{"id":2200,"date":"2009-03-27T10:20:58","date_gmt":"2009-03-27T08:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2200"},"modified":"2009-09-01T16:18:24","modified_gmt":"2009-09-01T14:18:24","slug":"wer-oder-was-ist-gerecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2200","title":{"rendered":"Wer oder was ist gerecht?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wer oder was ist gerecht?<br \/>\n\u201eGeschlechtergerechtigkeit\u201c im Gender-Mainstreaming-Konzept<\/strong> (1)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Gerechtigkeit \u2013 ein weites Feld<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerechtigkeit ist ein Schl\u00fcsselthema f\u00fcr nahezu alle zentralen Lebensbereiche. In Jurisprudenz, Theologie, Philosophie, Sozialpolitik, Wirtschaftsethik, kurz, \u00fcberall, wo das Humanum mit betroffen ist, spielt die Frage nach Gerechtigkeit eine entscheidende Rolle. Die Kehrseite dieser Tatsache ist, dass der Begriff zur reinen Wortfassade verkommen kann.<!--more-->\u00a0Der Sozialphilosoph Ernst Topitsch stellte fest, dass sprachliche Zentralbegriffe, die \u00fcber Jahrhunderte als fundamentale Prinzipien und Werte ganz selbstverst\u00e4ndlich anerkannt und hoch gesch\u00e4tzt wurden, gerade deshalb keinen, oder keinen n\u00e4her angebbaren Sach- und Normengehalt mehr besitzen.(2) Zu noch gr\u00f6\u00dferer Skepsis neigt der Rechtsphilosoph und Staatsrechtler Hans Kelsen: \u201eDie Bestimmung der absoluten Werte im Allgemeinen und die Definition der Gerechtigkeit im Besonderen, die auf diesem Wege erzielt werden, erweisen sich als v\u00f6llig leere Formeln, durch die jede beliebige gesellschaftliche Ordnung als gerecht gerechtfertigt werden kann.\u201c(3) Dieser Umstand erkl\u00e4rt, weshalb die unterschiedlichsten Interessen und Bewegungen sich das M\u00e4ntelchen \u201ef\u00fcr mehr Gerechtigkeit\u201c umh\u00e4ngen k\u00f6nnen. So geschieht es auch beim Gender Mainstreaming. \u2013 Die Vereinnahmung von verschiedensten Seiten ist typisch f\u00fcr den Missbrauch ethischer Zentralbegriffe: Es gibt wohl keine politische Ideologie, die nicht au\u00dfer Gerechtigkeit z.B. auch Freiheit, Friede und Menschenw\u00fcrde auf ihre Fahnen geschrieben h\u00e4tte. Die Tatsache, dass der Begriff \u201eGerechtigkeit\u201c ganz unterschiedlich verwendet werden kann, darf allerdings nicht dazu verleiten, Missbrauch und rechten Gebrauch ungepr\u00fcft nebeneinander stehen zu lassen. Auch im Blick auf das Gender Mainstreaming ist nach dem Sinn zu fragen, in dem hier von \u201eGerechtigkeit\u201c gesprochen wird. \u2013 Deshalb seien hier grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen zum Thema \u201eGerechtigkeit\u201c vorangestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Philosophische Aspekte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Platon ist die Gerechtigkeit die oberste der vier Kardinaltugenden, die aus dem griechischen Adelsethos abgeleitet wurden. Sie lauten: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Ma\u00df (Besonnenheit) und Klugheit (Weisheit). Im Zusammenhang des griechischen Denkens ist derjenige gerecht, der sich im und zum Gef\u00fcge seiner Gemeinschaft angemessen verh\u00e4lt. Dadurch unterscheidet er sich vom Barbaren. \u2013 In sp\u00e4terer Zeit wird der Begriff verallgemeinert zu der Bedeutung einer statisch verstandenen, ewigen guten Ordnung umfassender und allgemeiner Art, welcher sich der Gerechte einf\u00fcgt, der er mithin gerecht wird. Gehorsam gegen\u00fcber den Gesetzen sowie Vertragstreue geh\u00f6ren dazu. \u2013 F\u00fcr Platon war Gerechtigkeit eine Funktion der Seele (Politeia IV, 433a). Entsprechend ist eine \u00f6ffentliche Ordnung gerecht, wenn in ihr jeder seine Aufgabe gem\u00e4\u00df seinen F\u00e4higkeiten wahrnimmt (vgl. \u201esuum cuique\u201c = \u201ejedem das Seine\u201c). Auf Aristoteles geht eine weitere Aufschl\u00fcsselung des Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnisses zur\u00fcck. Diese wird in der philosophischen Ethik weitgehend auch heute noch verwendet: Die allgemeine Gerechtigkeit bezieht sich auf das in einer Gemeinschaft festgesetzte Recht. In diesem Zusammenhang leitet die iustitia legalis dazu an, dem jeweils geltenden Recht zu folgen. Von der allgemeinen ist die spezielle Gerechtigkeit zu unterscheiden. Sie richtet sich auf die ma\u00dfgeblichen zwischenmenschlichen Beziehungen. Im Blick auf die spezielle Gerechtigkeit unterscheidet Aristoteles die austeilende Gerechtigkeit (iustitia distributiva) und die ausgleichende Gerechtigkeit (iustitia commutativa). Letztere bezieht sich auf das Tauschdenken, z.B. gerechter Preis f\u00fcr gute Ware. Der Tausch ist gerecht, wenn die getauschten Objekte den gleichen Wert haben, wobei man modern nach Marktwert und Gebrauchswert unterscheiden kann. Hierher passt das Bild von der Iustitia als G\u00f6ttin mit der Waage. Schwieriger verh\u00e4lt es sich mit der austeilenden Gerechtigkeit. Was ist hier gerecht: &#8211; Jedem das Gleiche nach seinem Wert als Mensch? &#8211; Jedem nach seiner Leistung oder nach seiner Leistungsf\u00e4higkeit? &#8211; Jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen?(4) In einem marktwirtschaftlich organisierten Sozialstaat beispielsweise muss versucht werden, alle drei Elemente in eine Balance zu bringen. Sozialistisch orientierte Parteien werden dabei mehr die Gleichheit betonen. Liberal orientierte Parteien werden hingegen die Leistung h\u00f6her bewerten. Denn diese ist ja Voraussetzung daf\u00fcr, dass ein \u00dcberschuss erwirtschaftet wird, der verteilt werden kann. Die Auseinandersetzung \u00fcber das, was jeweils gerecht ist, wird aufgrund solch unterschiedlicher Ansichten nie zu einem endg\u00fcltigen Abschluss kommen. Sie darf es auch nicht, denn die Geschichte bleibt nicht stehen. Aber deshalb ist Gerechtigkeit nicht beliebig! Sie muss erkl\u00e4rt, begr\u00fcndet, ja errungen werden. Und es wird immer eine relative Gerechtigkeit bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Biblisch-theologische Hinweise<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Religionswissenschaftler Helmuth von Glasenapp unterscheidet zwischen Natur- und Stammesreligionen einerseits und ethischen Hochreligionen andererseits. Er nennt acht ethische Hochreligionen: den Brahmanismus oder Hinduismus, den Jainismus, den Buddhismus, den chinesischen Universismus, den Parsismus, das Judentum, das Christentum und den Islam \u2013 in der wahrscheinlichen Reihenfolge ihrer Entstehung.5 Schon der Begriff \u201eethische Hochreligion\u201c zeigt, dass bei diesen Religionen die Ethik und also auch die Gerechtigkeit ein herausragender, positiv belegter Wert ist. \u2013 Doch die Unterschiede sollte man nicht \u00fcbersehen: F\u00fcr die \u00f6stlichen Religionen, die von Glasenapp als \u201eReligionen des ewigen Weltgesetzes\u201c charakterisiert, weist der Vollzug der Gerechtigkeit wesentlich \u00fcber das diesseitige Leben hinaus. Gerechtigkeit wird entscheidend in den Kreislauf der Wiedergeburten verlegt (sodass man etwa als niedrigeres Wesen wiederverk\u00f6rpert werden kann). Die westlichen Religionen hingegen (Parsismus, Judentum, Christentum, Islam), die von Glasenapp \u201eReligionen der geschichtlichen Gottesoffenbarung\u201c nennt, legen gro\u00dfes Gewicht auf den innergeschichtlichen Vollzug der Gerechtigkeit. (Dass dar\u00fcber hinaus auch hier ein nachtodlicher Ausgleich gedacht werden kann, tut dem keinen Abbruch, sondern erg\u00e4nzt den Gedanken der innerweltlich geforderten Gerechtigkeit.) Bei den westlichen Religionen ist des weiteren auf die Zuordnung von Gesetz und Gnade zu achten. Sie alle handeln von beidem. Doch die Gewichtungen sind ganz verschieden. Im Islam ist Gerechtigkeit (\u201e`adl\u201c) ein Gebot im Rahmen der von Allah gegebenen Weltordnung. Allahs Gebote, die im Koran, in Sunna und Sharia niedergelegt sind, m\u00fcssen gehalten werden. Religion und Gesellschaftsordnung lassen sich dabei nicht trennen. Der Islam ist von Anfang an eine religi\u00f6s-politische Bewegung gewesen. (Ein vergleichbares Gesetzesverst\u00e4ndnis findet sich im pharis\u00e4ischen Judentum zur Zeit Jesu.) Es handelt sich um Gerechtigkeitsauffassung im Sinne einer Gesetzesreligion. Gerecht ist, wer sich an die als offenbart geltenden Vorschriften h\u00e4lt. Das biblische Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnis hat eine andere Grundlage. Es geht nicht von einem starren, zu beachtenden Gesetzeskodex aus. Im Mittelpunkt steht vielmehr ein pers\u00f6nliches Bundesverh\u00e4ltnis. Dies beginnt mit der Geschichte Israels. Israels Gott (Jahwe) erw\u00e4hlt sich dies Volk und f\u00fchrt es als sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit. Den Geretteten bietet er ein Bundesverh\u00e4ltnis an, das beide Partner in Treue aneinander bindet. Nur so n\u00e4mlich bleibt dem Volk die Freiheit erhalten. Jahwe ist dabei der \u00fcberlegene Partner, der Bundesgeber, der den Bund gew\u00e4hrt. Die Initiative geht vom rettenden Gott aus. Aber Gott beugt sich herab. Seine Bundesverpflichtung ist als Liebesverpflichtung im Sinne der hingebenden Agape zu verstehen. Dies ist Gottes Gerechtigkeit! \u2013 Das biblische Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnis erschlie\u00dft sich allein von hier aus. Menschliche Gerechtigkeit ist folglich nichts anderes als ein Abglanz dieser g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit. Entsprechend sind die Zehn Gebote (der Dekalog) keine detaillierten, kasuistisch gefassten Gesetze. Vielmehr sind sie einer Kompassnadel zu vergleichen, welche die Richtung anzeigt, die eingehalten werden muss, um dem Bundesverh\u00e4ltnis zu entsprechen. \u2013 Im Dekalog k\u00f6nnen zwei \u201eTafeln\u201c unterschieden werden. Die erste bezieht sich auf die Gottesliebe, die zweite auf die N\u00e4chstenliebe. Die Gerechtigkeit umschlie\u00dft beide Tafeln. Heilsgeschichtlich gesehen, hat Gott den Bund gehalten. Denn Gott ist gerecht. Seine Bundestreue ist seine Gerechtigkeit. Das alttestamentliche Bundesvolk hingegen hat den Bund gebrochen. Darum verlor es seine Freiheit. Die Folge war das babylonische Exil. Doch Gott h\u00e4lt trotz menschlicher Untreue nach wie vor an seinem Bund mit Israel fest (vgl. R\u00f6mer 9\u201311) und weitet diesen seinen Liebes- und Treuebund dar\u00fcber hinaus in Jesus Christus auf die ganze Menschheit aus. Auch die Heiden sind eingeladen, in und durch Jesus Christus an der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit teilzuhaben. F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis menschlicher Gerechtigkeit hei\u00dft das: Es ist n\u00f6tig, sich in den Rahmen der Bundesgerechtigkeit Gottes eingliedern zu lassen und darin treu zu bleiben. Als Hilfsmittel dient der Dekalog mit seinen beiden \u201eTafeln\u201c der Gottes- und N\u00e4chstenliebe. Biblisch bedeutet Gerechtigkeit folglich gemeinschaftstreues Verhalten im Sinne des Bundesdenkens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Einzelner und Gemeinschaft<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Verh\u00e4ltnisbestimmung von Einzelnem und Gemeinschaft erkennen wir das Spezifikum des biblischen Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnisses. Die \u201eTugenden\u201c des Gottesbundes sollen sich im mitmenschlichen Verh\u00e4ltnis spiegeln. In diesem Sinne legt Jesus den Dekalog in der Bergpredigt aus \u2013 bis hin zur Feindesliebe. Diese Bundesgerechtigkeit ist die \u201ebessere Gerechtigkeit\u201c (Matth\u00e4us 5,20) gegen\u00fcber jeder noch so buchstabengenauen Gesetzlichkeit. \u2013 Biblisch kann also nicht ohne den Blick auf das Gottesverh\u00e4ltnis und das Verh\u00e4ltnis zum N\u00e4chsten von \u201eGerechtigkeit\u201c gesprochen werden. Auch juristisch, philosophisch, soziologisch usw., also generell, gilt, dass bei allen Gerechtigkeits\u00fcberlegungen das Verh\u00e4ltnis von Einzelnem und Gemeinschaft ins Spiel kommt.(6) Zwischen den Polen des Einzelnen und der Gemeinschaft muss ein angemessenes, \u201egerechtes\u201c Verh\u00e4ltnis entstehen. Das geschieht, um ein Beispiel zu nennen, in dem Standardwerk des nordamerikanischen Philosophen John Rawls \u201eEine Theorie der Gerechtigkeit\u201c auf folgende Weise: Rawls geht von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen aus, denn das ist gerecht (= individuelle Grundlage). Hinzu kommt aber in einem zweiten Schritt, dass f\u00fcr alle diejenigen eine besondere Belohnung gerechtfertigt ist, die Leistungen erbringen, welche allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommt. Die dadurch entstehende relative Ungleichheit ist ebenfalls gerecht (= gesellschaftliche R\u00fcckkoppelung). Rawls beachtet also sowohl die Belange des Einzelnen wie die der Gemeinschaft.7 Die Position von Rawls soll nicht weiter dargestellt, und erst recht nicht die Diskussion \u00fcber diesen Ansatz verfolgt werden. Am Entwurf von Rawls zeigt sich aber exemplarisch, dass bei allen \u00dcberlegungen zur Gerechtigkeit ein Ausgleich zwischen den Interessen des Einzelnen und der Gemeinschaft angestrebt werden muss. Wo nur ein Element, etwa allein die individuellen Interessen oder umgekehrt nur die der Gemeinschaft zum Zuge kommen, kann nicht wirklich von Gerechtigkeit die Rede sein. Kurz sei erw\u00e4hnt, dass traditionelle Gesellschaften in der Regel der Gemeinschaft einen Vorrang vor dem Einzelnen einr\u00e4umen, w\u00e4hrend in modernen Gesellschaften eher die individuellen Interessen der Einzelpersonen, die Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung an die erste Stelle r\u00fccken. (Einschr\u00e4nkend sei hinzugef\u00fcgt, dass auch die neuzeitlichen Ideologien des Marxismus und Nationalsozialismus der Gemeinschaft den Vorrang einr\u00e4umten. Auch das moderne China ist noch gepr\u00e4gt von der traditionellen Vorordnung der Gemeinschaft.) Jedenfalls gilt, dass im Blick auf Gerechtigkeit eine \u201eGleichgewichtslage von pers\u00f6nlichem und sozialem Sein\u201c, wie Dietrich Bonhoeffer es genannt hat, anzustreben ist.(8) Wo aber einseitig der Einzelne und allein seine Interessen oder die Gemeinschaft und allein deren Interessen in den Mittelpunkt treten, sind die Verh\u00e4ltnisse nicht gerecht, selbst wenn das Gegenteil behauptet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>5. Gender Mainstreaming: Zwischen Anarchismus<br \/>\nund Kollektivismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gender Mainstreaming wird intendiert, dass jeder Mensch, ganz unabh\u00e4ngig vom biologischen Geschlecht, sein soziales Geschlecht frei w\u00e4hlen kann. Damit aber nicht genug; wer auch sein biologisches Geschlecht ver\u00e4ndern m\u00f6chte, kann dies ebenfalls (z.B. durch chirurgische Eingriffe) versuchen. Die Gesellschaft wird darauf verpflichtet, diese individuelle Wahl nicht nur anzuerkennen, sondern dar\u00fcber hinaus zu f\u00f6rdern. Kindern soll m\u00f6glichst fr\u00fch nahegebracht werden, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt und dass sie ihr Geschlecht beliebig bestimmen k\u00f6nnen, m\u00e4nnlich, weiblich, bisexuell, homosexuell: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Selbstverwirklichung in beliebiger Weise soll erm\u00f6glicht werden. Das gilt als \u201eGeschlechtergerechtigkeit\u201c. Die Gemeinschaft \/ die Gesellschaft \/ der Staat kommt in den Blick ausschlie\u00dflich als Adressat von Anspr\u00fcchen individueller Optionen. \u2013 Welcher Begriff von \u201eGerechtigkeit\u201c wird hier vertreten? Analysiert man solche Vorstellungen, zeigt sich, dass nicht nur dem Einzelinteresse absoluter Vorrang gegen\u00fcber der Gemeinschaft einger\u00e4umt wird, sondern dass das Verh\u00e4ltnis von Einzelnem und Gemeinschaft v\u00f6llig aufgel\u00f6st wird. Im Blick auf m\u00e4nnlich und weiblich wird purer Individualismus, ja mehr noch eine Steigerung davon, reiner Solipsismus, propagiert, absolute Selbstbezogenheit der Einzelperson. Es wird nicht gefragt, was der Einzelne zur Gemeinschaft beitragen k\u00f6nnte. Es werden ausschlie\u00dflich Forderungen gegen die Gemeinschaft erhoben. Die Gemeinschaft soll die Willk\u00fcrwahl des Individuums anerkennen und f\u00f6rdern. Die R\u00fcckkoppelung mit der Frage, was der Einzelne seinerseits positiv zum Wohl der Gemeinschaft beitragen kann, wird nicht gestellt. Die Gemeinschaft hat hingegen alle Optionen der Einzelnen vorbehaltlos zu akzeptieren. Auf diese Weise entsteht eine paradoxe Situation, die Individualismus und Kollektivismus gleichzeitig einfordert. Bekanntlich ber\u00fchren sich Gegens\u00e4tze in ihren Extremen. Anarchistischer Individualismus Kollektivismus &#8211; Beliebigkeit des Einzelnen &#8211; Nicht nur Gleichwertigkeit, sondern auch Gleichartigkeit von Unterschiedlichem wird behauptet. &#8211; Ungebundene Wahlfreiheit &#8211; Gleichberechtigung wird durch absolute Gleichheit ersetzt. &#8211; Individuelle Selbstverf\u00fc- &#8211; Gemeinschaft \/ Gesellschaft hat die gung und Selbstverwirkli- Aufgabe, alle bestehenden Unterschiede chung ohne Blick aufs juristisch und sozial gleichzustellen Ganze und einzuebnen. &#8211; Vielfalt \/ Pluralismus &#8211; Einheit \/ Einerlei Das Verst\u00e4ndnis von Gerechtigkeit wird zerrissen: Einerseits gilt es als gerecht, wenn die Individuen sich in beliebiger Selbstdefinition und Selbstverwirklichung v\u00f6llig unterschiedlich entfalten und darstellen. Andererseits gilt es als ungerecht, wenn die Gemeinschaft eben diese Unterschiede wahrnimmt und sie unterschiedlich bewertet. Die Gemeinschaft soll vielmehr alles f\u00fcr gleich und gleichg\u00fcltig erkl\u00e4ren. Sie soll den Unterschied ignorieren und den schrankenlosen Individualismus f\u00f6rdern; und das, obwohl kein Mensch isoliert ohne Einbettung in eine tragende Gemeinschaft existieren kann. So kommt es zu widersinnigen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Forderungen: Die Schwulen- und Lesbenverb\u00e4nde behaupten, die geschlechtliche Orientierung eines Menschen sei unver\u00e4nderlich festgelegt. Wer Ver\u00e4nderungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Homosexuelle nachweist, wird als \u201eScharlatan\u201c diffamiert. \u2013 Gleichzeitig wird aber im Rahmen des Gender-Mainstreaming-Konzepts behauptet, auf geschlechtlichem Gebiet sei niemand festgelegt, jeder Mensch k\u00f6nne seine sexuelle Orientierung nach individuellen W\u00fcnschen aussuchen, frei gestalten und ver\u00e4ndern. \u2013 Schlie\u00dflich soll der Staat diesen Selbstwiderspruch f\u00f6rdern und sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6. Die kommenden Generationen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschliche Gemeinschaft erstreckt sich auch auf die Abfolge der Generationen. Bezeichnenderweise wird heutzutage zwar viel von \u201eGenerationengerechtigkeit\u201c geredet, doch dabei geht es nur um das Geld bei der Verteilung der sogenannten \u201eRentenlasten\u201c. \u00dcbersehen wird, dass die mittlere Generation seit Menschengedenken \u2013 mit oder ohne Ruhestandsgesetze \u2013 stets zugleich f\u00fcr die Kinder und die Alten zu sorgen hat. Die staatlichen Ruhestandsregelungen in den entwickelten Industriel\u00e4ndern verlegen lediglich die F\u00fcrsorge f\u00fcr die \u00e4ltere Generation von der Familie auf die gesamte Gesellschaft. Eine mittlere Generation aber, die keine Kinder mehr haben will oder zu wenig Kinder hat, darf sich nicht dar\u00fcber beklagen, dass ihre eigene Altersversorgung gef\u00e4hrdet ist und die Schuld daf\u00fcr auf die \u201eAlten\u201c schieben. \u2013 Genau hier liegt die Unredlichkeit, mit der heute \u00fcber die gerechte Verteilung der \u201eAlterslasten\u201c diskutiert wird. Es hat den Anschein, als g\u00e4be es nur gegenseitige Ausbeutung. Der Kampf aller gegen alle wird ausgerufen. \u2013 Nirgendwo in den Gender-Theorien wird hingegen die Grundfrage bedacht: Wollen wir Kinder? Was brauchen die Kinder? Was hilft der n\u00e4chsten Generation, um gl\u00fccklich und gesund heranzuwachsen? Im Interesse \u201eeiner modernen und gleichen Gesellschaft\u201c bezeichnet die Europ\u00e4ische Union soziale Unterscheidungen zwischen Frau und Mann als \u201eGeschlechterklischees\u201c. Diese gelten als diskriminierend und sollen abgebaut werden.(9) \u2013 Doch nur Frauen k\u00f6nnen Kinder zur Welt bringen, M\u00e4nner aber nicht. Sind also \u201eMutterrolle\u201c und \u201eVaterrolle\u201c k\u00fcnftig Klischees? Sind sie diskriminierend? Wenn ja, f\u00fcr wen? \u2013 Wieder werden Gleichwertigkeit und Gleichheit verwechselt. Wie weit will man sich noch von den elementaren Grundlagen menschlichen Lebens entfernen, um Vernunft und Verantwortung abzusagen und statt dessen im Kontext des als \u201eGerechtigkeit\u201c verkleideten Lustprinzips Gleichheitsklischees zu huldigen? \u2013 Angesichts einer solchen \u201eapokalyptischen\u201c(10) Unvernunft und Verantwortungslosigkeit entsteht au\u00dferdem die Gefahr, dass gesellschaftliche Gegenstr\u00f6mungen mit neuer Gesetzlichkeit entstehen, wie es zum Teil schon zu beobachten ist (vgl. Islamismus). Au\u00dferdem: Wer nicht mehr genau wei\u00df, ob er m\u00e4nnlich oder weiblich ist, wird in seiner Identit\u00e4t verunsichert. Das gilt insbesondere f\u00fcr Jugendliche. In ihrer Identit\u00e4t geschw\u00e4chte Menschen sind f\u00fcr Manipulationen im Blick auf Konsum um so anf\u00e4lliger; sie sind wehrloser gegen ideologische Gleichschaltungsversuche. Ob es Absicht ist, eine in dieser Weise leicht manipulierbare Generation heranzuziehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. Ausblick<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fassen zusammen: Im Gender-Mainstreaming-Konzept geschieht unter dem Vorzeichen \u201eGerechtigkeit\u201c eine v\u00f6llige Aufl\u00f6sung dessen, was theologisch, philosophisch und juristisch unter Gerechtigkeit zu verstehen ist, denn: &#8211; Der f\u00f6rderliche Zusammenhang zwischen Einzelnem und Gemeinschaft wird aufgel\u00f6st. &#8211; Ungleiches wird gleich gemacht, Gleichberechtigung wird mit Gleichheit verwechselt. &#8211; Von der Gemeinschaft wird Anerkennung und Unterst\u00fctzung der Option des Einzelnen gefordert, ohne dass dieser bereit ist, seinerseits etwas zur Gemeinschaft beizutragen. Gender Mainstreaming beruht auf illusionistischem Denken, weil der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist und nicht ohne Gemeinschaft existieren kann. Jeder Mensch ist Kind einer Frau und eines Mannes \u2013 trotz aller Gentechnik! Jeder Einzelne existiert nur aufgrund einer Gemeinschaftsbeziehung. Die Gesellschaft besteht nicht aus lauter isolierten Individuen. Sie basiert vielmehr auf der Elternschaft als dem Ursprung aller Sozialit\u00e4t, und diese wiederum beruht auf dem geschlechtlichen Unterschied zwischen Mann und Frau. Den isolierten Einzelnen absolut zu setzen und allein von ihm her zu denken, ist eine wirklichkeitsfremde Abstraktion. In Gender-Mainstreaming-Konzept wird der Gerechtigkeitsbegriff entkernt und mit neuem Inhalt gef\u00fcllt. Es bleibt nur die \u00e4u\u00dfere Worth\u00fclse. So entsteht eine Wortchim\u00e4re, die dazu dient, die Menschen zu t\u00e4uschen. Das Gender-Mainstreaming-Programm ist deshalb alles andere als gerecht. Es f\u00f6rdert ein ungerechtes, illusorisches zerst\u00f6rerisches Denken und Handeln. Resultat ist eine paradoxe Mischung aus Anarchismus und Zwangskollektivismus mit allen Merkmalen einer Ideologie. \u2013 \u201eVielen B\u00fcrgern ist schlicht der gesellschaftliche Gemeinsinn abhanden gekommen,\u201c konstatiert der Wirtschaftsphilosoph Gerd Habermann.(11) Eine Umkehr von diesem Irrweg wird erst geschehen, wenn das biblische Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnis im Rahmen des Bundesdenkens als \u201egemeinschaftstreues Verhalten\u201c wieder zur Geltung gelangt. Die Frage lautet dann nicht mehr nur: \u201eWelche Forderungen kann ich stellen, damit die Anderen mir gerecht werden?\u201c, sondern auch: \u201eWas kann ich tun, um die Gemeinschaft zu f\u00f6rdern, ihr zu dienen, ihr gerecht zu werden?\u201c Erst wenn diese Polarit\u00e4t beachtet wird, wird Gerechtigkeit wieder aufleuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stuttgart, im Oktober 2008<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Erschienen im \u201eBulletin des Deutschen Instituts f\u00fcr Jugend und Gesellschaft, Reichelsheim\/Odw., (Bulletin Nr. 16, Herbst 2008), www.dijg.de<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1 Auf Herkunft und Beschreibung von \u201eGender Mainstreaming\u201c wird im Folgenden nicht eingegangen. Grundinformationen werden vorausgesetzt. Zur genauen Information sei verwiesen auf Bulletin Nr. 13 des Deutschen Instituts f\u00fcr Jugend und Gesellschaft (DIJG) von Fr\u00fchjahr 2007 (7. Jg., Heft 1).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2 Vgl. Ernst Topitsch, \u00dcber Leerformeln. Zur Pragmatik des Sprachgebrauchs in der Philosophie und politischen Theorie, In: Ders. (Hg.), Probleme der Wissenschaftstheorie, Wien 1960, S. 233-264.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3 Hans Kelsen, Was ist Gerechtigkeit?, Wien 1975, S. 18.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4 Vgl. hierzu: Kurt Wuchterl, Lehrbuch der Philosophie, Bern, 5. Aufl. 1998, S. 167.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5 Helmuth von Glasenapp, Die f\u00fcnf Weltreligionen, D\u00fcsseldorf\/K\u00f6ln, 3. Aufl. 1972, S. 9. 3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6 Die Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, die der Soziologe Ferdinand T\u00f6nnies (1855 \u2013 1936) in seinem Buch \u201eGemeinschaft und Gesellschaft\u201c (1. Aufl. 1886; 3. Aufl. 1919) erstmals profiliert herausgestellt hat, kann im Rahmen unserer grunds\u00e4tzlichen Darlegungen unber\u00fccksichtigt bleiben. In der Regel wird hier von \u201eGemeinschaft\u201c gesprochen. Staat, Gesellschaft und soziale Strukturen wie Familie sind jeweils mitgemeint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7 John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt 1971.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8 Dietrich Bonhoeffer, Sanctorum Communio, Werke Band 1, M\u00fcnchen 1986, S. 48.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9 So die \u201eEntschlie\u00dfung des Europ\u00e4ischen Parlaments vom 3. September 2008 zu den Auswirkungen von Marketing und Werbung auf die Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern\u201c (2008\/2038(INI)) unter Hinweis auf verschiedene Vorgaben der Kommission.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10 Zur Lust am Untergang vergleiche die Ideale, die Leslie A. Fiedler, der amerikanische Protagonist der \u201ePostmoderne\u201c in der Literatur, schon 1968 (!) verk\u00fcndet hat: Die allerletzten Bastionen des Rationalismus und des Faktischen w\u00fcrden gegenw\u00e4rtig nur noch von den Marxisten verbissen verteidigt. Nun aber beginne etwas ganz anderes. Denn: \u201eWir leben in einer v\u00f6llig anderen, einer apokalyptischen, betont romantischen und sentimentalen Zeit, in einer Zeit der fr\u00f6hlichen Unvernunft, einer geradezu prophetischen Verantwortungslosigkeit.\u201c (Hier zitiert nach: Wolfgang Ign\u00e9e, Eine Zeit der fr\u00f6hlichen Unvernunft. Die \u201eFiedler-Debatte\u201c oder: Wie die Postmoderne nach Deutschland kam \u2013 Erinnerung an den Herbst 1968, in: Stuttgarter Zeitung, Nr. 212, 10. Sept. 2008, S. 29).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">11 Gerd Habermann, Je mehr Staat \u2013 desto weniger Kinder, in: pro. Christliches Medienmagazin, Heft 2, 2008, S. 6-8, hier: S.8. \u2013 Ein Zeichen f\u00fcr fehlenden Gemeinsinn ist auch die von den Interessengruppen der Schwulen- und Lesbenverb\u00e4nde erhobene Forderung nach v\u00f6lliger Gleichstellung eingetragener gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit Ehe und Familie u. a. auch im Renten- und Versorgungsrecht. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind von Natur aus unfruchtbar und nicht wie Ehe und Familie auf eine kommende Generation hin ausgerichtet. Bei der genannten Forderung geht es also unter Ausnutzung des dem Sozialsystem zugrunde liegenden Solidarit\u00e4tsprinzips um puren Egoismus zugunsten individueller Vorteilsnahme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer oder was ist gerecht? \u201eGeschlechtergerechtigkeit\u201c im Gender-Mainstreaming-Konzept (1) 1. Gerechtigkeit \u2013 ein weites Feld Gerechtigkeit ist ein Schl\u00fcsselthema f\u00fcr nahezu alle zentralen Lebensbereiche. In Jurisprudenz, Theologie, Philosophie, Sozialpolitik, Wirtschaftsethik, kurz, \u00fcberall, wo das Humanum mit betroffen ist, spielt die Frage nach Gerechtigkeit eine entscheidende Rolle. 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