{"id":2156,"date":"2006-03-16T15:13:24","date_gmt":"2006-03-16T13:13:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2156"},"modified":"2009-09-08T15:18:07","modified_gmt":"2009-09-08T13:18:07","slug":"in-20-jahren-wird-frankreich-dem-libanon-ahnlich-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2156","title":{"rendered":"&#8222;In 20 Jahren wird Frankreich dem Libanon \u00e4hnlich sein&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>&#8222;In 20 Jahren wird Frankreich dem Libanon \u00e4hnlich sein&#8220; Interview mit Michel Gurfinkiel<\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Michel Gurfinkiel f\u00fcrchtet das Ende des homogenen Nationalstaates und schildert die Folgen des europ\u00e4ischen Appeasements von Jacques Schuster<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>DIE WELT: Noch vor kurzem war die moslemische Welt in Aufruhr \u00fcber die d\u00e4nischen Mohammed-Karikaturen. In den Banlieues blieb alles ruhig. Aus welchem Grund?<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Michel Gurfinkiel: Da\u00df es so ruhig blieb, lag erstens an der massiven Polizeipr\u00e4senz in den Vorst\u00e4dten.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">\u00a0<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3308\" title=\"Michel Gurfinkiel\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2006\/03\/Michel-Gurfinkiel1.jpg\" alt=\"Michel Gurfinkiel\" width=\"170\" height=\"124\" \/><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>Michel Gurfinkiel, franz\u00f6sischer Publizist<br \/>\nFoto: Martin Lengemann<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Zweitens haben die radikalen oder konservativen moslemischen F\u00fchrer in Frankreich ihre wichtigsten Ziele schon erreicht. Anders war dies in Kopenhagen, wo die Protestaktionen der Moslems vor allem das Ziel hatten, die gleichen Rechte und Privilegien zu erhalten wie die christliche Staatskirche. In Frankreich haben sich die Moslems als gr\u00f6\u00dfte Glaubensgemeinschaft nach den Katholiken etabliert. Diese Stellung wird sich auch in Gesetzen niederschlagen. So wird die 100 Jahre alte Trennung von Staat und Kirche einer Revision unterzogen.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: Dagegen gibt es Widerstand.<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Das ist richtig. Doch steht der radikale Islam als Gewinner da. Es w\u00e4re f\u00fcr ihn kontraproduktiv gewesen, wegen der Karikaturen zu Aufruhr anzustacheln.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: In Frankreich gibt es Enklaven, in denen das islamische Gesetz dominiert. Wird das Land zu einer muslimischen Nation?<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Ich glaube, da\u00df wir auf eine Balkanisierung zusteuern. Frankreich hat als Modell eines homogenen Nationalstaates ausgedient. So haben wir Gebiete, wohin sich niemand mehr zu gehen traut, auch die Polizei nicht, und wo Leute von drau\u00dfen nicht willkommen sind. Dort entwickelt sich eine Bewegung, die radikal-moslemisch organisiert ist.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: In den USA f\u00fchlen sich Einwanderer als Teil des Landes. Wie schaut es in Frankreich aus?<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Da sich der Islam vor allem politisch versteht, neigt er dazu, sich selbst als &#8222;islamische Nation&#8220; oder als &#8222;Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen&#8220; zu portr\u00e4tieren. Die Moslems haben eine klare Vorstellung davon, was islamisch ist und was nicht. Nehmen wir zum Beispiel die aus Algerien gekommen Moslems. F\u00fcr uns Franzosen war Algerien eine Kolonie. Seit 1962 ist es f\u00fcr uns ein unabh\u00e4ngiges Land ist. Die moslemischen Algerier denken anders. F\u00fcr sie haben die Franzosen \u00fcber sie geherrscht. Jetzt f\u00fchlen sie sich ihnen ebenb\u00fcrtig. Manche wollen auch Rache nehmen. Selbst als franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrger f\u00fchlen sie sich als moslemische Algerier, die in Frankreich leben, das sie als eine algerisch-franz\u00f6sische Einheit betrachten. Dies trifft auch f\u00fcr viele andere Moslems in Frankreich zu. Einen Treueeid w\u00fcrden sie zuerst auf ihre moslemische Gemeinschaft und erst danach auf Frankreich oder Europa ablegen.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: Sehen Sie die Gefahr, da\u00df auf lange Sicht die franz\u00f6sische Lebensart unter dem moslemischen Einflu\u00df Schaden leiden k\u00f6nnte?<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Hier kommt die Demographie ins Spiel. In Frankreich werden die Menschen immer \u00e4lter und die Kinder immer weniger. Man spricht zwar immer von der hohen Geburtenrate, doch wird damit das Problem der \u00dcberalterung nicht gel\u00f6st, da die meisten Frauen ihre Kinder erst im Alter von \u00fcber 30 bekommen. Es gibt immer weniger Familien, in denen mehrere Kinder aufgezogen werden. Von den 62 Millionen Franzosen sind 20 Millionen \u00fcber 50 Jahre alt. Sie werden bald Rentner und viele auf soziale Hilfe angewiesen sein. Unter den 40 verbleibenden Millionen sind etwa acht bis zehn Millionen Einwanderer, in ihrer gro\u00dfen Mehrheit aus Nord- und Schwarzafrika. Genaue Zahlen liegen nicht vor, da die illegale Einwanderung hoch ist und es gesetzlich untersagt ist, Statistiken nach religi\u00f6ser oder ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit zu f\u00fchren. Sicher ist hingegen, da\u00df der Anteil der moslemischen Immigranten in der jungen Generation dramatisch steigt. In manchen St\u00e4dten wie in Lille und Roubaix sind heute schon \u00fcber 50 Prozent der jungen Generation Moslems. Dieser Trend wird sich fortsetzen, und der Einflu\u00df der moslemischen Gemeinschaft in der franz\u00f6sischen Gesellschaft wird zunehmen. Ich glaube, da\u00df die franz\u00f6sische Nation in 20 Jahren dem Libanon oder Malaysia sehr \u00e4hnlich sein wird. Ob dies zur Gr\u00fcndung einer islamischen Republik in Frankreich f\u00fchrt, wie manche Leute bef\u00fcrchten, wage ich nicht zu sagen. Doch wird sich der Druck erh\u00f6hen, moslemisches Regelwerk in das franz\u00f6sische Gesetzeswerk aufzunehmen.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: Steigt nicht die Gefahr, da\u00df Unruhen wie im November eine religi\u00f6se Dimension bekommen?<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Nach allem, was wir heute \u00fcber die Unruhen wissen, gab es auch schon im November ein starkes religi\u00f6ses Element. Die meisten Unruhestifter sehen sich als Mitglieder der &#8222;islamischen Nation&#8220;. Es ist auch kein Geheimnis, da\u00df die Ruhe erst nach Verhandlungen mit moslemischen F\u00fchrern vor Ort hergestellt werden konnte.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: Angesichts des Gewichts der moslemischen Gemeinschaften ist es somit kein Zufall, da\u00df Jean-Marie Le Pen auf diese W\u00e4hlerstimmen schielt, wenn er behauptet, da\u00df er in einer Islamisierung Frankreichs keine Gefahr sieht.<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Da m\u00f6chte ich Ihnen interessanten Zahlen nennen. Skyrock ist ein sehr popul\u00e4rer privater Radiosender, der vor allem von den Jugendlichen in den Vororten geh\u00f6rt wird. Auf seiner Website fragt der Sender die Jugendlichen schon heute, wem sie unter 34 potentiellen Kandidaten bei den n\u00e4chsten Pr\u00e4sidentschaftswahlen ihre Stimme geben w\u00fcrden. An erster Stelle steht wirklich Le Pen mit 29 Prozent.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: Also ist Le Pen f\u00fcr die Moslems w\u00e4hlbar?<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Sie k\u00f6nnen sich eine Allianz mit ihm vorstellen. Wir wissen, da\u00df die moslemischen F\u00fchrer, und hier meine ich die sehr einflu\u00dfreichen Botschaften der islamischen L\u00e4nder und die Imame, die moslemischen Gl\u00e4ubigen auffordern, sich in die Wahllisten einzutragen, sich in allen franz\u00f6sischen Parteien zu engagieren, um den Islam als einen festen Bestandteil der franz\u00f6sischen Gesellschaft zu etablieren. Und keine Partei, die gew\u00e4hlt werden will, wird auf die Stimmen der Moslems verzichten wollen. Das wird sich auch auf die k\u00fcnftige Gesetzgebung auswirken.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: &#8230; Auch eine Art von Integration.<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: Es gibt verschiedene Arten von Integration. Bis Ende der sechziger Jahre bestand sie darin, Franzose zu werden, den franz\u00f6sischen Lebensstil zu pflegen, seine Religion aber als Privatsache zu behandeln. Doch steuern wir jetzt auf eine andere Situation zu. Die Immigranten haben heute nicht nur das Recht, gleichberechtigter Partner der franz\u00f6sischen Gesellschaft zu werden, sondern auch das Recht, die Gesellschaft nach ihrer eigenen Kultur zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>WELT: Ist der Eindruck richtig, da\u00df viele f\u00fchrende Politiker in Europa gegen\u00fcber dem Islam eine Appeasement-Politik betreiben?<\/em><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Gurfinkiel: In der Tat scheint dies der Fall zu sein. Allerdings geht es um die Beschwichtigung der extremistischen Moslems, welche die moslemische Welt unter Kontrolle bekommen wollen, um die gesamte Welt zu beherrschen. Ein Grund f\u00fcr dieses Appeasement ist Angst.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Michel Gurfinkiel ist Autor mehrerer B\u00fccher \u00fcber internationale Beziehungen und Leitartikler des Wochenmagazins &#8222;Valeurs Actuelles&#8220;. Aufmerksamkeit erregten seine j\u00fcngsten Arbeiten zur Immigration. Die Fragen stellten Jochen Hehn und Jacques Schuster.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><em>Artikel erschienen am Do, 16. M\u00e4rz 2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;In 20 Jahren wird Frankreich dem Libanon \u00e4hnlich sein&#8220; Interview mit Michel Gurfinkiel Michel Gurfinkiel f\u00fcrchtet das Ende des homogenen Nationalstaates und schildert die Folgen des europ\u00e4ischen Appeasements von Jacques Schuster DIE WELT: Noch vor kurzem war die moslemische Welt in Aufruhr \u00fcber die d\u00e4nischen Mohammed-Karikaturen. In den Banlieues blieb alles ruhig. Aus welchem Grund? 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