{"id":2228,"date":"2008-03-25T14:53:04","date_gmt":"2008-03-25T12:53:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2228"},"modified":"2014-06-13T12:50:29","modified_gmt":"2014-06-13T10:50:29","slug":"homosexualitat-im-alten-testament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2228","title":{"rendered":"Homosexualit\u00e4t im Alten Testament"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Homosexualit\u00e4t im Alten Testament<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Einleitung<br \/>\n2. Das Umfeld Israels<br \/>\n3. Die Bestimmungen in Lev 18,22 und 20,13<br \/>\n4. Sodom und Gibea<br \/>\n5. Die Beziehung von David und Jonathan<br \/>\n6. Die Geschlechterdifferenzierung in Gen 1 und 27<br \/>\n7. Hinweise zu einer gesamtbiblischen Sicht der Homosexualit\u00e4t<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Einleitung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In gewissem Sinn handelt es sich bei der \u00dcbertragung des Terminus \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c auf das Alte Testament um einen Anachronismus, da er erst im 19. Jh. n. Chr. entwickelt wurde und der Antike nicht bekannt war. Das bedeutet aber nicht, da\u00df der mit dem Terminus bezeichnete Sachverhalt oder Aspekte davon in der Antike nicht vorgekommen sein k\u00f6nnen. Gerade in den Lebensbereichen von Freundschaft, Liebe und Sexualit\u00e4t lassen sich zeit- und kultur\u00fcbergreifende Konstanten im menschlichen Empfinden und Verhalten feststellen, so da\u00df keineswegs von vornherein auszuschlie\u00dfen ist, da\u00df Elemente dessen, was in der Moderne als \u201eHomosexualit\u00e4t\u201d bezeichnet wird, auch in der vorderorientalischen Antike begegnen. Nur eine genaue Analyse der Texte (und Bilder) jener Welt kann \u2013 a posteriori \u2013 entscheiden, inwiefern Ber\u00fchrungen zwischen dem modernen Konzept \u201eHomosexualit\u00e4t\u201d und gleichgeschlechtlichen Beziehungen in der Antike bestehen. Ebenfalls ist daran zu erinnern, da\u00df der moderne Terminus \u201eHomosexualit\u00e4t\u201d nichteinheitlich definiert wird und oftmals mit Vorstellungen verbunden erscheint, die durchaus nichtzwingend zu diesem geh\u00f6ren oder die keineswegs den Status von Fakten haben; hier ist etwa die Vorstellung zu nennen, nach der moderne homosexuelle Beziehungen in der Regel auf Dauer angelegte und auf vollst\u00e4ndiger Gegenseitigkeit beruhende Beziehungen zwischen zwei mehr oder weniger gleichaltrigen Partnern seien, wogegen in der Antike sexuelle Beziehungen praktisch ausschlie\u00dflich durch die Polarit\u00e4t von aktiver \/ dominanter und passiver \/ untergeordneter Rolle gekennzeichnet gewesen seien. Dagegen sprechen etwa diejenigen biblischen Texte, die die Beziehung zwischen Liebenden in einer Art schildern, die sich nicht ins Schema der genannten Polarit\u00e4t einf\u00fcgen l\u00e4\u00dft (z.B. Jakob und seine Frauen; Hoheslied). Diese Texte beschreiben zwar heterosexuelle Beziehungen, aber das in ihnen dokumentierte Vorhandensein \u201emoderner\u201c Gef\u00fchlsaspekte legt die Annahme nahe, da\u00df im Prinzip mit solchen Aspekten auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen in der Antike zu rechnen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Positive Hinweise in dieser Richtung finden sich in der Literatur des Umfelds Israels: In einem babylonischen Almanach von Beschw\u00f6rungen wird in zustimmender Weise nicht nur von der \u201eLiebe eines Mannes f\u00fcr eine Frau\u201c und der \u201eLiebe einer Frau f\u00fcr einen Mann\u201c, sondern auch von der \u201eLiebe eines Mannes f\u00fcr einen Mann\u201c gesprochen (BRM 4 20:5-7; vgl. Gagnon, Homosexual Practice 48). Es ist durchaus m\u00f6glich, da\u00df hier eine gleichgeschlechtliche Beziehung im Blick steht, die der modernen Definition eines idealen homosexuellen Verh\u00e4ltnisses in manchem entspricht. Weiter machen die Reden von Phaedros, Pausanias und Aristophanes in Platons Symposion deutlich, da\u00df im antiken Griechenland gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht auf die Aspekte der Domination oder der Unterscheidung von aktiver und passiver Rolle zu reduzieren sind. Hier wird von gegenseitiger, dauerhafter Liebe gesprochen, die zwar am Anfang die Unterscheidung von Heranwachsendem und Erwachsenem einschlie\u00dft, diese aber notwendig im Laufe der Entwicklung hinter sich l\u00e4\u00dft. Es gibt in griechisch-r\u00f6mischen Quellen gen\u00fcgend Beispiele der Beschreibung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen jungen Erwachsenen und Erwachsenen etwa desselben Alters, oft ohne Unterscheidung von aktiver und passiver Rolle und Betonung nicht der Domination, sondern der Gegenseitigkeit und Dauerhaftigkeit der Beziehung (Smith, Ancient Bisexuality 236-237).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um einigen der genannten Schwierigkeiten bei der \u00dcbertragung moderner Kategorien auf die Antike zu begegnen, wird in der aktuellen Diskussion um den Themenbereich \u201eHomosexualit\u00e4t und Altes Testament\u201c manchmal zwischen \u201ehomosexuell\u201c, \u201ehomoerotisch\u201c und \u201ehomosoziabel\u201c unterschieden (z.B. Nissinen, Homoeroticism 16-17). Das Problem ist, da\u00df die Definition dieser Termini keineswegs eindeutig ist. F\u00fcr die Diskussion empfiehlt es sich, \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c in dem g\u00e4ngigen, weiten Sinne des Wortes zu verstehen, der eine Beziehung von zwei (oder mehr) Personen des gleichen Geschlechts unter Einschlu\u00df von Handlungen meint, die auf die Stimulation des genitalen Bereichs zielen. Fragen der \u201esexuellen Orientierung\u201c bzw. \u201eNeigung\u201c oder der \u201egeschlechtlichen Identit\u00e4t\u201c bilden dagegen nicht einen notwendigen Teil der Definition.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist deutlich, da\u00df solche Fragen von den Texten des Alten Testaments nicht (direkt) aufgegriffen werden. In der Hauptsache sind es die folgenden Texte, die bei einer Untersuchung des Themas \u201eHomosexualit\u00e4t im Alten Testament\u201c regelm\u00e4\u00dfig beigezogen werden: Gen 19, Jdc 19 und die Berichte \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von David und Jonathan innerhalb der erz\u00e4hlenden Texte des Alten Testaments einerseits; Lev 18,22 und 20,13 innerhalb der Gesetzessammlungen des Alten Testaments andererseits. Einige Autoren verweisen auf weitere Texte, wie etwa diejenigen \u00fcber die Beziehung No\u00ebmis zu Ruth oder Sauls zu David; in der breiteren Diskussion spielen diese Vorschl\u00e4ge aber eine blo\u00df marginale Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Das Umfeld Israels<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>a) Griechenland<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Homosexualit\u00e4t spielte im antiken Griechenland wenigstens in gewissen Schichten und zu gewissen Zeiten eine relativ wichtige Rolle, besonders in der Form der paiderastia, die als eine Art von Erziehungsverh\u00e4ltnis aufgefa\u00dft wurde, in der ein Erwachsener (der eromenos) einen Heranwachsenden (den erastes) auf dem Weg der Entwicklung zum Mannsein begleitete und unterst\u00fctzte, sowohl in geschlechtlicher wie in sozialer Hinsicht (Nissinen, Homoeroticism 57-69). F\u00fcr einige Philosophen war das Ideal eines tiefen Liebesverh\u00e4ltnisses eher mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen als mit der Mann-Frau Beziehung verbunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>b) Mesopotamien<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ph\u00e4nomen der Homosexualit\u00e4t begegnet hier anders als in Griechenland nur am Rand. Zwei Paragraphen aus den mittelassyrischen Gesetzen beziehen sich direkt auf den gleichgeschlechtlichen Verkehr: Tafel A \u00a7\u00a7 19-20 l\u00e4\u00dft beim Gesetzgeber eine Ablehnung homosexuellen Verkehrs zwischen einem freien B\u00fcrger und einem Mann der gleichen sozialen Schicht erkennen. Sanktionen scheinen aber nur f\u00fcr den Fall des erzwungenen oder wiederholten Verkehrs verordnet zuwerden (Gagnon, Homosexual Practice 46-47; Wold, Out of Order 45-46). Deutlich ist, da\u00df ein Mann, der freiwillig die Penetration durch einen anderen Mann akzeptiert, als unnormal angesehen wird. Weiter erw\u00e4hnt der babylonische Omentext summa a4lu (CT 39,44) in f\u00fcnf Omina gleichgeschlechtlichen Verkehr. Aus diesen geht hervor, da\u00df sexueller Verkehr mit einem assinnu, einer Art m\u00e4nnlichem (allerdings wohl kastrierten) Kultprostituierten, sozial akzeptiert war und als ein Weg angesehen wurde, direkten Zugang zu den Kr\u00e4ften der G\u00f6ttin Istar zu erlangen; aus manchen Texten geht aber hervor, da\u00df die Kultprostituierten selber verachtet wurden (Gagnon, Homosexual Practice 49). Andere Formen des gleichgeschlechtlichen Umgangs galten als nicht erstrebenswert, die Einnahme der passiven Rolle als entehrend. Neben der unter 1. erw\u00e4hnten Passage \u00fcber die \u201eLiebe eines Mannes f\u00fcr einen Mann\u201c ist es v.a. die Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Gilgamesch und Enkidu innerhalb des Gilgamesch-Epos, die mit dem Thema Homosexualit\u00e4t in positiver Weise in Beziehung gebracht wird (z.B. R\u00f6mer \/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 80-102; Schroer \/ Staubli, Saul, David und Jonatan 22). Einige Passagen des Gilgamesch-Epos scheinen m\u00f6glicherweise als implizite (vom Verfasser nicht negativ bewertete) Hinweise auf eine auch den sexuellen Bereich einschlie\u00dfende Beziehung zwischen Gilgamesch und Enkidu verstanden werden zu k\u00f6nnen; sicher ist eine solche Deutung aber nicht (Wold, Out of Order 49-50).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>c) \u00c4gypten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u00c4gypten finden sich klare Verurteilungen (gewisser Arten von) homosexuellen Handlungsweisen, etwa in den negativen Konfessionen des Totenbuches (Kap. 125 A 20-21; B 27). Deutlich ist die Ablehnung p\u00e4derastischen Verhaltens, wogegen die Stellungnahme zu anderen Formen homosexuellen Verhaltens schwerer fa\u00dfbar ist (Wold, Out of Order 58-59). Manchmal werden zwei bildliche Darstellungen (Nianchum und Chnuhotep, ca. 2350 v.Chr.; Keschi und sein Freund, ca. 1365 v.Chr.) als Hinweise auf akzeptierte homoerotische M\u00e4nnerbeziehungen gedeutet (z.B. R\u00f6mer \/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 33-34). Die Interpretation dieser Darstellungen ist aber unsicher. Die dem Pharao Pepi II. (24. Jh. v.Chr.) nachgesagte homosexuelle Beziehung mit einem seiner Generale scheint in den \u00e4gyptischen Quellen selber negativ bewertet zu werden (Wold, Out of Order 56). Gelegentliche Erw\u00e4hnungen von (homo-)sexuellen Kontakten mit einem Gott ebenso wie der Mythos einer Art von homosexuellen Vergewaltigung unter G\u00f6ttern (Seth und Horus) lassen keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf Vorkommen und Bewertung gelebter menschlicher Homosexualit\u00e4t zu. Wie im Falle Mesopotamiens gilt auch f\u00fcr \u00c4gypten, da\u00df der hohe Stellenwert der Familie und die Wichtigkeit von Nachkommenschaft f\u00fcr das jenseitige Leben einer weiten Verbreitung und breiteren Akzeptanz der Homosexualit\u00e4t entgegen stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>d) R\u00fcckschl\u00fcsse auf Israel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei R\u00fcckschl\u00fcssen von Verh\u00e4ltnissen aus dem altorientalischen oder klassisch-griechischen Raum auf Verh\u00e4ltnisse in Israel ist Zur\u00fcckhaltung geboten, da in wichtigen Lebensbereichen die jeweiligen Kulturen bei aller Verwandtschaft doch keineswegs identisch sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Die Bestimmungen in Lev 18,22 und 20,13<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">a) Text: \u201eMit einem M\u00e4nnlichen sollst du nicht liegen, wie man mit einer Frau liegt; ein Greuel ist es. Ein Mann, der mit einem M\u00e4nnlichen liegt, wie man mit einer Frau liegt \u2013 sie haben beide einen Greuel begangen; sie sollen sterben, ihr Blut ist auf ihnen.\u201c Die Interpretation der beiden Verse ist in der neueren Diskussion stark umstritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>b) Reichweite \/ Inhalt der Verbote<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Sichtweise geht es ausschlie\u00dflich um kultische Akte, was v.a. daran ersichtlich sei, da\u00df \u201eGreuel\u201c nur kultische Vergehen im Blick habe (z.B. Boswell, Christianity 100-102; Horner, Jonathan Loved David 52.70.73.85). Dagegen spricht, da\u00df der vorausgesetzte Gegensatz zwischen \u201ekultisch\u201c und \u201emoralisch\u201c dem Buch Leviticus fremd ist und da\u00df die im unmittelbaren Kontext genannten Verbote verschiedener Arten von (hetero-)sexuellen Beziehungen nicht auf den kultischen Bereich beschr\u00e4nkt werden k\u00f6nnen. Speziell bei den Verboten gewisser Ehebeziehungen ist deutlich, da\u00df das ganze Leben und nicht nur seine kultische Dimension im Blick steht. Ginge es nur um eine Frage der rituellen Verunreinigung, w\u00e4re nicht die Forderung der Todesstrafe, sondern der Reinigung zu erwarten. Ebenfalls erg\u00e4be sich aus einer eingeschr\u00e4nkten kultischen Interpretation der beiden Bestimmungen die Konsequenz, da\u00df Tatbest\u00e4nde wie Sodomie, Inzest oder Ehebruch vom Gesetzgeber nur als verwerflich angesehen werden, wenn sie sich innerhalb des kultischen Rahmens befinden, was aber auszuschlie\u00dfen ist. Gegen eine solche enge Deutung spricht zudem, da\u00df auch der \u201eBeisasse\u201c an diese Bestimmungen gebunden ist (Lev 18,26; 20,2), obwohl er nicht volles Mitglied der Kultgemeinschaft Israels ist und im kultischen Bereich nur auf diejenigen Verbote zwingend verpflichtet wird, deren \u00dcbertretung die Israeliten an ihrer eigenen Erf\u00fcllung der Weisungen Gottes hindern w\u00fcrde. Nach einer anderen Sichtweise geht es in den beiden Versen nur um das Verbot des analen gleichgeschlechtlichen Verkehrs (z.B. Nissinen, Homoeroticism 44; Olyan, And With a Male 185, 204; Schroer \/ Staubli, Saul, David und Jonatan 16). Diese Interpretation st\u00fctzt sich auf die Annahme, da\u00df 1. \u201eLiegen einer Frau\u201c ein pr\u00e4ziser technischer Ausdruck f\u00fcr vaginale Rezeptivit\u00e4t sei und da\u00df 2. die Analogie zum vaginalen Verkehr beim gleichgeschlechtlichen Akt in der analen Penetration liege. Auch bei dieser Deutung stellen sich Fragen, die sie letztlich als kaum annehmbar erscheinen lassen: Wie ist es m\u00f6glich, da\u00df von den Gesetzgebern ausgerechnet der (heterosexuelle) Vaginalverkehr als Analogie zum (homosexuellen) Analverkehr angesehen wird, wo doch die direkte Analogie zum homosexuellen Analverkehr im heterosexuellen Analverkehr liegt? Warum sollten andere homosexuelle Akte, die doch ebenfalls mit einer Vertauschung der akzeptierten Geschlechterrollen und St\u00f6rung der geordneten Verh\u00e4ltnisse einer Gro\u00dffamilie verbunden sind, akzeptabel sein? Wie ist es zu erkl\u00e4ren, da\u00df im ganzen Kontext von Lev 18 und 20 nur hier mit einer so hochspezialisierten technischen Sichtweise des Gesetzgebers zu rechnen ist? W\u00fcrde ein derma\u00dfen technisches Verst\u00e4ndnis der beiden Verse auch den anderen Bestimmungen im unmittelbaren Kontext zugrunde gelegt, k\u00e4me man notwendigerweise zu absurden Schlu\u00dffolgerungen (z.B. da\u00df die Gabe des Samens bzw. der Nachkommenschaft an einen anderen Gott au\u00dfer Molech akzeptabel w\u00e4re; da\u00df sexuelle Kontakte mit Tieren akzeptabel w\u00e4ren, wenn es sich nicht um Tiere handelt, die unter die Kategorie \u201eVieh\u201c fallen, usw.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>c) Ziel der Verbote<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oftmals verbunden mit der Reduktion auf ein Verbot gegen gleichgeschlechtlichen Analverkehr ist die Annahme, da\u00df es dem Gesetzgeber prim\u00e4r um den Schutz der m\u00e4nnlichen Ehre gehe, die durch diesen beim passiven Partner bedroht wird (Nissinen, Homoeriticism 44; Olyan, And With a Male 204). F\u00fcr eine solche Annahme fehlen aber zwingende Gr\u00fcnde, besonders dann, wenn der Text keine Einschr\u00e4nkung auf den Analverkehr intendiert. Neben dem eben erw\u00e4hnten werden unter den Gr\u00fcnden f\u00fcr das Verbot in der Auslegung folgende erwogen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1.) Samen wird verschwendet und das Wachstum der Bev\u00f6lkerung unterminiert (z.B. Nissinen, Homoeroticism 42; R\u00f6mer \/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 49). Solche Erkl\u00e4rungen passen zwar zum Verbot homosexuellen Geschlechtsverkehrs und auch zu den weiteren Bestimmungen im Abschnitt Lev 18,19-23 (Schenker, Incest Prohibitions 167-169); sie lassen sich aber auf manche der Verbote im Kontext der Bestimmungen in Lev 18 und 20 nicht anwenden, und sie geben auch keine Begr\u00fcndung daf\u00fcr, warum etwa der heterosexuelle Analverkehr nicht verboten wird. Ebenfalls ist zu beachten, da\u00df nach Leviticus nicht der Same, sondern das Blut Tr\u00e4ger oder Symbol des Lebens ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2.) Es soll die Vermischung von zwei verunreinigenden Elementen im Leib des rezeptiven Partners vermieden werden, n\u00e4mlich Samen und Exkremente (Olyan, And With a Male 203). Diese Deutung setzt die problematische Einschr\u00e4nkung des Verbots auf Analverkehr voraus. Sie w\u00fcrde auch nur auf eine einzige weitere Bestimmung im unmittelbaren Kontext von Lev 18 und 20 passen. Weiter stellt sich auch hier die Frage, warum kein Verbot von heterosexuellem Analverkehr beigef\u00fcgt wird, der ja denselben Effekt h\u00e4tte. Ebenfalls m\u00fc\u00dfte die Vermischung von Samen und Samen oder die Vermischung von Samen und Speichel wohl ebenfalls (im negativen Sinn) geregelt werden, mit weitreichenden Einschr\u00e4nkungen nicht nur f\u00fcr homosexuelle, sondern auch f\u00fcr heterosexuelle Akte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3.) Plausibler ist folgende Deutung: Geschlechtergrenzen werden \u00fcberschritten und Geschlechterrollen vermischt, womit einerseits die Unterscheidung von Praktiken der heidnischen Umwelt preisgegeben und andererseits die interne Stabilit\u00e4t durch die Verwirrung der Familienstrukturen bedroht wird (z.B. Nissinen, Homoeriticism 42.44). Wie die im gleichen Kontext genannten inzestu\u00f6sen Verbindungen f\u00fchren auch homosexuelle Verbindungen zu einer Verwirrung der Rollen und zur Platzierung der einzelnen Glieder der Gro\u00dffamilie in widerspr\u00fcchlichen Situationen, was das harmonische Zusammenleben empfindlich st\u00f6rt. Das Verbot homosexueller Beziehungen soll verhindern, da\u00df famili\u00e4re Strukturen und soziale Rollen mit der sexuellen Beziehung in Konflikt geraten, und so zum Schutz des Friedens innerhalb der Gro\u00dffamilie und damit zur Sicherheit ihrer einzelnen Glieder beitragen (Himbaza et al., Clarifications54-60). Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Die Verwendung des Terminus \u201esch\u00e4ndliche Befleckung\u201c, abgeleitet von \u201everwirren, vermischen\u201c im unmittelbaren literarischen Kontext (Lev 18,23; 20,12) macht deutlich, da\u00df das im Blick stehende homosexuelle Verhalten als im Widerspruch zur Sch\u00f6pfungsordnung stehend betrachtet wird; im Hintergrund steht dabei wohl insbesondere Gen 1,27 (z.B. Otto, Homosexualit\u00e4t 329). Heiligkeit kann nur bewahrt werden, wenn die in der Sch\u00f6pfung angelegte Ordnung respektiert wird. Solche Deutungen erkl\u00e4ren auch die Einbettung der Bestimmungen in den literarischen Kontext weitgehend (Schenker, Incest Prohibitions 169-170). Wie Inzest die Ordnung der Verwandtschaft und Sodomie die Ordnung der Gattungen verletzt, so verletzt Homosexualit\u00e4t die Ordnung der Geschlechter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>d) Strafbestimmungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Lev 20,13 sollen an homosexuellen Akten Beteiligte mit dem Tod bestraft werden. Allerdings wird im Alten Testament an keiner Stelle vom Vollzug der Todesstrafe bei \u00dcbertretung des Gebots berichtet. Nach Lev 18,29 sollen solche, die die in den vorausgehenden Versen erw\u00e4hnten Gebote \u00fcbertreten haben, aus ihrem Volk \u201eausgerottet\u201c werden, d.h. sie unterliegen der karet-Strafe. Verantwortlicher f\u00fcr den Vollzug dieser Strafe ist wohl Gott selber; ihre Verwirklichung liegt haupts\u00e4chlich in der Verunm\u00f6glichung der weiteren Existenz, etwa durch Ausl\u00f6schung der Nachkommenschaft (Wold, Out of Order 144-147). Diese Form der Strafe soll wohl dort in Kraft treten, wo Zeugen f\u00fcr die \u00dcbertretung des Verbots homosexueller Handlungen fehlen. M\u00f6glich ist, da\u00df im Falle eines Schuldbekenntnisses die \u00dcbertretung der Bestimmungen vergeben und die Strafe ausgesetzt werden konnte (Himbaza et al., Clarifications 67-68; Wold, Out of Order 148-158).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>e) Beschr\u00e4nkung auf m\u00e4nnliche Adressaten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden Verbote in Lev 18,22 und 20,13 nennen nur m\u00e4nnliche Beteiligte. Manchmal wird dieser Befund damit erkl\u00e4rt, da\u00df in den Ehe- und Sexualbestimmungen die Frau nur als Besitzobjekt des Mannes in den Blick kommt und Lesbianismus implizit toleriert w\u00fcrde. Es ist aber nicht ohne Weiteres klar, da\u00df bei dem Vorliegen einer homosexuellen Beziehung zwischen zwei Frauen der Gesetzgeber davon ausgegangen w\u00e4re, da\u00df keine \u201eBesitzminderung\u201c f\u00fcr einen angeh\u00f6rigen Ehemann vorl\u00e4ge. Nach einer anderen Erkl\u00e4rung zielen die Verbote lediglich darauf ab, da\u00df M\u00e4nner nicht die den Frauen vorbehaltene passive Rolle beim Geschlechtsverkehr einnehmen und so den Mann in eine Position versetzen, die unter seiner W\u00fcrde liegt; da dies bei Frauen nicht der Fall sei, w\u00fcrden diese nicht erw\u00e4hnt und sei lesbisches Verhalten kein Problem (z.B. R\u00f6mer \/ Bonjour, 43.50). Dagegen ist einzuwenden, da\u00df eine Durchbrechung der gewohnten Geschlechterrollen auch bei homosexuellen Handlungen zwischen Frauen vorliegt. Ebenso ist nicht sicher, da\u00df das Einnehmen einer passiven Rolle gegen\u00fcber einer Frau nicht als entehrend und das Einnehmen einer aktiven Rolle durch eine Frau nicht als bedrohend angesehen wurde. Die parallele Verurteilung von Geschlechtsakten mit Tieren durch M\u00e4nner und Frauen macht es zus\u00e4tzlich unwahrscheinlich, da\u00df gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Frauen anders beurteilt wurden als die zwischen M\u00e4nnern. So ist anzunehmen, da\u00df die Verbote von Lev 18,22 und 20,13 auch als Frauen betreffend angesehen wurden, wie ja in vielen F\u00e4llen die Gebote im exemplarischen Sinn zu verstehen sind, so da\u00df jeweils ihre \u00dcbertragung oder Ausweitung auf analoge F\u00e4lle als im Blickfeld des Gesetzgebers stehend aufzufassen ist (Himbaza et al., Clarifications 64; Wold, Out of Order 117). Da\u00df homosexuelle Handlungen zwischen Frauen nicht explizit erw\u00e4hnt werden, l\u00e4\u00dft sich durch das Fehlen des f\u00fcr alle anderen aufgef\u00fchrten Geschlechtsakte konstitutiven Elements eines penetrierenden Organs hinreichend erkl\u00e4ren (Wold, Out of Order 116).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>f) Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wahrscheinlichste Auslegung der beiden Verse ist die in den meisten Kommentaren aufgenommene breite Sichtweise, nach der homosexuelle Akte im umfassenden Sinn verboten werden. Dem angesprochenen m\u00e4nnlichen Du wird untersagt, die Arten von geschlechtlichem Umgang mit einem m\u00e4nnlichen Partner zu pflegen, die der Frau vorbehalten sind. Ein Mann soll sich einem anderen Manngegen\u00fcber nicht so verhalten, als ob dieser eine Frau w\u00e4re, indem er ihn zum Objekt seines sexuellen Begehrens macht (Gagnon, Homosexual Practice 135-136). Ein solches sexuelles Verhalten wird durch den Terminus \u201eGreuel\u201c als dem Willen Gottes widersprechend und durch den Terminus \u201esch\u00e4ndliche Befleckung\u201c als der Sch\u00f6pfungsordnung zuwiderlaufend gekennzeichnet. Die Formulierung ist so weit gew\u00e4hlt, da\u00df sie alle M\u00e4nner, unabh\u00e4ngig von ihrer sozialen Stellung, ihrem Alter oder ihrer ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit, betrifft, und alle m\u00f6glichen sexuellen Akte, auch solche, die nach moderner Definition in gegenseitiger Liebe von gleichberechtigten, zustimmenden Partnern ausgef\u00fchrt werden (Wold, Out of Order 119). Deutlich ist aber ebenfalls, da\u00df es bei den beiden Verboten ausschlie\u00dflich um k\u00f6rperliche Vereinigung, nicht um Neigungen geht. Zu psychologischen Fragen nach der Herkunft des Begehrens enthalten diese Texte keine Angaben. Sie setzen aber offenbar voraus, da\u00df sexuelles Begehren kein absolutes und unwiderstehliches Verlangen darstellt (Himbaza et al., Clarifications 62).Vorausgesetzt wird implizit ebenfalls, da\u00df es individuelles Gl\u00fcck nur im Rahmen des gr\u00f6\u00dferen sozialen Zusammenhangs gibt, weswegen die soziale Ebene \u00fcber dem individuellen Verlangen des Einzelnen steht (Himbaza et al., Clarifications 72).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Sodom und Gibea<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Berichte \u00fcber Sodom in Gen 19 und die Schandtat von Gibea in Jdc 19 weisen zahlreiche parallele Z\u00fcge auf, so da\u00df sie zusammen behandelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>a) Verweigerung der Gastfreundschaft<br \/>\nund\/oder homosexuelle Vergewaltigung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In beiden Berichten geht es prim\u00e4r um die Verweigerung der Gastfreundschaft gegen\u00fcber den jeweiligenfremden Besuchern (zwei Engelsgestalten in Gen 19; ein Levit und seine Nebenfrau in Jdc 19). Die Besucherfinden in beiden F\u00e4llen Aufnahme im Haus eines als \u201eBeisasse\u201c im jeweiligen Ort Lebenden (\u201eals Fremdling weilen\u201c); diese Beisassen werden von feindlichen Einheimischen aufgefordert, ihre m\u00e4nnlichen Besucher auszuliefern, damit sie \u201eerkannt\u201c werden k\u00f6nnen. Parallel ist ebenfalls das Angebot eines weiblichen Substituts (Gen 19: Lots T\u00f6chter; Jdc 19: Tochter des ephraimitischen Beisassen); in Jdc 19 wird jedoch das nachfolgende Angebot der Auslieferung der Nebenfrau des Leviten angenommen, mit letztlich t\u00f6dlichen Folgen f\u00fcr die betreffende Frau. In beiden F\u00e4llen kulminiert die Verweigerung der Gastfreundschaft im Bestreben, eine homosexuelle Gruppenvergewaltigung durchzuf\u00fchren. Deutlich ist, da\u00df es weder im Falle der Geschichte von Sodom noch in der von Gibea um homosexuelle Beziehungen im Sinne der einvernehmlichen sexuellen Beziehung zwischen gleichberechtigten, zustimmenden Partnern geht. Anders als da und dort angenommen (z.B.Horner, Jonathan Loved David 52; Nissinen, Die Liebe von David und Jonatan 257; ders., Homoeroticism 49.51; R\u00f6mer \/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 56-57) bedeutet das aber nicht, da\u00df das Thema Homosexualit\u00e4t \u00fcberhaupt nicht auftaucht bzw. da\u00df die Verfasser der Texte \u00fcberhaupt keine Wertung homosexuellen Verhaltens im Blick haben; denn es ist eine bestimmte Art homosexuellen Verhaltens, das als Teil dessen beschrieben wird, was die Verwerflichkeit der (m\u00e4nnlichen) Bewohner von Sodom einerseits und von Gibea andererseits ausmacht. Die Verweigerung der Gastfreundschaft manifestiert sich u.a. eben gerade dadurch, da\u00df an den Besuchern ein Akt der homosexuellen Vergewaltigung ausge\u00fcbt werden soll, was insofern von besonderer Bedeutung ist, als auch andere M\u00f6glichkeiten der Erniedrigung der G\u00e4ste zur Verf\u00fcgung standen. Homosexualit\u00e4t tritt also zwar lediglich als sekund\u00e4res Element der Geschichten, zudem nur als punktuelles Verhalten und nur verbunden mit vergewaltigender Absicht in den Blick. Aber es l\u00e4\u00dft sich nicht sagen, da\u00df homosexuelles Verhalten \u00fcberhaupt kein Thema ist. Es geht hier nicht um ein \u201eEntweder \u2013 oder\u201c, sondern um ein \u201eSowohl \u2013 als auch\u201c: entweder (homo)sexuelle Begierde oder Absicht der aggressiven Erniedrigung fremder Besucher, sondern beides gleichzeitig (Gagnon, Homosexual Practice 77). Ein Element der sexuellen Begierde ist ja in den allermeisten F\u00e4llen von Vergewaltigung pr\u00e4sent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>b) Intertextuelle Bez\u00fcge<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt weitere Gr\u00fcnde, die daf\u00fcr sprechen, da\u00df der Aspekt der Homosexualit\u00e4t eine nicht zu vernachl\u00e4ssigende Rolle in den beiden Geschichten spielt. Zum Einen ist der intertextuelle Bezug zwischen Gen 19 und Gen 6 zu beachten: Die tiefgreifende Verderbnis und die \u00dcberschreitung grundlegender Grenzen f\u00fchrt Gott zur Verh\u00e4ngung eines umfassenden Gerichts, dem nur eine Familie entgeht. In beiden F\u00e4llen wird eine Grenz\u00fcberschreitung im geschlechtlichen Bereich erw\u00e4hnt, in Gen 6 mit Bezug auf die Verbindung himmlischer Wesen mit menschlichen Frauen, in Gen 19 mit Bezug auf den Versuch der sodomitischen M\u00e4nner, andere M\u00e4nnergeschlechtlich zu erkennen. In beiden F\u00e4llen spielt die Unangemessenheit des sexuellen Verlangens eine wichtige Rolle, das eine nicht der Polarit\u00e4t von Mann und Frau entsprechende Wahl des Partnersein schlie\u00dft, ersetzt im ersten Fall durch eine Engel-Frau-Beziehung, im zweiten durch eine Mann-Mann-Beziehung. Zum Andern wird im Rahmen des Vergleichs von Juda und Jerusalem mit ihren \u201eSchwestern\u201c Samaria und Sodom in Ez 16,49-50 der Terminus \u201eGreuel\u201c verwendet, welchem eine wichtige Stellung in den Verboten gleichgeschlechtlicher Akte in Lev 18,22 und 20,13 zukommt. Da die anderen Belege des Nomens in Ezechiel oft klare sexuelle Konnotationen haben (siehe besonders Ez 18,12; 33,26), liegt die Annahme nahe, da\u00df \u201eGreuel\u201c sich speziell auf die (homo)sexuellen Verhaltensweisen der Sodomiter bezieht, die negativ beurteilt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>c) Die Bedeutung von \u201eerkennen\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wiederholt ge\u00e4u\u00dferte Vermutung, da\u00df das Verb \u201eerkennen\u201c in Gen 19,5 sich nicht auf den sexuellen Bereich bezieht und deshalb davon auszugehen ist, da\u00df die Geschichte ausschlie\u00dflich mit dem Problem der verweigerten Gastfreundschaft besch\u00e4ftigt sei (z.B. Boswell, Christianity 93-94), l\u00e4\u00dft sich nicht halten. Das wird deutlich an der Darstellung der Reaktion Lots auf die Forderung der M\u00e4nner von Sodom: Er bietet ihnen seine beiden jungfr\u00e4ulichen T\u00f6chter zum geschlechtlichen Verkehr an, unter Verwendung desselben Verbs (\u201eerkennen\u201c in eindeutig sexuellem Sinn). Dabei l\u00e4\u00dft sich das Angebot von T\u00f6chtern anstelle von M\u00e4nnern nicht als Hinweis darauf deuten, da\u00df Lot nicht mit einem Interesse der M\u00e4nner an homosexuellen Handlungen rechnet, sondern beruht auf der Erz\u00e4hlebene auf dem Nichtvorhandensein von S\u00f6hnen oder Schwiegers\u00f6hnen, die er statt seinen T\u00f6chtern h\u00e4tte anbieten k\u00f6nnen. Als m\u00f6glicher Ersatz kam ein m\u00e4nnlicher Sklave nicht in Frage, da mit seiner Vergewaltigung die das sexuelle Motivbegleitende Absicht der Entehrung Lots oder seiner G\u00e4ste nicht zu erf\u00fcllen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5. Die Beziehung von David und Jonathan<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber das Verh\u00e4ltnis von David und Jonathan finden sich Beschreibungen v.a. in 1 Sam 18,1-5; 20,1-21,1;23,14-18 und 2 Sam 1,17-27.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>a) Hauptaspekte der neueren Diskussion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst in den letzten Jahrzehnten ist da und dort die These vorgebracht worden, da\u00df es sich beim Verh\u00e4ltnis von David zu Jonathan um eine homoerotische oder homosexuelle Beziehung handelt, zun\u00e4chst meist von Verfassern, die sich selber als homosexuell bezeichnen (z.B. Horner, Jonathan Loved David). Die Annahme st\u00fctzt sich prim\u00e4r auf die Verwendung einzelner W\u00f6rter wie \u201eLiebe\u201c und \u201elieben\u201c, \u201eBund\u201c, \u201ek\u00fcssen\u201c oder \u201eGefallen (haben)\u201c, sowie auf Parallelen zum Hohenlied und zur Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Gilgamesch und Enkidu im Gilgamesch-Epos. Eine semantische Untersuchung der genannten W\u00f6rter zeigt, da\u00df diese innerhalb des Alten Testaments in sehr unterschiedlicher, immer auch nicht-erotischer Weise verwendet werden. Es mu\u00df darum der erz\u00e4hlerische Gesamtkontext dar\u00fcber entscheiden, wie die Einzelheiten des Berichts \u00fcber die N\u00e4he der beiden Protagonisten zu interpretieren sind. Dieser Kontext ist aber deutlich politisch und theologisch, nicht erotisch (z.B. Himbaza et al., Clarifications 47; Zehnder, Beobachtungen 168-174).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>b) K\u00fcssen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verwendung des Verbs \u201ek\u00fcssen\u201c in 1 Sam 20,41 legt f\u00fcr sich selbst keine erotische Deutung der Beziehung nahe, da in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der Verwendungen des Verbs im Alten Testament jede sexuelle Konnotation ausgeschlossen ist. Interessant sind besonders die Stellen, die von K\u00fcssen zwischen M\u00e4nnern im literarischen Kontext der Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses von David und Jonathan sprechen (1Sam 10,1; 2 Sam 15,5; 19,40; 20,9): Au\u00dfer dem ersten spiegeln alle Belege eindeutig eine kulturell bedingte Form der Begr\u00fc\u00dfung oder des Abschiednehmens, ohne jede erotische Komponente, wie sie auch sonst oft im Alten Testament belegt ist. Besonders aufschlu\u00dfreich ist der Beleg in 1 Sam 10,1, der eine unmittelbarpolitische Komponente aufweist: Samuel k\u00fc\u00dft Saul genau in dem Moment, als er ihn im Auftrag Jahwes zum \u201eF\u00fcrsten\u201c \u00fcber Israel salbt. Das legt nahe, den Ku\u00df in 1 Sam 20,41 im analogen Sinn zu verstehen, geht es doch auch dort um das Thema der Einsetzung des k\u00fcnftigen K\u00f6nigs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>c) \u201eLiebe\u201c und \u201eBund\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 1 Sam 18,1.3; 20,17 (und \u00e4hnlich auch in 2 Sam 1,26) ist von \u201eLiebe\u201c und \u201elieben\u201c als Ausdruck der Zuneigung Jonathans zu David die Rede. Obwohl tats\u00e4chlich sowohl das Substantiv \u201eLiebe\u201c wie auch das Verb \u201elieben\u201c im Hohenlied belegt sind, so kommen sie doch im Alten Testament zu h\u00e4ufig vor, um als Hinweis auf eine direkte Beziehung zwischen dem Hohenlied einerseits und dem David-Jonathan-Verh\u00e4ltnis andererseits gedeutet werden zu k\u00f6nnen. Gerade im unmittelbaren literarischen Kontext der Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses von David und Jonathan ist von \u201eLiebe\u201c und \u201elieben\u201c im zwischenmenschlichen Bereich ohne Einschlu\u00df einer sexuellen Komponente die Rede (1 Sam 16,21; 18,16; 2Sam 19,7; 1 Reg 11,2). Eine besondere N\u00e4he besteht zwischen der Formulierung von 1 Sam 18,1b (\u201eJonathan gewann ihn [i.e. David] lieb wie seine eigene Seele\u201c) und Lev 19,18a (\u201eund du sollst lieben deinen N\u00e4chsten wie dich selbst\u201c). Die im Hebr\u00e4ischen vorliegende enge sprachliche Ber\u00fchrung weist auf einen inhaltlichen Zusammenhang. Dieser l\u00e4\u00dft \u2013 vielleicht absichtlich \u2013 Jonathan als Modell eines Mannes erscheinen, der die rechte N\u00e4chstenliebe in exemplarischer Weise \u00fcbt, und macht zugleich eine erotische Deutung dieser Liebe unwahrscheinlich. Im gr\u00f6\u00dferen Kontext der Aufstiegsgeschichte Davids bekommt die Liebe Jonathans zu David neben der emotionalen eine theologische und politische F\u00e4rbung: Sie ist einerseits Abbild, Wirkung und Werkzeug der Liebe Jahwes zu seinem Volk (Zehnder, Beobachtungen 155), andererseits Ausdruck einer politischen Haltung, n\u00e4mlich der Unterst\u00fctzung der Thronanwartschaft Davids, in diesem Falle durch Jonathan in Parallele zur \u201eLiebe\u201c von \u201eganz Israel und Juda\u201c f\u00fcr David. Diese politische Dimension der \u201eLiebe\u201c Jonathans wird an mehreren Stellen explizit hervorgehoben: 1 Sam 18,4 (\u00dcbergabe k\u00f6niglicher Insignien); 20,13 (Parallelisierung des Mitseins Jahwes mit Saul einerseits und mit David andererseits); 23,17 (\u201edu wirst K\u00f6nig werden \u00fcber Israel, und ich werde der zweite nach dir sein\u201c). Besonders aufschlu\u00dfreich ist, da\u00df in altorientalischen Vertragstexten verschiedentlich von \u201eLiebe\u201c die Rede ist, mit klarer politischer Referenz. So verlangt etwa der Nachfolgevertrag Asarhaddons, da\u00df die Adressaten den designierten Nachfolger Assurbanipal \u201elieben\u201c wie sich selbst (SAA II 6 266-268; vgl. Zehnder, Observations 146). Auch die Rede vom \u201eBund\u201c Jonathans und Davids in 1 Sam 18,3; 23,18 geh\u00f6rt dieser politischen Ebene zu. Aufschlu\u00dfreich sind diesbez\u00fcglich Parallelen etwa zu hethitischen Bundesvertr\u00e4gen, die die \u00dcbernahme des Thrones durch einen Vasallen vorsehen, da sich dort Bestimmungen finden, die diese Thronnachfolge in den Rahmen einer Freundschaft einbinden (Zehnder, Beobachtungen 169). Die politische Dimension der Beziehung zwischen Jonathan und David wird in der \u00dcbergabe von Mantel und R\u00fcstung, Schwert, Bogen und G\u00fcrtel, von der in 1 Sam 18,4 berichtet wird, besonders deutlich. Da\u00df es hier nicht einfach um ein Freundschaftszeichen in dem Sinn geht, da\u00df der Geber anzeigt, wie sehr er dem Empf\u00e4nger sich selber geben m\u00f6chte, oder gar um einen erotischen Akt der Selbstentkleidung (R\u00f6mer \/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 69-70), sondern um einen Akt mit politischen Implikationen, zeigt etwa der Vergleich mit 1 Sam 17,38-39 und 2 Reg 11,10. Jonathan legt seine Kleider ab, nicht um sich vor David nackt zu zeigen, sondern um sie ihm als Zeichen der W\u00fcrde des Thronfolgers zu \u00fcbergeben und damit symbolisch deutlich zu machen, da\u00df er zugunsten Davids auf die Thronfolge verzichtet. Ginge es um einen erotischen Vorgang, m\u00fc\u00dfte vom K\u00f6rper die Rede sein, was aber nicht der Fall ist (Himbaza et al., Clarifications 35-36). Weiter ist darauf hinzuweisen, da\u00df in den Begegnungen zwischen Jonathan und David, von denen in 1 Sam 20 und 23 die Rede ist, politische Themen eine wesentliche Rolle spielen. Auf die politische Dimension der Beziehung weist dabei z.B. die Proskynese Davids vor Jonathan (1 Sam 20,41). Die in 1 Sam 23,16-18 geschilderte Begegnung zwischen Jonathan und David hat ihren Skopus in der politischen Weissagung Jonathans, da\u00df David und nicht er selber K\u00f6nig \u00fcber Israel sein werde (V. 17). In diesem Kapitel verschwindet der pers\u00f6nlich-emotionale Aspekt der Beziehung fast ganz. Es kommt hier eine Bewegung zum Abschlu\u00df, die stufenweise den \u00dcbergang des Thronfolgeanspruchs von Jonathan auf David beschreibt, wobei schon in 1 Sam 20,13-16 Jonathan David als den k\u00fcnftigen K\u00f6nig behandelt; in 1Sam 23 kommt dann als neues Element die explizite R\u00fcckbindung dieses Machttransfers an den Willen Jahwes hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>d) 2 Sam 1,26<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Komplizierter ist die Deutung von 2 Sam 1,26, wo davon die Rede ist, da\u00df Jonathans Liebe f\u00fcr David \u201ewunderbarer\u201c war als Frauenliebe und ihm Jonathan sehr \u201ehold\u201c war \u2013 Wendungen, die in \u00e4hnlicher Weise auch in Cant 1,16 und 7,7 begegnen. Zum Verst\u00e4ndnis dieser Formulierungen ist zun\u00e4chst die Beobachtung wichtig, da\u00df es sich um poetische Redeweise handelt, die als solche nicht w\u00f6rtlich zu verstehen ist, sondern Raum f\u00fcr Hyberbole und Ausschm\u00fcckung l\u00e4\u00dft, wie sie denn auch im unmittelbaren Kontext belegt sind (V. 23). Weiter ist zu beachten, da\u00df das Substantiv \u201eLiebe\u201c in sich semantisch viel zu vielf\u00e4ltig ist, um als klarer Hinweis auf eine erotische Beziehung ausgewertet werden zu k\u00f6nnen. Die Bedeutung dieser \u201eLiebe\u201c kann nur aus dem weiteren Kontext erschlossen werden, und dieser legt eine erotische Deutung nicht nahe. Wenn die Wortverbindung \u201eFrauenliebe\u201c tats\u00e4chlich im erotischen Sinn zu verstehen ist \u2013 wogegen ebenfalls Zweifel erhoben werden k\u00f6nnen -, ist damit der erotische Charakter der\u201eLiebe\u201c Jonathans zu David darum keineswegs pr\u00e4judiziert. Es ist im Gegenteil wahrscheinlich, da\u00df der Gegensatz zwischen den beiden Arten von \u201eLiebe\u201c, von denen der Text spricht, auch die Dimension des Vorhandenseins vs. Nichtvorhandenseins einer erotischen Komponente umfa\u00dft. Selbst f\u00fcr den \u2013 angesichts des Vorliegens unterschiedlicher Textgattungen unwahrscheinlichen \u2013 Fall, da\u00df strukturelle Analogien zu Bundestexten vorliegen, die es nahe legen, die beiden verglichenen Arten von Lieben als parallel anzusehen (Olyan, Surpassing the Love of Women 10-13), ist es aufgrund des weiteren Kontextes geboten, die Parallelit\u00e4t nicht auf der sexuellen, sondern der emotionalen Ebene zu suchen. Ein solches Urteil wird durch einen Blick auf m\u00f6gliche weitere analoge F\u00e4lle im Alten Testament best\u00e4tigt: Sowohl in Jer 2,2 wie in Hos 3,1 findet sich ein sexuelles Element nur jeweils auf der einen Seite der beiden miteinander verglichenen Liebesverh\u00e4ltnisse. Instruktiv ist ebenfalls ein Vergleich von 2 Sam 1,26b mit Gen 29,30a als der n\u00e4chsten inhaltlichen Parallele. Hier ist davon die Rede, da\u00df Jakob Rahel mehr liebte als Lea; der Kontext macht aber deutlich, da\u00df der Unterschied gerade im Ma\u00df an emotionaler Bindung liegt, die sexuelle Dimension dagegen f\u00fcr den Vergleich keine Rolle spielt, also von der emotionalen abgel\u00f6st betrachtet werden kann \u2013 ganz analog zu 2 Sam 1,26. Weiter sei darauf hingewiesen, da\u00df der in 2 Sam 1,26 m\u00f6glicherweise erhaltene Hinweis auf eine tiefere emotionale Qualit\u00e4t der Freundschaft Davids mit Jonathan im Vergleich zu Davids Verbindung mit Frauen durchaus zum sozialen Hintergrund von Gesellschaften pa\u00dft, in denen Ehen nicht prim\u00e4r aufgrund einer emotionalen Zuneigung zweier Individuen geschlossen wurden. Von Bedeutung ist schlie\u00dflich, da\u00df Davids Klage um Saul und Jonathan mit dem nicht-erotischen Konzept des \u201eBundes\u201c verbunden ist, da die \u00f6ffentliche Klage zu Ehren des verstorbenen Bundespartners Teil der Erf\u00fcllung der Bundesverpflichtungen ist (Zehnder, Observations 167). Ziel der \u00f6ffentlichen Klage um den gefallenen K\u00f6nig und seinen Sohn durch David ist es, deren Ehre und damit die Ehre des Volkes wieder herstellen, die durch die Niederlage gegen die Philister und die \u00f6ffentliche Zurschaustellung ihrer Leichname verletzt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>e) Heterosexuelle Beziehungen und idealtypische Rolle Davids<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einer erotischen Deutung des Verh\u00e4ltnisses von David und Jonathan schwer zu vereinbaren ist auch die Beobachtung, da\u00df explizit oder implizit sowohl von David wie von Jonathan im literarischen Kontext der Aufstiegsgeschichte Davids berichtet wird, da\u00df sie heterosexuelle Beziehungen unterhielten (z.B. 1 Sam18,27; 20,42; 25,42; 2 Sam 9). Bedeutsam ist weiter, da\u00df David in breiten \u2013 und auch sp\u00e4ten \u2013 Schichten des Alten Testaments, in verschiedenen j\u00fcdischen Texten der Zeit des zweiten Tempels und im Neuen Testament als idealtypischer Herrscher, beispielhafter Gottesmann und Angelpunkt der Messiaserwartung aufgefa\u00dft wird. Angesichts der Ablehnung homosexuellen Verhaltens im nachbiblischen Judentum und in der fr\u00fchen Christenheit w\u00e4re eine solche Stellung Davids aber kaum m\u00f6glich, wenn an ihm der Verdacht haftete, mit Jonathan eine homosexuelle Beziehung gepflegt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>f) Parallelen zum Gilgamesch-Epos und zum Hohenlied<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der angenommenen Beziehung der Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses von David und Jonathan mit dem Gilgamesch-Epos lassen sich keine sicheren Schlu\u00dffolgerungen ziehen, da weder eine erotische Deutung des Verh\u00e4ltnisses von Gilgamesch und Enkidu gesichert ist noch eine Abh\u00e4ngigkeit des Verfassers der in Frage stehenden biblischen Texte vom Gilgamesch-Epos nachzuweisen ist. Die phraseologischen Ber\u00fchrungen zwischen dem Hohenlied und Sequenzen der Beschreibungen des Verh\u00e4ltnisses zwischen David und Jonathan lassen sich aus der N\u00e4he der Ph\u00e4nomene \u201e(nicht-erotische) Freundschaft\u201c und \u201e(sexuelle) Liebesbeziehung\u201c erkl\u00e4ren. Sie implizieren aus sich selber kein \u00dcberschreiten der zwischen den beiden Bereichen bestehenden Grenze. Zur Behauptung einer direkten literarischen Abh\u00e4ngigkeit sind die Parallelen nicht ausreichend; ebenfalls m\u00fc\u00dfte zun\u00e4chst die Frage der Richtung der Abh\u00e4ngigkeit gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>g) Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Verst\u00e4ndnis des Verh\u00e4ltnisses zwischen David und Jonathan als einer homosexuellen Beziehung wird von der textlichen Basis nicht gedeckt. Weder lassen sich aus dem Text der Aufstiegsgeschichte Davids eindeutige Hinweise auf einen sexuellen Charakter der Beziehung erheben, noch sind die Beziehungen zum Hohenlied so eng, da\u00df aufgrund der Parallelen zwischen den beiden B\u00fcchern auf einen solchen Charakter indirekt geschlossen werden k\u00f6nnte; zudem fehlen die Termini, die an anderen Stellen des Alten Testaments verwendet werden, an denen eindeutig (homo)sexuelle Beziehungen im Blick stehen, ganz. Eine zentrale Stellung kommt dagegen der theologischen und insbesondere der politischen Ebene der Beziehung zwischen David und Jonathan zu, wie die Bez\u00fcge zum literarischen Umfeld der Samuel- und K\u00f6nigeb\u00fccher und zu Vertragstexten aus der Umwelt Israels zeigen. Da\u00df daneben die Beziehung auch einen starken emotionalen Aspekt aufweist, ist nicht von der Hand zu weisen. Dieser erkl\u00e4rt die N\u00e4he gewisser Formulierungen zum Hohenlied, kann aber nur im erotischen Sinn mi\u00dfverstanden werden, wenn der Unterschied zwischen enger nicht-erotischer Freundschaft und sexueller Beziehung nicht ins Blickfeld tritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6. Die Geschlechterdifferenzierung in Gen 1 und 2<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aus der Sicht der Endredaktoren des Alten Testaments grundlegenden Aussagen zur Sexualit\u00e4t finden sich in den ersten beiden Kapiteln der Bibel, denen durch ihre Voranstellung ein entscheidendes Gewicht zugemessen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>a) Gen 1,27-28<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Gen 1,27 hat Gott den Menschen \u201ezu seinem Bild\u201c geschaffen. Die Fortsetzung des Textes macht deutlich, da\u00df zu dieser Gottesebenbildlichkeit des Menschen die Polarit\u00e4t von Mann und Frau geh\u00f6rt (\u201em\u00e4nnlich und weiblich machte er sie\u201c). Die Vorstellung Gottes vom Menschen findet demnach ihre Verwirklichung nicht im Mann oder in der Frau allein, sondern im Miteinander von Mann und Frau. Erst Mann und Frau zusammen bilden das Bild Gottes ganz. In gesamtbiblischer Perspektive l\u00e4\u00dft sich dieser Sachverhalt noch tiefer begr\u00fcnden: Besonders im Neuen Testament wird deutlich, da\u00df Gott selber in Beziehung ist, im Miteinander von Vater und Sohn und Heiligem Geist. Dabei geht es nicht um eine Beziehung zwischen drei Gleichen (drei V\u00e4tern oder drei S\u00f6hnen oder drei Geistern); sondern es ist eine Beziehung von drei einigen, aber nicht identischen Personen. Vor diesem Hintergrund impliziert die Gottesebenbildlichkeit des Menschen: Auch der Mensch ist geschaffen auf eine Beziehung hin, bestimmt f\u00fcr das Gegen\u00fcber des Anderen, und zwar des Anderen, der nicht gleich ist wie er selber, sondern von ihm unterschieden; wirklich anders ist aber nur eine Person des anderen Geschlechts. Die Erg\u00e4nzung und Einheit in der Verschiedenheit, wie sie im Miteinander von Mann und Frau gelebt werden k\u00f6nnen, entsprechen am deutlichsten dem dreieinen Wesen Gottes. Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Geschlechtlicher Umgang soll nach Gen 1,28 nicht nur ausgerichtet sein auf das andere Geschlecht, sondern auch bezogen auf den Segen der m\u00f6glichen Erzeugung von Nachkommenschaft. Indem homosexuelle Verbindungen nicht offen sein k\u00f6nnen f\u00fcr den Aspekt der Fortpflanzung, verfehlen sie ein wesentliches Ziel der sch\u00f6pfungsm\u00e4\u00dfigen Anlagen der Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>b) Gen 2,18-24<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Befund wird in Gen 2 aus einer anderen Perspektive best\u00e4tigt: Der Mensch soll nicht f\u00fcr sich alleinbleiben (V. 18); denn er ist in sich selber wesentlich unvollst\u00e4ndig. Damit diese Unvollst\u00e4ndigkeit \u00fcberwunden werden kann, braucht er eine Hilfe und ein Gegen\u00fcber, das ihm entspricht (V. 20). Der Bericht zeigt, da\u00df diese notwendige Erg\u00e4nzung nur in einem zweiten Menschen bestehen kann, der dem \u201eAdam\u201c angemessen ist, aber doch verschieden von ihm. Erst im Miteinander mit diesem Gegen\u00fcber wird er ganz. Die Fortsetzung (V. 22) macht deutlich: In diesem Sinne ein Gegen\u00fcber kann f\u00fcr den Mann nur die Frau, f\u00fcr die Frau nur der Mann sein, nicht eine Person des gleichen Geschlechts. Die Vervollst\u00e4ndigung des Menschen geschieht nicht einfach durch einen zweiten Menschen, sondern durch einen zweiten vom anderen Geschlecht. Die Vorbedingung f\u00fcr das \u201eEin-Fleisch-Werden\u201c (V. 24), f\u00fcr die volle interpersonale Vereinigung, ist die als Komplementarit\u00e4t erfahrene Polarit\u00e4t von Mann und Frau. Weil Mann und Frau einander gleich sind und doch verschieden, darum k\u00f6nnen sie sich erg\u00e4nzen und wiederum eins werden \u2013 ein Vorgang, der in der Begegnung von Mann und Mann (oder Frau und Frau) nicht m\u00f6glich ist. Die M\u00f6glichkeit, da\u00df zwei M\u00e4nner oder zwei Frauen Vater und Mutter verlassen und miteinander in eine Beziehung des \u201eEin-Fleisch-Werdens\u201c treten, steht f\u00fcr den Verfasser \u00fcberhaupt nicht zur Diskussion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>c) Folge<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Folge daraus ist: Der Unterschied der Geschlechter und ihre Komplementarit\u00e4t ist essentiell f\u00fcr das Menschsein; es geht hier um eine Grundstruktur des Menschseins, die in der Sch\u00f6pfung selber angelegt ist. Zur Ordnung der Sexualit\u00e4t, wie sie in der Sch\u00f6pfung angelegt ist, geh\u00f6rt die Polarit\u00e4t von Mann und Frau essentiell. An dieser ontologischen Ordnung geht die Homosexualit\u00e4t vorbei. Es fehlt ihr die tiefe personale Unterscheidung, die konstitutiv ist f\u00fcr eine volle personale Vereinigung, f\u00fcr das \u201eEin-Fleisch-Werden\u201c in einer auf umfassend-spannungsvolle Erg\u00e4nzung (vgl. die Formulierung \u201eeine Hilfe wie ihm gegen\u00fcber\u201c) und Dauer (\u201eanhangen\u201c) angelegten Liebesbeziehung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. Hinweise zu einer gesamtbiblischen Sicht der Homosexualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Frage nach einer m\u00f6glichen \u201ebiblischen\u201c Sicht der Homosexualit\u00e4t m\u00fcssen Altes und Neues Testament zusammen in den Blick genommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>a) Evangelien<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Augenf\u00e4llig ist das Fehlen von expliziten Stellungnahmen zur Homosexualit\u00e4t in den Evangelien im Gegensatz zur neutestamentlichen Briefliteratur. Daraus wird manchmal auf eine stillschweigende Akzeptanz der Homosexualit\u00e4t oder auf ein Desinteresse an der Frage seitens Jesu oder der Evangelisten geschlossen (z.B. R\u00f6mer \/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 103). Tats\u00e4chlich mu\u00df das Schweigen als stille \u00dcbereinstimmung mit dem j\u00fcdischen Umfeld Jesu gedeutet werden, in dem homosexuelle Akte als verwerflich galten; denn Widerspr\u00fcche zu g\u00e4ngigen Lehrmeinungen des j\u00fcdischen Umfelds werden in den Evangelien deutlich artikuliert. Hinzu kommt, da\u00df in Diskussionen um Fragen der Sexualethik Jesus eine restriktive Linie vertritt und sich prim\u00e4r auf Gen 1,27 und 2,24 bezieht, wo heterosexuelle Beziehungen als allein dem g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfungsplan entsprechend beschrieben werden (Gagnon, Homosexual Practice193-209).Manchmal wird erwogen, da\u00df das Liebesgebot Jesu und die Warnung vor dem Richten einer negativen Bewertung homosexueller Akte entgegenstehe (z.B. R\u00f6mer\/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 103.113). Dagegen spricht, da\u00df Jesus nach Matth 5 nicht gekommen ist, das Gesetz aufzul\u00f6sen, sondern zu erf\u00fcllen, und da\u00df er in seiner Verk\u00fcndigung die \u00fcberlieferten Gebote nicht negiert, sondern radikalisiert, gerade auch im sexuellen Bereich. Die Liebe bildet die Tiefenstruktur des Gesetzes, aber dessen Einzelbestimmungen werden dadurch nicht aufgehoben, sondern bilden den konkreten Ausdruck dieser Liebe (Himbaza et al., Clarifications 116). In diese Richtung weisen auch die Texte \u00fcber die br\u00fcderliche Ermahnung oder die Anklagen Jesu gegen seine Gegner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>b) Briefe<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am ausf\u00fchrlichsten wird das Thema Homosexualit\u00e4t innerhalb des Neuen Testaments in R\u00f6m 1,18-32 aufgegriffen, wobei deutlich ist, da\u00df homosexuelle Akte generell im Blick des negativen Urteils stehen, unabh\u00e4ngig von der Frage der sexuellen Orientierung der Beteiligten und des Vorhandenseins oder Nichtvorhandenseins eines Elements des Zwangs (Himbaza et al., Clarifications 105). Die in R\u00f6m 1,18-32; 1 Kor 6,9-10 und 1 Tim 1,10 greifbare negative Bewertung homosexueller Akte ist sicher nicht vom alttestamentlichen Hintergrund des Verfassers (oder der Verfasser) abzul\u00f6sen. Dabei spielt einerseits Lev 18,22; 20,13 eine wichtige Rolle. So ist etwa die im Griechischen erst im Neuen Testament greifbare Wortbildung arsenokoites wohl direkt mit den beiden Textstellen in Verbindung zu bringen. Andererseits ist, prim\u00e4r in R\u00f6m 1, die Bezugnahme auf die Sch\u00f6pfung, einschlie\u00dflich Gen 1,26-27, von Bedeutung (Gagnon, Homosexual Practice 289-297; Himbaza et al., Clarifications 89.91-92.98). R\u00f6m 1,18-32 ist insofern von besonderer Bedeutung, als es sich hier um die einzige Stelle in der Bibel handelt, die auf die innere Disposition eingeht, die dem homosexuellen Akt vorausgeht bzw. diesen begleitet. Manchmal wird auf Gal 3,28 verwiesen, wo u.a. davon die Rede ist, da\u00df \u201enicht Jude und Grieche, nicht Sklave und Freier, nicht Mann und Frau ist\u201c. Nach einigen Auslegern ist diese Aussage in ihrem letzten Glied als Hinweis darauf zu verstehen, da\u00df die herk\u00f6mmlichen Geschlechterrollen obsolet seien, was wiederum f\u00fcr eine m\u00f6gliche Akzeptanz der Homosexualit\u00e4t spreche (z.B. R\u00f6mer \/ Bonjour, L\u2019homosexualit\u00e9 110). Der Text hat mit der Diskussion um Homosexualit\u00e4t aber nichts zu tun, da es Paulus um die Betonung des gleichwertigen Zugangs von Frauen und M\u00e4nnern zur Gnade Gottes geht, nicht um eine Au\u00dferkraftsetzung von Geschlechterunterschieden im sexuellen Bereich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>c) Konvergenzen und Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt ergibt sich ein Bild, wonach die biblischen Autoren sich in der Ablehnung homosexueller Handlungen einig sind. Bedeutsam ist, da\u00df in R\u00f6m 1 offenbar sowohl mit einer andauernden G\u00fcltigkeit der Verbote in Lev 18,22 und 20,13 gerechnet wird \u2013 allerdings unter Ausschlu\u00df der in Lev 20,13 beigef\u00fcgten Straffolge -, wie auch mit einer auf Gen 1 beziehbaren Sch\u00f6pfungsordnung, die \u00fcberzeitlich g\u00fcltig ist und homosexuelle Akte als gegen diese Ordnung versto\u00dfend betrachtet. Im Prinzip spricht das f\u00fcr die \u00dcbertragbarkeit der entsprechenden Normen auch \u00fcber die neutestamentliche Zeit hinaus (Himbaza et al., Clarifications 129).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Boswell, John &#8211; Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality (Chicago 1980)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gagnon, Robert A.J. &#8211; The Bible and Homosexual Practice (Nashville 2001)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Himbaza, Innocent \/ Schenker, Adrien \/ Edart, Jean-Baptiste &#8211; Clarifications sur l\u2019homosexualit\u00e9 dans la Bible (Paris 2007)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Horner, Tom &#8211; Jonathan Loved David (Philadelphia 1978)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nissinen, Martti &#8211; Die Liebe von David und Jonatan als Frage der modernen Exegese (Bib 80, 1999, 250-63)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ders. &#8211; Homoeroticism in the Biblical World (Minneapolis 1998)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Olyan, Saul M. &#8211; \u201eAnd With a Male You Shall Not Lie the Lying Down of a Woman\u201c: On the Meaning and Significance of Leviticus 18:22 and 20:13 (JHSex 5, 1994, 179-206)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ders. &#8211; Surpassing the Love of Women (in: Mark D. Jordan, Authorizing Marriage [Princeton 2005], 7-16)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Otto, Eckart &#8211; Homosexualit\u00e4t im Alten Orient und im Alten Testament (in: ders., Kontinuum und Proprium [Wiesbaden 1996], 322-330)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00f6mer, Thomas \/ Bonjour, Loyse &#8211; L\u2019homosexualit\u00e9 dans le Proche-Orient ancien et la Bible (Genf 2005)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schenker, Adrian &#8211; What Connects the Incest Prohibitions with the Other Prohibitions Listed in Leviticus 18 and 20? (in: Rolf Rendtorff \/ Robert A. Kugler, The Book of Leviticus: Composition and Reception [Leiden \/Boston 2003], 162-185)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schroer, Silvia \/ Staubli, Thomas &#8211; Saul, David und Jonathan &#8211; eine Dreiecksgeschichte? (BK 51, 1996, 15-22)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Smith, Mark D. &#8211; Ancient Bisexuality and the Interpretation of Romans 1:26-27 (JAAR 64, 1996, 223-256)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stone, Ken &#8211; Gender and Homosexuality in Judges 19, Subject &#8211; Honor, Object &#8211; Shame (JSOT 67, 1995, 87-107)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wold, Donald J. &#8211; Out of Order (Grand Rapids 1998)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zehnder, Markus &#8211; Exegetische Beobachtungen zu den David-Jonathan-Geschichten (Bib 79, 1998, 153-179)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ders. &#8211; Observations on the Relationship of David and Jonathan and the Debate on \u201eHomosexuality\u201c (WTJ 69, 2007, 127-174)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Homosexualit\u00e4t im Alten Testament 1. Einleitung 2. Das Umfeld Israels 3. Die Bestimmungen in Lev 18,22 und 20,13 4. Sodom und Gibea 5. Die Beziehung von David und Jonathan 6. 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