebensformen, S. 143-159, in: K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie, 51. Jahrgang, 3\/1999, S. 478.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10) Dass Ehen deutlich stabiler sind als andere Partnerschaftsformen einschlie\u00dflich nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften ist keine deutsche Besonderheit, sondern international zu beobachten: Untersuchungen f\u00fcr Kanada zufolge enden fast 20 Prozent der NEL und 4 Prozent der Ehen innerhalb eines Zeitraumes von drei Jahren durch Trennung. Jean Dumas\/Alain B\u00e9langer: Common-Law Unions in Canada at the end of the 20th Century, S. 123-186, in: Report on the demographic Situation in Canada 1996, S. 149.<\/p>\n<p><em>\u00a0IDAF-newsletter 33\/2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Partnerschaftsformen &#8211; Zeichen der Bindungsunf\u00e4higkeit? 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