{"id":21375,"date":"2024-12-01T09:34:52","date_gmt":"2024-12-01T08:34:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=21375"},"modified":"2024-12-01T09:34:52","modified_gmt":"2024-12-01T08:34:52","slug":"predigt-ueber-mt-112-6-bist-du-der-da-kommen-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=21375","title":{"rendered":"Predigt \u00fcber Mt 11,2-6: Bist du, der da kommen soll?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da aber Johannes im Gef\u00e4ngni\u00df die Werke Christi h\u00f6rete, sandte er seiner J\u00fcnger zween, und lie\u00df ihm sagen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gehet hin und saget Johanni wieder, was ihr sehet und h\u00f6ret; die Blinden sehen, und die Lahmen gehen, die Auss\u00e4tzigen werden rein, und die Tauben h\u00f6ren, die die Todten stehen aus, und den Armen wird das Evangelium gepredigt. Und selig ist, der sich nicht an mir \u00e4rgert.<\/em> <em>(Matth. 11. 2-6)<\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Christo Jesu geliebte Gemeinde. Ein rechtes Christenherz ist wie ein sch\u00f6ner Garten, in dem eitel sch\u00f6ne Blumen und fruchtbare B\u00e4ume stehen. Mitten drinnen steht der Lebensbaum, Jesus Christus, und raget hoch \u00fcber alle andern weg. Um ihn herum stehet in sch\u00f6nen Gruppen die Ceder des Glaubens, deren Bl\u00e4tter Sommer und Winter gr\u00fcnen; die Palme des Sieges, den die Gl\u00e4ubigen schon davongetragen haben und weiter davontragen werden; der Weinstock und Oelbaum, als die Bilder des stillen und geruhigen Lebens in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, und die Rose mit Bl\u00fcthen und Dornen, als das Bild des Kreuztr\u00e4gers, dessen inneres Leben unter Tr\u00fcbsal nur herrlicher ausbl\u00fchet. Hie und da im Schatten und in den Ecken stehet auch das unscheinbare Kr\u00e4utlein der Geduld, Auch Unkraut w\u00e4chst noch darin, denn wer ist rein unter allen, die von Weibern geboren sind? Aber es kann nicht emporkommen, es kann die edlen Gew\u00e4chse nicht niederwuchern, die Gnadenpflanzungen lassen es nicht in die H\u00f6he. Ein solcher Garten ist gar lieblich, lieblicher als die Lustg\u00e4rten Salomos. Die Engel Gottes ergehen sich darin. Es ist der Anfang zu einem neuen Garten Eden. M\u00f6chtest du einen solchen Garten haben? M\u00f6chtest du, da\u00df dein Herz ein solcher Garten w\u00e4re? Ja, ist deine Antwort. Nun, so k\u00e4mpfe vor Allem gegen einen Feind. H\u00f6re, wenn der Herr angefangen hat, diesen Garten in dir zu pflanzen, dann kommt der Feind, der Zweifel, f\u00fchret eine Axt in seiner Hand und gehet in dem Garten herum. Er zertritt die sch\u00f6nen Blumen, die da wachsen, er sieht sich die B\u00e4ume an, und versucht erst die kleinen niederzuhauen. Wenn du das duldest, geht er immer weiter, und hauet die gro\u00dfen nieder. Zuletzt legt er seine Art auch an den Lebensbaum inmitten des Gartens. Und wenn der f\u00e4llt, ist der Garten eine W\u00fcste geworden. Dornen und Disteln \u00fcberwuchern ihn dann, und Giftpflanzen schlingen sich mit ihren Ranken empor. Ein Elend kommt \u00fcber den Menschen, das sich nicht aussprechen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du Menschenkind, erkenne hier die unergr\u00fcndliche Erbarmung deines Gottes. In jenen Tagen, da Christus auf Erden wandelte, da der Himmel offen war zu den gr\u00f6\u00dfesten Gnadenthaten, da mu\u00dften Zweifler aufstehen und die gr\u00f6\u00dften Grundwahrheiten des Evangeliums antasten. Sie mu\u00dften sie antasten, da sie der Herr noch pers\u00f6nlich widerlegen, da ihnen die J\u00fcnger, die ersten Tr\u00e4ger und Zeugen des neuen Lebens, den Mund stopfen konnten. Thomas bezweifelte die Auferstehung des Herrn, die gro\u00dfe That des Osterfestes. Christus gab ihm den handgreiflichen Beweis. Er lie\u00df ihn seine Finger in die N\u00e4gelmale und seine Hand in die Seite legen. Als die Sp\u00f6tter am Pfingstfeste schrieen: &#8222;Sie sind voll s\u00fc\u00dfen Weins,&#8220; da konnte Petrus ihnen eine Antwort geben, die nicht H\u00f6rner noch Z\u00e4hne hatte. Auch die gro\u00dfe Gnadenthat Gottes am Weihnachtsfeste, da\u00df er in Christo den in die Welt gesandt habe, der da kommen sollte, ist angezweifelt worden, und zwar von dem Manne, von dem wir es am wenigsten erwarten sollten. Johannes war schwankend geworden. Er sendet Boten, die m\u00fcssen fragen: &#8222;Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten?&#8220; Gott sei Dank, er hat noch zur rechten Zeit, er hat bei dem rechten Manne gefragt. Er hat darum auch eine rechte und v\u00f6llige Antwort erhalten. Wir thun heute mit ihm seine Frage noch einmal:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bist du, der da kommen soll?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frage und Antwort fassen wir zusammen in die Zeilen: Tasten Zweifel deinen Glauben an. Geh zu Christo, der sie l\u00f6sen kann;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Antwort wird er auf die Frage geben, Antwort aus dem Leben und zum Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>I. <\/strong><strong>Tasten Zweifel deinen Glauben an. Geh zu Christo, der sie l\u00f6sen kann.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geliebte Gemeinde. Wie selten ist ein Herz, das Zeit seines ganzen Lebens fest steht in dem lieben Kinderglauben; das in die heiligen Wahrheiten des evangelischen Glaubens in der Kindheit eingef\u00fchrt ist wie in ein festes Friedens-Haus, und dann nie darin unruhig geworden, nie auf die Th\u00fcrschwelle getreten ist, als ob es herausgehen wollte. Ach, wenn doch noch Alle auf der Schwelle stehen geblieben w\u00e4ren, die Schwelle geh\u00f6rt ja auch noch zum Hause! Sie h\u00e4tten bei den Wettern des Lebens schnell wieder umkehren k\u00f6nnen. In unsern Tagen, in den Unruhen, die jetzt die Kirche durchsch\u00fcttert haben, m\u00f6chte man ein solches Herz l\u00e4nger suchen m\u00fcssen, als Maria und Joseph das Christkind suchten. Ja, der Zweifel tastet das Herz an. Er kommt besonders, wenn die Seele arm ist an Gebet, wenn das Wort Gottes ungebraucht im Winkel liegt, wenn wir allein dastehen ohne christliche Gemeinschaft. Wer kann es denn zuriegeln? Der Zweifel ist wie ein nagender Wurm. Wenn wir uns Abends aus unser Lager gelegt hatten, und es kamen uns Gedanken des Zweifels in die Seele, dann dachten wir wohl: &#8222;Du willst deine Augen zuschlie\u00dfen, du willst die Gedanken zusammendr\u00fccken, da\u00df sie stille sein m\u00fcssen, du willst lieber schlafen, als ihnen weiter nachgehen.&#8220; Aber sie lie\u00dfen dich nicht schlafen, sie r\u00fcttelten dich wieder auf, und stahlen dir einen guten Theil der Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Greifen sie doch selber diesen Johannes an, der Christo vorging im Werk und in der Kraft des Elias. Er hatte einst von sich und Christo ausgesagt: &#8222;Ich bin eine Stimme eines Predigers in der W\u00fcsten: Bereitet dem Herrn den Weg und machet seine Steige richtig! Ich mu\u00df abnehmen, jener aber mu\u00df zunehmen. Ich bin nicht werth, da\u00df ich mich b\u00fccke und ihm die Riemen seiner Schuhe ausl\u00f6se. Ich taufe mit Wasser, der aber nach mir kommt, wird euch mit Feuer und mit dem heiligen Geist taufen. Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt.&#8220; Und nun fraget er: &#8222;Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten?&#8220; Wie kam er doch dahin? Wie war doch der feste Mann im Kleide von Kameelshaaren und mit dem ledernen G\u00fcrtel so wankend geworden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O, werfet keinen Stein auf ihn! Wenn wir einen werfen wollen, wollen wir ihn zuerst aus uns selbst werfen, denn wir kennen des Herrn Werk ganz, und Niemand hat uns abgeschlossen, Niemand h\u00e4lt uns gefangen, da\u00df wir ihm in seinen gro\u00dfen Thaten nicht nachgehen k\u00f6nnten. Anders war es mit Johannes. Herodes hatte sein Weib, eine Tochter des arabischen K\u00f6nigs Aretas, mit der er f\u00fcnfzehn Jahre in der Ehe gelebt, versto\u00dfen, und hatte seinem Bruder Philippo sein Weib, die Herodias, genommen. Dar\u00fcber war ein blutiger Krieg zwischen Aretas und ihm ausgebrochen. In diesen Greueln tritt Johannes vor ihn und spricht: &#8222;Es ist nicht recht, da\u00df du deines Bruders Philippi Weib habest!&#8220; Zum Dank f\u00fcr seine treue Mahnung setzte ihn Herodes gefangen in das feste Schlo\u00df Mach\u00e4rus jenseit des todten Meeres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesu Arbeitsfeld aber war Galil\u00e4a und die Gegend um Jerusalem. Nur arme einzelne Botschaften von Christi Thaten drangen dort in Johannes Ohren. Er hoffte wohl, da\u00df der Welt Erl\u00f6ser auch sein Erl\u00f6ser aus den Ketten sein sollte. Er hoffte, da\u00df der Herold bei dem Herrn, den er verk\u00fcndigt hatte, bleiben und seine Werke schauen sollte. Er hoffte, da\u00df das Werk rascher auf Fl\u00fcgeln des Sieges vorw\u00e4rts schreiten sollte. Da in dem finstern Kerker, da in seiner Einsamkeit beschlich den Mann der Zweifel, und er sandte seine Boten und er that seine Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Christ, willst du deine Seele bewahren vor Zweifeln, so wende besonders ein Mittel an, das in unserm Evangelio zwar nicht geschrieben stehet, das wir aber doch herauslesen k\u00f6nnen: h\u00fcte dich vor Trennung, h\u00fcte dich vor Absonderung von deinen christlichen Br\u00fcdern und Schwestern. O wie gern h\u00e4tte Johannes in br\u00fcderlichem Bunde mit ihnen gestanden, aber er konnte nicht. Der Zweifel ist wie ein R\u00e4uber, der die W\u00fcste und Oede der Einsamkeit durchstreift. Da \u00fcberf\u00e4llt er die einzelne Seele und f\u00e4ngt sie in seinen Stricken. Wenn aber dein Bruder neben dir stehet, wenn du stehest in christlicher Gemeinschaft wie ein Baum im dichten Walde, dann prallt der Sturm ab an der gemeinsamen St\u00e4rke, dann steht Einer f\u00fcr Alle und Alle f\u00fcr Einen, Einer sch\u00fctzt und st\u00fctzt den Andern. Es geh\u00f6rt eine hohe christliche Reife dazu, wenn wir uns in der Einsamkeit, in der Zur\u00fcckgezogenheit von den Br\u00fcdern aufrecht erhalten oder gar aufbauen sollen. Eva ward auch verf\u00fchret, da sie von dem Manne weggegangen war. &#8211; Wenn nun aber dennoch der Zweifel kommt, sei es an den Einsamen, oder sei es an den, der in br\u00fcderlichem Verkehr stehet, so lernet von Johannes, wie ihr euch gegen ihn wehren sollt. Horcht, er h\u00e4ngt ihm nicht nach, er sitzt nicht stille, er nagt sich nicht tiefer in sein Bedenken hinein. Das ist ein schlechter Hausherr, dem bei einem Regenschauer das Wasser durch das Dach in das obere Stock gedrungen ist, und der nun ruhig das zweite Schauer abwartet, wo es auch in das untere dringen wird. Johannes fragt auch nicht umher bei Andern, die etwa auch nicht fest sind in ihrem Glauben an Christum, oder die ihn gar ganz weggeworfen haben. Solch Nachfragen kann ihn zu keiner Gewi\u00dfheit bringen. Das ist ein schlechter Hausherr, dem das Wetter durch das Dach gedrungen ist, und der dann auf der Nachbarschaft umherl\u00e4uft und hie und da fragt: &#8222;Nachbar, sieht es denn in deinem Hause auch so aus, wie in meinem, oder gar noch \u00e4rger?&#8220; und der dann in diesem gemeinsamen Ruin sich tr\u00f6stet, und die Verw\u00fcstung weiter dringen l\u00e4\u00dft. Nein, der rechte Hauswirth l\u00e4uft zum Meister. Er besinnt sich nicht lange, er ber\u00e4th sich nicht lange, er spricht zum Meister: &#8222;Bessere schnell den Ri\u00df aus, denn es k\u00f6nnte bald ein zweiter Platzregen kommen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist dem alten Johannes ein Ri\u00df in seinen Glauben gekommen. Er bedenkt sich nicht lange. Er selber kann nicht gehen, Herodes Kerkerdiener erlauben es ihm nicht. Da sendet er zween seiner J\u00fcnger, die Ein- und Ausgang bei ihm hatten. Er sendet zween, damit er ja eine volle Antwort bekomme. Was der Eine nicht sieht, soll der Andere sehen; was der Eine nicht h\u00f6rt, soll der Andere h\u00f6ren. Er sendet sie an den rechten Mann, vor die rechte Th\u00fcr. Der Meister, der die Risse im Glaubensbau ausbessern kann, ist kein andrer, denn der den ganzen Bau ausgef\u00fchrt hat, Jesus Christus. Er geht auch nicht lange um die Sache herum. Er l\u00e4\u00dft gleich die Grundfrage thun: &#8222;Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, mein Christ, wenn die Wellen des Unglaubens an dein Herz schlagen, wenn die Zweifel an deiner Seele nagen, hast du denn auch zwei Boten, die du zu Christo senden kannst? Ja, du hast sie, la\u00df sie nur nicht schlafen. Sie sind: Gebet und Forschen in der Schrift. Den einen sollst du hinaufsenden zu dem Gnadenthrone Christi, den andern sollst du hineinsenden in das geoffenbarte Wort. Dennoch sollen sie beide Hand in Hand gehen. Du kannst nicht beten, ohne auf dem Boden der Schrift zu stehen. Die Schrift hat dich erst: &#8222;Gott&#8220; und &#8222;Vater&#8220; und &#8222;Heiland&#8220; sagen gelehrt. Du kannst nicht forschen in der Schrift, ohne zu beten. Das Gebet ist das Grubenlicht, mit dem du in ihre Tiefen hineinsteigest. Wenn du betest, ohne den Glauben an Gottes Wort im Herzen zu haben, bist du wie ein Vogel, der in die H\u00f6he will und doch keine Fl\u00fcgel hat. Wenn du die Schrift studirest ohne Gebet, bist du wie ein Bergmann, der in die Tiefe will und kein Licht hat. Mit diesen beiden Waffen geh an die Arbeit, durch diese beiden Boten frage an bei dem Herrn, ob er der sei, der da kommen solle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>II. <\/strong><strong>Antwort wird er auf die Frage geben, Antwort aus dem Leben und zum Leben.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, m\u00f6chtest du sagen, hat denn Christi Antwort \u00fcber ihn selber eine Bedeutung? Gilt denn sein Zeugni\u00df von ihm selber? Er spricht ja selbst: \u201eSo ich von mir selber zeuge, so ist mein Zeugni\u00df Nichts,\u201c Du h\u00e4ttest Recht in diesem Bedenken, wenn Christus zeugete mit blo\u00dfen Worten, mit Versicherungen des Mundes. Da k\u00f6nnte kein \u201eJa\u201c und kein \u201eWahrhaftig\u201c und kein Schwur ausreichen. Er giebt lebendige, sichtbare Antwort. Klar hatten die Propheten von dem Messias geredet. Sie hatten, so zu sagen, von dem, der da kommen sollte, und der ist der Heiland, ein Signalement gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lautet bei Jesaias: \u201eAlsdann werden der Blinden Augen aufgethan werden, und der Tauben Ohren werden ge\u00f6ffnet werden. Alsdann werden die Lahmen l\u00f6cken wie ein Hirsch, und der Stummen Zunge wird Lob sagen.\u201c (Jes. 35, 5. 6.) \u201eDer Geist des Herrn ist \u00fcber mir, darum hat mich der Herr gesalbet. Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden; zu predigen den Gefangenen eine Erledigung, und den Gebundenen eine Oeffnung; zu predigen ein gn\u00e4diges Jahr des Herrn, und einen Tag der Rache unseres Gottes, zu tr\u00f6sten alle Traurigen\u201c (Jes. 61, 1. 2.). Diese Beschreibung des zuk\u00fcnftigen Heilandes mu\u00dfte Johannes kennen. Der Prophet mu\u00dfte wissen, was seine Vorg\u00e4nger von ihm geweissagt hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesem Signalement stellt der Herr nun seine Thaten entgegen. Er spricht zu Johannis Boten: \u201eGehet hin und saget Johanni wieder, was ihr sehet und h\u00f6ret: Die Blinden sehen, die Tauben h\u00f6ren, die Lahmen gehen, die Auss\u00e4tzigen werden rein, die Todten stehen auf, und den Armen wird das Evangelium gepredigt.\u201c Pa\u00dft denn nun nicht hier die Erf\u00fcllung aus die Weissagung wie die rechte Hand aus die linke? Ja wohl, und \u00fcberall in zwiefachem Sinne. Die Blinden sehen. Die, denen Staar und Nacht aus dem auswendigen Auge lag, die, welche blinder gewesen waren als Isaak, der seine S\u00f6hne nicht mehr unterscheiden konnte, bekamen Licht; und um die, so in Finsterni\u00df und Schatten des Todes gewandelt hatten, schien es helle. Die, denen kein Laut mehr in die Ohren drang, h\u00f6rten recht und helle; und die, welche bisher gegen Gottes Wort so taub gewesen waren wie Kieselstein, hatten Ohren daf\u00fcr. Der Leibesaussatz ward geheilt; und der alte Aussatz, der die Seele zerfri\u00dft, die S\u00fcnde, wich auch vor dem Arzte. Die da lahm waren an den F\u00fc\u00dfen wie Jonathans Sohn Mephi Boseth, den seine Amme bei der Schreckensbotschaft von Gilboa hatte fallen lassen, die konnten gehen; und die vorher nach beiden Seiten gehinkt, die halb Gotte und halb der Welt gedienet hatten, die wandelten recht. Ja, in der Erf\u00fcllung war noch mehr denn in der Weissagung. Der Herr f\u00fcgt noch hinzu: \u201eUnd die Todten stehen auf.\u201c Wir kennen die drei, die er vom leiblichen Tode erweckt hat. Wer will aber die z\u00e4hlen, die er geistlich auferweckt hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, er hat Solche auferweckt, \u00fcber denen die Erde und ihre Lust h\u00f6her und schwerer lag, denn die Grabesdecke \u00fcber den Begrabenen. &#8211; Das war die Antwort an Johannis J\u00fcnger. Wahrlich es war eine Antwort aus dem Leben. Es war aber auch eine Antwort zum Leben. \u201eGehet hin,\u201c spricht Christus, \u201eund saget dies Johanni wieder.\u201c Und sie sind hingegangen. Was meinet ihr wohl, welche Freude in dem armen Gef\u00e4ngni\u00df gewesen sei. als diese Botschaft kam? Es freuet sich Gras und Blume und Baum und Strauch, wenn nach der D\u00fcrre ein Regen darauf f\u00e4llt. Die welken Bl\u00e4tter heben sich. Vorher hingen sie schlaff zur Erde nieder, nun gehen die Spitzen himmelan. Aber gr\u00f6\u00dfer war die Freude bei dem Gefangenen. \u201eEr ist es, auf den die V\u00e4ter gehofft haben, er ist gekommen, es soll kein Anderer kommen!\u201c Sein Kerker ward ihm helle, selige Gewi\u00dfheit schien in seine Seele. Auch das Strafwort: \u201eSelig ist, der sich nicht an mir \u00e4rgert\u201c st\u00f6rt ihn nicht. Er hatte es ja verdient. Die Botschaft von dem Thatenfelde Christi war ein Quell, der mit ihm flo\u00df durch seine W\u00fcste. Und als Herodes Henker mit dem Schwert kam, hatte er auch f\u00fcr diese hei\u00dfe Stunde einen Labetrunk daraus: \u201eUnd die Todten stehen auf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geliebte Gemeinde, das todte Meer des Unglaubens ist gar gro\u00df. Seine Arme ziehen sich durch die ganze Erde hin, seine Busen und Buchten ziehen sich tief in die Christenheit hinein. Wenn du nun in seiner N\u00e4he wohnst, wenn der Zweifel, ob Christus der Welt Heiland sei, dein Herz antastet, und du sendest jene zwei Boten zu Christo, ob er dir wohl auch Antwort giebt? Ja, er thut es, sende deine Boten nur k\u00fchnlich hinaus zu ihm und hinein in das Wort. Er wird dir auch antworten &#8211; \u201eDie Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Tauben h\u00f6ren, die Auss\u00e4tzigen werden rein, und den Armen wird das Evangelium gepredigt.\u201c Er wird dir Leute zeigen in deiner Bekanntschaft, in der Gemeinde der Gl\u00e4ubigen, die blind waren f\u00fcr ihr Heil und taub f\u00fcr Gottes Ruf, und nun haben sie sehen und h\u00f6ren gelernt. Er wird dir Leute zeigen in deiner Bekanntschaft, deren Wandel befleckt war mit dem Aussatz von Lug und Trug, von Wollust und Galle, und sie sind rein geworden, sie wandeln richtig vor dem Herrn. Er wird dir Leute zeigen in deiner Bekanntschaft, die geistig todt waren und siehe! sie leben; verlorne S\u00f6hne, die die S\u00e4ue geh\u00fctet haben, und sie sind wieder bei ihrem Vater und dienen ihm. Und kannst du sie in deiner jetzigen Bekanntschaft nicht finden, so suche sie in der Geschichte der christlichen Kirche, denn die Gl\u00e4ubigen aller Zeiten sollen auch deine Bekannten sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Rheinlande lebte einst eine arme Wittwe. Die Noth lag hart auf ihr. Ein St\u00fcck Hausrath nach dem andern war verkauft. Endlich hatte sie nur noch ein neues Testament, \u00fcber das sie verf\u00fcgen konnte. Mit blutendem Herzen versetzte sie es bei einem Juden. Dieser nahm es, lud sich noch zwei Genossen dazu und wollte das Evangelium Matth\u00e4i mit ihnen durchlesen, um sich einmal \u00fcber den Jesus von Nazareth recht satt zu lachen. Sie singen an zu lesen und zu lachen. Aber je weiter sie hineinkamen, um so leiser ward das Lachen bei dem, der das ganze lose Treiben angefangen hatte. Und als sie hinkamen nach Golgatha, da verstummete sein Lachen ganz. Sie lasen fertig. Als sie fertig waren, fing jener allein an das Buch noch einmal zu lesen. Er las es aber nicht mehr mit Lachen. Und als er wieder hinkam nach Golgatha, da weinte er unter der Kreuzesst\u00e4tte, wie weiland die Weiber, die Christo aus Galil\u00e4a gefolgt waren. Und als er ausgelesen hatte, da stand es ihm fest, da\u00df Jesus der sei, der da kommen sollte, aus den die V\u00e4ter gehofft, von dem die Propheten geweissagt haben; da stand er auf und suchte einen Geistlichen und bat ihn, da\u00df er ihn taufen sollte aus den Namen Jesu Christi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun Geliebte, wenn denn das Wort Gottes selber den, welcher es ohne Gebet zum Spott lesen wollte, \u00fcberzeugen kann, da\u00df Jesus ist der Christ, der Heilige Gottes, der Welt Heiland &#8211; wie soll es nicht den \u00fcberzeugen, der als ein redlicher Sucher mit dem\u00fcthigem Gebet daran geht. Aber daran fehlt es, da\u00df die Meisten, die gegen Christum reden, sich nie M\u00fche gegeben haben, die alte Gnadenurkunde mit Ernst und Gebet zu lesen, sie wohl seit ihren Kinderjahren nicht wieder in die Hand genommen haben. &#8211; Wohlan denn, sende deine Boten hinein, senke deine Seele hinein! Der Herr wird dir eine Antwort geben aus dem Leben zum Leben. Das Wort wird ein Thau sein, der auf deine Seele f\u00e4llt. Der Zweifel wird weichen. Die d\u00fcrren Auen werden in dir gr\u00fcnen. Aus dem Lebensquell wird neues Leben in dein Herz quillen. Du wirst r\u00fchmen: \u201eIch bin nie so selig gewesen, ich habe nie ein solches Leben in mir gef\u00fchlet, als in dieser Gnadenzeit.\u201c Du wirst trauern, da\u00df du dich je an Christo ge\u00e4rgert hast. Du wirst sagen: \u201eEs war eine arme Zeit. Gottlob, da\u00df sie vorbei ist.\u201c Und wer hat das Alles gethan? Der die Blinden sehen, der die Lahmen gehen, der die Tauben h\u00f6ren, die Auss\u00e4tzigen rein werden und die Todten aufstehen hei\u00dft. Er hat es gethan, und kein Anderer. &#8211; Wollen wir noch eines Andern warten? Nein. Die Sonne der Gerechtigkeit ist aufgegangen. Wenn nun mitten am Tage, wo die \u00e4u\u00dfere Sonne schon hoch stehet, Jemand unverwandt, nach Oben schaute, als ob sie erst kommen sollte, so w\u00fcrden wir ihn einen Thoren nennen. Wir w\u00fcrden ihm sagen: Da steht sie ja, du willst nur nicht sehen. Ein solcher Thor ist auch der. der nach einem andern Heiland ausschauet. So wahr die alte Sonne, die wir kennen, die rechte ist, von Gott bestimmt, die Erde zu erleuchten und zu erw\u00e4rmen und zu geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre: so wahr ist Jesus Christus die einzige Sonne der Gerechtigkeit, von Gott geordnet und gesetzet, den inwendigen Menschen zu erleuchten und zu erw\u00e4rmen, und ihm zu geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. Es geht keine andere Gnadensonne aus, und wenn sich noch so Viele ihrem Lichte verschlie\u00dfen. &#8211; Sie hat genugsam von sich gezeuget. Uns liegt nun das ob: Wie Christus mit seinem Leben und Sterben bezeuget hat, da\u00df er der Christ sei, so wollen wir mit Leben und Sterben bezeugen, da\u00df wir Christen sind. Das walte in uns, dazu helfen uns der dreieinige Gott durch seine Gnade.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Johann Friedrich Ahlfeld (1810-1884), Adventspredigt f\u00fcr den 3. Sonntag im Advent.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aus: www.glaubensstimme.de<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen. Da aber Johannes im Gef\u00e4ngni\u00df die Werke Christi h\u00f6rete, sandte er seiner J\u00fcnger zween, und lie\u00df ihm sagen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Jesus [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":758,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21375"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/758"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21375"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21375\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21382,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21375\/revisions\/21382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21375"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21375"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21375"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}